Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (4)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Das Eintauchen in den See war für das Paar wegen dessen Kälte ein Schock, der ihren Herzschlag stocken und sie erstarrt ins Wasser bis zum nahen Grund sinken ließ. Dort stießen sie sich an dem glatten Boden mit den Füßen ab und tauchten strampelnd, prustend und wassertretend nebeneinander wieder auf. Selin wäre jedoch sofort wieder wie ein nasser Sack Kohle hinuntergezogen worden, wenn ihn nicht Semira gerettet hätte. Im Gegensatz zu ihrem Freund hatte die Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Ceçek Binsa in den Holunderblüten-Bädern, die Armen wie Selins Familie nicht offenstanden, das Schwimmen gelernt.

»Halt still, Dafadeh!«, zischte sie den panisch um sich schlagenden Selin an. Der „Frosch“ gehorchte ihren Befehlen blind und gab augenblicklich Ruhe. Semira packte ihn kurzentschlossen am Kragen seines Hemds und zog ihn auf dem Rücken schwimmend hinter sich her zum nahen Ufer. Glücklicherweise befand sich dort keine Mauer, sondern ein grüngefliester Boden, der sich als künstlicher Strand sanft in den See hinein senkte. Schon fanden Semiras Füße Halt am Untergrund und erleichtert richtete sie sich auf. Viel länger hätte sie Selin nicht mehr hinter sich herziehen können. Zitternd krochen die beiden ans Ufer, ließen sich direkt unter einem der großen Lichtflecken, der allerdings keine Wärme, sondern nur Helligkeit schenkte, zu Boden fallen und warteten, bis sich ihr rasender Herzschlag beruhigte.

Selin blinzelte hinauf in das Licht in der Höhe über ihnen. Das war kein Tageslicht, das da von der Decke fiel, denn wenn ihn sein Zeitgefühl nicht betrog, war die Sonne oben über Karukora überhaupt noch nicht aufgegangen. Es konnte höchstens die frühe Morgendämmerung hereingebrochen sein. Wahrscheinlich stammte der von Spiegeln herabgelenkte Schein, unter dem sie lagen, von gewaltigen, elektrischen Lampen. Diese raffinierte Methode, die Dunkelheit in der gewaltigen Kavernenhalle zu vertreiben, sprach dafür, dass sie ein Bauwerk mindestens aus der Zeit der drei Reiche war und damit in der Ära entstanden war, als Launin den Großen Wall errichten ließ und die ewige Schlacht der Golemarmeen im Osten begann. Damals verstand man sich auf solch eine atemberaubende Baukunst und den erst vor wenigen Jahrzehnten vom berühmten Alchemisten Salmen Sinder in Sansavia wiederentdeckten „Strom“. Merkwürdig, dass dieser Strom nach so vielen Jahrhunderten noch funktionierte. Was wohl seine Quelle war … sein Generator, wie sie in alten Texten genannt wurde? Diese Techné musste gewaltig und schier unerschöpflich sein; vielleicht hatte das ausgeklügelte Kanalsystem etwas damit zu tun. Auf jeden Fall war die Halle des Sees, die den künstlichen Hügel bildete, auf dem sich der Elfenbeinpalast über Karukora erhob, viel, viel älter als das Juwel der Wüste selbst, das der erste Namenlose, Selins ferner Vorfahr, vielleicht bewusst auf den Überresten der Vorgängerstadt Athíni gegründet hatte. Doch über die Wunder der alten Zeit dachte Selin nur kurz nach; es gab wichtigeres, naheliegenderes. Er drehte sich herum und umarmte Semira, um sie zu beruhigen und ihr ein wenig Wärme zu schenken.

Nach einer kleinen Weile richtete er sich auf und sah sich weiter um. Wohin hatte sie die Brückenfalle gebracht? Und wohin war eigentlich Jalah verschwunden, die ihnen doch nur knapp voraus gewesen war? Sie musste doch ebenfalls von dem Fallrohr, das gut 35 Fuß hoch über ihm aus der Wand in die Kaverne hineinragte, in den See geschleudert worden sein. Dieser Zulauf – einer von vielen, die links und rechts von ihm aus den Wänden kamen – entleerte unverdrossen seine Wassermassen. Selin schauderte, wenn er an den Sturz dachte, den Semira und er hinter sich hatten. Die gewaltige Kaskade vor ihm funkelte im Licht und ihr Dampf erzeugte einen Regenbogen.

