Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Bei den Großeltern (Ein Roman-Fragment) – Teil 2

Ein weiterer Ausschnitt aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Bei den Großeltern

3. Der Großvater

Ein herausragender Be­standteil im Leben der Großeltern war ihre strenge, an Balzacs Grandet erinnernde Sparsamkeit, um nicht zu sa­gen, ihr Geiz; die beiden hatten sich über magere Jahre ei­nen spartanisch kargen Lebensstil angewöhnt und ihn auch, als man sie mit Fug begütert nennen konnte, nicht abgelegt. Kleidung wurde ewig getragen, Verschlissenes immer wieder repariert, den Garten ließ man in heißen Sommern vertrocknen, um Wasser zu sparen. Die Speisen waren einfach und billig, die gekochte Kartoffel stand im Mittelpunkt des Menüplans, Gewürze waren praktisch un­bekannt, Eier konnte man nur im Kuchen finden. Getrun­ken wurde zweimal am Tag, nämlich morgens dünner Kaf­fee und am Abend Bier oder Saft. Den Höhepunkt der De­kadenz bildeten ein abendliches Glas selbst gekelterten Obstweines und vielleicht ein paar Pralinen; wobei sich der Großvater an einem kleinen Stück Schokolade stundenlang verlustieren konnte. Ihn zu beobachten, wie er etwas Sü­ßes aß, gab dem Begriff »Genuss« eine ungeahnte Dimensi­on.

Der Großvater war eine dominante Person, deren bloße An­wesenheit eine bezwingende Autorität hatte. In vielerlei Hinsicht glich er einem biblischen Patriarchen, einem Sip­penoberhaupt, dessen Alter und Weisheit die letzte, ent­scheidende Instanz bildete. Nahezu taub und nach Star­operationen schlecht sehend, saß er bei Familienfesten am Ende der Tafel und schien mit halb geschlossenen Augen schwerwiegenden Dingen nachzusinnen. Wenn er ab und an etwas sagte, hatte es in der Regel nichts mit den Ge­sprächen zu tun und glich in seinen letzten Jahren tat­sächlich oft den Konklusionen einer seltsamen, mittelalter­lichen Mystik. Obwohl er nie Philosophie gelesen hatte und sie sicher auch nicht verstanden hätte, war sie doch das Feld, in dem er sich heimisch fühlte: Er war ein Jakob Böhme des zwanzigsten Jahrhunderts und es ist schade, dass es von ihm keine Aufzeichnungen gibt. In meiner Er­innerung ist noch eine eigenwillige Deutung des biblischen Sündenfalls, bei der ihm der Baum der Erkenntnis für die Lust der Frau, die Schlange für das Geschlecht des Man­nes und der Apfel für ihre Brust standen.

Bis zu seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr ging er dem ehrbaren Beruf eines Schlossers nach, aber der aus ärm­lichsten Verhältnissen stammende Arbeiter fühlte sich im­mer auch zu Höherem, zur Kunst berufen. Er malte, vom Jugendideal der christlichen Wandervogelbewegung und von dem Maler Fidus geprägt, ideale Landschaften, die er in der Regel von Postkarten kopierte und veredelte. Natür­lich blieb er wie auch in seinen späteren philosophischen Gedankenflügen im guten, reinen Sinn Dilettant, in Auf­fassung und Durchführung naiv.

Wie seiner Frau waren dem Großvater Fleiß und Ordnung eine Grundtugend. Auch in der Rente hatte er einen stren­gen Arbeitsplan, der ihn nach dem Frühstück und einem intensiven, vollständigen Lesen der Tageszeitung bis zum Abend einspannte und auch den Sonntag nicht aussparte. Der Garten und das mit eigenen Händen erbaute Haus bo­ten ihm dazu Anlass genug. Bis zu seinem neunzigsten Le­bensjahr war er so agil, auch schwere Arbeiten auszufüh­ren, das Dach zu decken, Wege zu verlegen oder sich neue handwerkliche Spielereien zu überlegen, die die Arbeit im Haushalt erleichtern sollten, es aber nicht in jedem Fall ta­ten. Das war übrigens seine wahre Begabung: Er war der geborene Handwerker. Von der Schreinerarbeit bis zur Re­paratur einer Uhr, vom Mauern bis zum Verlegen einer elektrischen Leitung, er war in jedem Handwerk gleich heimisch, eine Art von Universalgenie (im 18. Jahrhundert hätte man ihn als „Originalgenie“ bezeichnet), das seines­gleichen suchte.

