Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Ómer, der weder wusste, wer Sorem, noch was ein „As‘Teorfan“ war, zuckte nach einem kurzen Stutzen mit den Schultern. Eilig mischte sich Juel ein, der unauffällig an seinem Gürtel hantierte:

»Was Adelf sagen wollte: Glaubst du ernsthaft, du kannst uns mit deinem riesigen Säbel, den du kaum mit zwei Händen halten kannst, Angst einjagen? Wir zittern wegen der Kälte hier unten, nicht, weil wir deine lächerliche Klinge fürchten, kleiner Angeber.«

»Nun. Das solltet ihr aber! Lächerlich! Du hast ja keine Ahnung. Denn seht: Dieser Säbel gehörte einst, vor dreitausend Jahren, meinem gewaltigen Vorfahren, den man den Zermalmer der Völker nannte, dem Gründer von Nearoma und Unterjocher des Südens – niemand geringerem als dem größten Herrscher, den die Überlebenden Lande je gesehen haben: Es ist der Säbel von Turini Sud! Und diese Klinge jauchzt laut auf, wenn sie im Blut ihrer Feinde badet. Man kennt sie deshalb überall unter dem Namen Trisbaard. Erzittert, denn dies ist der „Blutsänger“! Einst führte Turini mit dieser Waffe …«

»Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erzählt habe, aber es gibt für mich nichts langweiligeres als Geschichten, in denen Schwerter mit Namen vorkommen«, unterbrach Adelf nüchtern den begeisterten Redefluss von Ómer. »Soll uns das beeindrucken? Nun gib endlich den Weg frei, kleiner Mann mit einem viel zu großem Schwert, damit wir unsere Freunde vor den Krokodilen retten können.«

»Ach so ist das! Ihr gehört zusammen; das erklärt einiges. Aber das ist nach dieser Nacht nicht mehr mein Problem. Ich warne euch ein letztes Mal. Mischt euch nicht ein, denn ich bin in der geheimen Kampfkunst der Sud bewandert, durch die aus der scheinbaren Plumpheit des „Blutsängers“ eine unbesiegbare, tödliche Waffe macht! Lauscht!« Tatsächlich wirbelte Òmer den gewaltigen Säbel seines Vorfahren in einem komplizierten Muster über seinem Kopf und entlockte ihm dabei ein leises Summen, das zuerst wie eine Windharfe, dann – lauter werdend -, wie ein boshaftes Kichern klang. Adelf und Juel traten beeindruckt wie auf einen Befehl einen Schritt zurück.

»Hört ihr das, ihr Ignoranten?«, jauchzte Òmer, der nun wie eine von einem Ifrit besessene Flamme umhersprang. Es war, als würde von dem Säbel eine geheime Kraft ausgehen, die den kleinen Renegaten stärker machte und über sich selbst hinauswachsen ließ.

»Es heißt, das Lachen von Turini wurde durch einen Bann in den Stahl der Klinge gebunden, als es von den Dienern Baaldems auf der verlorenen Insel Madrat jenseits des Südmeers geschmiedet wurde«, jauchzte er, von seiner eigenen Macht berauscht. Juel wurde das alles langsam zu viel. Er zuckte mit den Schultern.

»Für solch einen Säbel könnte ich auf dem Märkten im Westen einen ordentlichen Preis erzielen«, sagte er. »Aber jetzt muss auch mal wieder gut sein, du Angeber! Die Zeit läuft uns davon.« Dann warf er dem wütend auf ihn zutänzelnden Ómer eine der zwei kleinen Ampullen entgegen, die er aus seinem unergründlichen Gürtel geholt und für den richtigen Moment in den Händen verborgen gehalten hatte. Jetzt geschahen mehrere Dinge gleichzeitig und der dicke Kaufmann und Adelf, die jahrelang ein eigespieltes Team gebildet hatten, waren die einzigen, die in dem Chaos nicht die Übersicht verloren. Die kleine, dünne Glasröhre zersplitterte auf dem Boden direkt vor den Füßen des Angreifers und die freigesetzte Flüssigkeit, die sich in ihr befunden hatte, verwandelte sich augenblicklich in eine gewaltige, grauschwarze Rauchwolke, die Ómer die Sicht nahm und in seinen Augen brannte. Er schrie auf und ließ den lachenden Bihänder-Säbel seines legendären Vorfahren blind in dem fetten Qualm kreisen. Aber da war Juel schon einen Haken schlagend ungefährdet an ihm vorbeigestürmt und rannte zur Tür des Krokodilkäfigs, dabei warf er die zweite Ampulle nach vorne. Ihr Inhalt war ein anderer, aber seine Wirkung war noch viel beeindruckender.

