Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 3)

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Anna hatte eine Leidenschaft und an dieser Schwachstelle hatte Sebastian sie erwischt: Sie einen »Trekkie« zu nennen, war fast schon eine Untertreibung. Sie konnte stundenlang von den Serien der Reihe schwärmen und wollte jedermann von ihrer Qualität überzeugen. Es hätte Sebastian nicht überrascht, wenn die Ohren unter ihren langen, glatten und weizenblonden Haaren spitz zuliefen und ihr Blut grün war. Er hatte sie nur mit Mühe dazu über­reden können, an diesem Abend mit ihm ihre selbstgeschneiderte, äußerst schmucke, rot-schwarze Starfleet-Uniform zu Hause zu lassen, zudem sie den Film ja schon zum vierten Mal sah. Ihm war vollkommen klar, dass er seine Verabredung mit ihr nicht seinem Charme, sondern nur ihrem Missionierungsbedürf­nis zu verdanken hatte. Zur Vorbereitung ihrer Konversation nach dem Kinogang in der Pizzeria Dragone in der Wintergasse ganz in der Nähe des Kinos, wo er einen Platz reserviert hatte und es hervorragende Piz­zas gab, hatte er sich in den letzten Tagen die sechs alten Raumschiff­-Enterprise-Filme auf Video angesehen und sich zusätzlich bei Bücher Pustet ein Startrek-Lexikon gekauft, das er allerdings bis­her nicht einmal durchgeblättert hatte. Es ruhte in Frieden auf dem Bücherstapel neben seiner Schlafcouch und war dick genug, als stabiler Untersetzer für eine Bierflasche zu dienen. Sebastian hoffte, diese teure Investition würde sich in der Nacht „amor“-tisieren.

Die Kaffeemaschine gab stotternde, hustende Geräusche von sich. Gleich­zeitig öffnete sich die Zimmertür und sein Vater, vollständig angezogen und munter, kam ohne zu Zögern herein. Sein erster Blick fiel auf den getigerten Kater in Sebastian Armen.

»Schmeiß das Vieh raus, du weißt, Mutti ist gegen Katzen allergisch«, sagte er vorwurfsvoll. Sebastian drückte das Tier, dem dabei recht unbehaglich wurde, trotzig gegen seine Schulter.

»Guten Morgen«, antwortete er mit Nachdruck. Der Vater nickte. Ein nicht ganz verwischtes Aschekreuz auf sei­ner Stirn zeigte, dass er von der Frühmesse kam.

»Ah, du bist ja auch schon angezogen – ganz erstaunlich. Ich habe gesehen, wie du deinen Vorhang geöffnet hast. Ich brauche nach deinem Frühstück mal deine Hilfe. Du hast doch Zeit,« sagte er, ohne den Gruß seines Sohnes zu erwidern. Sein letzter Satz klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung. Er musterte seinen Sohn kritisch, den Kopf zur Seite gelegt. »Sag mal, willst du nicht Mama deine Hemden zum Bügeln raufbringen? Sie macht das doch gern. Das Hemd, das du gerade anhast, sieht aus, als hättest du darin geschlafen.«

Sebastian seufzte und bedauerte mal wieder, dass er in dem Eigenheim seiner Eltern wohnte, auch wenn es noch so billig war. Selbstverständlich hatten sie einen Schlüssel und nahmen sich oft genug das Recht heraus, unange­meldet hereinzuplatzen. Seit geraumer Zeit war fest entschlossen, umzuziehen, sobald sich ihm eine preiswerte Gelegenheit bot. Sein Vater, Karl Rudler, war ein dür­rer, erzkatholischer Mann, den Magen­geschwüre plagten und der nur aus Mo­ral, Prinzipien und Pflichterfüllung zu bestehen schien, allerdings keinen Ero­tikfilm bei RTL ausließ, jedoch nur, wie er vorgab, um über den Sitten­verfall des späten 20. Jahrhunderts auf dem Laufenden zu sein. Er war kaufmännischer Angestellter im unteren Management bei KUKA, bei seinen Untergebenen vielleicht noch mehr gefürchtet als bei seiner Familie und hatte nur noch wenige Jahre bis zu seiner Pensionierung, der die Mutter mit Grauen entgegensah. Als Kind und Jugendlicher hatte Sebastian sich vor seinem Vater gefürch­tet, der so etwas wie ein personifizier­tes Über-Ich darstellte und auch mit körperlichen Züchtigungen und anderer schwarzer Pädagogik nicht eben zim­perlich war.

