Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (12)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (12. Teil)

Auch wenn sich ihr weher Fuß taub anfühlte und pochte, als sie langsam und vorsichtig Sprosse für Sprosse die Leiter hinabstieg, nahm Irta die Verstau­chung kaum wahr, denn die Ärmste war wieder in die golemhafte Gedankenstarre verfallen, die sie sich wie eine himmelhohe, unüberwindliche Mauer um ihre Seele herum errichtet hatte. Durch sie allein war sie nach den furchtbaren Erlebnissen dieses Tages, der noch nicht einmal bis zum Mittagsläuten der großen Glocke des Astris-Tempels fortgeschritten war, in der Lage, weiterzumachen. Hätte sie all den Kummer, das Entsetzen und das Grauen an sich herangelassen, wäre sie unter diesem Gewicht zerdrückt worden. Sie hätte ihre Finger einfach von den Sprossen gelöst und sich in den Tod gestürzt. Ich vermag nicht zu sagen, ob meine geliebte Schwester schon in ihrem Innersten erahnte, dass sie nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für eine neues Leben verantwortlich war, das in ihr vor kurzer Zeit zu reifen begonnen hatte.

Auf jeden Fall gelangte sie nach nicht allzu langer Zeit zum Fuß der Leiter, wo ein schnurgerader Tunnel begann, der von ein paar wenigen Öllampen beleuchtet wurde, deren Licht nur noch blakte und bald erlöschen würde. Diesen Schein hatte Irta schon von oben gese­hen. Sie folgte humpelnd dem etwa eine Viertelmeile langen, schimmligen Gang, der auf seinem Weg an­scheinend mehrere Grundmauern des Palastes durch­schnitt und vielleicht einmal ein Versorgungstunnel für die Arbeiter gewesen war, die diesen Palastteil wäh­rend der kurzen Curha-Dynastie vor über eintausend Jahren erbaut hatten. Auf diesem primitiven, aber ko­lossalen und während des Interregnums teilweise zer­störten Vorgängerbau hatte der „Prächtige“ 300 Jahre später den Elfenbeinpalast errichten lassen, der sich wie ein weißer Berg über Karukora in den Himmel er­hob. Der Tunnel führte Irta durch einen Torbogen auf einen Absatz hinaus, der in einen gewaltigen kreisrun­den Schacht hineinragte. In dessen Mitte war gerade noch eine schmucklose, gewaltige Säule zu erkennen, die wohl sechs Männer zusammen nicht umfassen konnten. Dies musste einer der großen Stützpfeiler des Opalturms sein, der den Palast jenseits des Serails überragte. Weder dessen Anfang, noch dessen Ende konnte sie von hier aus erkennen; beide verschwanden in der Finsternis des gemauerten Schachts. Es roch hier dumpf und abgestanden wie in einer alten Gruft und das Atmen fiel Irta schwer. Wahrscheinlich war die Luft hier drin so alt wie das Gebäude selbst.

Rechts von ihr ging ihr Weg weiter: Es war ein gale­rieartiger Umlauf, der leicht abschüssig und ohne die Sicherung eines Geländers in einem großen Bogen um den Schacht hinabführte. Auch hier brannten in die Wand eingelassen in regelmäßigen Abständen flackern­de kleine Öllichter, die wahrscheinlich von Raul entzündet worden waren, als er Irta in dieser Nacht besucht hatte. Obwohl dieser Geheimgang hinter den Palastmauern – einer von vie­len, denn der Elfenbein-Palast ist durchlöchert wie ein getrockneter Käse aus Brisano von den Fressgängen der Milchmaden – so schmal war, dass keine zwei Per­sonen nebeneinander auf ihm gehen konnten, ohne dass der eine Gefahr lief, über die Innenseite in die bo­denlose Schwärze zu stürzen, konnte Irta bequem und aufrecht stehen.

