Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (4)

Fortsetzung Leseprobe Nutzlose Menschen – Kapitel 4.4

Der hellsichtige Gauner Escroq wusste freilich, dass er ei­nen jungen Mann wie René durch nichts anderes an sich binden konnte als durch Geld und deshalb begann er – der er seinen Brotherren bislang zwar regelmäßig, aber in ei­nem verantwortbaren Rahmen betrogen hatte – größere Summen zu hinterschlagen, die er gewinnbringend anleg­te und deren Zinsen er in der Form von kleinen, aber durchweg exquisiten Geschenken an René weitergab. Als erstes richtete er ihm in der Nähe der Vareseschen Firma eine hübsche, kleine Wohnung ein und stellte ihm einen seiner abgelegten Diener zur Verfügung. Dann gewöhnte er ihn schnell an den Luxus von weißen, seidenen Hand­schuhen, Theaterbesuchen und, soweit es Renés zarte Ge­sundheit zuließ, an unterhaltsame Abendgesellschaften mit Zeitungsleuten und Soubretten. Dies ging ein knappes Jahr gut, bis der verwöhnte René, der tagsüber den Laufburschen und nächtens den Grafen spielte und bald seine Volljährigkeit erreichte, die Erniedrigungen im Kon­tor nicht mehr ertrug. In Varese, der noch immer glaubte, dass René sein Nachtlager im Kontor hatte, keimte zur gleichen Zeit erstmals ein dunkler, kaum fassbarer Ver­dacht, seine Geschäfte wären nicht ganz in der Ordnung, in der sie hätten sein sollten. Er wusste nichts besseres, als seine Mutmaßungen ausgerechnet seinem treuen Buchhalter anzuvertrauen, der ihn für den Moment beru­higen konnte, sich aber in die Ecke gedrängt fühlte und spürte, dass er eine endgültige Entscheidung zu treffen hatte. Schon in der darauffolgenden Woche erlitt Andoche Varese ein heftige Magenkolik, an der er nach einem schmerzhaften, aber kurzen Todeskampf verstarb. Der ei­gentlich mit einer eiseren Gesundheit ausgestattete Bau­her überraschte alle in seiner Nähe ob seines plötzlichen Hinscheidens. Für Eingeweihte war noch erstaunlicher, dass der in geschäftlichen Dingen oft so törichte Geizhals ein von einem inzwischen leider ebenfalls verstorbenen, aber über jeden Verdacht erhabenen Pariser Notar be­glaubigtes, einwandfreies Testament hinterließ, in dem er ausgerechnet seinen Pflegesohn René zum Erben der Fir­ma und des beweglichen Gutes machte und auch nicht vergaß, Escroq mit einer ordentlichen Rente abzufinden. Obwohl sich bald wie ein summender und lästiger Mü­ckenschwarm entfernte Verwandte von Varese einfanden, die lauthals Ansprüche auf das Erbe erhoben, war dieser letzte Wille nicht anfechtbar. Auch der von den Anwälten der enttäuschten Hinterbliebenen geäußerte Verdacht, vielleicht habe einer der beiden Nutznießer das Testa­ment gefälscht oder gar dem so raschen und unerwarteten Tod des Baumeisters nachgeholfene, ließ sich, selbst als die Staatsanwaltschaft von Amiens direkte Ermittlungen anstellte, nicht erhärten.

