Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mánis Fall (Kapitel 1.1)

Der Prolog zur großen Brautschau-Saga
Mánis Fall

knoten

1. Kapitel
Flucht in die Sorbonne

In den Marskolonien der Indopazifischen Union herrschten Chaos und Zerstörung. Aber ihr Angriff erfolgte auch an diesem Morgen pünktlich und prä­zise. Auf die Kolonisten war Verlass. Wie an jedem Morgen schlu­gen auch am 24. Juni des Jahres 2534 die ersten Gravitationswellen aus ihren im Vol­taire-Krater auf Daimos stationierten Kanonen um 06:45 Uhr auf der Rückseite des irdischen Mondes ein. Zehn Sekund­en später begannen die Sirenen auf den fast in die Stratosphäre ragenden Wohntürmen und öffentlichen Gebäuden der Megapole Paris zu heulen.

Omicron, der kleine private Mehrzweck-goLEM der Studentin Fabia Winterfeld, schaltete ebenso prompt in den Notfallmodus. Aufgeregt rollte er schwankend durch ihre vollgestellte Einzimmerwohnung und gab fiepende und panische Geräusche von sich. Offenbar kam dabei auch sein Orientierungssinn ein wenig durcheinander, denn der Robot donnerte mit blecher­nem Hallen zuerst gegen die Küchenzeile und suchte dann protestierend Schutz unter dem niedrigen Ess­tisch.

»Überrangprotokoll Fabia!«, rief die junge blonde Frau eilig. »Omicron, Standby.«

Etwas klickte und rasselte im Inneren des Robots, dann froren seine hektischen Bewegungen ein und ein rotes Licht leuchtete an seiner Außenhülle. Fabia seufzte. Jeden Morgen veranstaltete Omicron das glei­che Theater und jedes Mal vergaß sie am Abend vorher, ihn vorsorglich in den Ruhemodus zu versetzen. Sie hatte schon mehrmals mit dem Wartungsservice der Universität gesprochen, ob man den goLEM nicht et­was weniger empfindlich einstellen konnte und es war ihr auch von dem netten Mitarbeiter immer wieder ver­sprochen worden, man würde einen Delta vorbeischi­cken. Aber bislang hatte sie immer vergeblich auf eine der wieselflinken Technikdrohnen gewartet, die sie an glattrasierte Vogelspinnen erinnerten. Der Wartungs­service hatte wahrscheinlich in diesen Zeiten Wichtige­res zu tun, als sich um die kleine Haushalts- und Medi­zinmaschine einer Studentin zu kümmern. Sie konnte Omicron aber auch nicht einfach ausgeschaltet lassen, weil unter Umständen ihr Leben von seinen Sensoren und Funktionen abhing. Trotzdem genoss Fabia den kurzen Moment der Ruhe. Sie wartete, bis auch die Sirenen endlich schwiegen, dann kletterte sie aus ihrem Bett, das automatisch von der elektronischen Raumkontrolle mit einem unangenehmen Quietschen in die Wand zurückgezogen wurde.

»Vielleicht sollte ich die Kugellager mal wieder ölen lassen«, dachte sie und vergaß ihren Gedanken sofort wieder, denn der jungen Frau wurde gleichzeitig schwindlig. Ihre Umgebung geriet für sie heftig ins Schwanken und sie musste sich am kleinen Bücher­bord festhalten, um nicht zu stürzen. Fabia wusste nicht, ob der Eindruck durch ihre morgendlichen Kreis­laufprobleme entstanden war oder etwa doch durch eine der Gravitationswellen, die ihr Angriffsziel ver­fehlt und zufällig das Studentenwohnheim getroffen hatte. Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen und atmete tief ein. Das Gefühl, auf den Planken eines schwankenden Schiffs zu stehen, verschwand so schnell, wie es gekommen war. Erleichtert stieß sie die Luft aus.

