Aber ein Traum …

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Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (2)

Fortsetzung Leseprobe Nutzlose Menschen – Kapitel 4.2

Die deutschstämmige Madame Helga Arçon war mit einer Willenskraft beseelt, die sie, wäre sie ein Mann gewesen, längst zum Pair von Frankreich gemacht hätte. Obgleich sie intelligent, belesen und von angenehmen Umgangsfor­men war und als junge Frau wegen der Mitgift, die ihr Va­ter, der Generaleinnehmer in Beauvais war, in Aussicht gestellt hatte, als gute Partie bezeichnet wurde, gab es ei­nen entscheidenden Makel, der die ehrgeizige Frau daran hinderte, in den Salons Triumphe zu feiern und, wie es ihr Traum war, eine Madame d’Espard der Provinz zu wer­den, vielleicht gar mit Hilfe eines adligen Liebhabers oder Mannes Paris zu erobern: Madame Helga war hässlich; sie war sogar so hässlich, dass es selbst durch das Geld und Ansehen des Vaters nicht übertüncht werden konnte. Sie war dürr und groß aufgeschossen und hatte eine schlechte, nach vorn geneigte Körperhaltung, die sehr vie­le groß geratene Menschen, die sich beständig zu ihren kleineren Zeitgenossen herabbeugen müssen, entwickeln. Dabei hatte sie derbe, fleischige, immer gerötete Hände, die ihre Vorfahren, die Köhler im Schwarzwald gewesen waren, verrieten. Aus ihrem scharfen, dabei kinnlosen Ge­sicht sprang eine Raubvogelnase, die jeden erzittern ließ, auf den sie sie mitsamt ihrem strengen Blick richtete. Die Wangen spannten über den Backenknochen und zeigten aus der Nähe betrachtet ein Netz von kleinen blauen Adern. Ihre in aller Regel im Azurblau der Pairswürde ge­haltene Toilette trug sie immer nach dem, was man in Beauvais für die Pariser Mode hielt, sie wirkte an ihr je­doch wie eine zynische Travestie, denn ihr dünnes Haar blieb nie in Form und die Kleidung hing an ihrem mage­ren Körper wie die Lumpen, die ihr Mann zu Papier ver­arbeitete.

So wartete die Meduse der Provinz mit achtundzwanzig Jahren noch immer vergeblich auf ihren Bezwinger und hatte sich langsam mit dem Gedanken angefreundet, eine alte Jungfer zu werden, als ihr anlässlich eines Balles im Winter 1817 Monsieur Hippolyte Arçon vorgestellt wurde, der damals mit fünfunddreißig Jahren im besten Alter war und nach einer vorteilhaften Partie Ausschau hielt. Seiner von seinem früh verstorbenen Vater ererbten und hoffnungslos veralteten Papiermühle ging es schlecht und ihm fehlte die Erfahrung und vor allem das freie Kapital, seine Fabrikation zu modernisieren. Dieses Kapital jedoch erhoffte er aus einer Geldheirat zu gewinnen und er ließ sich aus diesem Grunde der Mademoiselle Helga vorstel­len, wurde jedoch wie alle anderen Freier vor ihm von ihrem Aussehen abgestoßen. Er fühlte sich unter ihrem Blick wie ein Kaninchen, das ein Adler fixiert hat. Made­moiselle Helga indes maß den jungen Mann aufmerksam und kam zu dem Ergebnis, dass ausgerechnet der kleine, unsichere und offensichtlich von einer festen Hand leicht formbare Fabrikant ihr Perseus war, durch den sie sich ei­nige ihrer Träume erfüllen konnte. Sie beschloss inner­halb weniger Momente, dass Arçon ihr Ehegatte würde. In den nächsten Wochen las sie alles, was sie über Papier­herstellung und dessen Vertrieb und Nutzung in die Hän­de bekommen konnte, dann überredete sie ihren Vater, Arçon zu einer intimen Abendgesellschaft einzuladen. Ob­wohl Monsieur Hippolyte eine dunkle Ahnung hatte, was für ein Schicksal ihm drohte, konnte er unmöglich ableh­nen, da er sich den Steuerinspektor geneigt halten muss­te. Mademoiselle Helga ergriff ihre Gelegenheit, verwi­ckelte den unfreiwilligen Freier in ein Fachgespräch, machte ihm deutlich, dass er ohne ihre Energie und ihre Mitgift einem Bankrott entgegen sah und nach nur zwei Stunden waren die beiden, ohne dass Arçon recht wusste, wie ihm geschah, verlobt und heirateten im darauffolgen­den Frühjahr.

