Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (1)

Nutzlose Menschen
Roman
226 Seiten, 7,99 €
Taschenbuch jetzt überall im Buchhandel
und demnächst auch als E-Book erhältlich

*

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Heute und in den nächsten Tagen gibt es noch einmal eine Leseprobe; diesmal aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac geschrieben, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden.

Vergleicht man das Leben dieser Generation, der es ver­gönnt ist, die Mitte unseres Jahrhunderts zu erleben, jene fünf Dekaden, die an historischen Ereignissen und bedeu­tenden Menschen reicher sind als das christliche Jahrtau­send vor ihnen, mit den Vitae unserer Eltern und Großel­tern, so kann man leicht dem Eindruck verfallen, die Ge­schichte, ja, selbst die Zeit, würde immer geschwinder ei­len. Sie ist durchaus vergleichbar einer Spule mit Garn, deren Drehung sich, je mehr vom Faden abgespult wird, beschleunigt. Ohne diesen Vergleich zu sehr zu bemühen, kann der Gedanke Furcht um die nicht mehr allzu ferne Zukunft erwecken, in der der letzte Rest Garn von der Spule gelaufen ist. Am Rande bemerkt, wird auch von dem künstlerischen Genius gefordert, sich der Akzelerati­on der Zeit anzupassen und die Werke seiner Imagination immer schneller vor das Publikum zu tragen. Wen nimmt es da Wunder, wenn die Sonne der Kultur um so eiliger sinkt, je mehr sie sich dem Horizonte nähert!

Einst währten die Konstitutionen von Staaten Jahrhun­derte, heute zählen wir ihr Dasein in Jahrzehnten, bald vielleicht in Monaten oder Wochen. Doch nicht nur das Schicksal der Staaten ist jener magischen Beschleunigung unterworfen, sondern auch das tägliche Leben eines je­den. Durch die zunehmende Mechanisierung der Arbeit ist nicht nur ein neuer Stand, das Industrieproletariat, entstanden, sondern auch eine erschreckende Schnellle­bigkeit der Moden und des Konsums.

Und so ist auch das Leben des Einzelnen reicher gewor­den an Ereignissen, unsere Tage gleichen einem bewegten Strudel, der uns mit sich reißt. Niemand kann mehr gu­ten Gewissens behaupten, er sei Herr und Schmied seines Geschickes, selbst das Genie wird mit dem mächtigen Strom Leiber davon getrieben, der alle gleich macht und früh in die Gräber schwemmt. Nur ganz selten gewähret man uns einen Augenblick der erschöpften Ruhe, holt un­ser Leben gleichsam Atem. Dann hebt sich unser Blick über das Alltägliche hinaus und schaudernd sehen wir die Fesseln, die uns an unsere Mitmenschen binden, jene kaukasischen Ketten, die die Schicksale auf das Merk­würdigste miteinander verweben. So wird die beliebige Geschichte eines Einzelnen, willkürlich herausgerissen aus der Masse und an das Licht der Öffentlichkeit ge­zerrt, zum Paradigma für die Zeitläufe unseres irrsinns­kranken Jahrhunderts.

Nun will ich dich bei der Hand nehmen, mein Leser, der du bis jetzt geduldig meinen Worten gefolgt bist, auch wenn sie deiner Lebenserfahrung vielleicht widersprochen oder gar deinen Unwillen erregt haben. Ich will dich hin­aus auf die Straßen von Paris führen, es gibt keine Stadt des Erdkreises, die wie diese geeignet ist, meine Thesen zu stützen, denn die eine Hälfte der Gesellschaft ver­bringt ihr Leben damit, die andere Hälfte zu beobach­ten.