René Carols Lage hatte sich also erneut ins Glückhafte gewendet, obgleich nicht Fortuna, sondern ein lüsterner Silen seine Verhältnisse beeinflusst hatte. Er sah sich plötzlich in die Rolle eines nicht unvermögenden Ge­schäftsmannes, der mit Ecroq einen hervorragenden Be­rater hatte, gestellt. Es lag nicht in Carols Charakter, sich von einem solch billigen Erfolg blenden zu lassen; denn die Wechselfälle seines jungen Lebens waren ein zwar bit­terer, aber zu guter Lehrmeister gewesen, um ihn sich si­cher fühlen zu lassen. Der willkommene Besitz der Bau­firma und das kleine Vermögen seines Onkels, die ihm durch den auch ihn überraschenden, aber durchaus will­kommenen Tod des Geizhalses in die Hände gefallen wa­ren, sollten ihm nur die erste Stufe auf seiner Jakobslei­ter in den Himmel seiner ehrgeizigen Ziele sein, nach de­nen sich sein unbeugsamer Wille verzehrte. Er wollte ein Staatsmann werden, der die Geschicke der Nationen prägt und die Millionen an Livres sein eigen nennt, die ihn in die Lage versetzten, sich über der Masse der Men­schen zu erheben und den ihm angemessenen Lebensstil zu führen. Er wusste, dass seine Leiter für ein Waisen­kind aus dem Volk sehr hoch war, begann sie aber sofort und ohne ein Zögern zu beschreiten. Er überließ Escroq, dem er hinlänglich vertrauen konnte, wenn er sich ab und an von ihm liebkosen ließ, die Geschäfte seiner Firma, in der es nun keine Betrügereien mehr gab und deren Rein­gewinne sich bei bleibendem Umsatz verdoppelten, nach­dem sein Verwalter die alten Bürohilfen entließ und neue, ehrlichere anstellte. René selbst ging nach Paris, wo alle Träume – auch die Albgesichte – wahr werden; er wollte sich eine fundierte Ausbildung verschaffen und es gelang ihm, bei Jean-Jaques Vale-Noir, dem neben Grindot und dem jungen Viollet-le-Duc, dessen Stern gerade erst zu leuchten begann, größten Architekten unserer Zeit, in die Lehre zu kommen und bei ihm die Baukunst zu studieren. Gleichzeitig bot ihm seine Lehrzeit die Möglichkeit, sich endlich in einer Gesellschaft zu bewegen, der er sich längst zugehörig fühlte. Da er nie das Maß verlor, ihm sei­ne gesundheitliche Verfassung verbot, eine Affäre mit ei­ner Schauspielerin zu beginnen und sein Verstand, über den üblichen Rahmen hinaus beim Ekarté zu verlieren, reichte ihm die monatliche, übrigens nicht unwesentliche Geldzuweisung Escroqs für seine Auslagen. Er lernte Emile de Rastignac kennen, den zynischen Ziehsohn der beiden Titanen der Macht und des Kapitals, über diesen de Marsay und Nuncingen, der auf dem Sprung stand, Mi­nister zu werden. Der Graf faszinierte ihn und Rastignac fand in René in vielerlei Beziehung sich selbst wieder, nahm ihn behutsam unter seine Fittiche und führte ihn in den Kreisen, in denen er selbst verkehrte, ein. Als René nach drei Jahren mit seinem Patent und einem über­schwenglichen Empfehlungsschreiben Vale-Noirs in die Provinz heimkehrte, um durch seine fundierten Kenntnis­se sein Baugeschäft zu erweitern und zum bedeutendsten im Umkreis von Beauvais und Amiens zu machen, hatte er im Sinn, die erste Gelegenheit zu nützen und zurück nach Paris zu gehen, um dann für immer in der einzigen Stadt zu bleiben, in der es sich zu leben lohnt. Diese Gele­genheit bot sich schnell, denn er hatte mit seinem Buch­halter, den er flugs zu seinem Partner machte und ihn da­mit noch fester an sich schmiedete, einen treuen Berater, der ein Genie war, wenn es darum ging, sich auf Kosten Dritter zu bereichern.