Die Ehe der beiden wurde dennoch glücklich, da sie einan­der in seltener Weise ergänzten und sich die Eheleute durch Monsieur Hippolytes strengen Tagesplan selten sa­hen. Zudem fällt auch die größte Hässlichkeit nach einer gewissen Zeit der Gewöhnung anheim. Für ihre Zunei­gung spricht auch beider Tochter Simone, die 1819 das Licht der Welt erblickte und durch eine seltsame Laune der Natur eine Schönheit zu werden versprach. Madame Arçon steckte all ihre Energie in die Erneuerung der Pa­piermühle ihres Mannes, den sie dadurch reich machte, und anschließend in die Erziehung ihrer Tochter. Fast schien es, als hätte sie die ehrgeizigen Träume ihrer Ju­gend vergessen und obgleich sie realistisch genug war, um einzusehen, dass ihr in der Provinz selbst kein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg über das Großbürgertum von Beauvais hinaus vergönnt sein würde, da sie ihre einzige Trumpfkarte, ihren phlegmatischen Ehemann, völlig aus­gereizt hatte, wollte sie nun ihrer Tochter und damit na­türlich auch sich selbst den Weg in die höchsten Kreise ebnen. Es sollte Simone gelingen, was Madame Helga ob ihrer Hässlichkeit verwehrt geblieben war; sie würde den würgenden Gestank der Papierfabrik abstreifen, die Sa­lons des Faubourg Saint-Germain sollten sich vor ihrer Tochter verneigen und der Schwiegersohn würde zumin­dest ein Graf sein.

Madame Helgas erster Schritt war, einen Schreiber der Anwälte ihres Mannes eruieren zu lassen, ob sich nicht unter den zahlreichen Vorfahren von Monsieur Hippolyte einer fand, der einen klangvollen Titel getragen hatte. Die Aussicht auf eine der Höhe des Adels angemessene Beloh­nung ließ den gerissenen jungen Mann schnell fündig werden. Er entdeckte das Wappen des Chevaliers und Comtes von Arcionay, der allerdings nach den Urkunden im Jahre des Herrn 1356 nach der verlustreichen Schlacht bei Maupertuis im Feldlazarett ohne männlichen Erben verschieden war. Dieses unbedeutende Manko hin­derte die Madame Arçon nicht, sich von diesem Zeitpunkt an zum Amüsement ihres Gatten d’Arçon zu nennen und das Wappen derer von Arcionay von einem geschickten Steinmetz über dem Entrée ihres Hauses anbringen zu lassen. Monsieur Hippolyte kümmerte sich nicht weiter um diese, wie er meinte, kleine Marotte seiner Frau und gewöhnte sich im Verlaufe der Jahre selbst an, Verträge mit d’Arçon zu zeichnen. Nachdem nun die Mademoiselle Simone d’Arçon einen wohlklingenden Namen führte, musste sie auch angemessen erzogen werden und Ma­dame Helga legte ihre ganze Sorgfalt und Strenge in diese neue Aufgabe. Da sie sich ihrer provinziellen Manieren und Kenntnisse nur allzu sehr bewusst war, adlige Lebensart nur aus zumeist schlechten Büchern kannte, ließ sie im Quotidienne nach einer Erzieherin inserieren, der sie bei entsprechender Befähigung ein nicht unbedeuten­des Salär in Aussicht stellte. Schließlich gelang es ihr nach einer längeren Korrespondenz, Madame von Wze­renski aus dem Umkreis des Fürsten Adam Georg Czarto­ryski zu gewinnen. Sie war eine adlige, aber völlig ver­armte Exilpolin, die als Gouvernante hochgeachtet und bereits an der Erziehung der Töchter der Granvilles und der Navarreins mitgewirkt hatte. Diese durch und durch royalistische ältere Dame hatte in den zwar reichen, je­doch allzu bürgerlichen Haushalt des Papierfabrikanten nur gelockt werden können, weil sie sich durch die dritte Liquidation des Bankhauses Nuncingen ruiniert hatte und ihr Madame Helga ein Gehalt versprach, das sie ihre königstreuen Prinzipien vergessen machen half.