Schlendern wir darum gemeinsam den Boulevard des Ita­liens an der Oper vorbei und wenden uns nach rechts in die Rue de Richelieu, die uns zu den Tuilerien leiten wird. Sehen wir den Vorüberkommenden in die Augen, suchen wir uns gemeinsam einen aus der Masse der vierzehnhun­derttausend Individuen heraus, die die Straßen dieser Stadt mit ihren Schicksalen bevölkern und ich werde dir von ihm erzählen, eine Geschichte, die zugleich die Ge­schichte aller ist.

Wie denkst du über diesen buckligen Arbeiter, mein Le­ser? Er geht die Straße eilend und gebeugt, denn die Fron in der Kattunfabrik hat ihn vor der Zeit gebrochen. Ihn plagen schwere Sorgen, denn von seinem kargen Hand­lohn kann er seine vielköpfige Familie nicht nähren. Oder interessiert dich eher diese schöne Dame, die starr gera­deaus sehend in ihrer Kutsche sitzt und nicht der Blicke und Grußworte achtet, die ihr von den Boulevards zugeru­fen werden. Es ist Madame de A., eine respektable, ver­heiratete Frau. Sie befindet sich auf dem Weg zu ihrem Geliebten, der ihren Mann ruinieren wird. Und hier, die­ser feine, ältere Herr, der sich angeregt mit einem jünge­ren unterhält: Beide sind sie Advokaten, sie bereden den Bankrott des Barons B. Der hohlwangige Mann, der an ihnen vorübergeht, ist auf dem Weg zum Pfandleiher, um seinen Rock zu versetzen. Er ist ein erfolgversprechender Theaterautor, doch eine unglückliche Leidenschaft zu ei­ner Tänzerin, die der Zeitvertreib des Bankiers C. ist, hat ihm das Mark aus den Knochen gesogen. Er hat seit Ta­gen nichts gegessen und gerade seinen letzten Franc in der Spielbank verloren.

Aber ich sehe, mein Leser, dass dein Blick zuletzt jeman­den gefunden hat, dessen Roman dein Interesse lohnen wird. Wir wollen ihm folgen und sehen, wohin er uns führt:

An einem schwülen Abend im Spätsommer des Jahres 1846 ging ein junger Mann von der Pont Neuf kommend durch die Straßen des rechts der Seine gelegenen, bürger­lichen Quartier d’Enfer im XII. Arrondissement. Obgleich er langsam und wie zögernd ging und nach dem Augen­scheine ohne Ziel war, glich er doch in Art und Kleidung keineswegs den abendlichen Flaneuren, bei denen er viel Aufsehen erregte. Nicht wenige verharrten einen Schritt hinter ihm und musterten neugierig seinen Rücken, nach­dem er achtlos an ihnen vorübergegangen war. Die auf­merksamsten Blicke schenkten ihm dabei die Bürgers­frauen, die ihre heiratsfähigen Töchter spazieren führten, während ihre Männer neben ihnen, sich nachdenklich am Hinterkopf kratzend, nach einer Erinnerung sannen und die Töchter selbst, wie durch eine unziemliche Annähe­rung verwirrt, erröteten und ihre Blicke auf das Trottoir senkten. Der junge Mann zeigte sich von dem Aufsehen unbeeindruckt und schien auch nicht zu bemerken, wie aufdringlich er immer wieder geprüft wurde.

