Aber ein Traum …

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Eine Nacht in der Karawanserei (5)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 1
Eine Nacht in der Karawanserei (5. Teil)

Für uns Mädchen bedeutete dies eine erneute und eine harte Umgewöhnung. Es war eine schwere Zeit, denn unser Vater riss uns durch diese Anstellungen, die er über seine dunklen Kontakte ohne Probleme be­sorgten konnte, aus einem behaglichen und angeneh­men Leben. Bevor wir so richtig begriffen, wie uns ge­schah, waren wir von unseren Träumen und Freunden getrennt und schufteten rund um die Uhr für einen kärglichen Lohn. Am meisten schmerzte uns, dass wir uns praktisch von heute auf morgen von unse­ren Haus­lehrern verabschieden mussten, die uns mit dem Segen unseres Vaters und unter seiner Oberaufsicht in weit­aus mehr Dingen unterrichtet hatten, als dies in Karu­kora für Frauen üblich und schicklich ist. Wir wa­ren in der Kunst des Schreibens und des Dichtens, in der ho­hen Ma­thematik, in der Astronomie und der Astrolo­gie ausge­bildet, sangen und spielten die Doppelrohr-Fluit, hat­ten viele Lektionen in der Redekunst gelernt und so­wohl das Pysikalikon, das Biologikon als auch das Phi­losophikon von Osma Hāssin studiert. Das alles sollte nun vorbei sein und wir mussten, statt zu studie­ren, nähen und kochen, Windeln wechseln und Kartof­feln schälen, Böden schrubben und unsere neuen Herr­schaften bedienen. Natürlich waren wir entsetzt und beklagten jämmerlich unser Los. Aber alle Tränen wa­ren vergebens vor unserem plötzlich so hartherzigen Vater, der uns nur erklärte, es sei nun die zweite, die praktische Phase unserer Erziehung gekommen, die uns vor den Sünden der Hoffart, des Stolzes und der Faulheit bewahre und als Rüstzeug für unser weiteres Leben ebenso unentbehrlich wie all das Wissen sei, das uns unsere Lehrer vermittelt hatten. Das Gelernte würde hohl sein und auf tönernen Füßen stehen, wenn wir nicht am eigenen Leib erfahren würden, was niede­re Arbeit und Unterwerfung seien. Jeder Dabinghi müsse diese bitteren Lektionen lernen. Ich will es euch nicht verschweigen: Noch heute verdamme ich diese Vorstellungen von Erziehung, die mein Vater pflegte – trotz der Liebe, die ich für ihn empfinde. Aber Irta und ich waren gehorsame Töchter, denen es niemals in den Sinn gekommen wäre, gegen seine Entscheidungen zu rebellieren.

Alis war sehr zufrieden mit seinen Schachzügen, glaubte er doch, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Aber das Schicksal, gegen das er auf Leben und Tod spielte, hielt einige Erwiderungen bereit, an die er nie gedacht hatte; zum Beispiel, dass der Sene­schall Aismek Gefallen an Irta fand und sie protegierte und als Gespielin der Gattinnen des Namenlosen in das Hohe Serail beförderte. Noch glaubte Alis, diese Er­eignisse würden sei­ne Pläne be­fördern, doch das Schicksal spielte nur auf Zeit, wiegte ihn in Sicherheit, während es seine voll­ständige Ver­nichtung vorbereite­te, die dann aus einer Richtung er­folgte, die seine un­geschützte Flanke traf, nämlich sei­ne Liebe zu seinen Töchtern.