Sich selbst betrachtete er als faul; auf ungläubiges Nach­fragen führte er aus, es gäbe zwei Kategorien von Faulheit: Die eine, häufigere, schiebe anfallende Arbeit beständig vor sich her, sei immer dabei, zu beginnen und komme doch nie weiter, bis sich die Arbeit von selbst oder durch ei­nen anderen erledige (das war wohl auf meine Art, mit Problemen zu leben, gemünzt), die andere Faulheit aber, also seine, würde voller Elan eine Arbeit beginnen und sie dann so langsam und genau wie möglich ausführen, immer beschäftigt wirken und doch nie fertig werden. Das ist die Konklusion von Hermann Hesses Novelle Unter der alten Sonne. Dieser späteste Spätromantiker war – erstaunlich genug – nicht in seinem Bücherschrank und ich bezweifle, dass er die Novelle kannte.

Tatsächlich ließ der Großvater sich bei seinen Arbeiten un­glaublich viel Zeit und führte sie mit kleinlichster Akribie aus; doch faul war er sicher nicht, denn zum einen war sei­ne Arbeit meist selbst gewählt und zum anderen wurde er immer mit ihr fertig – auch wenn es dauerte. Er war ein pedantischer Perfektionist, der, wenn er es wollte, jahre­lang an einer Uhr bastelte, bis sie wieder ging.

Religion war ein fester Bestandteil im Leben der Großel­tern. Als tägliches Ritual wurde vor jedem Essen gebetet, die Großmutter ging regelmäßig in die Kapelle und zu Bi­belstunden, morgens beim Frühstück wurde ein Kalender­blatt mit Bibelzitat und längerer Auslegung gereicht, das zu lesen ich in meinen Sommeraufenthalten ebenfalls ge­zwungen war. In meiner Erinnerung ist der Genuss von Schmalzbroten, die ich ausschließlich in Berlin verzehrte, fest mit den salbungsvollen Worten in Einheit gekommen. Wenn ich heute als Vegetarier und Agnostiker unfreiwillig zu einem Kirchenbesuch verdammt werde und abgelenkt einer Predigt lauschen muss, habe ich den Geschmack von Schmalz auf der Zunge.

Ob auch der Großvater religiös war? Ich meine nicht, aber die Meinungen gehen auseinander und vielleicht hätte er selbst diese Frage ob ihrer Einfachheit abgewiesen und sie mit der Bemerkung gewürzt, dass einfache Fragen immer zu fehlerhaften oder falschen Antworten führen. Mit Si­cherheit dachte er viel über Gott und die Mythen der Bibel nach, über die er dann ja in oft eigenwilliger und schöpferi­scher Art philosophierte. Das hat er sein Leben lang getan und seine Meinungen haben sich im Laufe der Jahre ent­wickelt. Glaube im Sinne einer gefühlsmäßigen oder aner­zogenen Sicherheit war ihm allerdings nie gegeben; er war ein Verstandesmensch und las die Bibel, die das zentrale Buch war, aus dem er Ideen und Anregungen bezog, mit der Kritik seiner Urteilskraft. Er war endlos weit entfernt vom Glauben der Großmutter, zu deren christlichen Leben vor allem auch ein Teilnehmen in der Gemeinde gehörte. Gottes Existenz hat er wohl nie ernsthaft angezweifelt, aber er war ihm nicht der gütige Vater des Neuen Testa­mentes, vielmehr die halb heidnische, allmächtige und all­umfassende Gottheit der Juden, am ehesten der Demi­urg; ein Christ aber war er, zumindest in seinen späten Jahren, in denen ich ihn kennen gelernt habe, nicht, mit entschie­dener Sicherheit nicht, er glaubte wahrscheinlich nicht einmal an ein Leben nach dem Tod. Ob sich seine Ansicht­en während seines Sterbens noch einmal änderten, weiß ich nicht.

[… wird fortgesetzt …]

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