Die Ampulle platzte an der Gittertür. Eine gewaltige Explosion erschütterte das Ufer des Kavernensees, ein Feuerball von der Größe eines Mahmuts blähte sich auf und stürzte mit einem markerschütternden Knall in sich zusammen, riss die Tür aus dem Schloss und ihren Angeln und erschütterte den Zaun. Die drei jungen Leute, die sich bisher an ihm festgeklammert hatten, konnten sich nicht mehr länger halten und fielen herunter, als wären sie tatsächlich das Fallobst, das durch das Schütteln an einem Baum geerntet wird. Sie fielen zwischen den M‘Gaviâ zu Boden. Doch sie mussten die Krokodile nicht mehr fürchten, denn diese waren nicht mehr an ihnen interessiert und flüchteten sich, so schnell sie ihre kleinen Stummelbeine tragen konnten, ins Wasser des Sees, das durch ihre Bewegungen zu brodeln begann. Alleine Jalah, die den tiefsten Sturz machte, sich jedoch wie ein Murlan abrollte und beinahe unverletzt geblieben wäre, bekam zufällig den schmerzhaften Hieb eines herumschleudernden Krokodilschwanzes ab und wurde zehn Fuß weit durch den Raum geschleudert. Dort blieb sie ohnmächtig auf den besudelten Fliesen liegen.

»Merde!«, fluchte Juel und zwängte sich durch den verbogenen Rahmen der geborstenen Käfigtür. »Schnell, zum Boot«, rief er Semira und Selin zu, als an ihnen vorbeirannte, um Jalah zu helfen. Die beiden rappelten sich gerade gemeinsam auf und hielten sich verwirrt aneinander fest. Sie hatten die plötzliche Änderung ihrer Situation noch nicht ganz begriffen und konnten es noch nicht fassen, dass sie gerettet waren. »He, ihr zwei Turteltauben! Zum Boot, aber flott! Die Krokodile können es sich jederzeit anders überlegen. Gut, dass die Viecher so schreckhaft wie wilde Pferde sind«, brüllte Juel wütendend, aber er musste seine Worte zweimal wiederholen, bis sie ihn endlich verstanden hatten und losrannten. Juel kniete sich zu Jalah hinab und sah dabei zurück zu Adelf und Ómer. Er stellte zufrieden fest, dass sich inzwischen auch dort gewendet das Blatt hatte:

Der in seiner Rauchwolke gefangene Vezir war von der Explosion aus dem Gleichgewicht gebracht worden und hatte verwirrt seinen Säbel gesenkt, sich nach dem ohrenbetäubenden Krach umgesehen – und war dabei direkt in einen donnernden Faustschlag von Adelf gelaufen, der ihn mitten ins Gesicht traf, seine Nase brach und ihn von den Füßen warf. Er war wie ein gefällter Baum rücklings zu Boden gegangen und der „Blutsänger“ über die Fliesen davongeschlittert.

»Pah«, sagte der Mönch verächtlich zu dem halb unter ihm Liegenden, der sein wundes Kinn hielt und dem Tränen und Blut über das schmale Raubvogelgesicht rannen. »Das also ist die Kampfkunst der Diener Baaldems! Wen interessiert‘s? Meine Faust auf jeden Fall nicht.« Er packte Ómer am Kragen von dessen Hemd und zog den Wehrlosen anschließend wie einen Sack Kartoffeln hinter sich her zum Boot.

Juel lachte und beschäftigte sich wieder mit der ohnmächtigen Diebin. Er rieb seine Handflächen aneinander und presste sie fest gegen Jalahs Schläfen. Dabei konzentrierte er sich und spannte seine Muskeln an. Eine pochende Ader trat deutlich auf seiner Stirn hervor. Was das für ein Zauberkunststückchen es war, das er an Jalah erprobte, wusste nur er selbst, aber es wirkte. Die Diebin schreckte hoch, als hätte sie ein Wüstenskorpion gestochen und hielt plötzlich ihr Messer in der Hand, das ihr Juel allerdings sofort mit einer wieselflinken Bewegung aus den Fingern wand und verärgert zur Seite warf.

»Du sollst niemals eine Waffe gegen den Ludo sorriento richten, wenn du den nächsten Morgen erleben willst, Mädchen«, sagte er beleidigt und half ihr dann beim Aufstehen. »Geht es wieder?“

Jalah, die dröhnende Kopfschmerzen am klaren Denken hinderten und sich fragte, was Juel mit ihr gemacht hatte, musterte ihn misstrauisch und fasste dann eilig an ihre Brust, doch der Beutel mit den Brillanten befand sich noch immer an ihrem Hals. Sie nickte.

[Zum 8. Teil …]

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