Ich erwähnte es schon: Regno Yves III., der Vater des Prinzen Raul, und Id­richson Galves, die „Schwalbe von Avríl“, blickten schon lange begehrlich auf das reiche Karukora und sa­hen mit dem Regierungswechsel ihre Stunde gekom­men, dem Erzfeind jenseits des Großen Südwalls einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Sie waren zu Ver­handlungen angereist, die sie absichtsvoll verzögerten, um in Erfahrung zu bringen, wie sie dem Juwel der Wüste schaden oder es gar erobern konnten. Als Kon­takt zwischen dem Regno, Galves und seinen Spio­nen auf der einen und Alis und den „Falken der Rache“ auf der anderen Seite, sollte der junge Thronfol­ger Raul dienen, der über Irta geheime Nachrichten aus dem Palast schmuggeln sollte. Nachdem sie nicht mehr in den Küchen arbeitete, kostete es Raul viel Zeit und Mühen, sie überhaupt in dem gewaltigen Elfen­bein-Palast zu finden und sich ihr heimlich zu nähern. Als er endlich in jener verhängnisvollen Nacht Kontakt zu Irta aufnehmen konnte, um ihr die Botschaften an Alis zu übergeben, hatte sie keine Ahnung, dass ihr Va­ter mit dem Feind kollaborierte. Doch sie begriff es so­fort, als sie den versiegelten Brief in den Händen hielt, denn ei­nen Verdacht hatte sie schon eine ganze Weile gehegt. Auch deshalb hatte sie ihn zu Boden geworfen.

„Ich soll also die Botin zwischen dir und meinem Va­ter spielen?“, fragte sie deshalb kühl. „Warum hast du dich an mich und nicht an Muhar gewendet? Ihn anzu­sprechen wäre doch sicherlich der einfachere Weg, als sich der Gefahr auszusetzen, sich in den verbotenen Serail des Namenlosen zu schleichen.“

Raul lächelte verschmitzt. „Das hätte ich sicherlich tun können, aber es ruhen mehr misstrauische Augen auf dem Hofdichter des infantilen Namenlosen als auf dir. Uns bereitet vor allen anderen einer der Unter­händler Sorgen, der offenbar einen heimlichen Groll gegen Muhar hegt. Es ist ein kleiner, selbstherrlicher Kerl mit einem riesigen Turban und einer großen Nase, der sich gerne so wich­tig macht, als wäre er der Vorste­her des Diwans und nicht der Vezir Syddhin. Sein Name ist Ómer Sud. Sicherlich kennst du diesen wider­wärtigen, bösartigen Zwerg.“

Irta erschrak. „Ich habe von Ómer gehört, ja. Er ist der zweite Cavuşbaşi und soll vom Ehrgeiz zerfressen sein. Die Gattinnen des Namenlosen flüstern sich zu, er wäre Auge und Ohr des jungen Infanten“, berichtete das Mädchen aufgeregt und verstummte dann betrof­fen. Hatte sie bereits einen Verrat begangen und mach­te sich schuldig, wenn sie diesen Harems-Tratsch vor Raul ausbreitete?

„Der Infant, ja; ich bin ihm bei den Verhandlungen be­gegnet“, nickte der Prinz eifrig. „Er heißt Dagor Bişra, nicht wahr? Ein unangenehmer, pickliger Jüngling, grausam zu seinen Bediensteten und dabei kalt wie ein Salmling aus den Quellwassern des Hornung. Ich traue ihm nicht über den Weg.“

„Sei nur vorsichtig mit deinen Worten. Dagor ist schnell beleidigt, heißt es, und er wird wohl der nächs­te Namenlose, wenn uns „Wüstenoase“ – was die Aller­barmerin verhüten möge – verlässt. Mit dem Infanten ist ebenso wenig zu spaßen wie mit Ómer, dieser schlei­migen, kleinen Kröte.“ Jetzt ist es schon egal, was ich er­zähle, dachte Irta. Mein Vater ist ein Renegat und ich werde mit ihm gehäutet, falls er enttarnt wird –, gleich­gültig, ob ich von seinem Verrat wusste oder nicht.

„Dann sollten wir doch verhindern, dass Dagor den Falkenthron besteigt, oder? Mit ihm an der Macht und mit diesem Abkömmling der verfluchten Sud-Sippe an seiner Seite, wäre der Friedensvertrag zwischen Karu­kora und meiner Heimat das Papier nicht wert, auf den er geschrieben wurde. Nein, Dagors Großonkel Bathu Paşha muss vorerst an der Regierung bleiben“, bekräf­tigte Raul. Dann beugte er sich nach vorn und als er ihr ins Ohr flüsterte, berührte sein kratziger Backen­bart fast die zarten, duftenden Wan­gen von Irta: „Doch ich dan­ke dir, dass du dich um mich sorgst.“

Der Prinz roch nach Salz und Heu und Irta wollte we­gen der plötzlichen, intimen Nähe verwirrt zurückwei-c­hen. Doch dazu war kein Platz in ihrer winzigen Kam­mer. Deshalb stieß sie ihn mutig und heftig zu­rück.

