Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Freitag, 27.09.19 – Verhülltes

Nom de plume oder nom de guerre?

Es ist ein offenes Geheimnis:

Ich heiße nicht Nikolaus Klammer und ich bin auch nicht Nikolaus Klammer. Ich bin ein anderer. Ich bin weder der verzweifelte Schriftsteller Nikolaus M. Klammer aus den erinnerten Memoiren des Dr. Geltsamer, noch der gelangweilte und zynische Beamte Nikolaus Klammer aus dem Jahrmarkt-in-der-Stadt-Zyklus, der gerade in meinem neuveröffentlichten Roman „Nutzlose Menschen“(1) sein Wesen resp. Unwesen treibt. Und am wenigsten bin ich Miladí da Hivers intriganter Sekretär Niclas Agrafe aus den Brautschaubüchern.(2) Es stimmt schon. Eine Figur mit diesem Namen taucht in jedem Buch von mir auf, sogar in meinen Märchen um Karl-Heinz, den Weihnachtshund. Das ist ein Spiel, an dem ich wahrscheinlich mehr Vergnügen als meine Leser habe, von denen ich einige damit verwirrt habe. Am Ähnlichsten ist mir wahrscheinlich jener Nikolaus Klammer, der für die Autorenschaft meiner Werke Verantwortung übernimmt, diesen Blog führt, z. B. bei Twitter, Facebook oder Lovelybooks ein durchaus rühriges virtuelles Leben führt und mit klammer@email.de ein eigenes Postfach führt.

Ganz schön eifrig, der Nikolaus Klammer. Die Bücher rechts, in denen Kurzgeschichten und Erzählungen von mir zu finden sind, kann man übrigens zum Teil über den Webshop des Wolkenstein-Verlags erwerben, in dessen Verlagsforum Nikolaus Klammer mal recht fleißig publizierte.

Nikolaus Klammer ist also nur ein nom de plume, ein Schriftstellerdeckname, ein Alias. Seit ich mich im Web bewege, habe ich überall konsequent nur dieses Pseudonym benutzt und es ist inzwischen ein Vulgo-Name, den manchmal sogar schon meine Freunde verwenden, wenn sie mich ansprechen.(3) Ich weiß, dass es nicht allzu schwierig ist, meinen Realnamen(4) herauszufinden, aber mir ist es bis jetzt erfolgreich gelungen, ihn aus dem Internet herauszuhalten. Zum Glück sind nur wenige so neugierig. Während eine Google-Suche nach Nikolaus Klammer tausende Einträge und Bilder liefert, kann man den „echten“ Menschen dort eigentlich nicht finden. Allein ein weit entfernter Verwandter von mir(5) mit gleichem Namen taucht an den wenigen Fundstellen auf. Mein Ziel, mein privates Leben hinter einer erfunden Person zu verbergen, ist mir also im Großen und Ganzen gelungen.

Warum ist mir das wichtig? Natürlich ist es auch der Reiz des Sich-Verbergens, des Sich-Verhüllens, der Charade, der mich dazu gebracht hat, mir einen Künstlernamen zuzulegen, der inzwischen sogar auf meinem Briefkasten steht, damit der Herr Klammer seine Post bekommen kann (Nicht, dass das häufig geschieht). Wer mich nicht persönlich kennt, weiß zum Beispiel nie, ob das, was ich hier schreibe (auch dieser Text) „wahr“ ist, „halbwahr“ oder einfach „frech gelogen“. Ich muss mir keine Gedanken machen, wie meine Geschichten und Blogartikel bei meinen Bekannten, Freunden und Verwandten ankommen. Die meisten von ihnen sind übrigens recht froh, dass dadurch mein ganzes Schreiben nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird, denn diese Seite meiner Existenz, die offenbar nur mir so richtig wichtig ist, ist ihnen eher peinlich und sie bemühen sich nach Kräften, sie zu ignorieren. Wenn ich in vertrauter Runde über meine Literatur reden möchte, ist das ein noch bewährterer Stimmungs- und Gesprächskiller als das Auflegen einer Leonard-Cohen-CD. Diesem Unbehagen will ich niemanden aussetzen. Ganz pragmatisch ist das Pseudonym auch ein Schutz davor, dass Nachbarn und Menschen, mit denen ich über meinen Brotberuf zu tun habe, von meinem doch recht anrüchigen „Schriftsteller-Hobby“(6) erfahren, denn es hat schon ein wenig von einem ekligen Hautausschlag oder einer verborgenen Geschlechtskrankheit und stellt mich in die Ecke der Absonderlichen und Wirrköpfe. Würde meine nicht gesellschaftsfähige Beschäftigung publik, würde es meinem Ruf und Ansehen schaden und ich würde nicht mehr ernst genommen. Auch deshalb bin ich janusköpfig. Das ist so traurig, wie es wahr ist. Da ich mich nicht in Künstler- und Literatenkreisen bewege, sondern in einer grundsoliden, bürgerlichen und dazu auch noch bayerischen Umgebung, kann ich nur dann ein Autor sein, wenn ich als Nikolaus Klammer im Netz unterwegs bin und meine Romane veröffentliche. Und unter diesem nom de guerre kann ich dann auch mal – salopp ausgedrückt –  die Sau rauslassen. Klammer darf alles sagen, was ich verschweigen muss. Er kann sich mit Dingen beschäftigen, die außer mir keinen in meinem Umfeld interessieren, kann seine stupende Belesenheit, seinen Witz, Geist und Intelligenz sprühen lassen und dabei so selbstherrlich und arrogant auftreten und reüssieren, wie es mir in meinem realen Leben unter meinem realen Namen niemals möglich ist. Als Nikolaus Klammer bin ich ein Held, so wie der langweilige Clark Kent Superman ist.