Diese Blicke fanden ihren Grund in der außerordentlichen Schönheit des jungen Mannes, der ein glattes, ebenmäßi­ges Gesicht und eine hohe, feste Stirn besaß. Seine blas­sen, feinsinnigen Züge kontrastierten auf das Angenehms­te mit seinem schwarzen, gelockten Haar, das die südlän­dische, wahrscheinlich italienische Abstammung zumin­dest eines seiner Elternteile nicht verbergen konnte. Als Knabe hätte er sicherlich für Caravaggios Jüngling mit dem Früchtekorb Modell stehen können. Nur die etwas zu breiten Lippen und die scharfen Kanten der Nasenflügel, die er mit dem tatsächlichen Modell des genialischen Ma­lers gemein hatte, störten den Eindruck eines zarten, ver­geistigten Jünglings etwas und hätten einem Anhänger der Lehre Lavaters mitgeteilt, dass hinter diesem sanften Äußeren auch ein gerüttelt Maß Leidenschaftlichkeit und Energie zu finden waren. Man hätte ihn nach seinen Ge­sichtszügen und seiner edlen, geraden Körperhaltung leicht für einen der adligen, vom Glück besonnten Jüng­linge des Faubourg Saint-Germain halten können, den der Zufall oder ein Liebesabenteuer in das bourgeoise Viertel d’Enfer geführt hatte, wenn nicht sein Anzug eine andere Geschichte erzählt hätte. Er war zwar ordentlich und sau­ber gebügelt, aber längst aus der Mode gekommen und nicht zum ersten Mal gewendet. Sah man näher hin, so konnte man die durch sorgsame Behandlung mit Wäsche­farbe verborgene Abnutzung von Ellenbeugen und Knien erkennen, die auf eine Armut schließen ließ, die sich ihrer selbst schämte und uneingestanden bleiben wollte.

Einem aufmerksameren Beobachter, als es die Bürger von Enfer waren, wären die von schweren Gedanken niederge­drückten Augenbrauen und die blicklosen, kohlschwarzen Augen, deren Feuer im Moment nur zu erahnen war, auf­gefallen und er hätte erkannt, welch gramvolle Sorgen den jungen Mann pressten. Auch sein scheinbar so ziello­ser Schritt hätte einem solchen Menschenkenner nicht verborgen, wie gut der Jüngling seine Umgebung kannte, sie aber lange nicht mehr erblickt hatte und es ihm nun ein schmerzvolles Wiedersehen, ein Golgathagang war, an dessen Ende ein Mensch oder ein Ereignis auf ihn warte­ten, deren er sich fürchtete. Wäre einer der Spaziergänger durch den Weg des jungen Mannes so neugierig geworden wie der amerikanische Dichter Poe auf den Massenmen­schen und wäre ihm gleich jenem unauffällig gefolgt, hätte er festgestellt, dass der Jüngling um einen nur ihm bekannten Ort im Viertel weite, aber langsam enger wer­dende Radien zog, gleich einer Motte, die sich von dem Licht einer Kerze angezogen fühlt, das sie zugleich durch ihre Hitze abschreckt.

Als spät die Dämmerung hereinbrach, die wenigen Stra­ßenlaternen entzündet und die Spaziergänger und die Einspänner seltener wurden, blieb der Jüngling schließ­lich unsicher gegenüber eines breiten Hauses stehen, das eine Ecke der Kreuzung der Rue d’Enfer mit der schmalen Rue Mesonge bildete. Als er mit einem schnellen Blick die im Eingang dösende Concierge entdeckte, trat er eilig zu­rück in das Dunkel des weit in die Straße reichenden Er­kers des Hauses in seinem Rücken, zog den Hut in die Stirn und sah angestrengt hinüber zu dem Gebäude, hin­ter dessen Fenstern im Moment nur wenige Lichter brannten. Er versuchte dort vielleicht die Bewegung einer ihm bekannten Person zu erhaschen, seine Hand hob sich und er wischte eilig eine Träne aus einem Augenwinkel. Wie von einem kalten Fieber ergriffen zitterte der junge Mann nun trotz der Hitze der Sommernacht, die sich in den Gassen staubig gestaut hatte und er flüsterte fast un­hörbar ein kurzes Stoßgebet.

Welches schreckliche Geheimnis barg nun dieses Gebäu­de?