Hätte Arçon die tatsächlichen Kosten dieses Schrittes, die sich, da noch zusätzlich ein Mädchen für Simone in An­stellung kam, auf jährlich fünfzehntausend Franc belie­fen, erfahren, wären ihm die Haare zu Berge gestanden und er hätte sich mit aller Vehemenz, zu der er in selte­nen Fällen fähig war, gegen diesen, wie er meinte, überf­lüssigen Luxus verwahrt. Madame Helga wusste, dass sie bei ihrem oft wie Wachs formbaren Mann keine Einwilli­gung in diesen Personaleinkauf erreichen konnte, wenn sie ihm die Wahrheit sagte, denn es gab gewisse Dinge, bei denen an seine Zustimmung nicht zu denken war und er sich, je mehr sie in ihn drang, um so hartnäckiger ihren Wünschen verschloss. Nur zu genau konnte sie sich daran erinnern, wie er sich im ersten Jahr der gemeinsamen Ehe geweigert hatte, das Boudoir nach ihren Vorstellun­gen von Schinner gestalten zu lassen. Es war das erste Mal, dass sie bei ihrem Gatten auf Widerstand getroffen war und sie hatte begreifen müssen, ein von Hippolytes Arçon einmal ausgesprochenes Nein war dann endgülti­ges, wenn es Ausgaben betraf, die über seinen gesell­schaftlichen Status hinausreichten. Er ließ die Räume sei­ner Frau zwar ausmalen, beauftragte dazu allerdings ei­nen billigen, weil unbedeutenden Genremaler aus Ami­ens, dessen Vorliebe für Schwäne und wohlbeleibte Nym­phen Madame Helga so lange Seufzer entlockte, bis sich ihre Augen an den scheußlichen Anblick gewöhnt hatten. Das Engagement der Madame von Wzerenski hätte der Hausherr also zu diesen Kosten niemals akzeptiert und deshalb blieb der Madame Helga nichts anderes übrig, als ihren Gatten zu belügen und einen Teil des vereinbarten Gehaltes aus dem eigenen Portefeuille zu bezahlen. Sie veräußerte deshalb heimlich den größten Teil ihres von der Mutter ererbten Familienschmucks, der ihr allerdings statt der erhofften einhunderttausend Franc nur fünfund­sechzigtausend erbrachte, die aber ihrem Vorhaben voll­kommen genügten. Ihrem Mann gestand sie anstelle der vereinbarten zwölftausend Franc für die Erzieherin nur die Hälfte ein, was ihm noch immer überteuert erschien, die er aber ohne Murren bezahlte, als sie ihm glaubhaft versicherte, wie günstig dieses Salär für eine angesehene Erzieherin aus Paris sei. Es war der erste Sündenfall von Madame Helga, sollte aber nicht der einzige bleiben. Noch ein weiteres Versprechen gegenüber der Polin – nämlich so bald als möglich nach Paris umzusiedeln – wurde dem Gatten unterschlagen. Er sollte vorsichtig und langsam darauf vorbereitet werden.

Madame von Wzerenski machte der Dame des Hauses bald deutlich, dass es mit einer guten Erziehung Simones allein nicht getan war, es dringend von Nöten war, einen Salon zu führen, in dem die Tochter sich bewegen und er­proben konnte. Mit diesem Wunsch sprach sie der Ma­dame Arçon aus der Seele, hatte sie doch vor geraumer Zeit selbst vergeblich versucht, eine vornehme Abendge­sellschaft zu gründen. Es war ihr nicht gelungen, da die gute Gesellschaft von Beauvais unter sich blieb und sich allabendlich bei der Gräfin de Gignaux traf. Mit der adli­gen Polin hatte sie allerdings eine Person an der Seite, die einen neuerlichen Versuch lohnend erscheinen ließ. Zu­erst wurden Schritte unternommen, Abbé Rouge, den durchaus weltgewandten Geistlichen der Kathedrale von St. Jacques, der auch im Salon der Gräfin verkehrte, zu gewinnen. Madame Helga ließ deshalb ein Wohltätigkeits­ball zugunsten der Armen der Gemeinde ausrichten. Die Aussicht auf eine reiche Kollekte verlockte den Abbé und er brachte einige angesehene Persönlichkeiten in Mon­sieur Arçons Haus. Unter ihnen war sogar die in äußers­ter Zurückgezogenheit lebende, altruistische Mademoisel­le Victorine Taillefer, eine hübsche und gebildete, aber sehr melancholische und schweigsame Tochter aus der ersten Ehe des kürzlich verstorbenen Bankiers Jean-Frédéric Taillefer, dessen beachtliches Vermögen sie ge­erbt hatte. Der Ball war ein Erfolg, der den Papierfabri­kanten eine Jahresrente kostete; er bezahlte allerdings bereitwillig, weil es seinem Ansehen und seiner Kredit­würdigkeit nutzte, wenn die gute Gesellschaft in seinem Haus verkehrte. In der darauffolgenden Zeit lief der Salon gut an, bald war jedoch seine Neuheit abgenutzt und nicht zuletzt wegen des entsetzlichen, an einen Höllen­schlund erinnernden Gestankes der Papierfabrikation, an den sich nur gewöhnen konnte, wer sein Leben in ihrer Nähe verbrachte, kehrte man zur Gräfin de Gignaux zu­rück, deren Räumlichkeiten über Wochen verwaist gewe­sen waren. Es blieben der Madame Helga, die in ihrem Hause täglich Räucherwerk abbrennen ließ, allerdings eine Handvoll Leute; zumeist neureiche Bürger gleich ihr, die bei der Gräfin keinen Einlass fanden, sporadisch auch der Abbé und ein paar junge Männer, die sich in die be­reits mit sechzehn Jahren zur Schönheit gereiften Tochter des Hauses versehen hatten. Unter ihnen war der Sohn des Notars Bichet, der ernste, schwindsüchtige Architekt und Bauherr René Carol und, als besonderes Schmuck­stück der Abendgesellschaft, der junge Baron de Ravoil, der den Glanz des Adels in das Haus der Arçons brachte.