Selin konnte Semiras ehemalige Dienerinzu seiner Überraschung nirgendwo in seiner Nähe entdecken. Aber er bemerkte enttäuscht, dass sich die Lage von Semira und ihm nur wenig verbessert hatte, denn das flache, etwa dreihundert Fuß breite und grüngeflieste Uferstück und der Teil des Sees, der hier eine leicht konkave und seichte Lagune bildete, war von drei Seiten von einem hohen und stabilen Gitterzaun eingefasst. Sie waren gefangen! Nur wenige Schritte von Semira und ihm entfernt war die rechte Seite dieses Käfig-Gefängnisses. Gegenüber, auf der schlecht beleuchteten anderen Seite lagen vor dem Gitter ein Dutzend große und lange Gegenstände – es mussten umgedrehte Schilfboote oder Baumstümpfe sein; so genau konnte Selin das nicht erkennen. Auch dort war übrigens keine Spur von Jalah zu entdecken.

Der junge Mann seufzte, löste sich vorsichtig aus der Umarmung Semiras und stand auf. Es war an der Zeit, dieses merkwürdige Gefängnis näher zu untersuchen. Auch wenn es sehr viel angenehmer gewesen wäre, seine Geliebte weiterhin in den Armen zu wiegen und ihre Nähe zu spüren, konnten sie nicht ewig hier herumsitzen. Selin machte ein paar Schritte. Er war zwar noch etwas wacklig auf den Beinen, aber er fühlte sich erholt genug, nach einem Ausgang zu suchen. Er trat auf den ihm näheren der gut zwei Mann hohen Gitterzäune zu, die auf beiden Seiten den künstlichen Strand absperrten und rechtwinklig von der Mauer der Halle weg weit in den Kavernensee hineinragten, wo sie ein ähnlicher, aber engmaschiger Zaun parallel zur Rückwand miteinander verband. Damit war auch der Weg über den See, der für den Nichtschwimmer Selin eh nicht offenstand, versperrt. Die rostigen Gitterstäbe des nach oben offenen Käfigs waren in einer Handbreite Abstand stabil in den Fliesenboden vermauert und erst knapp unter ihren nach innen gebogenen und scharfen Spitzen durch ein Quereisen miteinander verbunden. Wenn Selin sprang, konnte er diese waagerechte Stange mit ausgestreckten Händen erreichen, aber sich daran hochzuziehen, um dieses Hindernis zu überwinden, schien ihm kaum möglich zu sein. Er rüttelte an einem der Stäbe. Obwohl er sehr dünn war, war er stabiler, als er aussah. Unter dem abblätternden Rost war er aus massivem Eisen geschmiedet und viel zu hart, um ihn zu verbiegen.

Direkt neben der schimmligen, unfassbar hohen Rückwand befand sich jedoch eine Tür in dem Käfig, die aus den gleichen Gitterstäben gemacht war wie der Rest des Käfigs. Selin untersuchte sie genauer. Wie er erwartet hatte, war sie gut verschlossen. Er wüüschte sich Jalah oder noch besser Juel herbei, die das Türschloss mit Hilfe ihres Diebeswerkzeuges wahrscheinlich problemlos hätten knacken können. Ihm jedoch fehlte zu seinem Bedauern diese Fähigkeit. Frustriert streckte er seine Nase durch das Gitter und spähte nach draußen. Semira, die schon eine Weile stumm seine Untersuchungen beobachtet hatte, stand ebenfalls auf und stellte sich neben ihn.

»Hast du schon eine Möglichkeit gefunden, wie wir aus dieser Mausefalle entkommen können?«, fragte sie. Selin schüttelte resigniert den Kopf. Dann deutete nach vorn; er hatte etwas entdeckt.

»Schau mal, da vorne ragt eine Hafenmauer in den See und da liegt auch ein kleines Ruderboot an. Es scheint mit Vorräten beladen zu sein, wenn ich das richtig sehe. Seltsam …«

»Ich sehe es auch, ja. Vielleicht gehört es einem der Wassermeister Solange es aber auf der anderen Seite unseres Gefängnisses ist, könnte es genauso gut auf dem Südkontinent liegen. Was machen wir jetzt?«

»Jetzt müssen wir hier wohl warten, bis uns Juel und sein Freund gefunden haben – oder …“ Selin verstummte, weil er ein knirschendes Geräusch in seinem Rücken gehört hatte, das er nicht einordnen konnte. Mit einem Mal spürte er eine unmittelbare Gefahr hinter sich. Er und Semira waren in dem Gefängnis nicht allein! Dann schrie plötzlich eine schrille Frauenstimme einen Warnruf und bevor Selin sich noch umdrehen konnte, sprang auch schon Jalah an ihm vorbei und kletterte wie eine Katze die Gitterstäbe bis knapp unter ihrer unüberwindbaren Spitzen empor.

»Worauf wartet ihr?«, herrschte sie das verblüffte Paar von oben herab an. »Wollt ihr gefressen werden?«

[Zum 5. Teil …]

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