Als er, von Escroq gedrängt, zum ersten Mal an einem warmen Sonntag im Mai den Gottesdienst von St. Jacques besuchte und durch seine stoische Geduld die ausufernde Predigt des von ihm seit seines Aufenthalts im Orphelinat verhassten Abbés Rouge, der ihn häufig und grundlos ge­prügelt hatte, wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe ertrug, wurde er, als wäre es nie anders gewesen, von den anständigen Bürgern, denen der Besitz von Geld auch dem von Moral und Ehre gleichkommt, als einer der ihren behandelt und er kehrte mit Einladungen zu einem Dut­zend Teegesellschaften bei Familien mit unverheirateten Töchtern heim. Sein zärtlicher Mentor machte ihn auf den Fabrikanten d’Arçon aufmerksam, der einen Baugrund in Paris suche, um sich dort niederzulassen. Dessen Vermö­gen wurde auf über eine Million Franc geschätzt und er hatte als angenehme Daraufgabe noch eine schöne, wohl­erzogene und allseits bewunderte Tochter. Dazu war d’Arçon in einem Maß beschränkt, das aus ihm ein ideales Schlachtlamm machte und es Wunder nahm und wohl nur an den wachsamen Augen seiner Frau lag, dass er noch nicht in die Hände von Betrügern, Anwälten und Banki­ers gefallen war. Nachdem Escroq seinem Epheben die dem Leser bereits oben zur Kenntnis gebrachten Tatsa­chen des Papierfabrikanten mitgeteilt hatte, begann die­ser sofort einen fleißigen Briefwechsel mit seinen Pariser Freunden und wurde ein regelmäßiger Gast von Madame d’Arçons Salon, wo er, obgleich er ihre Dummheit durch­schaute, Interesse an der Tochter der Hauses zeigte und sich im übrigen – an die köstlichen Gesellschaften der Ma­dame d’Espard gewöhnt – außerordentlich langweilte. Nach angemessener Frist wurde Hippolyte d’Arçon durch den Anwalt Derville ein Grund im respektablen Viertel d’Enfer so außergewöhnlich günstig angeboten, dass nur ein Narr oder ein sehr kluger Mann Bedenken getragen hätte, es zu erwerben und Arçon, der beides nicht war, griff ohne viel Überlegen zu. Ebenso schnell nahm er auch Carols Entwurf an, der gleichfalls der billigste war. Er for­derte nur einen repräsentativen Balkon zur Straßenseite hin, auf dem er an Festtagen mit seiner Familie den Para­den auf der Rue d’Enfer beizuwohnen gedachte. René beugte sich lächelnd dem Wunsch des Fabrikanten, auch wenn er seinen genial schlichten und klerikalen Fassa­denentwurf durch diesen Alkoven profanisieren musste.

Im Sommer des Jahres 1837 begannen schließlich die Ausschachtungsarbeiten und es zeigte sich dabei schnell, aus welchem Grund das Gelände so geheimnisvoll und günstig zum Verkauf angeboten worden war. Der Pferde­fuß offenbarte sich, als die Arbeiter, die Carol, da sie billi­ger waren, aus Beauvais mitgebracht hatte, in geringer Tiefe im Erdreich auf menschliche Knochen und auf Grab­steine, die hebräische Inschriften trugen, stießen. Als dann prompt einer der Arbeiter beim entsetzten Zurück­weichen vor diesen Überresten stürzte und sich den Fuß brach, verbreitete sich unter den abergläubischen Leuten schnell, dass man in einem aufgegebenen Friedhof grub und es Unglück bedeutete, auf diesem wahrscheinlich von einem Fluch belasteten Gelände weiterzuarbeiten. Die Verwünschungen und Versprechen der Vorarbeiter konn­ten sie ebenso wenig dazu bringen, ihre Schaufeln und Spitzhacken wiederaufzunehmen, wie der eilig herbeige­rufene Carol, der ihnen anhand der jüdischen Jahreszah­len auf den Steinen vorrechnete, dass es es sich hier um die makaberen Reste eines alten jüdischen Friedhofs aus der Regierungszeit Ludwigs des XII. handelte, diese Be­gräbnisstätte also dreihundert Jahre alt und längst ent­weiht war. Obwohl er sich entrüstet gab, beglückwünschte sich Carol doch zu diesem für ihn glücklichen Fund, den er für seine Zwecke nutzen konnte. Er hatte zwar über seine etwas zwielichtigen Freunde den Grundstückser­werb eingefädelt, war aber über den Friedhofsfund selbst überrascht, wie wahrscheinlich alle außer dem ehemaligen Besitzer, der auch ihm im Verborgenen geblie­ben war. Trotzdem geriet Carol in einige Verlegenheit, als er dem sich die Haare raufenden Ehepaar d’Arçon erklä­ren musste, warum die Arbeit schon nach fünf Tagen ruh­te. Die Dame des Hauses – ruhig neben ihrem Mann auf einer im Kaiserreich modischen Chaiselongue sitzend – hörte sich die Vorbringungen des Architekten aufmerk­sam an, dann sagte sie:

»Ob ihre Leute arbeiten wollen oder nicht, kann nicht un­sere Sorge sein, Monsieur Carol. Wir haben einen Vertrag und drängen auf seine Erfüllung. Sollte es aus welchen Gründen auch immer zu Verzögerungen kommen, sehen wir uns gezwungen, diese leidige Angelegenheit unseren Anwälten zu übergeben. Wir können einen Aufschub, auch im Anbetracht des nahenden Herbstes, nicht dul­den.« Carol verbeugte sich und er erkannte von neuem, mit wem im Hause Arçon er zu verhandeln hatte. Er lä­chelte sehr höflich.