Ihr Blick fiel auf den Boden des gemauerten Absatzes, in dessen fingerdickem Staub deutlich die vielen ver­wischten Fußabdrücke zu sehen waren, die Raul in den Nächten der letzten Wochen dort hinterlassen hatte, als er eilig und liebestrunken seine Irta aufgesucht hatte. Plötzlich wurde es ihr zu eng in dem stickigen Halbdunkel und sie schüttelte ein unvermittelter Frost, obwohl es nicht gerade kalt in dem Schacht war. Sie schleppte sich frierend weiter. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, dann wäre sie nun die Spirale der Ram­pe hinabgerannt, um nur möglichst bald einen Ausgang aus diesem unwirklichen und bedrückenden Ort zu fin­den. Sie wusste ja, dass dieser Weg sie irgendwo in die Nähe der Diplomatenunterkünfte führen musste. Mit einem Mal keimte in ihr die Hoffnung, die Delegation des lamargischen Regnos wäre noch dort und sie könn­te sich doch noch deren Aufbruch anschließen. Alles würde sich als ein Missverständnis herausstellen und sie ihren geliebten Prinzen in eine wundervolle, ge­meinsame Zukunft begleiten dürfen. Aber je länger sich der Gang an der kreisrunden Außenwand um die freis­tehende Granitsäule hinabschraubte, um so deutlicher erkannte Irta: Sie belog sich nur selbst.

Schließlich gelangte sie dann doch überraschend schnell an den Fuß der Rampe, wo sie nach einem wei­teren Absatz in einem Raum mündete, an dessen ge­genüberliegender Wand eine von innen mit einem schweren Riegel verschlossene Tür zu sehen war, durch die sie offenbar den Geheimgang verlassen konnte. Irta lief aber nicht sofort hinaus, sondern verharrte nach­denklich. Das fensterlose, kleine Zimmer, in das sie die Wendelgalerie schließlich geführt hatte, diente offen­sichtlich nicht nur als Eingang, sondern stellte sich zu ihrer Überraschung als ein Schutzraum heraus und er war von Raul oder einem anderen Eingeweihten aus ihr unbekannten Gründen für einen längeren Aufent­halt vorbereitet worden: Ein Tisch und Stühle standen hier, eine mit sauberen Laken frisch bezogene Stroh­pritsche und ein deckenhohes Regal, das mit Lebens­mittelkonserven, eingelegtem Obst und Gemüse, ge­trocknetem Fleisch und Wasserflaschen, Ölkanistern und Holzscheiten gefüllt war. In der Ecke befand sich sogar ein Ofen zur Speisenzubereitung, dessen Abzug­rohr in der Wand verschwand, und daneben stand ein Spülbecken, über dem ein Wasserhahn tropfte. Für ausreichend Licht sorgte eine große Lampe, die von der Decke hing. Hier konnte man sich zur Not mehrere Wo­chen oder gar Monate vor den neugierigen Augen des Elfenbein-Palastes verbergen. Irta hatte das nicht vor, denn sie wollte so schnell wie möglich zu ihrem Vater und ihrer Schwester, aber sie war auch nicht so dumm, dieses Refugium, das das Schicksal ihr geschenkt hat­te, einfach so zu verlassen.

