Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 4

Der folgende Text ist ein weiterer Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“ aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Ich glaube, ich habe noch nicht von Ulrich erzählt. Auch er ging in meine Klasse und er war ein Sadist. Er ist schon mit Mitte 20 bei einem Motorradunfall gestorben.

Es war Ulrichs liebstes Vergnügen, mich auf den alten Kirschbaum vor dem Miethaus zu jagen. Er nannte dieses Spiel „Katz und Hund“. Ich wusste, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffen würde, in die Äste zu kommen, dann würde er mich beißen, in das Bein, in den Po, wo auch immer er mich eben erwischen würde. Diese Bisse hinterließen oft blutende, schmerzhafte Wunden, sie verschonten jedoch in der Regel die Hose, so dass meine Mutter nie etwas bemerkte. Wenn mir dann die Zeit im Geäst zu lang wurde und ich wieder herabstieg, würde er mich zur Strafe für meine langsame Reaktion auch noch verprügeln.

Wenn ich aber flink genug war und seinem Zugriff entkam, dann bellte er mich ein paar Mal wie ein Hund an und trollte sich. Auf den Baum kletterte er nie, er war mein Refugium, eine Freistatt, die wir mit dem archaischen Begriff „Ghotto“ bezeichneten, ohne dessen etymologische Herkunft zu kennen. Diese Zufluchtsmöglichkeit gehörte zu seinem Spiel, es erhöhte für ihn den Reiz.

Ich hatte daher bald eine Art von sechstem Sinn dafür entwickelt, ob er mir auflauerte. Nur selten erwischte er mich noch unvorbereitet. Meist befand ich mich bereits in vollem Lauf, den Stamm der dürren Kirsche fest im Blick, wenn ich zum ersten Mal sein wölfisches Heulen und seinen hechelnden Atem hinter mir zu hören bekam.

Trotz dieses Vorsprungs war die Jagd jedesmal von neuem ein Glücksspiel. Der Weg von der Milchglastür unseres Wohnblocks an den Parkplätzen vorbei über den mageren, fleckigen Rasen zum Baum war weit. Natürlich war der trainierte und zwei Jahre ältere Uli viel schneller und ausdauernder als ich. So hatte er mich in schöner Regelmäßigkeit beinahe erreicht, wenn wir nah genug an die Kirsche herankamen, damit ich einen Sprung in den unteren Astkranz wagen konnte. Meine Chancen, diesen Sprung so sauber auszuführen, dass ich mich sofort zum zweiten hochziehen konnte und seinem Zugriff auf diese Weise entkam, waren eigentlich recht gut. Von zehn Sprüngen gelangen mir sieben oder acht. Die Ausnahmen jedoch, bei denen ich vorbei sprang oder an den Ästen ausrutschte und wie ein Kartoffelsack vom Baum fiel, waren unangenehme Erfahrungen. Deshalb hatte ich bereits Nachmittage damit verbracht, meinen Satz in die Kirsche zu üben und zu perfektionieren.

Auch diesmal glaubte ich, den richtigen Absprung bei genau der richtigen Geschwindigkeit erwischt zu haben und hatte bereits fest den breiten, unteren Ast unter meinen Fußsohlen. Ich richtete mich auf, um nach oben zu greifen. Offenbar hatte mich Ulrich beinahe erhascht; denn wütend darüber, dass ich ihm buchstäblich im letzten Augenblick aus den Fingern geglitten war, brach er erstmals eigenmächtig die Spielregel und fasste nach, erwischte mich unten am Hosenbein und wollte mich zu sich herab ziehen. Da ich in diesem Moment bereits frei balancierte, konnte ich das Gleichgewicht nicht halten und stürzte deshalb mit hocherhobenen Händen vornüber vom Baum. Das war keine weite Strecke – gerade mal ein Meter. Mit geübten Reflexen bereitete ich mich darauf vor, mich elegant zur Seite abzurollen, als mein Sturz überraschend gebremst wurde.

Ich spürte einen heftigen Schlag gegen dem Mund. Er rührte von einem von oben in meine Falllinie hinein hängenden Ast her, über den ich mit dem Gesicht schrammte. Ein kleines Stück Holz, ein nur einige wenige Zentimeter langer toter Zweig schob sich wie ein glühender Stahl in den Raum zwischen meinen Zähnen und der Oberlippe. Ich konnte ein Geräusch hören, das klang so ähnlich wie ein zerreißender Lederfetzen. Ich spürte nichts, stellte nur nüchtern fest, dass ich meinen Sturz nach diesem überraschenden Hindernis nicht planmäßig fortsetzen konnte. Deshalb drehte ich mich im Fallen weiter zur Seite und rollte auf dem leicht abschüssigen Gelände mit einem ungelenken, aber immer noch weichen Purzelbaum aus.

Ich lag auf dem Rücken im Gras, den Kopf weit in den Nacken gelegt. Einen kurzen Moment war ich froh. Die Sache schien glimpflich abgegangen zu sein und ich hatte nicht mehr als ein paar blaue Flecken zu vergegenwärtigen. Meine Mundhöhle war feuchter als normal, als hätte ich gerade einen Schluck warmer Milch auf der Zunge. Diese Milch war salzig. Die Flüssigkeit lief mir aus den Mundwinkeln, in die Nase hinein. Angeekelt richtete ich meinen Oberkörper auf. Das heißt, ich versuchte diese Bewegung, denn erst jetzt spürte ich den Schmerz, den der Ast durch meine Lippe und mein Oberkiefer gerissen hatte. Ulrich gelangte in mein Blickfeld. Bevor ich gurgelnd stöhnend die Augen schloss, sah ich noch, dass er würgte und sich neben mir erbrach.

„Das wird ihm eine Lehre sein“, dachte ich erleichtert und an diesem Gedanken hielt ich mich die folgenden alptraumhaften Stunden und Tage fest. Ich hätte den Gedanken gern ausgesprochen, aber bis es mir wieder gelang, ein paar verständliche Worte zu nuscheln, dauerte es fast einen Monat. Die Wunde – ein fingerbreiter Riss an der linken Oberlippe – die mich zudem einen meiner Schneidezähne gekostet hatte, wurde im Krankenhaus genäht und verheilte nur schlecht.

In den Sommerferien bei den Großeltern trug ich noch immer ein Pflaster über der nur langsam heilenden, häßlichen Narbe.

[… wird fortgesetzt …]

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