Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (3)

[Zum Anfang der Leseprobe …]

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (3)

»Du hast doch vorhin der Geschichte vom Ur-Meister Straif und seinem Schlüsseldolch gelauscht, die dieser junge Märche­nerzähler aus Italmar so spannend vorgetragen hat«, erwiderte Juel und wirkte plötzlich sehr aufgeregt, »deine Platine, die man in den alten Schriften auch eine „Leiterkarte“ nennt, ist et­was ganz Ähnliches. Sie ist eine Art „künstliches Gedächtnis“, in dem die Vorgänger wie in einem Buch ihre Gedanken und Texte aufbewahrten. Doch in ihr sind nicht die wir­ren, unsortierten und teilweise unverständlichen und leider auch bruchstückhaften Schriften des heiligen Baruch verborgen wie in dem Schlüssel von Straif. Deine Platine ist wahrscheinlich der echte „Weg, der in den Tag führt“, den Lakmi-âs-Sekr der Sage nach aus dem „Worum“ unter den Ebenen des Ewigen Krieges geborgen hat und nicht diese Papierfetzen, in die sie zum Schutz einge­wickelt war. Auf denen stand wohl nur zu lesen, wo man die Platine einsetzen kann. Deine Leiterkarte ist meiner Meinung nach wie die von Meister Straif eine Art Schlüssel, mit dem man ein Schloss aufsperren kann. Ich bin solchen Vorgänger-Gegenständen schon häufi­ger auf meinen Reisen begegnet. Im Moment ist deine Platine allerdings so nutz­los wie ein versiegeltes Buch in einer Sprache, die nie­mand versteht. Du wirst ein altes Gerät brauchen, das den In­halt auslesen kann, damit du weißt, wo du mit deiner Suche beginnen musst. Ich habe zum Glück ein funktionierendes in meinem Kaufmannswagen.«

»Schau hin, auch Adelf trägt solch eine Platte an einer Kette um den Hals. Es ist das Symbol der „Kirche der Gemeinschaft der lei­denden Gene“, das die wahrhaft Gläubigen bei ihrer In­itiation zur Erinnerung an den Gründerabbas Straif verliehen bekommen. Damit er­kennen wir einander. Doch unsere Platinen sind nur ein Abzeichen, ein wert­loser Tand, von dem niemand mehr weiß, in welcher alten Vorgänger-Maschine er einmal steckte und wozu er vor Jahrtausenden gedient hat. Das ist nur Schrott, wie er zuhauf in den Ruinen, bei Kelleraus­schachtungen oder in alten Bergwerksschächten gefun­den wird. Die irren Hindersöhne schmücken da­mit die Wände ihrer Häuser und man kann sie auf den Märk­ten von Hossberg billig als Glücksbringer kau­fen.« Juel zögerte und nahm den jungen Mann zur Seite. Er senk­te seine Stimme noch weiter. Selin fiel auf, dass inzwi­schen merkwürdigerweise je­der Ost-Akzent aus ihr verschwunden war; wahrscheinlich gehörte er nur zu seiner Tarnung als Kaufmann. Er musste sich anstrengen, den Meisterdieb noch zu verstehen, so leise sprach er jetzt. Übrigens schien sich niemand für ihr Gespräch zu interessieren, denn Semira und Adelf waren abgelenkt. Sie sahen Ja­lah, die inzwischen das erste Auge des Falken an sich gebracht hatte, interessiert dabei zu, wie sie sich mit dem Heraus­lösen des zweiten abmühte.

»Auch wenn ich nicht weiß, wie, haben doch manche dieser Platinen auch nach Jahrtausenden noch ihre Kraft behalten«, fuhr Juel hinter vorgehaltener Hand verschwörerisch fort. »Einige Leiterplatten können nicht nur Texte beinhalten, sondern sogar Goleme besänftigen, jahrtausende­lang verschlossene Türen öffnen, Geister erwecken und Vorgängergeräten Befehle geben. Wenn ich mich nicht irre, macht „Der Weg“, den du da in deinen Händen hältst, deinen Großvater und dich zu sehr mächtigen Männern, wenn du ihn an der richtigen Stelle einsetzt. Ich hatte meine Zweifel, doch ich bin mir nun sicher, dass uns diese Platine direkt hinein nach Pardais führen kann und es doch keine Märchenstadt ist. Und ich möchte, wenn ich darf, mit euch gemeinsam an diesen legendären Ort gehen. Vielleicht finde ich dort, was ich seit fast zwanzig Jahren suche.« Den letzten Satz sagte Juel mehr zu sich als zu Selin.

Es knackte hässlich und dann hielt Jalah triumphie­rend auch den zweiten Schmuckstein in der Hand. Ei­lig kletterte sie von dem entweihten Thron, der durch den Verlust der funkelnden Falkenaugen viel von sei­ner einschüchternden Wirkung verloren hatte.