Sie hatte neben der Tür, die hinaus in den Palast führte, in Augenhöhe eine unscheinbare Klappe ent­deckt, die sie zur Seite schieben und durch die sie hin­aussehen konnte. Von außen war dieses kleine Guck­loch durch ein Gitter verborgen. Vorsichtig öffnete sie die Klappe und spähte durch sie hindurch, schnupperte gierig die frische Luft, die sofort durch sie hindurch in das Zimmer strömte. Irta war tatsächlich an das Ende des geheimen Ganges angelangt: Dort draußen erkann­te sie einen Abschnitt eines im hellen Tageslicht baden­den Ganges, dessen Wände mit einem farbenfrohen Mosaik bedeckt waren, das eine Gruppe junger Karu­korer auf einer blühenden Wiese beim Ballspiel zeigte. Etwas seitlich war eine kunstvoll geschmiedete Gitter­tür zu erkennen. Vor ihr stand eine Palastwache, zwei grimmige Soldaten, im traditionellen leuchtenden Grün der Treuwacht gekleidet und mit ihren scharfen Piken in den Händen. Irta hatte sich richtig entschie­den, nicht sofort ins Freie und damit in die Arme dieser Wachen zu rennen. Plötzlich drang ein übler Geruch in ihre Nase, den sie schon fast vergessen hatte. Von der Seite näherten sich Schritte und dann trat ein Mann in ihr Sichtfeld, der direkt vor dem Gitter stehenblieb, durch das meine Schwester hinaussah. Er blickte sich schnüffelnd und misstrauisch um, als würde er ahnen, dass er beobachtet wurde.

Irta prallte mit einem unterdrückten Aufschrei zu­rück: Es war kein anderer als Radik Emre, der ver­fluchte Beschnittene, der wie aus dem Nichts aufge­taucht war und nun zwar durch eine Mauer getrennt, aber kaum eine Armlänge von ihr entfernt in dem Flur stand!

„Sind diese Hunde aus dem Norden endlich abge­reist?“, hörte Irta Radiks verhasste Stimme fragen und von der körperlichen Nähe und dem ekelen Geruch, den er verströmte, wurde ihr übel.

„Ja, Aufseher“, erwiderte einer der Treuwächter mit verschnupfter Stimme. Wahrscheinlich atmete er nicht mehr durch die Nase, sondern durch den Mund. „Die Allbarmherzige möge sie alle mit juckender Krätze quälen …“

„Ja, Seneschall“, unterbrach ihn Radik zornig.

„Ja, Seneschall. Verzeih mir meine Achtlosigkeit, Ra­dik, mein Herr!“, wurde ihm sofort aus zwei Kehlen ge­antwortet. Dann fuhr der erste eingeschüchtert fort: „Wir bewachen nur noch leere Zimmerfluchten. Aber wir haben noch keine Order bekommen, zur Kaserne zurückzukehren.“

„Ihr werdet euch auch nicht vom Fleck rühren, bis ich es euch befehle! Habt ihr das verstanden?“ Radik zö­gerte kurz, während die beiden Treuwächter aufgeregt nickten. „Sagt mir, habt ihr eine Dienerin des Serails gesehen? Ist sie hier vorbeigekommen? Ihr Sarê ist zer­rissen, schmutzig und blutbefleckt.“

Irta sah erschrocken an sich herab. Radik hatte recht: Ihre dünne Seidenkleidung unter dem dunklen Um­hang von Raul, den sie ihn ihrem Kämmerlein mitge­nommen hatte, hing nur noch in Fetzen an ihr herab, sie war verdreckt und tatsächlich voller dunkler Fle­cken, die nur getrocknetes Blut sein konnten. Sie sah schrecklich aus, das wurde ihr erst jetzt bewusst. In diesem Aufzug würde sie nicht weit kommen – beson­ders, nachdem die Palastrevolte offenbar schon wieder Geschichte und Ordnung eingekehrt war.

„Nein, Herr Auf … Seneschall! Hier ist seit der Abrei­se der lamargischen Delegation vor einigen Stunden niemand vorbeigekommen. Auch in den Räumlichkei­ten der Untervezire des Auswärtigen Diwans weiter hinten im Gang ist heute niemand anwesend. Bedenke …“

Der neue Seneschall winkte ab und sofort verstummte der Wächter. „Gut. Seid aber trotzdem wachsam und habt ein Auge auf alles. Ich werde dafür sorgen, dass ihr am Abend abgelöst werdet. Solltet ihr doch noch diesem Mädchen begegnen, haltet sie fest und bringt sie zu mir persönlich. Ich werde mich in meinen neuen Gemächern, die früher Aismek gehörten, aufhalten. Gebt nur mir Bescheid, ja? Habt ihr das verstanden?“

„Ja, oberster Hofmeister! Möge das Licht des Namen­losen immer über unseren Häuptern und besonders über deiner Glatze leuchten.“
„So … sei es“, erwiderte Radik und verließ murmelnd den Gang.

„Setet! – Puh! Dieses fette Schwein stinkt wie die Kloake hinter dem Haus des Gerbers Zithar“, sagte ei­ner der Wächter leise, nachdem er sicher war, dass Ra­dik außer Hörweite war. „Mögen ihm die Zähne verfau­len und unter Schmerzen ausfallen!“

Irta setzte sich auf die Pritsche. Hier war ihre Flucht erst einmal zu Ende. An den Wachen würde sie sich nicht vorbeistehlen können und es sah nicht so aus, als würde Radik, der genau wusste, dass sie sich hier ir­gendwo verbarg, die Treuwächter so schnell von den Gemächern für die ausländischen Delegationen abzie­hen. Zudem war sie barfuß und ihr geschwollener Knö­chel schmerzte immer stärker; sie hatte sich am Ende nur noch mühsam den großen Wendelgang hinunter in dieses Refugium schleppen können. Reine Willenskraft und die Hoffnung, sich doch noch in die Arme ihres Prinzen retten zu können, hatten sie noch aufrechtge­halten. Doch nun war sie hier erst einmal auf nicht ab­sehbare Zeit gefangen. Irta warf sich schluchzend auf das Lager und wickelte sich in den Umhang ein. Eine Weile hörte sie noch den Gesprächen der Wachen zu, die dem neuen Seneschall mit unermüdlichem Eifer al­les Mögliche und Unmögliche an den Hals wünschten, dann forderte ihre Erschöpfung ihren Preis und ein barmherziger Schlaf senkte sich auf ihre Lider. Die trä­nenreiche Barmherzige schenkte der Leidenden einen mitleidigen, wundervollen Traum von der vergangenen Nacht, die sie in den Armen ihres Geliebten begonnen hatte. Welch einen Unterschied hatte eine einzige, ent­setzliche Morgendämmerung bedeutet!

Doch nun lasst mich langsam zum Ende meiner Ge­sichte kommen, ihr überaus geduldigen Zuhörer! Aller­dings gibt es noch ein paar Dinge zu berichten. Irta verbrachte ein Dutzend Tage und Nächte in ihrem recht komfortabel ausgestatteten Versteck. Ihre weite­re Flucht wollte sorgfältig geplant sein, denn der Sene­schall Radik Emre, der sich sicher war, dass sie sich noch in den Mauern des Palastes befand, ließ weiterhin überall nach ihr suchen. Er musste Irta unbedingt aus­findig machen, denn er wusste, er würde auf dem Platz der Allbarmherzigen Eintracht gevierteilt und Kroko­dilfutter werden, wenn dem Namenlosen hinterbracht wurde, dass ausgerechnet sein neuer Seneschall es ge­wesen war, der dessen Mutter Adalante ermordet hat­te. Radik wusste, diese spontane Tat würde ihm der „Unterwerfer“ niemals verzeihen können, auch wenn er sie nicht nur ausgeführt hatte, weil Adalante eine un­versöhnliche Feindin gewesen war, die ihn nur mit Ver­achtung behandelt hatte, sondern weil er meinte, dass es für den neuen Herrscher ein viel besserer Anfang war, wenn er seine ersten unsicheren Schritte als Na­menloser von Karukora ohne die Lasten der Vergan­genheit beschreiten konnte. Der frischgebackene Sene­schall, der heimlich schon lange in den jungen Dagor verliebt gewesen war, setzt nicht nur wegen seiner ei­genen Karriere seine Hoffnungen auf ihn.

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