Fabias erster Weg führte sie zu dem veralteten Le­bensmittel-Dehydrator und -Zubereiter, dem der Vorbe­sitzer der Wohnung scherzhaft ein prähistorisches Win­dows-10X-Betriebssystem unterstellt hatte. Sein Rat­schlag hatte gelautet, fest mit einem Hammer von oben auf die Außenhülle zu schlagen, wenn das Gerät ein Croissant und einem Milchkaffee produzieren sollte. So verbeult, wie das Ding aussah, hatte er das offenbar auch einige Male ausprobiert. Leider funktionierte der unförmige Kasten dadurch selten so, wie er sollte und erschuf statt einem französischen Frühstück die selt­samsten und ungenießbarsten Nahrungsmittelkombi­nationen.

Tagsüber aß Fabia in der Mensa, aber morgens war sie auf den Thermix angewiesen. Auch heute versuchte sie vergeblich, das altersschwache Gerät durch Rütteln zu bereden, ihr einen starken Morgenkaffee zuzuberei­ten. Stattdessen füllte es eine durchsichtige Brühe in die bereitgestellte Tasse, die wie eine Mischung aus Earl-Grey-Tee und Kohlsuppe schmeckte. Aber sie war wenigstens warm und mit ein wenig Süßstoff gewürzt, war sie trinkbar. Auch ihr Koffeingehalt schien zu pas­sen.

Fabia verzichtete auf einen weiteren selbstmitleidigen Seufzer und stellte sich an das einzige, wegen der Kli­maanlage und der dünnen Luft hier oben nicht zu öff­nende Fenster ihres billigen Studentenappartements im 123. Stockwerk des etwas heruntergekommenen Henri-Gouraud-Buildings im Weichbild der Innenstadt von Paris. Eigentlich war der Blick aus den etwas trü­ben Scheiben auf die französische Megapole von hier oben atemberaubend – man konnte bei klarem Wetter sogar die Kunststoffkopie des Eiffelturms in der Ferne erkennen, die im letzten Jahrhundert nach dem ent­setzlichen pazifischen Krieg errichtet worden war, der praktisch ganz Südostasien radioaktiv verseucht hatte – aber gerade schob sich wieder mal eine der vie­len ge­waltigen Nachrichten- und Werbetafeln, die wie eine Besatzungsarmee über der Stadt schwebten, an dem Hochhaus vorbei und verdeckte die Aussicht, we­gen der allein Fabia die schmuddelige, kleine Bude in die­ser luftigen Höhe gemietet hatte.

»Der Mond braucht Männer!«, las Fabia zornig und stirnrunzelnd, während sie an ihrem scheußlichen Ge­tränk nippte und sich dabei die Lippen verbrannte. »Der Mond braucht SIE! Bewerben Sie sich noch heute, denn morgen, Männer, kann es bereits zu spät sein.« Die Second-Moon-Corp., kurz 2MC, der mächtigste und größte Industrie- und Wirtschafts-Trust der Welt, machte mal wieder Werbung für ihr gigantisches Welt­raumprojekt, im Wettlauf gegen die Zeit oben im Orbit einen zweiten, künstlichen Trabanten zu errichten, be­vor der natürliche Mond durch die Waffen der Kolonis­ten vernichtet werden würde. Die täglichen Angriffe mit ihren experimentellen Gravitationswellenkanonen hatten seine Struktur bereits existentiell angegriffen und er torkelte auf einer unsicheren Umlaufbahn um die Erde. Würde er tatsächlich zerbrechen und seine Einzelteile als glühende Meteore auf die Menschheit herabregnen, wäre der Weltuntergang gekommen. Aber noch hielt der Mond den steten Erschütterungen tapfer stand und Fabia hoffte, dass er das noch eine ganze Weile tat. Zumindest bis die 2MC ihr Projekt beendet und einen Ersatz geschaffen hatte, der die Erdrotation abbremsen würde, wenn sein natürliches Pendant ir­gendwann fehlte.

Aber welcher Marketing-Praktikant hatte denn diesen frauenfeindlichen Spruch verbrochen? Die Studentin, die an der Pariser Uni neben „Theoretischer Kybernetik“ und „Künstlicher Intelligenz“ im Nebenfach „Gender-Historik belegt hatte, ärgerte sich über die Werbe­einblendung der Moon Corp., die gerade – als ob sie sie verhöhnen wollte – auf der fliegenden Tafel muskelbe­packte Testosteronbündel zeigte, die am Metallgerüst des künstlichen Trabanten arbeiteten und aus stahl­blau funkelnden Augen heroische Blicke gen Sternen­himmel richteten. Seit den Anfängen der Fraueneman­zipation waren nun beinahe fünfhundert Jahre vergan­gen und noch immer benötigte der Mond ausgerechnet „Männer“! Einfach widerlich. Fabia hatte Lust, sich auf der Stelle bei der Pressestelle der Gleichstellungsmi­nisterin zu beklagen.

Doch plötzlich unterbrach das zentrale I-Net die nach­folgende Hundefutterreklame auf der schwebenden Werbetafel und brachte eine Notfallmeldung. Alle Bür­ger von Paris wurden aufgefordert, unverzüglich ihre Augreyes einzuschalten, falls sie dies noch nicht getan hatten. Sie sollten auf eine wichtige Nachricht der Earth De­fence zu warten. Wie alle Bewohner der Mega­pole trug auch Fabia ihre Augmented-Reality-Kontakt­linsen vierundzwanzig Stunden am Tag und aktivierte sie ge­horsam durch ein bewusstes Nasenzucken. Die Au­greyes versuchten sofort Verbindung mit dem Netz auf­zunehmen und blendeten dazu in ihren Blick das Standby-Symbol von I-Net ein. Es stellte eine sich um sich selbst drehende, altertümliche Computer­platine dar und sah für Fabia so aus, als würde das Logo di­rekt vor der langsam vorbeiziehenden Werbetafel vor ihrem Fenster in der Luft schweben. Was frühere Ge­nerationen für Magie gehalten hätten, war für sie nur ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher gelebt hatten, als es die Möglichkeiten der virtuellen Realität noch nicht gab, durch die man buchstäblich mit einem Augenzwin­kern Verbindung mit der ganzen Welt aufnehmen konnte. Wie hatte man zum Beispiel die Treffen mit seinen Freunden organi­siert?

Die Studentin wartete ungeduldig auf das Online-Si­gnal des weltweiten Computernetzes, dessen Serveran­lagen in auf -250° C heruntergekühlten künst­lichen Höhlen unter der iberischen Halbinsel und der nördli­chen Atlantikküste standen. Doch die Verbindung nahm überraschend viel Zeit in Anspruch. Schließlich ging sie zu ihrer en­gen Nasszelle, schüttete den Rest ihres scheußlichen „Kaffees“ in die Toilette und machte ihre Morgenwä­sche.

»Irgendetwas scheint nicht zu stimmen«, wunderte sie sich, denn solche Verzögerungen beim Einwählen ins Netz waren nicht normal. Aber dann, als sie sich gera­de nackt im Spiegel begutachtete und überlegte, ob sie sich noch einen weiteren Eingriff leisten könnte, um ihr – kritisch und objektiv betrachtet – doch etwas zu ausladendes Ge­säß in Form bringen zu lassen, funktio­nierte der Kon­takt doch noch. Bevor sich allerdings I-Net melden konnte, erreichte sie ein Prioritätsanruf aus der Uni. Vor ihren Augen klappte die äußerst echt wirkende Gestalt ihres Doktorvaters auf, von Fabias Augreyes halb unter die tropfende Dusche gezaubert. Sie kicherte und war froh, dass ihm in diesem Augen­blick nicht sie selbst, sondern ihr vollständig bekleide­tes, geschminktes und nur leicht aufgehübschtes Profil­bild vor den Augen stand.

»Bonjour, Fabia«, begrüßte sie Dr. Samuel Baruch Ro­senthal, der führende Biokybernetik-Wissenschaftler der westlichen Hemisphäre. »Wie ich sehe, sind Sie schon auf. Ich muss Sie unbedingt und sofort sprechen; es ist äußerst dringend. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir ins Babel. Es geht um Ober-1.«

[Zur Fortsetzung …]

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