Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

»Sicher nicht. Pardais ist so wirklich wie der Sand der Wüste. Glaubt mir, „Der Weg, der in den Tag führt“ ist der größte Schatz, der in Karukora verborgen liegt, und er ist die besondere Würze, mit der ich meine Rache servieren wollte. Ich hatte nie vor, reich werden, son­dern wollte Vergeltung für das einfordern, was meiner unschuldigen Irta einst angetan wurde. Sechs Mörder waren es, die meine Rache spüren sollten: Der machtgierige Ómer Sud, der bösartige Radik Emre, der intrigante Paşha Ultem, der verschlagene Idrichson Galves und verräterische Raul aus der Lamargue und schließlich auch noch der Namenlose selbst, das schlimmste Ungeheuer von allen. Ich habe einen Fluch über diesen Verbrechern ausgesprochen, der sie alle ins Verderben lenken wird – einen nach dem anderen.«

Alis spuckte die Namen aus, als wären sie eine Verwünschung, dann stockte er und sah zärtlich zu dem um Fassung ringenden Stummen auf. »Mein alter, weicher Freund Muhar! Ich wusste, du würdest meinen Plänen niemals zustimmen, wenn ich dir von ihnen erzählt hätte. Deshalb habe ich vor dir davon geschwiegen und dich nur in einen kleinen Teil eingeweiht. Sirtis allein weiß über al­les Bescheid und sie wird mein Werk jetzt fortsetzen müssen. Sie wird hoffentlich been­den, was ich begonnen habe. Fast zwanzig Jahre haben wir gemeinsam gewartet und wie Spinnen in ihren Netzen geduldig unsere Fäden geknüpft, auf unseren Mo­ment gewartet. Und dann hatten wir tatsächlich alle unsere Widersacher bei­sammen, schließlich an einem einzigen Ort beieinander: Jene sechs nieder­trächtigen, bösen Männer, die den Tod meines Augen­sterns verursacht haben, als wäre sie ein Spielzeug, das man wegwirft, nachdem man es mutwillig kaputt gemacht hat. Sie würden sich nach fast zwanzig Jahren wieder in diesem Saal begegnen, zurückkehren zum Ort ihrer Schuld. Mir war klar, dass sich mir in der Lebens­spanne, die mir noch verbleiben wird, solch eine Möglichkeit nicht ein zweites Mal bieten würde. Doch wie konnte ich mich an allen zusammen rächen? Denn schließlich durfte ja keiner von ihnen seinem Schicksal entgehen. Da fiel mir die Sage vom „Weg, der in den Tag führt“ ein und es dauer­te nicht lange, bis ich mei­nen Plan entwickelt hatte. Der Zufall, dass Ómer aus­gerechnet diese Nacht für seinen kleinen, kindischen Putsch erwählt hat, machte alles perfekt.« Alis nickte zufrieden in sich hin­ein.

»Ich begreife langsam.« In Sahars Stimme schwang eine leise Wut mit. »Du hast die Meuchelmörder der „Kalten Hand“ be­zahlt, damit sie den „Bären“ ermor­den und diese Untat an­schließend dem Namenlosen und seinem Vezir in die Schuhe geschoben wird. Der geheimnisvolle Verschwörer, dem Adelf auf die Spur ge­kommen ist, das warst also du?“, fragte Sahar erschüttert. »Jede Untat gebiert ein Ungeheuer, sagt Baruch. Mögen uns die Göt­ter vor den Einflüste­rungen Inets bewahren!«

Sahar traf ein fast mitleidiger Blick von Alis. »Es gibt keine Götter und auch keinen Scheitan. Sie werden nicht gebraucht. Ihre Arbeit erledigen wir Menschen besser, als die Daimonen der eisigen Finsternis dies jemals könnten. Das Gute und das Böse, es ist in uns selbst und wir entscheiden jeden Tag aufs Neue, auf welche von den Stimmen wir hören wol­len, die da da in uns flüstern. Die Liste der Verbrechen dieser sechs Männer ist schier endlos, in ihnen ist längst nur noch Böses. Nur mit ihrem Tod können sie sühnen und ihr Urteil habe ich schon vor langer Zeit gesprochen. Du fragst dich sicherlich, woher das Geld kam, mit dem ich die Assassinenkönigin der „Kalten Hand“ entlohnte, so arm, wie ich bin? Es waren lamar­gische Écu d‘or, die ich von kei­nem anderen als vom späteren Regno selbst erhielt, der sie mir von Idrichson Galves überbringen ließ. Ihn plagte wohl sein schlechtes Gewissen, weil er meine Irta verführt und entehrt hatte. Dass er einen Sohn mit ihr gezeugt hatte, hat er nie erfahren. Ich habe von diesem Blutgeld nie auch nur eine einzige Münze angerührt, sondern es verwahrt, bis ich schließ­lich den passenden Verwendungszweck fand. Der Re­gno hat für seine eigene Ermordung be­zahlt. Ist das nicht ironisch? Die Druşba Es Sakr wollte übrigens nur einen symbolischen Lohn; es lag ihr nichts an dem Geld. Mir scheint, als hätte sie ohnehin vorge­habt, diese Tat auch ohne meinen Auftrag zu begehen. Welch eine Iro­nie …«, wiederholte Alis und lächelte in sich hinein, bis ein plötzlicher Schmerz seine Gesichts­züge verzerrte. Der Sterbende atmete pfeifend ein und aus und wurde dabei immer schwächer. Seine Stimme war nun kaum mehr zu verstehen:

