Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (Ende)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (Ende)

Es war also eine sehr kluge Entscheidung meiner Schwester, sich nicht in den Hallen des Palastes zu zei­gen, sondern zuerst in ihrem Versteck zu Kräften zu kommen. Nach ein paar Tagen ging es ihrem Fuß wie­der besser und die Aufmerksamkeit der Wächter in den Gängen ließ nach. Aus einer festen Wache wurde eine Streife, die in regelmäßigen Abständen durch die Gän­ge patrouillierte. Trotzdem schlich sich Irta nur mit al­ler Vorsicht und immer tief in den Schatten verborgen hinaus und dies auch erst nach Mitternacht, wenn au­ßer den wenigen Nachtwächtern scheinbar alle schlie­fen. Doch sie wusste, wie trügerisch diese Ruhe war. Der Elfenbein-Palast hatte tausend Augen und sie spähten auch in der Finsternis in alle Räume und Win­kel. Für Irta war es gleichgültig, ob diese heimlichen Beobachter vom Namenlosen selbst, von Radik Emre, vom neuen strengen Vezir Ómer oder von einem ande­ren der zahllosen Ehrgeizigen bezahlt wurden. Wenn sie sie zufällig bei ihren Streifzügen entdeckten, hatte sie ihr Leben verspielt. Deshalb waren ihre nächtlichen Ausflüge nur kurz und sie wagte sich nicht allzu tief ins Gebäude hinein. Beim ersten besorgte sie sich fri­sche Wäsche in der Gesindekammer der Nişaski, deren Amtsstuben unweit ihres Verstecks lagen; während ih­rer zweiten Erkundigungstour durchforschte sie die leeren Zimmerfluchten der lamargischen Delegation, wo sie vergebens nach einem Erinnerungsstück an ihren Raul suchte.

Viel interessanter als die leeren Komptore des Diwans und die verwaisten Räumlichkeiten des seit des Ab­zugs der lamargischen Delegation praktisch ausgestor­benen Flügels des Palastes war jedoch eine Entde­ckung, die Irta ungefähr eine Woche nach dem Beginn ihres Exils machte. Bereits nach dieser kurzen Zeit war sie sich nicht mehr sicher, wie viele Tage und Nächte sie bereits in ihrem lichtlosen Versteck zugebracht hat­te, aber eine Flucht mit ihrem verstauchten Fuß durch die weiterhin bewachten Gänge erschien ihm noch im­mer zu gefährlich. Nach wie vor waren ja tagsüber und auch in der Nacht viel mehr Wachen und Treuwächter auf Patrouille als üblicherweise und sie kontrollierten gerade die dunklen Ecken, in denen Irta sich bei ihren Streifzügen verbarg. Radik Emire hatte noch lange nicht aufgegeben, nach ihr zu fanden. Er wusste, dass der Elfenbein-Palast ein gewaltiges Trojaspiel war, in dem es tausendundeine Möglichkeit gab, sich zu ver­stecken. Irta glaubte sich zwar in ihrer kleinen Kam­mer hinter der Mauer vor seinen Nachstellungen eini­germaßen sicher, es gab jedoch einen Gedanken, der sie immer wieder aufschreckte und ängstigte: Nachdem sie dem Verschnittenen so knapp entkommen war, wusste er doch, wo der Einstieg in den verborgenen Gang lag, der sie hierhergeführt und den ihr verlorener Geliebter so oft benutzt hatte: Es war diese hässliche Statue des „Prächtigen“ in dem kleinen Garten hinter dem Serail. Irgendwann würde es ihm gelingen, den geheimen Öff­nungsmechanismus im Sockel zu enträtseln und die verriegelte Falltür doch noch zu öffnen – wenn er nicht gleich Gewalt anwendete und sie aufbrach oder gleich das ganze Denkmal abtragen ließ. War dies erst einmal geschehen, würde Radik auch sehr bald auf Irtas Ver­steck stoßen. Es war nur eine Frage der Zeit und es verwunderte meine Schwester, dass es nicht schon längst geschehen war.

Doch Irta hätte beruhigt sein können: Selbstverständ­lich war sich auch Radik bewusst, wo der Eingang zu ihrem Versteck lag, aber er hätte für ihn genausogut im Allerheiligsten des Titania-Tempels von Italmar lie­gen können, so unerreichbar war er für ihn. Denn der junge Namenlose hatte in einer seiner ersten Amts­handlungen das Serail und seine Außenanalgen für ausnahmslos jeden sperren und die Eingänge versie­geln lassen, um zu verhindern, dass irgendjemand von den schrecklichen Vorfällen in den Frauengemächern erfuhr. Für den „Unterwerfer“ war dies ein Ort, an dem die Geister seines schlimmsten Verbrechens umgingen. Es war seine Art, damit umzugehen, indem er einfach alles wegsperrte und verbot, was die Erinnerung wie­der lebendig werden lassen konnte. Weil sie dies nicht wusste, machte es sich Irta, nachdem ihr Fuß soweit ausgeheilt war, dass er sie wieder kürzere Strecken tragen konnte, zur Gewohnheit, über die Säulengalerie nach oben zu steigen und dort nach dem Rechten zu se­hen. Stundenlang verharrte sie auf dem ersten Absatz vor dem Gang, der zu der Leiter hinführte, und lausch­te. Sie wartete auf Geräusche, die von dort zu ihr dran­gen und sie warnen würden. Doch alles blieb still, was sie jedoch kaum beruhigte. Die ständige Ungewissheit fraß wie eine heimtückische Krankheit an ihr und ließ sie immer wieder dem ihrem unruhigen Schlaf hoch­schrecken, der sie häufig und ohne Vorankündigung überfiel.

Es war wie eben gesagt nach ungefähr einer Woche, als Irta mal wieder von ihrem Horchposten über die Wendelgalerie herabstieg, da bemerkte sie auf halber Höhe eine Tür im Mauerwerk, an der sie bislang im­mer achtlos vorbeigegangen war. Meine Schwester füll­te zwar sorgfältig jedesmal die Lampen in dem Gang mit dem Ölvorrat aus ihrer Kammer nach, doch dieses Teilstück lag im Schatten und dazu war die Tür auch noch getarnt, indem man eine dünne Schicht Mörtel auf ihr verteilt hatte, die sich kaum von der umgeben­den Wand unterschied. Irta hätte die Öffnung in der Mauer wahrscheinlich nie bemerkt, wenn sie sich nicht zufällig mit der Hand gegen sie gelehnt hätte, um ihr wehes Bein kurz zu entlasten und der Putz dabei nicht großflächig abgeplatzt wäre. Es fehlt mir die Zeit, euch davon zu berichten, was für ein Wunder sich hinter die­ser so sorgfältig verborgenen Tür, verbarg,die seit Jahrhunderten niemand mehr geöffnet hatte. Denn die Nacht ist schon weit fortgeschritten und uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Schade, aber dies ist eine der Ge­schichten, die ich an einem anderen Tag erzählen wer­de.«

Sirtis seufzte und befeuchtete die Lippen. Dann fuhr sie fort. Was sie nun erzählte, schien ihr sehr schwer zu fallen.

»Auch wenn sich Irtas Seele niemals von dem Schlag erholen würde, der sie im Inneren so tief verletzt hatte, waren nach etwa vierzehn Tagen ihre körperlichen Wunden nahezu verheilt. Doch nun wurde ihr morgens regelmäßig speiübel. Sie wollte dieses erste Anzeichen ihrer Schwangerschaft nicht wahrhaben und schob es auf die eingemachten Lebensmittel in ihrer Kammer, die dort ja schon seit Ewigkeiten lagerten und viel­leicht nicht mehr ganz in Ordnung waren. Doch sie traute sich nicht, sich frisches Essen zu besorgen, denn der Weg zu den Küchen war weit und dort hätte sie je­der wiedererkannt, dem sie zufällig begegnet wäre. Bei einem neuerlichen Ausflug in die Wäschekammer fiel ihr ein großes Plakat in die Hände, auf der die Daguer­reotypie abgebildet war, die der Hof-Fotograf von ihr ge­macht hatte, als sie in das Serail eingetreten war. Sie fand sich auf der Aufnahme gut getroffen. Mit diesem Steckbrief, der gerade überall in Karukora verteilt wurde, fahndeten die Gerichtsdiener des Vezirs nach ihr. Irta wurde gesucht, weil sie heimtückisch die Mut­ter des Namenlosen ermordet habe. Es war eine hohe Belohnung auf ihren Kopf ausgesetzt.

