Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (8)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

»Gut, dann lass uns endlich von hier verschwinden, denn ich glaube, die Krokodile haben ihren Schreck überwunden und kommen zurück.«

Tatsächlich krochen die ersten der M‘Gaviâ wieder zögernd ans Ufer. Juel wusste, dass sie den Echsen nicht entkommen konnten, wenn sie sich ein Wettrennen mit ihnen lieferten, aber die Kaimauer, an der Ómers Boot lag, war hoch genug, um für die Krokodile eine unüberwindliche Hürde zu sein. Die beiden setzten sich deshalb so schnell es ging in Bewegung. Doch Jalah war noch wacklig auf den Beinen und musste von ihm gestützt werden. Adelf hatte inzwischen den benommenen Vezir an Selin übergeben, der ihn unsanft ins Heck des Boots hiefte und ihn mit einem Tauende, das dort lag, verschnürte. Währenddessen eilte der Mönch zurück und unterstützte Juel. Gemeinsam kehrten sie mit der langsam wieder zu sich kommenden Diebin in ihrer Mitte zurück zu der Anlegestelle. Alles ging gut, denn die Krokodile zögerten noch, ihren Käfig zu verlassen. Sie drängten sich zwar an dem offenen Türrahmen im Gitter und spähten unruhig mit ihren trüben, kurzsichtigen Augen nach ihrer Beute, aber noch misstrauten sie der Einladung, ihr Gefängnis zu verlassen. Auch Jalah wurde an Bord gebracht und in Semiras Obhut übergeben. Adelf kletterte zu ihnen ins Boot, auf dem es nun eng wurde. Es geriet dabei gefährlich ins Schwanken und dümpelte mit einem Mal sehr tief im Wasser des Kavernensees. Juel schätzte mit zusammengekniffenen Augen die Situation ab. Da er in der Lagunenstadt Garda aufgewachsen war, war er der einzige, der sich mit Booten auskannte und in seinem Leben schon ein paar geführt hatte. Alle außer ihm selbst waren mager und leicht, aber das würde nicht genügen. Sollte er sich opfern und selbst zurückbleiben? Juel scheute vor solch dramatischen Entscheidungen zurück und er war nicht zuletzt deshalb so alt geworden, weil ihm immer noch ein anderer Ausweg einfiel.

»Dieser Kahn ist nicht für sechs Personen ausgelegt und wird kentern, wenn ich jetzt auch noch zusteige«, überlegte er laut. Sein Blick fiel auf die Ladung, die Ómer rund um die Segelstange in der Mitte des Boots aufgestapelt hatte. Es war ein Teil seiner üppigen Schatzkammer, mit dem er hatte fliehen und irgendwo im Süden ein neues, aber bequemes Leben hatte beginnen wollen.

»Wir werden uns wohl oder übel von den Reichtümern des Vezirs trennen müssen und sie über Bord gehen lassen«, entschied Juel. Der Vezir heulte auf und zerrte verzweifelt an seiner Fessel. Es tat dem Dicken zwar in seiner Kaufmanns- und Diebesseele weh, aber er fand keine andere Möglichkeit, Gewicht einzusparen. Zum Kappen des nicht benötigten Segelmasts blieb keine Zeit. Seine Gefährten hatten weniger Skrupel als er. Während Juel die Leinen losmachte, kümmerten sich Selin und Adelf gehorsam um die schweren Kisten voller Gold und Edelsteinen, die mit Wein und Öl gefüllten Amphoren, edle Teppiche, große Vasen und Kunstgegenstände, die Ómer während seiner langen Karriere auf die Seite gebracht hatte. Gleichgültig warfen sie alles auf der Seeseite ins Wasser. Mit jedem wertvollen Gegenstand, der über Bord ging, wurde Ómers Verzweiflung größer. Er schrie, zeterte und schimpfte so lange, bis Adelf der Geduldsfaden riss und ihn mit einem goldfädendurchwirkten Seidentuch aus einer der Kisten knebelte. »Wir könnten statt deinen Schätzen auch dich selbst über Bord werfen«, zischte er und brachte Ómer damit endlich zur Ruhe. Der Vezir schloss entkräftet die Augen, um dem Unglück nicht weiter zusehen zu müssen. Semira und die wieder zu Kräften gekommene Jalah befestigten inzwischen die schweren Riemen an den Dollen links und rechts der Ruderbank und halfen dann beim Ausräumen des Bootes. Dabei gelangten freilich die eine oder andere Münze und Schmuckkette nicht in den See, sondern in die tiefen Taschen der Diebin. Während sie arbeiteten, warfen alle immer wieder ängstliche Blicke zurück zu den Krokodilen, die der ganzen Sache zum Glück noch immer nicht trauten und außer den beiden mutigsten Tieren zögerten, ihren vertrauten Käfigbereich zu verlassen. Auch diese hielten sich aber noch nahe des Gitters auf.