»Und abgesehen davon, dass nun auch unschuldiges Blut vergossen wird und mich diese dumme Pistolen­kugel mitten in die Brust traf, geht alles den von mir vorausbestimmten und vorhergesehenen Gang. Leider konnten Radik, Ultem und der Namenlose dem Kampf im Saal entfliehen, aber sie kleben längst an den Fäden, die ich gesponnen habe. Ich hoffe nur, der fette Dieb hält sein Wort, das er mir vorhin gegeben hat.« Er hus­tete erneut und war dann offenbar der Meinung, er hätte zu diesem Thema genug gesagt.

»Mich friert, Muhar. So kalt war mir zu­letzt vor dreißig Jahren in den bleigrauen Wäldern des Nordens, als ich unter den ewig weißen Gipfeln des Newtongebirges mitten im tiefsten Winter Bäume für den Landbaron Egelharm schlagen musste und mir dabei drei Zehen abfaulten. Ach, da fällt mir ein: Dort be­gegnete mir eines Tages der Nachtalb Lorin Sigdat. Er kam von Litna über den Eisensteinpass und war auf der Suche nach Hygmir, dem Dolch der fünf Welten, und seiner geliebten Frau Süfsa, die ihm Hasud Loderbend geraubt hatte …, ach, das ist eine uralte Geschichte, die ich nun leider niemandem mehr erzählen werde –, heute nicht und auch an kei­nem anderen Tag.« Er überlegte, sammelte seine Ge­danken, die dabei waren, sich endgültig in sei­nen Erinnerungen zu verlieren. »Aber nun fühle ich mich, als würde ich in diese Wälder zurückkehren. Ich kann die wirbelnden Eiskristalle in meinem Ge­sicht spüren, den gelben Staub der blühenden Kiefern rie­chen und das bittere, metallische Aroma ihres Harzes auf meiner Zunge schme­cken. Sage Selin …« Er stockte und ein dünner Blutfa­den rann aus einem seiner Mundwinkel. Alis Au­gen rutsch­ten nach oben. Sahar rüttelte ihn an der Schulter.

»Bis zum Schluss ein Märchenerzähler, hm? Aber so einfach stiehlst du dich mir nicht davon, Alis Dabinghi. Du hast eine andere Geschichte noch nicht zu Ende erzählt, mein Freund. Wenn du, wie du behauptest, die Schuld an diesem Massaker trägst, dann sage mir, wie du das eingefä­delt hast. Wer verbirgt sich hinter der Maske der Druşba Es Sakr?«

Der alte Mann war schon weit fort und immer tiefer in die rauschenden Wälder geschritten, wo sein Bruder und seine Familie, die sanfte Irta und seine geliebte Frau Jade schon so lange geduldig auf seine Heimkehr warteten, aber er machte noch einmal kehrt und richtete sich in Sahars Armen etwas auf. Er musterte den jungen Mann, als würde er ihn zum ers­ten Mal erblicken. Alis sah durch grüne, mitleidige Augen tief hinein in die Seele des Adep­ten. Die Vergangenheit Sahars und auch seine Zukunft lagen in diesem Augenblick wie zwei geöffnete Bücher vor ihm.

»Ich kenne dein Geheimnis und deine Macht«, sagte er klarsichtig und Sahar errötete unter der Larve aus schwarzer Spitze, die sein weiches Knabengesicht und seine Regungen verbarg. »Oh, das ist der Stoff für ein wundervolles Märchen und ich hätte es gerne aus dei­nem Mund ge­hört und auf dem Bazaar weitererzählt.« Er winkte Sa­har mit einer schwachen Handbewegung näher zu sich heran und flüsterte ihm etwas zu, das der weinende Muhar nicht verstehen konnte. Lauter sagte er und deutete auf den Stummen:

»Jetzt lass mich endlich gehen, Mönch! Lass mich. Fliehe diesen Ort. Trage weiterhin die uralten Ge­schichten hinaus in die Welt, schenke ihr Träume und Hoffnun­gen. Sie braucht es, denn das Ende der Welt ist nah. Vergiss das nicht: Du gehörst zu den wenigen, die es aufhalten kön­nen … Und du, mein treuer Muhar, erzähle meinem Enkel nicht, wie viel Schuld ich mir auf die Seele geladen habe. Richte ihm nur von mir aus, wie sehr ich ihn liebe und passe weiterhin gut auf ihn auf. Denn all diese Taten habe ich für ihn getan, für seine Zukunft. Schließlich muss er eines Tages … eines Tages …«

Die Pupillen von Alis weiteten sich. Er blickte durch den Mönch hindurch in eine unbestimmte Ferne. Was er dort sah, blieb sein letztes Geheimnis, das er mit sich nahm. Aber ein Lächeln erschien auf seinen dün­nen Lippen. Dann entspannten sich seine Gesichtszü­ge, die Falten verschwanden auf der Stirn, denn der Tod hatte zwar sein Leben mit sich fortgetragen, aber als Gegengabe seinem Antlitz die Unschuld der Jugend zurückgegeben. Sahar schloss die Augen des Leichnams, legte ihn vorsichtig neben sich.