»Warte nur, bis Papa zuhause ist.« Diese Drohung seiner Mutter war jahrelang der Schrecken von Sebastian und seinen beiden Geschwistern gewesen. Erst als Sebastian die Rolle des schwarzen Schafes an seine um fast neun Jahre jüngere Schwester Tina ab­gegeben hatte, die mit geradezu masochistischer Begeisterung über die Stränge schlug und gleichgültig den Blutdruck ihres Vaters mit ihren Eskapaden strapazierte, war das Ver­hältnis zu seinem Altvorderen ein wenig besser – zumindest gewaltloser – gewor­den. Karl Rudler missbilligte allerdings entschieden den Lebensweg seines zwei­ten Sohnes, der das Gegenteil des Erstgeborenen war. Dieser war inzwi­schen gut situierter Finanzbeamter, hatte geheiratet und für den ersehnten Enkel gesorgt. Sebastian jedoch schien zum ewigen Studenten und zum den elterlichen Geldbeutel strapazierenden Müßiggänger, sprich Versager, gebo­ren. Jeder zweite Satz, den der Vater zu Sebastian sagte, war ein mehr oder weniger verhohlener Vorwurf.

»Mach doch mal ein Fenster auf. Hier stinkt es ja wie im Pennerheim am Rabenbad. Hast du wieder die ganze Nacht durchgesoffen? Und mach die Musik leiser. Willst du, dass sich die Nachbarn wieder beschweren?« Sebastian beschloss, sich nicht provozieren zu lassen, denn gerade began­nen seine Kopfschmerzen, nachzulassen. Er setzte die Katze auf sein Bett, wo sie sich sofort demonstrativ einrollte und die Augen schloss, und schenkte sich mit gespielter Ruhe eine Tasse Kaffee ein, die er mit mehr Zucker süßte, als das heiße Gebräu aufnehmen konnte. Dann wandte er sich zu seinem Vater.

»Du wirst es nicht für möglich halten, aber gestern war Kehraus und Normal­sterbliche feiern ihn auch. Da ist es tatsächlich etwas später als gewöhnlich geworden. Das soll mal vorkommen. Aber, ja, ich habe heute frei und zumindest am Vormittag Zeit. Was kann ich für dich tun?« Karl Rudler nickte und zeigte kurz ein freudloses Lächeln.

»Ich habe den Rest der Woche Urlaub genommen, um den Frühjahrsputz zu beginnen. Morgen soll es wieder regnen. Also ist heute ist der ideale ‚Tag zum Baumschnitt. Wir müssen auch Leimringe um die Obstbäume machen. Wenn du mir hilfst und die Leiter hältst, schaffen wir es heute Vormittag.« führ­te er aus und hatte einen Tonfall, bei dem kein Widerspruch möglich war. »Die frische Luft wird deinem Kater gut tun. Und zieh dir Socken an. Du wirst dich noch erkälten.«

*

Roman hob den Telefonhörer mit zwei Fingern seiner Rechten ab und führte ihn vorsichtig zum Ohr. »Ja, bitte?«, fragte er absichtlich leise und nuschelnd.

»Hier ist…, äh, kann ich bitte Herrn Heyse sprechen?« Die Nervosität des Mannes am anderen Ende der Leitung stand spürbar im Raum. Roman strich sich über sein kratziges Kinn. Gerade jetzt war Julia nicht in der Nähe, sie hätte vielleicht die zögernde, hohe Stimme erkannt.

»Das ist leider im Moment nicht möglich. Er ist gerade im Badezimmer und … etwas unpässlich. Kann ich ihm etwas ausrichten?«

»Ach, nein, das ist dann doch nicht nötig. Ich rufe wahrscheinlich später noch einmal an.«

»Kann ich etwas ausrichten? Wie war doch gleich noch einmal ihr Name?«, fragte Roman schnell. Es knackte in der Leitung. Der andere hatte aufgelegt. Der große Mann spitzte nachdenklich die Lippen und legte den Hörer behutsam zurück in die Gabel. Dann sah er sich langsam in Hey­ses Wohnung um, wo er das Unterste zuoberst gekehrt hatte. Die gesuchten Aufzeichungen hatte er dabei nicht gefunden, obwohl er nahezu drei Stunden nach ihnen gesucht hatte. Oliver hatte diese Unterlagen offen­sichtlich an einem anderen Ort ver­steckt, vielleicht sogar dem vorsichti­gen Anrufer von eben gegeben. Draußen war es inzwischen hell geworden. Roman bog sein Kreuz durch. Es war ihm kaum anzumerken, dass er seit mindestens zwei Tagen nicht mehr ge­schlafen hatte. Er musste etwas unternehmen. Die Sache begann, ihm aus der Hand zu gleiten und das war ein Gefühl, das ihm überhaupt nicht behagte.

Roman kehrte in seine eigene Wohnung zurück, die im gleichen Stock­werk neben der von Heyse lag. Er trat ins Wohnzimmer, wo sich trotz der frü­hen Stunde alle seine Getreuen versammelt hatten, denn Roman wollte ih­nen heute seinen Plan eröffnen; er nannte das spöttisch seinen politischen Aschermittwoch. In dem Zimmer warteten neun Männer und eine Frau: Julia, die treuste Kampfgenossin, die er je gehabt hatte. Sie ging für die Idee durch das Feuer und ihr hatte er die wichtigste Rolle in seinem Plan zugedacht. Er gab ihr ein Zeichen und winkte sie beiseite. Sie kam lächelnd näher und Roman konnte die mit Bewunderung vermischte Liebe in ihrem Blick funkeln sehen, die sich manchmal zu einer dem Irrsinn nahen Heiligenverehrung steigerte. Er streichelte Julia an der Wnage und er wünschte sich, alle Augen auf diese einfache Weise zum Leuchten bringen bringen zu können.

»Was machen wir mit Olli?«, fragte er flüsternd. Ihre Miene wurde sofort ernst.

»Für den Moment ist er in seiner Badewanne gut aufgehoben. Erwin und ich hatten noch keine zündende Idee, was wir mit ihm anstellen wollen. Vielleicht sollten wir ihn erst einmal in handlichere Stücke aufteilen. Erwin hat eine starke Handkreissäge in seinem Hobbykeller«, erwiderte sie. Für einen Moment graute Roman vor seinem schwarzen Engel.

»Denkt euch etwas Hübsches aus. Ich kann mich im Augenblick nicht um solche Kleinigkeiten kümmern.« Er runzelte die Stirn. »Etwas anderes macht mir mehr Sorgen. Du warst etwas voreilig; wir wissen noch immer nicht, an wen Olli uns eigentlich verraten hat.«

Julia senkte beschämt den Kopf. »Es tut mir leid, aber meine Wut war stärker als meine Vernunft«, verteidigte sie sich etwas kleinlaut. Roman nahm ihre Hand beschwichtigend in seine.

»Mach dir keine Vorwürfe«, beruhigte er sie. »Hättest du nicht zufällig sein Telefongespräch belauscht, wüssten wir nicht einmal, dass Olli uns verpiffen hat. Trotzdem ist unser Plan gefährdet. solange wir nicht wissen, mit wem er tele­fonierte. Du warst doch eine Zeitlang mit ihm befreundet.« Julia machte eine Geste des Abscheus.

»Es war für die Sache«, warf sie ein.

»Das spielt jetzt keine Rolle. Kennst du jemanden, zu dem er Vertrauen hat­te, an den er sich wenden konnte. Wahrscheinlich einen Mann.«

»Olli hatte keine Freunde oder Verwandte. Er stand ganz allein auf der Welt. Aber mir fallen schon zwei, drei Namen von flüchtigen Bekannten von ihm ein. Ich werde mich noch heute Vormittag darum kümmern.« Roman nickte zufrieden.

»Auf dich kann ich mich verlassen. Das ist in unserer Zeit ein sehr seltenes Gut geworden«, sagte er und die attraktive Rothaarige errötete leicht.

» … und wenn ich den Richtigen finde?«, fragte sie nach. Roman verzog sein kantiges, wie geschnitztes Gesicht zu seinem schmalen, bösen Lächeln und kratzte wieder in seinen Bartstoppeln, die wie Holzsplitter aus seinem Kinn ragten. Julia nickte verstehend und wollte sich abwenden, aber der Führer der ASO hielt sie auf.

»Etwas anderes. Hat Werner die Ju­goslawen inzwischen bei der Polizei angeschwärzt?« Julia, wieder auf siche­rem Geleise, lachte auf.

»Die Bullen haben ihm die Füße für seine Informationen geküsst.« Sie überkreuzte Mittel- und Zeigefinger und hob sie. »Er steht mittlerweile so mit ih­nen; er ihr bester und erfolgreichster Spitzel. Da wird es sicher sehr bald ein paar ordentliche Razzias in ihren Stammlokalen geben.«

»Das ist ausgezeichnet. Wenn es endlich zur Revolution kommt, muss die Ordnungsmacht auf unserer Seite sein.« Er machte eine Pause. »Sehr schön. Aber ich will unsere Gefährten nicht länger warten lassen.« Julia trat zurück. Es fehlte nicht viel und sie hätte sich dabei verbeugt. Ro­ man sah hinter sich auf das an der Wand hängende Bildnis von Kaiser Maximilian I. Stumm hielt er mit seinem großen Vorbild Zwiesprache. Heute war ein wichtiger, ein entschei­dender Tag. Heute musste er überzeu­gend wirken wie nie. Er sammelte sich; atmete langsam ein und aus. Dann wandte er sich an die zehn Personen, die vor ihm saßen und geduldig auf seine Worte warteten. Er räusperte sich, warf die Arme emphatisch in die Luft.

»Für die Befreiung von Augsburg und seine Renaissance!«, rief er und es wurde ihm im Chor geantwortet:

»Alles für die ASO!«

Meine Getreuen, wie sie mich lieben!, dachte Roman gerührt und war ver­sucht, jeden von ihnen zu umarmen. Mit ihrer Hilfe würde er seine verschlafene Heimatstadt in ihren Grundfesten erschüttern und sie zu alter Größe und Weltbedeutung zurückführen …

[Zum 4. Teil …]

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