Die Jahre vergingen und unter der Hand ihrer Gouver­nante, die beständig ein parfümiertes Tuch oder ein Riechfläschchen in den Händen hielt, entwickelte sich Mademoiselle Simone zu einer Schönheit mit den tadello­sen Manieren einer Adligen. Der Ruf ihrer Schönheit ver­breitete sich schnell in der Provinz. Mademoiselle Simone hatte zwar die Größe ihrer Mutter geerbt, trug diese aller­dings aufrecht und stolz; ihr flammend rotes Haar, ihr bleicher Teint, der wundervolle Schwung ihrer Taille, all diese äußerliche Makellosigkeit war gepaart mit vollende­ten Umgangsformen, die sie mit spielerischer Leichtigkeit trug. Diese glänzende Hülle machte aus ihr ein Juwel, das nur der leichte Einschluss von Arroganz ein wenig trübte. Dieser jedoch war verständlich, wenn man ins Urteil nahm, wie sehr das Mädchen ihre Altersgenossinnen in und um Beauvais übertraf und wie sehr sie von allen Sei­ten behütet und gehegt wurde. Zudem wurden ihr die Er­folge im Salon der Mutter allzu einfach gemacht. Hinter jener perfekten Hülle, die Mademoiselle Simone zur Schau trug, verbarg sich jedoch – Nichts. Sie war eine lee­re, stumpfe Maske, dumm wie eine Magd und dabei einge­bildet, war sie doch der vielen jungen Mädchen gemeinsa­men Ansicht, dass niemandes Sphäre erhaben genug sei, die Vortrefflichkeit ihrer Seele begreifen zu können. Davon wusste allerdings nur Madame von Wzerenski, die ihren Schützling so vollkommen mit auswendig gelernten Umgangsformen und immer gültigen Konversationsbro­cken ausgestattet hatte, dass sie sicher sein konnte, die junge Frau würde selbst einen erfahrenen Lebemann aus den Salons des Faubourg Saint-Germain für die Dauer ei­ner köstlichen Abendunterhaltung bezaubern und täu­schen können. Viel länger jedoch hätte diese Wirkung des schönen Scheins nicht angehalten, denn Mademoiselle Si­mones Repertoire geistvoller Repliken und Bonmots war begrenzt. Außer der Polin erahnte nur die Mutter etwas von der ererbten köhlerhaften Borniertheit der Tochter, die diese aber nicht wahrhaben wollte. Der Rest ihres Umganges, der Vater eingeschlossen, war von dem schö­nen Mädchen hingerissen. Er verzieh ihr deshalb die im­mer häufiger und teurer werdenden Rechnungen der Schneider, Hutmacher und Dekorateure, die ihn zwangen, einhundertfünfzigtausend Franc seines verzinsten Kapi­tals ihrer Schönheit zu opfern. Dies ließ seine jährliche Rente auf einunddreißigtausend Franc schmelzen, die da­mit jedoch noch immer weit über seinen Ausgaben lag und seinen Reichtum mehrte.

Solcherart war der Stand der Dinge, als es Madame Helga für dringend an der Zeit befand, ihren Mann auf den Plan, nach Paris umzusiedeln, vorzubereiten. Da die Tausend­zahl der weiblichen Finten, Schmeicheleien und Einflüste­rungen den Leser ermüden würden und er sie, so er denn vermählt ist, sicher schon aus eigener Anschauung zur Genüge kennt, soll im Interesse des Fortgangs der Ge­schichte nur erwähnt werden, dass die gemeinsamen Ein­redungen von Mutter, Tochter und Erzieherin nach einem hartnäckigen, über ein ganzes Jahr hinweg geführten Kampf endlich von Erfolg gekrönt waren. Monsieur Arçon ergab sich gleich einer lang belagerten Festung und be­gann, sich in den guten Vierteln der Hauptstadt nach ei­nem Grund umzusehen. Dies geschah zu einer Zeit, in der die Gewinne aus der Papierfabrik spärlicher flossen, da die Konkurrenz Monsieur Hippolytes technischen Vor­sprung längst aufgeholt hatte und teilweise mit moderne­ren Trockenwalzenmaschinen produzieren konnte. Der Fabrikant hatte eigentlich im Sinne gehabt, das ange­sparte Geld in bestem kapitalistischen Sinne erneut zu in­vestieren; ein dringend notwendiger Schritt, wenn er wettbewerbsfähig bleiben wollte. Deshalb wehrte er sich tapfer gegen den Bau eines Palais in Paris, war aber, da ihn der Gedanke, in der Hauptstadt zu residieren, schmei­chelte, viel zu nachgiebig, um auf seinen Plänen zu behar­ren. Er war aber fest entschlossen, den Bau so billig als ir­gend möglich auszuführen. Da kam ihm jenes Grundstück in Enfer wie ein seltener Glücksfall, da es nicht nur güns­tig gelegen, sondern auch ungewöhnlich billig angeboten wurde. Für die insgesamt sechsundfünfzigtausend Franc, die ihn das Gelände kostete, musste er nicht einmal seine stillen Reserven angreifen. Dabei übersah er gerne, dass der bisherige Besitzer nur durch eine unleserliche Unter­schrift auf dem Kaufvertrag und durch ein Konsortium unter der Federführung des Bankhauses Keller vertreten wurde.

Monsieur Arçon wollte selbstverständlich so bald als mög­lich zu bauen beginnen; er erhielt auch schnell durch freundliche Zuwendungen an die zuständigen Beamten die erforderlichen Genehmigungen der Ämter, musste dann allerdings entsetzt feststellen, dass die Errichtung eines repräsentativen Hauses in Paris nach seinen Vor­stellungen seine finanziellen Mittel deutlich überstieg. Lange suchte er nach einem Architekten, doch die be­kannten wie Grindot oder Vale-Noir schienen ihm nicht nur nicht bezahlbar, sondern ihre Entwürfe auch zu ge­wagt. Die Schätzungen der Pariser Baufirmen über die Kosten hätten Monsieur Arçon zudem fast dazu gebracht, von seinen Plänen Abstand zu nehmen, wenn ihm nicht seine Frau die Lösung seiner Probleme in einer Person präsentiert hätte, mit der er mehrmals in der Woche in den Soireen seiner Gattin zusammentraf, ohne sich je­mals weiters Gedanken über sie gemacht zu haben. Es war René Carol, Architekt und Bauherr in einer Person, der Monsieur Hippolyte anbot, sein Pariser Palais für ein­hundertfünfzigtausend Franc zu bauen und dem Fabri­kanten nach kurzer Zeit einen Grundriss präsentierte, der in seiner großzügigen Schlichtheit gefiel. Zwar lag der Kostenvoranschlag noch immer weit über Arçons Vorstel­lungen, wurde aber akzeptiert, weil kein günstigeres An­gebot gemacht werden würde.

[Zum 3. Teil der Leseprobe …]

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Heute und in den nächsten Tagen gibt es noch einmal eine Leseprobe; diesmal aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac geschrieben, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden.

Nutzlose Menschen
Roman
226 Seiten, 7,99 €
Taschenbuch jetzt überall im Buchhandel
oder direkt bei mir
und demnächst auch als E-Book erhältlich

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Ein Gedanke zu „Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (2)

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