Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Unser Weihnachten, damals … (Teil 5)

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Doch am nächsten Tag waren wir im Gegensatz zu unseren Altvorderen schon lange vor dem Hellwerden wieder auf den Bei­nen und spielten weiter mit unseren Legos. Die Eltern nüchterten nur lang­sam aus. Sie kämpften mit Sodbrennen und ihrer Verdauung, was sie allerdings für einen Sühne für die Völlerei des Vorabends nahmen. Aber auch sie mussten früh raus, zumindest meine Mutter: Es galt fürs Mittagsessen die obligatorische, traditionelle Gans zu bra­ten und – ganz wichtig für die Stegherr-Omi – den Weihnachtssegen des Papstes Urbi et Orbi im Radio zu hören und später dann im Fernseher live zu sehen. Nur dann war die erzkonservative Katholikin für das kommende Jahr gerüstet. Das fette Mittagessen mit rohen Klößen und Blaukraut als Beilage mündete für alle im Mittagsschlaf. Ein fauler Tag war das! Am 2. Feiertag trafen sich dann meine El­ternregelmäßig mit dem On­kel Siegfried und der Tante Inge zum Sektfrühstück (heute würde man das als einen Brunch bezeichnen) mit anschließendem Schafkopfspielen bis in die Nacht.(1) Auch dieser Tag endete für alle in einem Besäuf­nis und in einem formidablen Ehekrach, weil mein Vater immer gewann – je mehr er trank, um so besser war er -, und meine Mutter im­mer ver­lor. Dann war Weihnach­ten ganz plötzlich vorbei, viel, viel zu schnell, als hätte sich die Geschwindigkeit der Zeit ab der Bescherung mindestens verdreifacht. Man nahm sich vor, nie mehr etwas zu essen und erholte sich bis Silvester, wo schon die nächsten Kata­strophen, Zerwürfnisse und Sauf- und Fressorgien lauerten.

Endlich Besche­rung! Der Zwerg im Vordergrund bin ich. Meine Geschenke sind noch unter der Tischdecke hinten verborgen. Eine Anmerkung für die Nachge­borenen: Damals war die Welt schon farbig, glaubt es mir – mein Vater war einer der ersten mit einem Farbfernseher. Aber ich habe das Foto von einem uralten Dia abgescannt und die schlechte Qualität durch Sepiatöne verschlei­ert. Ich habe keine Ahnung, was in dem riesigen Paket im Vordergrund links war – wahrscheinlich selbstgestrickte, neue Norwegerpullis von einer Berliner Großmutter; denn mein alter sitzt ja schon verdammt knapp.

*

Was habe ich nun in meine eigene Familie übernom­men? Ich versuchte es anders zu machen, manches ging schief, doch einiges ist mir auch gelungen. Natürlich gab es nicht das gruslige »Gänseklein« zum Mittagessen(2), nicht die end- und ziellose Wan­derung am Hl. Abend, nicht den Geschenkerausch und vor allem nicht den Streit. Das alles wäre mit Frau Klammerle auch nicht zu machen. Ihre Vorstellung von Weihnachten ist die eines ruhigen, glücklichen Zusammenseins der Kernfamilie, in die Kindermesse am Nachmittag gehen, feiern, reden, die letzten Plätzchen essen, einen besonderen Wein öffnen, sich wertschätzen – und das ist gut so. Was uns aber immer wichtig war, war und ist es, unseren Söhnen Weihnachten als etwas Ein­zigartiges und Besonderes zu präsentieren – ih­nen den Zauber zu vermitteln, den ein gelungener Hl. Abend im Kreis der Familie ausstrahlt. Das Christfest ist ein Wert. Hier wird nicht der Jahrestag einer Schlacht, die Gründung einer Nation, ein Toter oder irgendetwas Politisches gefeiert, sondern schlicht ein neugeborenes Baby und die Dinge, auf die es wirklich ankommt: Leben, Liebe, Familie – welcher Feiertag hat das noch zu bieten? Und das sage ich, ob­wohl ich über­zeugter Atheist bin. Denn die Feier der Geburt Chris­ti‘ ist nur der Aufhänger. Nennt mich sentimental, aber für mich ist Weihnachten mehr; ein Moment, der wie Klebstoff wirkt und die Menschen, die ich liebe, zusam­menhält. Am Nachmittag des Hl. Abends kommen in jedem Jahr die beiden Söhne zu uns; er­wachsene Männer, die längst ihr eigenes Le­ben führen, um genau diesen Augenblick mit ihren Eltern wieder zu erle­ben. So ganz falsch können wir es also nicht gemacht ha­ben.

Ich wünsche jedem solch ein Weihnachtsfest.


(1) Ja, ich weiß, M.! Hier bin ich noch die Geschichte schuldig, nämlich die, wie du und unser Bruder gemeinsam versucht habt, einen festsitzenden Stöpsel aus dem Hals einer riesigen Parfümfla­sche zu befreien, die meine Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Dazu habt ihr den Literflakon einfallsreich  im Wasserbad eines Küchentopf auf dem Herd erhitzt. Dabei ist die Flasche natürlich zerplatzt, das billiges Eau de Cologne vermengte sich mit dem sprudelnden Wasser und Dampfschwaden von billigem Parfüm machten die Wohnung neblig. Dies alles, während die Eltern beim Onkel Karten spielten und ich gleichzeitig ihrem im Schlaf­zimmer gruschtelte, wo ich meines Vaters Nachtkästchen schamvoll versteckte Perry-Rhodan-Romane und auch ganz andere Hefte entdeckte und anschließend über dem heimlichen Lesen ver­gaß, meine Spuren wieder zu verwischen. Jeder Versuch, den Gestank durch Lüften aus der Wohnung zu bringen, war vergebliche Mühe. Es roch in jedem Zimmer drei Tage lang aufdringlich und kopfschmerzenfördernd nach Veil­chen – oder, wie es meine Mutter ausdrückte: »Puh, hier stinkt es ja wie in einem serbischen Männerpuff!«

Oder jene Geschichte, in der ich das Magnesium von 20 Wunderkerzen abkratzte, es in einer Schale auf den Küchentisch stellte und anzündete. Nach dem Löschen waren die schwelenden Brandlöcher im Tisch und im Linoleum des Bodens waren fast einen Zentimeter tief und alle Oberflächen bedeckte eine schmierige Ascheschicht. Manchmal wundere ich, wie ich meine eigene Jugend überlebt habe. Ich erzähle das aber alles ein andermal. Versprochen!

(2) Wir ernähren uns eh alle vegetarisch …

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