Es ist für das Verständnis des Lesers nicht unerheblich, Näheres über die erstaunliche Geschichte des Hauses und seiner Bewohner, die für lange Zeit das Gesprächsthema der Bürger des Viertels gebildet hatte, zu erfahren. Das unscheinbare, respektable Bauwerk war eines jener schmucklosen neuen Häuser, die heute in zunehmendem Maße das Stadtbild der bürgerlichen Viertel von Paris verunzieren und von spöttischen Journalisten gerne als Kassettenkommoden bezeichnet werden. Die breite, glatte Fassade wurde in regelmäßigen Abständen von Fenstern durchbrochen und nur ein einzelner, von milde lächelnden Titanen getragener Balkon über dem schmucklosen Tor milderte etwas den trostlosen Eindruck des dreistöckigen Gebäudes. Dieser Stil brechende, zum häufigem Spott der Vorübergehenden Anlass gebende Alkoven dankte seine Existenz sicher nicht einer Laune des Architekten, son­dern dem Geschmack des Bauherrn, dessen provinzielle Herkunft damit zur Genüge belegt ist.

Während dem Kaiserreich und der Restauration war hier noch ein verkommenes, notdürftig eingezäuntes Grund­stück gewesen, dessen hinterer Rand an den Park der Ma­ternité in der Rue de la Caille grenzte, in dessen Büschen die Gassenjungen spielten und sich des Nachts allerlei Gesindel umhertrieb. Die Besitzverhältnisse lagen im Dunkel und niemand hatte weiters Interesse an dem ver­kommenen, etwas unheimlichen Gelände. Die Bürger wechselten die Straßenseite, wenn sie ihre Wege an dem Grund vorüberführten. Nur die ältesten Anwohner konn­ten sich erinnern, dass im hinteren Teil des Grundstücks einmal eine kleine, baufällige Kapelle gestanden hatte, die in der Zeit des Direktoriums kurz als Waffenlager der Bürgerwehr diente, bis man sie eines Tages abriss, weil ein Dachträger herabgestürzt war.

Als dann mit Lois Philippe viele der bourgeoisen Fabri­kanten zu Reichtum kamen und begannen, in Immobilien zu spekulieren, wurde im Jahre 1836 plötzlich auch dieses so lange Zeit brach gelegene Stück Grund über den An­walt Derville zum Verkauf feilgeboten, wobei der ur­sprüngliche Besitzer sein Inkognito zu wahren wusste. Gekauft wurde es von dem Papierhersteller Hippolyte Arçon aus Beauvais, jener hochberühmten, geschäftigen Stadt, die nördlich von Paris auf halbem Wege nach Ami­ens liegt und bekannt für die dort ansässigen königlichen Gobelinwebereien ist.

Monsieur Arçon suchte bereits seit geraumer Zeit einen günstigen Grund in Paris, auf dem er für sich und seine Familie ein Stadthaus zu bauen gedachte. Dieser wohlbe­leibte und phlegmatische Monsieur Arçon, der den Typus des kleinbürgerlichen Fabrikanten, der durch die wach­sende Industrialisierung unter Lois Philippe zu Reichtum kam, aber in seiner bourgeoisen, eingeschränkten Verhal­tensweise verharrte, perfekt repräsentiert, ist eine aus­führlichere Beschreibung wert.

Die papierherstellende Industrie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts einen gewaltigen Aufschwung genommen, der hauptsächlich durch Erfindung der Papiermaschine durch Lois Robert im Jahre 1799 und ihrer Weiterent­wicklung durch die Engländer Bryan Donkin und Cromp­ton verursacht ist. Durch sie allein ist es möglich, den ge­wachsenen Markt unseres bürgerlichen Zeitalters an Druckwerken aller Art zu befriedigen. Was früher in einer Papiermühle auf mehrere Dutzende von Handgriffen beim Schöpfen, Gautschen, Legen und Trocknen des Papiers verteilt war, wird heute in die fließende Arbeit einer fort­laufenden Maschinenkette übertragen, die den Haderbrei selbständig auf die Siebform gießt, trocknet, zerlegt, auf Rollen wickelt und als gebrauchsfertiges Papier entlässt.

Die Papiermühle des Monsieur Arçon in Beauvais, die er im Jahre 1820 durch die Mitgift seiner Frau vollständig modernisiert hatte, indem er als erster Fabrikant in der Picardie eine Papiermaschine der Gebr. Köchlin aus dem Elsass erwarb, produzierte um 1835 für die großen Dru­ckereien in Paris jährlich etwa viertausendfünfhun­dert Zentner geleimtes, hochwertiges Buch- und Kupfer­druckpapier und beschäftigte sechzig Arbeiter. Durch die­se Investition war es Arçon gelungen, seine Hauptkonkur­renten, die Brüder Cointet, jene Hyänen des Kapitalis­mus, die zudem ein qualitativ schlechteres, mit Pflanzen­fasern versetztes Papier herstellten, aus dem Felde zu schlagen. 1836 besaß Monsieur Hippolyte ein Kapital von sechshunderttausend Franc, das er verzinst hatte und das ihm eine jährliche Rente von zweiundvierzigtausend Franc bescherte. Sein schuldenfreier Grund und seine Produktionsanlagen waren zusätzlich noch etwa fünfhun­derttausend Franc wert.

In der Provinz, in der jedes Livres doppelt zählt, zum Mil­lionär geworden, machte Monsieur Arçon zuerst keine An­stalten, seine Lebensweise zu ändern. Er wohnte in einem alten Backsteinhaus direkt am Fluss Thérain auf seinem Mühlengelände, das mit seiner Tochter Simone bereits die vierte Generation Arçons beherbergte und er hatte lange Zeit keine Veranlassung gesehen, umzuziehen, da er in Beauvais für seine Lebenshaltung jährlich nur etwa acht­zehntausend Franc verkonsumieren musste, um in der Gegend als ein reicher und verschwenderischer Mann wohl angesehen zu sein.

Jeden Morgen stand er gegen fünf Uhr auf, kleidete sich an und nahm ein kleines Frühstück zu sich. Dabei stu­dierte er bereits die Produktionszahlen des vergangenen Tages, die ihm sein Sekretär Henri Michot im Morgen­grauen zu bringen hatte. Der Angestellte, ein dürrer, spitznasiger und kahler Mann, verharrte stehend vor Monsieur, der einen kalten Milchkaffee trank und eifrig auf einem dünnen Schmalzbrot kaute, ein Mahl, das die Haushälterin bereits am Abend vorbereitete. Dabei schüt­telte Arçon jeden Morgen missbilligend den Kopf, selbst wenn er, was allerdings selten geschah, mit den Ergebnissen des Vortages zufrieden war. Schließlich sah er auf und seinem Sekretär lange und vorwurfsvoll in die Augen.

»Strengen Sie sich mehr an, mein lieber Michot.« sagte er dann ernst. Damit reichte er die Unterlagen zurück und entließ den düsteren, blatternarbigen Angestellten. Diese Aufforderung, die er sich vor ein paar Jahren zur Ermun­terung ausgedacht hatte, wiederholte er jeden Morgen und Michot, der wie alle Sekretäre ein Gauner war, ver­neigte sich ebenso prompt, ging und tat seine Arbeit für Arçon so gut wie nötig und für sich selbst so gewinnbrin­gend wie möglich. Monsieur Hippolyte war nicht so naiv, dass er nicht wusste, dass er von seinem Sekretär betro­gen wurde, aber dessen Bevorzugungen von gewissen Lumpenhändlern und andere unbedeutende Gaunereien schmälerten seine Gewinne kaum und ihm war ein klei­ner Dieb, den er unter Kontrolle hatte und der im übrigen seine Arbeit tat, lieber als die Suche nach einem neuen Angestellten, bei dem er nicht sicher sein konnte, dass er nicht vom Regen in die Traufe geriet.