»Fürchte nicht mehr Sonnenglut,
noch des grimmen Winters Drohn;
jetzt dein irdisch Treiben ruht,
heim nun gehst, nahmst deinen Lohn«

,sprach er die ersten Zeilen eines kurzen Gebets. Dann richtete er sich vorsichtig auf und wendete sich ab. Er atmete seufzend ein und wandte sich mitleidig zu Mu­har, der sein Gesicht in seinen Händen barg. »Ich kenne die Art eurer Beziehung nicht und ich habe auch nicht alles verstanden, was Alis uns erzählte, aber er hat dir und mir einen Auftrag erteilt, stummer Mann. Wir sollten ihn ehren, indem wir ihn schnell ausführen.«

Muhar nickte schluchzend und kritzelte angelegent­lich auf seinen Block, während seine Tränen wie ein unversiegbares Rinnsal auf das Papier tropften. Sahar nahm jedoch sein Blatt, das er abriss und dem Adepten entgegenstreck­te, nicht an. Er lehnte sich über die Brüstung und spähte nach unten ins Kampfgetümmel. Er suchte nach Galves, der „Schwalbe von Avríl“, dem er dringend die wahre Schuldige am Mord am Regno mitteilen musste. Er hatte des­sen Namen gerade durch den greisen Märchenerzäh­ler erfahren. Vielleicht gelang es ihnen gemein­sam, diese sinnlose, blutige Schlacht zu beenden, so lange noch ein paar Lamarger am Leben waren. Denn nachdem Sahar jetzt den Namen der Assassinin kann­te, war es hoffentlich noch nicht zu spät, sie einzufan­gen, bevor sie aus dem Palast flüchten konnte, und sie den Kämpfenden als die Mörderin ihres Herrschers zu präsentie­ren. Er entdeckte Galves unweit von der Galerie auf ei­nem der langen Tische zwischen den exquisiten Spei­sen ste­hend, wo er in arger Bedrängnis war. Mit einem Säbel in der Hand, den er einem seiner Gegner entris­sen hat­te, kämpfte er mit gleichmütiger Todesverach­tung und seinem berühmten Lächeln im Gesicht gegen ein halb­es Dutzend Treuwächter gleichzeitig. Sie versucht­en vergebens, mit ihren Piken zu ihm durchzu­dringen und liefen dabei ständig Gefahr, dass ihnen bei einem zu leichtsinnigen Vorstoß der Schädel gespal­ten wurde. Sahar nickte Muhar noch einmal zu und rannte dann die Galerie hinab, um Galves zu Hilfe zu eilen.

Der Stumme rutschte näher an den toten Alis heran; nahm seinen kahlen, kleinen und überraschend leich­ten Kopf in die Hände und barg ihn vorsichtig in sei­nem Schoß, als würde er einen Säugling hüten und ihn beschützen. Dann bewegte er seinen Oberkörper leicht nach vorne und zurück und summte rau die einfache Melodie ei­nes Wiegenlieds aus den Büchern des Baruch, mit dem man nicht nur in Karukora, sondern in allen Überle­benden Landen kleine Kinder zum Einschlafen brach­te, auch wenn kaum mehr je­mand die uralte Vorgän­ger-Sprache verstand, in der es verfasst war:

Philomel, with melody,
Sing in our sweet lullaby;
Lulla, lulla, lullaby; lulla, lulla, lullaby:
Never harm,
Nor spell nor charm,
Come our lovely lady nigh;
So, good-night, with lullaby.

Auf dem Zettel, den Sahar achtlos und ungelesen zu Boden hatte fallen lassen, stand:

»Um alles weitere an diesem Ort werde ich mich nun kümmern, denn Alis hat seine Rache nicht beenden können. Zwar ist der Regno tot und über Ómer und der „Schwalbe“ schwebt schon das Richtschwert, aber noch sind Radik, Ultem und der Namenlo­se am Leben. Ich werde vollenden, was mein alter Meister begonnen hat. Das ist sein Auftrag an mich.«

[←zurück]             [weiter →]

Der Beginn der spannenden Geschichte
ist überall im Buchhandel erhältlich:

Karukora
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 1

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (4)

  1. Pingback: Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5) | Aber ein Traum ...

%d Bloggern gefällt das: