Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

»Zeige sie ihm doch, Jalah!«, drängte Semira verzweifelt, die während des Wortwechsels erneut eine Handbreite an ihrer Eisenstange abgerutscht war und nun die Beine anziehen musste, damit die Krokodile unter ihr sie nicht erreichen konnten. »Bitte beeile dich!« Angestrengt versuchte sie, sich wieder nach oben zu ziehen. Sie wusste zwar die 264 Säulen-Gedichte von Hâdish H‘Eun auswendig, konnte problemlos einen Kreisumfang berechnen und ein halbwegs schmackhaftes Bulguleh zubereiten, aber das Klettern an rostigen Stäben gehörte nicht zu den Disziplinen, die sie bei ihren Hauslehrern studiert hatte. Auch ihr noch immer durchnässter, schwerer Sâri und ihre schweißnassen Hände halfen ihr nicht gerade und ihr Selin hing zu weit von ihr entfernt in dem Zaun, um ihr eine helfende Hand reichen zu können. Er hatte außerdem genug damit zu tun, sich selbst oben zu halten.

Die Diebin überlegte nur kurz und nahm dann zähneknirschend einen der zwei handflächengroßen Edelsteine aus ihrer Geldkatze, die sie um den Hals trug. Sie hielt ihn gegen das Licht, in dem er rosafarben funkelte. Ómer kniff gierig die Augen zusammen.

»Respekt! Ihr habt tatsächlich die Träne und den Stern an euch gebracht. Nun, ihr wisst es vielleicht nicht, aber diese Steine gehörten einst, lange vor der Gründung von Karukora, den Königen des vergangenen Zeitalters, Máeriqas und Launin. Zusammen mit dem grünen Stein meines Urahns Turini Sud sollen sie angeblich der Schlüssel zu unvorstellbarer Macht und der versunkenen goldenen Stadt Bridon sein und sie sind zudem unermesslich wertvoll. Wirf mir einfach die Edelsteine zu, kleine Diebin, dann halte ich euch die M‘Gaviâ vom Leib und befreie euch.«

»Für wie dumm hältst du mich, Vezir?«, lachte Jalah. »Ich kenne dich. Gebe ich dir die Beute, dann machst du dich davon und lässt uns hier einfach hängen. Zuerst lässt du uns aus dem Käfig, dann bekommst du deinen verdienten Lohn …« Sie steckte den Stein wieder zurück in den Beutel.

»… der, nach deiner Miene zu urteilen, wohl ein Messer zwischen meinen Rippen ist«, erwiderte Òmer gelassen. »Vielleicht hast du ja recht. Mir ist nicht zu trauen. Aber hast du eine andere Wahl? Nein. Ich glaube nicht, dass ihr in der Lage seid, Forderungen zu stellen. Gebt mir jetzt die Steine, oder ich setze mich in mein Boot und verschwinde. Eure Entscheidung.«

»Nun wirf ihm schon die Steine zu, Jalah!«, rief Selin, der wegen Semiras misslicher Lage immer ängstlicher wurde, aber nicht wusste, wie er ihr helfen konnte. »Eine andere Wahl haben wir nicht. Wir müssen ihm vertrauen.«

Die Diebin, die sich der misslichen Lage ihrer Herrin ebenso bewusst war, hatte ihre Hand bereits an dem Beutel, um ihn sich vom Hals zu ziehen. Doch sie zögerte noch immer. Für sie – wie übrigens auch für fast alle anderen Karukorer – war Ómer die Inkarnation Inets auf Erden und sie traute ihm nicht einmal so weit, wie sie Weintraubenkerne spucken konnte – und sie hatte Angst, was geschehen würde, wenn sie mit leeren Händen vor ihren Diebesmeister treten würde. Die Gilde hatte ihre eingen Methoden, mit Versagern umzugehen.

Der in Ungnade gefallene Vezir beobachtete Jalahs Ringen mit sich selbst aufmerksam und gierig. Schließlich wurde es ihm doch zu lang. Er seufzte und zog seinen übergroßen Krummsäbel aus dem aufwändig bestickten Futteral. Diese Waffe war beinahe so groß wie er selbst; es war nicht das Werkzeug eines Kriegers, sondern das eines Henkers. Es erschien wie ein Wunder, dass es Ómer gelang, den Säbel mit beiden Händen vom Boden zu heben und mit dessen Spitze auf Jalah zu deuten.

»Nun. Es gibt auch noch einen anderen Weg«, sagte er betont gelangweilt. »Mich interessieren nur die Brillanten. Was mit euch passiert, ist mir egal. Ich kann euch auch einfach von den Gitterstäben pflücken. Ihr erhaltet dann nur die gerechte Strafe für Palasträuber.« Er kam näher an den Krokodilkäfig heran und hob seinen Riesensäbel noch ein Stück. Die wertvolle, über und über mit unleserlichen Hieroglyphen verzierte Klinge war wahrscheinlich stumpf, aber sie war auch als Schlag- und nicht als Stichwaffe gedacht und glitzerte seltsam rötlich in dem gebündelten Licht, das von ihrer Quelle hoch über Ómer hinab in die Kaverne fiel. Selin wusste nicht, ob sie die Nähe der Klinge spürten, aber die M‘Gaviâ schreckten bei seiner Bewegung auf, begannen sich wie gigantische Schlangen in offensichtlicher Vorfreude zu winden und schnappten aggressiver nach ihrer über ihnen hängenen Beute. Semira kreischte panisch.

»Die Edelsteine kann ich mir auch holen, wenn die Krokodile des Namenlosen mit euch fertig sind. Ihr seid reif und ich werde euch jetzt ernten, meine Lieben!«

Selin sah es am entsetzten Gesicht seiner Geliebten: Sie würde jeden Augenblick loslassen und abstürzen. Jetzt konnte sie nur noch eine Verzweiflungstat retten. Er verstärkte den Griff seiner rechten Hand an der Querstange, ließ mit der linken los und warf sich mit Schwung herum, stieß sich dabei zugleich mit beiden Füßen von dem Rohr ab. Er wirbelte dadurch einmal um sich selbst und kugelte sich bei dieser Gelegenheit fast das rechte Schultergelenk aus. Mit einem Aufschrei, der halb Schmerz und halb ein Sich-selbst-Mutmachen war, ließ er auch mit der Rechten los. Sein Vorhaben gelang. Seine weitausgreifende Linke fasste die Querstange und sein Körper schwang wie das Pendel einer Uhr hinterher. Dabei knirschte nun auch sein anderes Schulterblatt verdächtig; aber dann hing er mit beiden Händen gut drei Fuß weiter rechts am Käfiggitter und damit war er in der Griffweite von Semira, die sich in letzter Sekunde an seinen Gürtel klammern konnte und sich dann mit ihren Achseln in seinen angezogenen Knien einhakte. Für den Moment war sie gesichert! Auch wenn Selin wusste, dass er ihr zusätzliches Gewicht nicht lange würde halten können. Er kniff vor Anstrengung die Augen zusammen und Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn.

»Geschickt wie das Äffchen eines Sintari!«, lachte Ómer, der dem artistischen Kunststückchen Selins interessiert zugesehen hatte. »Doch leider wird es dir wenig nützen.« Obwohl es sichtbar an die Grenzen seiner Stärke ging und er bei dem Kraftakt ins Schwanken geriet, hob der Vezir nun seinen moströsen Säbel mit beiden Händen hoch über seinen Kopf, machte einen unsicheren Schritt nach vorn und wollte gerade seine Klinge gegen das Gitter schmettern, als ihn eine laute, lachende Stimme in seinem Rücken aufhielt.

»Voulez-vous compenser quelque chose avec cette … Prügel, petit nain? Vielleicht, weil dem Feldscher bei deiner Beschneidung das Messer ein wenig abrutschte?«

Ómer kreiselte erstaunlich schnell herum, ohne seine Waffe, die er dabei geschickt zur Stabilisierung benutzte, herunterzunehmen. Offenbar kam er doch besser mit ihr zurecht, als es der erste Augenschein vermuten ließ. Hinter ihm standen Juel und Adelf, die doch noch das untere Ende der schier endlosen Wendeltreppe erreicht und durch eine Tür unweit von Ómers Fluchtboot in die große Kavernenhalle getreten waren. Sie waren gerade im rechten Augenblick aufgetaucht und Juels Spott hatte das Schlimmste verhindert.

»Der Attentäter aus Italmar und der Kaufmann mit dem lächerlichen Akzent!«, staunte Ómer. »Was für merkwürdige Allianzen schmiedet doch diese Nacht. Aber nun weicht zurück und sucht euch einen anderen Fluchtweg aus dem Palast! Das hier geht euch nichts an. Ich warne euch.«

»Wir sind zwar nur ein halbentseelter Mönch und ein fetter, asthmatischer Mann«, sagte Adelf und erntete für den „fetten, asthmatischen Mann“ ein entrüstetes »Na, na!« von Juel, »aber mit dir werden wir allemal fertig, Ómer. Erzittere, denn vor dir stehen die Bezwinger von Sorem, des unsterblichen As‘ Teorfans

[Zum 7. Teil …]

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