»Jeder hat, was er wollte. Es ist an der Zeit, dass wir verschwinden! Ein Wunder, dass wir noch nicht entdeckt wurden …« Juel legte kurz seine Hand auf die von Selin. »Wir reden später weiter, wenn wir in Sicherheit sind.«

Laut sagte er: »Einen Moment noch, da ‚abe isch doch beinahe etwas verges­sen. Alis ‚at mir noch eine weitere ordre gegeben, die ich erledigen muss …« Juel kramte in seiner Tasche und trat an den Thron. Dort legte sorgfältig einen handgeschriebenen Zettel, der wie einer aus dem Notizbuch von Muhar aussah, auf den Sitz. Er zögerte, dann be­festigte er das kleine Blatt nach kurzem Nachdenken mit seinem Dolch, den er tief durch das Papier in das Holz der Sitzfläche trieb.

»Isch denke mal, das ‚ier wird der „Unterwerfer“ wohl kaum überse’en können«, stellte er dann mit einem iro­nischen Lächeln und einem fachmännischen Blick auf sein Werk fest. »Le cube est tombé!«

Selin wollte schon hinter den anderen hergehen, die Jalah zu ihrem geheimen, hinter einem Wandrelief verborgenen Ausgang aus dem Thronsaal führte. Doch dann drehte er sich noch einmal neugierig um. »Was ist das denn?«, fragte er und deutete auf den Thron.

»Dies ist eine Nachricht für den Namenlosen. Alis hat sie mir gegeben. Ich sollte sie hier zurücklassen. Ich weiß nicht, was auf ihr steht.« Juel zuckte mit den Schultern und Selin tat es ihm nach, obwohl er seinen ganzen Besitz verwettet hätte, dass ihn der Dieb gerade belogen hatte. Juel hatte mit Sicherheit gelesen, was auf dem Zettel stand. Aber er fragte nicht nach. Der junge Mann hatte schon lange aufgegeben, sich Gedanken über die Beweggründe sei­nes Großva­ters zu machen. Er vertraute ihm ein­fach, denn bisher hatten alle seine Pläne funktioniert. Sogar seine Semi­ra würde ihn bei der Flucht nach Par­dais begleiten; auch wenn er noch immer nicht ganz fassen konnte, dass sie so einfach im Thronsaal aufge­taucht war. Welch ein Glück hatte er doch! Als hätte sie seine Gedanken gelesen, dreh­te das Mädchen sich zu ihm und winkte ihn weiter. Sie lächel­te ihm zu und dem jungen Mann wurde es warm in der Brust.

Was konnte denn jetzt noch schiefgehen?

Zu seiner Erleichterung fand Muhar seinen alten Meister Alis am vorher vereinbarten Platz auf der Ga­lerie vor. Aber der Märchenerzähler war nicht allein. Dem Stummen war, als würde ihm eine kalte Hand ans Herz fassen und er stöhnte auf. Alis saß dort in sich zu­sammengesunken neben seinem Konkurrenten Sahar, der ihn vorsichtig in den Armen hielt und ihn behut­sam wiegend gegen seinen Oberkörper drückte, als würden zwei Freunde ein lange vermisstes Wieder­sehen feiern. Of­fenbar hatte der merkwürdige junge Mann aus Italmar Alis bei seinem Entkommen aus der Schlacht ge­holfen, die unter ihnen mit aller Grausamkeit und Mordlust tobte. Die beiden Männer kauer­ten halb hinter einem Wand­teppich, dessen dicker Stoff den Kampfeslärm dämpfte.

BBeide starrten fassungslos und fasziniert zugleich in den Speisesaal hinunter, der sich in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt hatte, auf dem die lamargi­schen Soldaten und Diplomaten einen verzweifelten Kampf gegen Paşha Ultems Wüstenkrieger und die Pa­lastwache ausfochten. In dem mit Bänken und Tischen vollgestellten Raum, die die Kämpfer zu ihrer Deckung umgeworfen hatten, gelang es den Männern des Na­menlosen nicht, eine ordentliche Schlachtlinie aufzu­bauen und so hatten sich überall verbissene Zweikämp­fe entwickelt, die von Seiten der Nordmänner mit der Gnadenlosigkeit von Kriegern geführt wurden, die nichts mehr zu verlieren hatten. Es stand dennoch schlecht um die barbarischen Nordländer, denn sie wa­ren kaum und schlecht bewaffnet und zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, machten aber vieles durch ihren Zorn, ihre Wildheit und ihren Wunsch, ihrem Re­gno in die Stätten der Krieger zu folgen, wett. Sie hat­ten hilflos den heimtückischen Mord an ihrem gelieb­ten Herren mitansehen müssen und es gab nun nichts mehr, auf das sie in ihrem Leben hoffen durften. Lieber starben sie hier in der Fremde den Tod des Helden, als scham­voll und ohne Ehre mit dem Körper Rauls heim­zukehren und ihn seiner Frau Dora Kahlja und seinen zwei Söhnen vor die Füße zu legen. Kein Krieger moch­te diese Schande auf sich nehmen. Sie konnten nur noch Rache zu nehmen oder bei dem Versuch sterben. Sie kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. Ihre mäch­tigste und furchtbarste Waffe waren dabei die bei­den Murlane des „Bären“, die sich wie tobsüchtig in die Rei­hen der Gegner stürzten und mit ihren gewaltigen Reißzähnen und Krallen eine grausame Ernte einfuh­ren. Deshalb war im Augenblick noch nicht abzusehen, wer am Ende der Nacht die Oberhand gewinnen wür­de.

Den meisten Zivilisten, Regierungsbeamten und Wür­denträgern war es inzwischen gelungen, durch die Tore des Saales zu fliehen und nur wenige Unglückliche un­ter ihnen waren zwischen die Fronten geraten und la­gen nun erschlagen oder verletzt zu den Füßen der Kämpfenden auf den vom Blut glitschigen Fliesen des Bodens. Der Namenlose und seine Entourage, seine Frau Eóra und Miladí da Hiver, die Botschafterin der Östlichen Republik, waren von ihren Leibwächtern längst in Sicherheit gebracht worden. Auch Alis war es in dem heillosen Durcheinander gelungen, sich mit Hil­fe von Sahar, der der Meinung war, es sei nicht sein Krieg, der dort unten ausgefochten wurde, heim­lich hinauf auf die Galerie zu schleichen. Doch die Blut­spur, die die beiden auf ihrem Weg hinterlassen hatten, sprach eine deutliche Sprache.

Muhar erkannte mit plötzlichem Schrecken, dass sein alter Lehrer schwer verletzt war. Er beugte sich zu dem Liegenden herab, der sich zit­ternd in Sahars Armen zusammenkauerte und offen­bar unter großen Schmerzen litt. Sahar trug noch immer seine Maske, die er auch während seines Märchenvortrags nicht abge­legt hatte. Deshalb fiel es dem Stummen schwer, des­sen Blick zu deuten. Der Adept aus Italmar drehte kurz die Hand, die er gegen den Oberleib von Alis presste. Sie war blutig und hatte auf einer schweren, großen Schusswunde gelegen, aus der bei jedem ras­selnden Atemzug des Alten sein schaumiger, heller Le­benssaft rann. Dann drückte Sahar sie wieder fest auf die klaffende Verletzung, doch Muhar hatte gesehen, wie aussichts­los dieses Unterfangen war. Die Verwun­dung war so tief, dass die Lunge in Mitleidenschaft ge­zogen war. Der alte Märchenerzähler lag im Sterben. Sahar schüt­telte wie zur Bestätigung langsam den Kopf.

»Ich war nicht mehr rechtzeitig bei ihm. Ich konnte ihn nicht beschützen«, rechtfertigte er sich traurig. »Ich habe nicht einmal gesehen, wer auf ihn geschossen hat. Wahr­scheinlich war es nur ein Querschläger, der Alis zufäl­lig traf. Es sind immer die Unschuldigen, die ein Krieg zuerst tötet.«

»Unschuldig… nein, das bin ich nicht!«, Alis richtete sich ein wenig auf. »Aber solch ein Massaker wollte ich nicht!«, jammerte der Alte plötzlich. »Nein, das wollte ich nicht … niemals! Ich bin doch kein Monster! Es sollte niemand außer meinen sechs Feinden sterben. Und nun ist nur einer von ihnen tot und so viele Unbeteiligte müssen leiden. Das war ein schlechter Tausch. Die Schach­partie lag offen doch vor mir. Warum habe ich diese Ent­wicklung denn nicht vorausgesehen?«

Muhar fuhr erschrocken zurück. Hatte er sich verhört? Auch Sa­har öffnete erstaunt den Mund. Hektisch kritzelte Mu­har ein paar Worte auf seinen Zettelblock und hielt ihn anschließend dem Alten vor die Augen. »Was hast du mir verschwie­gen?«, las Alis, nachdem er sich die Trä­nen aus den Au­gen gewischt hatte. Er lachte grimmig, was einen quä­lenden Husten auslöste.

»Sehr viel«, antwortete er, nachdem er wieder zu Atem gekommen war, »es ging mir nie nur um die Karte al­leine, die uns den Weg nach Pardais weisen wird. Ob­wohl wir sie natürlich brauchen, um uns alle am einzi­gen Ort in Sicherheit zu bringen, bis zu dem der Arm des Namenlosen nicht reicht – direkt hinein in jene sagenhafte En­klave des Friedens inmit­ten der Ebenen des Ewigen Krieges.«

»Beten wir zur edlen Titania, dass Pardais nicht nur der alberne Traum von berauschten „Drafta“-Süchtigen ist«, flüsterte Sahar, aber Alis ließ sich von seiner Skepsis nicht irritieren.

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