Natürlich steckte Radik hinter dieser Verleumdung, aber Irta war trotzdem wie vor den Kopf geschlagen, als sie las, was ihr vorgeworfen wurde. Diese verlogene, stinkende Dreckskröte hatte es tatsächlich fertigge­bracht, seine eigene Untat auf meine arme, unschuldi­ge Schwester abzuwälzen! Sie konnte keine Sekunde länger im Palast ausharren. Auch wenn ihr Versteck in der Wand noch so sicher war; irgendwann würde sie doch ertappt werden. Es gab für sie nur einen einzigen Ort, zu dem sie sich noch flüchten konnte und das war das Haus ihres Vaters Alis, durch dessen Verbindung mit den „Falken der Rache“ es ihr vielleicht gelingen konnte, ins Ausland, sprich, in die Arme ihres lamargi­schen Prinzen zu fliehen, den sie noch immer verzwei­felt liebte. Allerdings war der Geheimbund längst zer­schlagen und als es Irta schließlich doch noch gelang, als Wäscherin verkleidet aus dem Elfenbein-Palast zu entkommen, um sich auf tausendundeinem Umweg zu ihrer Familie zu schleichen, konnte sie sich selbst nicht mehr über ihren Zustand täuschen: Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst und ich hatte Mühe, meine früher so lebenslustige und immer heitere Schwester wiederzuerkennen. Nach der Geburt ihres Kindes, des Sohnes und wahren Thronfolgers des Regnos der La­margue, verstarb sie vor Erschöpfung in meinen Ar­men. Doch auch dies ist eine Geschichte nach der Ge­schichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.«

Sirtis schwieg und niemand unterbrach die plötzliche Ruhe. Sie warf einen verstohlenen Blick hinauf zu dem im Schein der Lichter so fahl erscheinenden Elfenbein-Palast, der von der Ferne so wirkte, als wäre er aus den bleichen Knochen unzähliger Erschlagener errich­tet. Und tatsächlich: Wie viele Opfer mochte dieses Ge­bäude in den Jahren seit seiner Errichtung schon ge­fordert haben? War seine Schönheit nicht wie die grin­sende Fratze eines von der hitzigen Wüstensonne aus­geblichenen Totenschädels, hinter dessen leeren Au­genhöhlen sich Maden in Tod und Verwesung suhlten?
Nachdem Sirtis verstummt war, lag lange betretene Stille über der Versammlung am erloschenen großen Feuer der Karawanserei. Sie wurde nicht einmal von einem Räuspern oder Husten unterbrochen, so erschüt­tert waren alle von der Geschichte der Märchenerzäh­lerin.
»Inzwischen sind bald zwanzig Jahre vergangen und die Täter von damals feiern ein gewaltiges Fest, als wä­ren ihre Untaten niemals geschehen«, hob sie noch ein­mal an und rief dann plötzlich laut und anklagend: »Sechs Männer waren es, die meine Irta vernichteten: Wehe, Raul von Jasir, wehe, Idrichson Galves, wehe, Ómer Sud, wehe, Radik Emre, wehe, Paşha Ultem und wehe dir, du infamer Namenloser! Der Moment der Re­vanche ist schließlich doch noch gekommen! Heute Nacht werdet ihr alle sechs endlich für die Untaten bü­ßen, die ihr vor zwanzig Jahren meiner geliebten Schwester angetan habt; jeder einzelne von euch Nie­mand wird seinem Schicksal entkommen!«

Sirtis deutete hinauf zum Palast, aus dem mit einem Mal Stimmen und Schreie erklangen und von dem lau­ter Kampfeslärm herübertönte. Feuerzungen schlugen aus den Fenstern im Erdgeschoss.

»Seht nur, meine Freunde, die Rache hat endlich be­gonnen!«, rief Sirtis, während alle von ihren Plätzen aufsprangen und hilflos gestikulierten. Von einem Augenblick zum anderen war sie vergessen. Die Aufregung und Panik in der Karawanserei tobte um sie und die niedergebrannte, qualmende Feuerstelle wie ein Sturm um sein Auge. Die Tochter des Märchenerzählers ließ ihre Blicke wandern und lächelte müde. Leise flüsterte sie ein Gebet:

»Herrin der Welt, Du Allessehende und Allerbarmende und Du, Tränenreiche, trauernde Zwillingschwester! Ihr, die Ihr zwei und doch nur eine Einzige seid: Beschützt meinen Vater und meinen Neffen in dieser furchtbaren Nacht …«

Ende des Kapitels

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