Juel hob den Kopf. Ihm war, als hätte ihn jemand gerufen. Er sah sich erschrocken um. Doch die anderen waren mit ihren Arbeiten beschäftigt und es war auch niemand sonst am See aufgetaucht. Allein Ómer öffnete plötzlich wieder seine Augen und starrte ihn mit einem unergründlichen Blick an. Juel zuckte mit den Achseln. Langsam setzten ihm doch Müdigkeit und das Erlebte zu. Es war wirklich Zeit, den von Inet verfluchten Elfenbein-Palast hinter sich zu lassen.

»Das muss reichen«, rief er den anderen zu, »wir müssen ja nur heil über den See auf die andere Seite gelangen und nicht über den Abfluss auf den Marat hinaus. Besetzt die Riemen, ich werde das das Ruder übernehmen.« Während sich Jalah und Adelf auf die Steuerbord- und Semira und Selin auf die Backbordseite setzten und das grobe Holz der Riemen in die Hände nahmen, machte er noch die letzte Leine los und stemmte das Boot ein wenig von der Kaimauer weg. Er wollte gerade zusteigen, als er erneut stutzte.

»Was zum Eishauch der Hölle …« Wieder irrte sein Blick herum. Juel trat zögernd zurück. Er wirkte in diesem Augenblick wie eine Marionette, die von einem Puppenspieler gezogen wurde.

Adelf war der erste, der bemerkte, dass etwas nicht stimmte. »Bruder! Komm an Bord! Hier stinkt es plötzlich nach der Magie der Vorgänger«, flüsterte er mit erstickender Stimme, überwältigt von einer Vorahnung.

»Aber es wäre doch schade …«, entgegnete Juel unsicher. Dann drehte er sich unter den überraschten Ausrufen der anderen um und rannte zurück zu der Stelle am Zaun, an der er vorhin mit dem Vezir gekämpft hatte. Sein Ziel war der gewaltige Säbel, der dort nur wenige Schritte von den beiden Krokodilen entfernt, die bereits ihr Gefängnis verlassen hatten, auf dem Boden lag. Er hatte leider keines seiner explosiven Glasröhrchen mehr in seinen Gürteltaschen und hoffte, dass sein tollkühnes Auftreten genügte, die Tiere von ihm fernzuhalten. Mit den Armen wedelnd und schreiend stürzte er auf die Ungeheuer zu, die sofort ihre riesigen Mäuler aufrissen, aber tatsächlich mehr überrascht als verängstigt zurückwichen. Juel ergriff die Gelegenheit. Ohne die M‘Gaviâ aus den Augen zu lassen, tastete er nach dem Griff des Säbels und nahm ihn fest in die Hand, drehte sich dann eilig um und rannte zurück, dabei die wie glücklich auflachende Klinge, die Funken aus den Steinplatten schlug, hinter sich herziehend. Er hatte bereits die Hälfte der Strecke zum Boot zurückgelegt, als sich die Krokodile endlich in Bewegung setzten und ihn verfolgten. Das war ein Signal für die anderen Krokodile. Auch sie schlängelten sich durch die Öffnung in ihrem Käfig und kamen hinterher. Nachdem sie einmal im Laufen waren, wurden die gewaltigen Tiere immer schneller und Juels Vorsprung schmolz mit jedem Schritt, den er machte, zusammen. Doch im wortwörtlich letzten Augenblick hüpfte er mit einem verzweifelten Sprung an Bord und die beiden M‘Gaviâ schnappten vergeblich mit ihren riesigen langgezogenen Mäulern nach ihm. Der Kahn schwankte bedenklich auf und nieder und fasste sogar am Bug einen Schwall Wasser. Selin stieß das Boot gedankenschnell mit dem Ruderblatt von der Mauer ab und es trieb schnell hinaus ins tiefere Wasser des Sees. Es blieb keine Zeit, den Dicken wegen seines Leichtsinns, der alle in Gefahr brachte, auszuschimpfen, denn schon tauchten die zwei Krokodile hinter ins Wasser. Die anderen M‘Gaviâ folgten ihnen mit etwas Abstand. Würde es ihnen gelingen, mit ihren schweren Leibern unter den Rumpf zu gelangen, dann konnten sie den kiellosen kleinen Segler ohne Probleme zum Kentern bringen und alle an Bord waren nur noch ein Leckerbissen für die ausgehungerten Tiere. Selin und Semira auf der einen, Jalah und Adelf auf der anderen Seite der Ruderbank begannen verzweifelt zu pullen. Sie nahmen Fahrt auf, doch es sah nicht so aus, als würden sie den Krokodilen entkommen, von denen immer mehr elegant ins Wasser glitten und die Verfolgung aufnahmen. Da das Liebespaar kräftiger war als die anderen beiden, kam das Boot schnell vom geraden Weg ab und zog in einem weiten Halbkreis nach links.

[Zum Schluss des 3. Kapitels]

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