An allen Tagen außer dem Sonntag, an dem er später am Tag mit seiner Familie die Messe in der Kirche Saint-Éti­enne besuchte, las er nach seinem kargen Frühstück ein paar Zeilen in der Familienbibel, dem einzigen Buch, das der Papierfabrikant außer seinen Kontenbüchern jemals in die Hände nahm. Obwohl er gläubiger Katholik war, las er seine Lektüre nur oberflächlich, lauschte vielmehr in Besitzerstolz auf die Geräusche seiner Fabrik; auf das einsetzende, gleichmäßige Stampfen seiner Maschinen und das Kreischen der Holländer genannten, länglichen Tröge aus Gusseisen, in denen der wasserverdünnte Fa­serstoff um eine in der Mitte angebrachte Scheide kreiste, gemahlen und anschließend mit Leim versetzt wurde. In Gesprächen verglich er sich gerne mit einem Arzt, der auf den Organismus eines Patienten lauscht, denn er hatte über die Jahre hinweg ein sicheres Gehör dafür entwickelt, wenn in der Papiermühle etwas nicht seinen gewohnten Gang nahm.
Wenn sich dann das Rumpeln der Wagen der Haderlum­penhändler näherte, erhob er sich von seinem Platz, klopf­te an das Boudoir seiner Frau Helga, wünschte ihr durch die Tür einen guten Tag und verließ das Haus, um die an­gelieferte Ware zu prüfen. Bis zwei Uhr war er auf dem Gelände unterwegs und keiner seiner Arbeiter konnte si­cher sein, dass nicht Monsieur Hippolyte hinter ihm stand, seine Arbeit kontrollierte und mit Hand anlegte. Arçon war bei seinen Leuten beliebt, weil er gut zahlte, in Not gekommene Arbeiter und ihre Familien unterstützte und einen Fond für diejenigen unter ihnen eingerichtet hatte, deren Lungen durch das jahrelange Atmen des zum Papierbleichen benutzten Chlors zerstört waren. Sein auf­dringliches Nachspionieren wurde deshalb allgemein als Fürsorge interpretiert. Seine Sorge um die Arbeiter hatte außer seiner christlich-barmherzigen Einstellung noch ei­nen anderen, handfesteren Grund: Er hatte im Juli 1830 in Lyon zufällig mit eigenen Augen gesehen, dass aufge­brachte Weber ihren Fabrikherren an einem Webstuhl er­hängt hatten und jenes Ereignis hatte ihn einen gewissen Respekt im Umgang mit dem Proletariat gelehrt.

Seine Nachmittage verbrachte Monsieur Hippolyte in der Buchhaltung in seinem Bureau, dessen Fensterfront aller­dings auf die Hauptwege des Geländes zeigte und so ho­ben sich seine Blicke oft von den Frachtpapieren und Ver­trägen, um mit Besitzerstolz seine Fabrik zu begutachten. Hier nahm er auch eine Suppe und seine Familie sah ihn erst am Abend, wenn er gegen sieben Uhr heimkehrte, eilig dinierte und dann mit ein paar örtlichen Honoratioren um ein paar Livres Boston spielte. Dieses Spiel war die einzige Leidenschaft, die er kannte. Die Wechselfälle des Kartenglücks konnten dem Fabrikanten bemerkenswerte Wutanfälle entlocken, die man hinter seiner alltäglichen Haltung, die der eines Epiktet ohne Weisheit gleichkam, nicht vermutete. Die Ausnahme zu diesem Tagesplan lie­ferte der Sonntag, an dem er wie erwähnt die morgendli­che Messe besuchte und anschließend mit Frau und Toch­ter Ausflüge zu Verwandten und Bekannten im Umland machte. Wenn es nach Monsieur Arçon gegangen wäre, hätte dieses behaglich eingerichtete Leben kein Ende ge­nommen, aber er hatte nicht mit dem Willen seiner Frau Helga gerechnet, dem er völlig unterworfen war.

[Zum 2. Teil der Leseprobe …]

Einzelbeitrag-Navigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: