Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Juel, der wie betäubt im Heck gesessen war, fühlte sich, als würde er aus einem Traum erwachen. Er rappelte sich auf und sah zurück. Offenbar wurde ihm erst jetzt bewusst, was er getan hatte. Er hätte jetzt gerne eine Flinte oder noch einen seiner Zaubertricks aus dem Gürtel besessen, aber die einzige Waffe an Bord, jene, wegen der er das Leben aller riskiert hatte, hielt er in der Hand – Turini Suds grotesken Säbel, der ihm vollkommen ungeeignet erschien, um mit ihm die Krokodile zu bekämpfen. Kopfschüttelnd musterte der Dicke die schwere Waffe.

Obwohl er in seinem Kaufmannswagen einige wertvolle Klingen aufbewahrte, die auf die eine oder andere, durchaus auch illegale Weise in seinen Besitz geraten waren – die wertvollste war unter ihnen war der „Blentavíant“, der Feindblender des legendären Abbas Endrich, mit dem dieser in grauer Vorzeit Enver Gront, den heterodoxen vierten Baron der Lamargue, erschlagen hatte -, hätte er gut auf ein weiteres Sammlerstück wie dieses verzichten können. Er konnte sich selbst nicht erklären, was für ein Höllenbit Inets ihn eben geritten hatte, als er den überwältigenden Zwang gefühlt hatte, dieses unförmige Ding an sich zu bringen, aber er hatte mit einem Mal das ganz bestimmte Gefühl gehabt, dass er diese magische Waffe unbedingt brauchte. Ihm war es gewesen, als hätte ihm eine schmeichelnde Stimme zugeflüstert, er könne nicht gehen, ohne den „Blutsänger“ mitzunehmen. Diese Stimme war zu laut und zu hypnotisierend in seinem Kopf erschienen, um sich ihrem Befehl widersetzen zu können. Selbst jetzt sprach diese Stimme noch mit ihm. Sie stachelte ihn auf, den Griff des Säbels, den er bislang noch nicht losgelassen hatte, fester zu fassen, die Klinge über den Kopf zu heben und dann damit den Schädel des nächsten Feinds zu zertrümmern! Dabei hatte Juel durchaus keine Ahnungen wie Adelf; seine Talente lagen auf ganz anderen Gebieten. Kämpfen gehörte eigentlich auch nicht dazu. Gleichzeitig erkannte er, dass es der Säbel selbst war, der zu ihm sprach. Das war keine Magie, auch wenn es sich wie eine anfühlte und Juel hatte das bereits schon einmal erlebt, als er vor zehn Jahren mit Adelf, Myrta und den Adepten Merem und Parin überall in den Überlebenden Landen und über ihre Grenzen hinaus nach den fünf Bruchstücken von Sorems zerstörten Machtstab gesucht hatte. Das war eine Vorgänger-Techné, die dazu in der Lage war. Irgendein Vorbesitzer der Klinge, vielleicht Turini Sud selbst, musste sie vor tausenden von Jahren eingebaut haben – wahrscheinlich in den Handgriff der Waffe.

Obwohl Juel sich verzweifelt gegen die weitere Einflussnahme des Säbels wehrte, musste er doch zugeben, dass die Vorschläge der Stimme einiges für sich hatten. Doch dann hob neben ihm das erste Krokodil seinen Schädel mit aufgerissenem Maul über die niedrige Reling des Bootes, im Begriff, es zu entern, und nahm ihm die Entscheidung ab. Der Kahn bekam eine gefährliche Seitenlage und alle schrien auf. Juel atmete scharf ein, riss den „Blutsänger“ in die Höhe über sein Haupt, was ihm mit einem Mal nicht besonders anstrengen erschien. Dann ließ er die Waffe mit aller Kraft, zu der er fähig war, auf dem warzigen Kopf des Ungeheuers fallen. Fast hätte Juel dabei das Gleichgewicht verloren und wäre nach vorne in den See gefallen. Der Säbel juchzte und der Schlag war ein voller Erfolg. Etwas knirschte widerlich, dann rutschte der Schädel des M‘Gaviâ ab, klatschte ins Wasser, ging unter und tauchte nicht mehr auf. Das schwankende Boot war schon einige verzweifelte Ruderzüge weiter, als an der Stelle ein Schwall Luftblasen und dann Blut emporquollen.
»Bravo, Juel!«, rief Adelf. »Das war ja wie in alten Zeiten. Doch vielleicht solltest du dich mal ums Ruder kümmern.« Juel achtete nicht auf ihn, denn die Gefahr war noch nicht vorbei. Der nächste baumstammgroße Leib bewegte sich pfeilschnell und vom Schicksal seines Vorgängers unberührt durch die Heckwelle heran. Weil er gerade fast ins Wasser gefallen wäre, entschied sich Juel für keinen weiteren Schlag, sondern stach mit seiner Waffe zu, als das Krokodil nahe genug war. Die Spitze der Klinge war nicht scharf genug, das Tier zu verletzen, aber sie drückte die dünne Schnauze hinunter und als ihr Stahl Kontakt mit dem See hatte, erklang aus ihm heraus im gleichen Augenblick ein schmerzhafter, extrem hoher Ton, den allerdings nur die drei jungen Leute an Bord hörten. Es fühlte sich für sie an, als würde ihnen mit einem glühenden Messer die Schädeldecke geöffnet. Semira, Jalah und Selin ließen sofort die Ruder fallen und hoben ihre Hände zum Kopf, pressten sie in dem vergeblichen Bemühen auf die Ohrmuscheln, um sich vor dem schier unerträglichen, pfeifenden Geräusch zu schützen, das sie außer Gefecht setzte. Adelf und Juel, die von dem Pfeifen nicht viel mitbekommen hatten, das für sie nur nach dem feinen Sirren einer Mücke klang – lästig zwar, aber nicht weiter störend -, starrten verwundert auf die drei, die ihre Köpfe wie in Agonie hin und her warfen.

»Eh bien. qu’est-ce-que c’est que ça?«, sagte Juel kopfschüttelnd und hob den „Blutsänger“ aus dem Wasser, der sie ein weiteres Mal vor den Krokodilen gerettet hatte. Das Pfeifen verschwand so schnell, wie es gekommen war und stattdessen war ein hämisches Kichern zu hören. Juel war sich nicht sicher, ob er der einzige war, der es hörte. Seufzend sanken die drei Gequälten auf der Ruderbank in sich zusammen.

»Was bei Inets brennendem Schwanz war denn das?«, frage Selin, nachdem er sich ein wenig erholt hatte.

»Egal, was es war, es hat uns le cul gerettet«, erwiderte und stützte sich auf den Säbel, den er so schnell nicht mehr hergeben wollte. Er fühlte sich gerade so mächtig wie die drei Herrscher des goldenen Zeitalters zusammen. Als hätter er in den Gedanken seines Freunds gelesen, murmelte Adelf:

»Dann könntest du Held jetzt vielleicht endlich an die Steuerpinne setzen, damit wir endlich aus diesem Palast herauskommen?«

Juel spürte in sich eine plötzliche Wut auf den Mönch emporkochen und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sich auf den Wehrlosen gestürzt. Adelf erbleichte, als der den Zorn in Juels Augen aufblitzen sah.

»Alter Freund, was ist mit dir?«, stammelte er.

Ja, was ging nur in ihm vor? Das war doch nicht er. Hilfesuchend wanderte sein Blick von dem zitternden Mönch zu dem geknebelten Ómer, der ihn finster musterte und langsam und anerkennend nickte. Juel verstand. Es war dieser verfluchte Säbel, der ihn noch immer so beeinflusste, dass er sich kaum unter Kontrolle hatte. Das war die gefährlichste Waffe, die Juel je in Händen gehalten hatte. Und das musste ein Ende haben – jetzt. Er sammelte sich und versuchte, seine verkrampfte Hand vom Griff zu lösen. Es fiel ihm unendlich schwer, es war ein härter Kampf als alles was er heute erlebt hatte. Die schmerzende Faust schien ihm nicht mehr gehorchen zu wollen, doch schließlich gelang es ihm, indem er seine andere Hand zu Hilfe nahm und mit ihr seine Finger nach außen bog. Er musste sie dabei beinahe brechen, aber schließlich öffnete sich seine Faust. Der Säbel kippte zur Seite auf das Deck und sein Gelächter endete abrupt. Auch die drängene Stimme verschwand aus Juels Gehirn. Er fühlte sich, als wäre eine Tonnenlast von ihm genommen. Er keuchte und hatte mit einem Mal heftige Kopfschmerzen. Das war ein Gefühl, das er kaum kannte. Doch gleichzeitig hätte er glücklich aufjuchzen können. Der Bann war gebrochen.

»Und?«, fragte Jalah ungeduldig. »Geht es doch noch weiter oder warten wir, bis die Krokodile zurückkehren?«

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