„Nimm dir nicht zu viel heraus, Prinzlein!“, zischte sie und hielt plötzlich ein kleines Messer in der Hand, mit dem sie nach oben auf die Kehle des großen Eindring­lings zielte. Natürlich wollte sie ihn nicht verletzen; sie hätte es mit diesem stumpfen Obstmesserchen auch nicht geschafft. Aber es gelang ihr doch, ihn zu beein­drucken und auf Abstand zu halten. Zuerst starrte Raul das Mädchen erstaunt an, dann platzte ein lautes Gelächter aus ihm heraus: Nun war er es, der schal­lend lachte.

„Bei den feuchten Augen der Allerbarmerin!“, flüsterte Irta und hielt dem Prinzen geschwinde mit ihrer ande­ren Hand den Mund zu. „Bist du von Sinnen? Wenn dich je­mand hört! Meinst du etwa, Radik Emre hat schon auf­gegeben? Bestimmt stöbert er irgendwo in der Nähe herum und lauert und lauscht. Er ist wie ein Schakal. Hat er einmal die Witterung aufgenommen, folgt er ihr unermüdlich, bis er ihren Ursprung findet.“

Eine Pause entstand zwischen den beiden und Raul blickte schuldbewusste auf den Brief zu seinen Füßen. Noch immer kicherte er, aber er bemühte sich, ernst zu werden. Irta sah ebenfalls hinab.

„Ich werde dir keine große Hilfe sein, denn ich komme nur einmal im Monat für einen Tag aus dem Harem und kann deine Botschaften nicht hinausschmuggeln“, stellte sie fest.

„Das lass nur meine Sorge sein und die deines Vaters. Er hat mehr Einfluss als du glaubst. Einer der Vorteile unseres Paktes wird es sein, dass du von Aismek Bey einen täglichen Freigang am Vormittag bekommst, um auf dem Bazaar für die Gattinnen des Namenlosen ein­zukaufen … Dort wirst du unseren Kontakt treffen, wenn du das überhaupt willst. Du wirst dich wohl jetzt entscheiden müssen, ob du mich unterstützen willst oder nicht. Mir wäre es lieb.“ Den letzten Satz sprach der lamargische Thronfolger ganz leise aus, aber Irta hatte ihn trotzdem verstanden. Sie zuckte mit den Schultern, denn sie hatte längst eine Entscheidung ge­troffen.

Sie kniete sich hin und wollte das Schreiben aufhe­ben. Raul machte ihre Bewegungen mit, als wäre er ihr Spiegelbild. Diesmal konnte meine Schwester nicht verhindern, dass sich ihre Körper wie absichtslos be­rührten. Und so knieten die beiden jungen Menschen voreinander, Gesicht an Gesicht, Irtas Hand mit dem Brief in der seinen geborgen. Sie wagten kaum zu at­men, um diesen Augenblick, der zwischen ihnen wie der elektrische Funke einer Machina aus der leuchten­den Stadt Sansavia knisterte, nicht zu unterbrechen. Ich weiß nicht, wie lang dieser Augenblick dauerte. Meine Schwester hat es mir nicht erzählt; vielleicht, weil sie es selbst nicht wusste. Aber danach war alles gesagt, obwohl keiner der beiden ein Wort gesprochen hatte. Als sie sich schließlich erhoben, egal, ob nach Stunden oder Momenten, danach waren sie verbunden und wollten nicht mehr voneinander lassen.Selbstverständlich war es kein Zufall oder eine takti­sche Entscheidung gewesen, aus der der junge Prinz nicht Muhar, sondern die zweite Spionin im Zentrum der Macht Karukoras in dieser Nacht aufgesucht hatte –, wie schon in einigen anderen zuvor, in denen es ihm allerdings nicht gelungen warm mit ihr zu sprechen. Er hatte sich be­reits in sie verliebt, als er sie zum ersten Mal von wei­tem erblickte. Aber er hatte nicht gewusst, wie er mit ihr in Kontakt kommen konnte. Das war be­reits vor einigen Tagen gewesen, als er seine Möglich­keiten, geheime Botschaf­ten für Alis aus dem Elfen­bein-Palast zu schmuggeln, er­forschte. Dabei war er beim Abklopfen der Wände in der Nähe seiner Unter­kunft auf einen längst vergesse­nen, gut verborgenen Gang gestoßen. Dieser leitete ihn durch einen Geheim­raum zu einer Wendeltreppe und anschließend eine Leiter empor direkt unter die le­bensgroße, hinter einer dich­ten, mannshohen Drillingsblumen-Hecke verborge­ne Statue des „Prächtigen“, deren hohlen So­ckel sich von innen öffnen ließ und ihn zu seiner Über­raschung in den kleinen Garten hinter dem Serail geführt hatte. Auch in jener Nacht, in der Raul zum ersten Mal stau­big und mit Spinnennetzen im Haar aus dem Inne­ren der Statue gekrochen war, war Irta am Fenster ihrer Kam­mer gestanden, hatte leise ein altes Lied gesungen und zu den Sternen hinaufgestarrt. Vom Gesang ange­lockt, beobachte­te sie der Prinz, aber er wagte es nicht, sich ihr zu nä­hern. Diese dunkle, zartgliedrige Schönheit mit der glo­ckenhellen Stimme war so voll­kommen an­ders als all die Mädchen mit ihren dicken, blonden Zöp­fen, ihrer Unbekümmertheit und Wildheit, wie er sie von seiner barbarischen Heimat kannte. Von einem Au­genblick zum nächsten vergaß er, was seine eigentliche Aufgabe war und dass ihn sein Vater, der Regno Yves, schon in seinem Kindesalter mit Dora Kahlja von Drybnisfelt, der Tochter des mächtigsten Barons der Lamargue, verlobt hatte und versah sich unsterblich in Irta, die ihm wie ein Traum aus einer anderen Welt er­schien. In den nächsten Nächten mach­te Raul es sich zur Ge­wohnheit, Irta heimlich zu besu­chen und sie von einem Versteck in den Büschen zu be­wundern. Obwohl er wirklich kein Feigling war, war er unfähig, den ersten Schritt zu tun und sich ihr erken­nen zu ge­ben. Bis der wachsame Radik Emre ihn unbe­absichtigt in Irtas Arme getrieben hatte.

Ach, ich könnte es jetzt wie die anderen Märchener­zähler machen und meine und eure Zeit damit ver­schwenden, Verse aus den Ésiçaren, den Goldenen Lo­cken der seligen Glückspreisungen, zu zitieren, die vol­ler dunkler, sehnsüchtiger Augenaufschläge, die Her­zen erzittern lassen, heimlichen Berührungen und Lie­beskummer sind. Ihr kennt sie alle auswendig. Ich könnte euch davon erzählen, wie die Liebenden einan­der um­armten, lachten, weinten, sich ihre Lippen im Rausche berührten und sie dabei vor Glück in Ohn­macht san­ken, erwachten, Liebesschwüre seufzten und erneut be­wusstlos auf dem Lager niedersanken. Ich könnte euch davon berichten, wie hell die Sterne am Himmel fun­kelten und das kreisrunde schwarze Auge des bösen Máni eifersüchtig auf ihre Zärtlichkeiten starrte, die tausend Blumen der Nacht ihren betäuben­den Duft wie eine Decke über sie legten und ein einsa­mer Mis­pelvogel in der Palme gegenüber sein nächtli­ches Lied für die Liebenden sang, begleitet vom zarten Klang ei­ner fernen Lyra, die eine der Gattinnen des Namenlo­sen zupfte, weil sie sich schlaflos nach der Lie­be und der Zweisamkeit sehnte, die Raul und Irta teil­ten. Ich könnte euch die beiden als die im unsicheren Licht der kleinen Ölfunzel tanzenden Schatten ihrer Körper beschreiben, wie sie sich einander zuneigten, verschmolzen und zu einem einzigen wurden. Oh, so viele Worte für das immer gleiche Spiel. Wer es selbst schon einmal spielte, kennt sie alle und hat sie alle er­litten. Und wem dieses einzige Glück im Menschenleb­en nicht geschah: Der arme Tropf! Ihn kann ich nicht retten, denn er wird mir nicht glauben und sich lang­weilen. „Genug davon!“, sage ich.

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