Ein so alteingesessenes Alias hat selbstverständlich auch ein paar Nachteile. Es ist wie ein eleganter Anzug, der ab und an overdressed wirkt und nicht passt und manchmal sogar an des Kaisers neue Kleider erinnert. Doch er sollte niemandem vom Leib gerissen werden, wie dies unter anderen Elsa Ferrante geschah. Keiner hat aus Sensationslust oder einfach aus Bosheit das Recht, einem anderen sein „Imago“ zu rauben, das er sich mühsam aufgebaut hat. Trotzdem:

Ich liebe Nikolaus Klammer!


(1) Falle ich euch schon lästig? Egal. Ich mache hier noch einmal Werbung für meinen neuen Roman „Nutzlose Menschen“ aus meinem Jahrmarkt-in-der-Stadt-Zyklus, der im wohlsortierten Buchhandel oder in dessen Online-Shops als Taschenbuch oder als spottbilliges E-Book erworben werden kann; z. B. hier.

(2) Ich bin auch nicht der ausgeprochen arbeitscheue österreichische Künstler und Gemmenschneider Nikolaus Klammer – der sich selbst anglizierend Nicolas Clamer schrieb -, Zeit seines Lebens (1769 bis 1830) an finanziellen Problemen litt und an „Brustwassersucht“ verstarb. Wie es in einem alten Lexikon heißt, war er „zu viel Idealist, weil er an seinen Werken oft monatelang arbeitete und alles um sich vergaß”. Das alles erinnert mich allerdings wieder an mich selbst; auch wenn mir Clamer noch nicht bekannt war, als ich den Namen Anfang der 90er Jahre für den Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ für mich erfand.

(3) Sogar meine Frau benutzt ihn inzwischen und ist z. B. beim „Quizduell“-Spielen auf ihrem Smartphone unter „frau klammerle“ zu finden. Sie ist übrigens in der Rangliste ziemlich weit oben und freut sich immer über neue Gegner. Man kann sich selbstverständlich auch mit „Nikolaus Klammer“ messen.

(4) Über meinen realen Vornamen stritten meine Eltern lange. Meine Mutter wollte Bodo oder Lars – sogar Detlev(!) stand auf ihrer Liste – mein Vater war mehr für gut Abgehangenes: Maximilian, Heinrich, Hermann oder Karl. Zu meinem Glück konnten sie sich auf den Namen eines norwegischen Wikingerkönigs aus dem Hause Jelling einigen, der 1963 zu den beliebtesten Jungennamen gehörte. Ich hatte deshalb in jeder Klasse drei Namensvettern. Der echte Nachname kling typisch Bayerisch, auch wenn er nicht so geschrieben wird und zum Glück nicht auf -er endet.

(5) Ich bin meinem Wiedergänger nur ein einziges Mal vor vielen Jahren bei der Beerdigung meines Großvaters begegnet und es gibt buchstäblich nichts außer dem Namen und einer fast identischen E-Mail-Adresse, das wir gemeinsam haben. Daraus lässt sich leider keine romantisch-gespenstische „Elixiere des Teufels“-Geschichte machen.

(6) Der „Hobbyautor“ und wie ich das hasse!

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