»Selbstverständlich werden die Arbeiten fortgesetzt. Ich sehe mich jedoch gezwungen, neue Arbeiter in Vertrag zu nehmen. Da ich nach diesem Vorfall in Beauvais keine Männer finden werde, muss ich sie mir in der Hauptstadt besorgen. Die Arbeiter in der Stadt sind weniger aber­gläubisch, lassen sich diese weltgewandte Gesinnung al­lerdings teuer bezahlen. In der Folge bin ich außerstande, meinen Voranschlag der Kosten aufrecht zu erhalten. Mein Partner, Monsieur Escroq, wird Ihnen in den nächs­ten Tagen eine neue Schätzung überbringen.« Madame d’Arçon und der schmale Architekt maßen sich. Sie warf ihm einen ihrer gefürchteten Medusenblicke zu, aber Ca­rol hielt ihm gleichgültig stand. Sie wusste, dass der Ar­chitekt seine Rechnung in einem außerhalb seiner Verant­wortung liegenden Fall wie diesem erhöhen konnte und Carol war sicher, die Arçons würden ihn nicht vom Ver­trag entbinden, da sie trotz der unvermeidlichen Aufsto­ckung keinen Bauherren finden konnten, der ihnen billi­ger ein repräsentatives Stadthaus errichtete.

Er verabschiedete sich mit dem Versprechen, seine Fris­ten einzuhalten, entließ unverzüglich alle Arbeiter, die nicht Willens waren, ihre abergläubische Furcht zu über­winden. Dann suchte er den Oberrabbiner der Pariser Ge­meinde auf. Dort war nichts mehr von einem alten Fried­hof in Enfer bekannt, aber nach einer ordentlichen Spen­de des Architekten, die er Arçon in Rechnung stellte und die die Armen der Gemeinde unterstützen sollte, war man schnell einig, wie man die leidige Sache ohne größere Af­faire aus der Welt bringen konnte. Jüdische Arbeiter gru­ben in Anwesenheit mehrerer Rabbiner die sterblichen Überreste und Grabsteine ihrer vor so langer Zeit verstor­benen Volksgenossen aus und verbrachten sie in den Ge­meindefriedhof im Cementaire de Montparnasse. Dann besorgte Carol neue Arbeiter aus Stadtvierteln, die weit von der Rue d’Enfer entfernt lagen. Damit schien die un­erfreuliche Angelegenheit ausgestanden und die Arbeiten kamen zur Freude der Arçons gut voran. Escroqs neue Schätzung der Kosten belief sich nun auf glatt zweihun­derttausend Franc, dafür hatte er sich von den gewissen­haften Provinzanwälten von Hippolyte d’Arçon einen Ver­tragszusatz abringen lassen, nach dem er diese Zahl um höchstens zehn vom Hundert überschreiten konnte.

Madame Helga war damit zufrieden und ihre Aufmerk­samkeit ließ nach. Vielleicht wäre sie nachdenklich ge­worden, wenn sie geahnt hätte, dass die Partner Carol und Escroq in der nächsten Zeit fleißig seltsame Kontakte knüpften. Der Architekt reiste mehrmals nach Angoulê­me, wo er in bestem Einvernehmen mit dem großen und dem dicken Cointet, jenen hartnäckigsten und böswilligs­ten Konkurrenten der d’Arçons, zusammentraf. Und Es­croq wurde in etwas zweifelhaften Etablissements häufig in Henri Michots Begleitung gesehen. Der Papierfabri­kant und seine Frau ahnten jedoch nicht, dass sich ein Gewitter am Horizont zusammenzog, das den noch wol­kenlosen Himmel ihrer bürgerlichen Existenz bald ver­düstern sollte. Sie wussten nicht, dass sie der Mittelpunkt einer Intrige waren und erst ein leichtes Vorgeplänkel der Schlacht um ihr Vermögen geschlagen hatten.

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Das war die letzte Leseprobe aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans von meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden. Ich will hier noch einmal daran erinnern, dass heute der letzte Tag ist, an dem man meine E-Books zum Sommerrabattpreis von 0,99 € je Buch erwerben kann. Morgen kosten sie wieder mehr.

Nutzlose Menschen
Roman
226 Seiten, 7,99 €
Taschenbuch jetzt überall im Buchhandel
oder direkt bei mir
und demnächst auch als E-Book erhältlich

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (4)

  1. Pingback: Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (3) | Aber ein Traum ...

Ich würde mich freuen, wenn du einen Kommentar hinterlässt:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: