Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (3)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Sein Blick fiel auf den Mönch, der sich neben ihn gestellt hatte und dessen vertrautes Pechvogel-Gesicht eine merkwürdige Mischung aus Entsetzen und resigniertem: „Ich habe es ja gleich gesagt“ zeigte. Juel wusste es ja eigentlich aus Erfahrung: Wenn man Adelf in der Gruppe hatte, geschahen solche Dinge; das war unausweichlich. Er runzelte verärgert die Stirn. Ihm kam ein Gedanke.

»Du kannst doch noch unter die Oberflächen der Dinge schauen und das in ihnen Verborgene erkennen?«, fragte Juel und brüllte gegen den Lärm des Wassers an. »Diese Gabe hast du doch nicht gegen deine neuen düsteren Vorahnungen eingetauscht, oder?«

Adelf schüttelte verwirrt den Kopf. »Nein, dieses Geschenk des Grünen Strahls funktioniert noch recht gut«, schrie er zurück, »aber ich weiß nicht, wie uns das jetzt helfen soll. In die Tiefe des Abflusses kann nicht nicht sehen, auch wenn ich gerade spüre, dass dort unten die Gefahr lauert, vor der ich dich vorhin warnte.«

»Nein. Du sollst mir nur sagen, wie der Mechanismus dieser von Inet verfluchten Brücke funktioniert, mon frère. So, wie du oben den verborgenen Schalter am Falkenthron gefunden hast. Es muss eine Möglichkeit geben, sie zu überqueren, ohne den anderen in die Tiefe zu folgen. Der Erbauer dieser teuflischen Falle muss ein Schlupfloch offengelassen und irgendeine Sicherung eingebaut haben, damit er sie selbst überwinden kann. Das müssen wir herausfinden und wir dürfen dabei keine Zeit mehr verlieren!«

Adelf nickte und kniete nieder, legte die Hand auf das erste Querholz des trügerischen Stegs. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Bauwerk. »Diese Brücke ist neu. Sie wurde erst kürzlich in böser Absicht errichtet«, murmelte er stirnrunzelnd. Er war nun vollkommen in sich gekehrt und abwesend, erspürte die Fasern des Holzes, die Seile und Nägel, mit denen die Brücke gebaut worden war und versuchte, die geheime Techné der Falle zu finden, die ein unbedachter Schritt Jalahs ausgelöst hatte. Juel, der diese Zustände an ihm von früher kannte, ließ ihn gewähren, auch wenn er vor Ungeduld am liebsten schreiend herumgerannt wäre.

»Das ist eine ganz einfach Konstruktion – einfach, aber effektiv«, nickte Adelf schließlich zufrieden und erwachte aus seiner Versenkung. Mühsam richtete er sich wieder auf. Wie er schon erwartet hatte, kehrt seine Schwäche zurück und er musste sich an Juels Schulter festhalten, um nicht nach vorn in den Kanal zu kippen. Seine Sinne erneut auszusenden, hatte ihn viel von seinen schwindenden Kräften gekostet. »Die mittlere Planke der Brücke ruht auf zwei Druckplatten, die den Fallenmechanismus auslösen, der übrigens elektrisch ist.«

Juel staunte. »Elektrisch? Hier unten? Bist du dir sicher? In diesem rückständigen Wüstenloch, in dem sie noch nicht einmal eine Wasserspülung auf den Abtritten haben, sollen ausgerechnet die Kellerverliese eine Stromversorgung haben und der Rest des Palastes nicht? Das ist eigentlich unmöglich.«

Adelf warf ihm einen ungeduldigen Blick zu, der ihn sofort verstummen ließ. Wenn der Mönch Strom fühlte, dann gab es auch welchen. Juel hatte noch nie erlebt, dass er sich geirrt hatte. »Wenn wir diese Planke in der Mitte auslassen, dann müssten wir unbeschadet auf die andere Seite und zu der Tür gelangen. Das nehme ich zumindest an.«

»Also gut.« Juel zuckte mit den Schultern und stützte seinen alten Freund mit dem Arm. Dann betraten sie das so wenig vertrauenserweckende Holz des Stegs, der auch prompt ein wenig unter ihrem Gewicht nachgab. Sorgsam achteten die beiden darauf, die mittlere Planke, die gut doppelt so breit wie die anderen war, nicht zu berühren. Sie mussten dazu einen kleinen Sprung über sie hinweg machen, der sowohl den übergewichtigen Dieb wie auch den erschöpften Mönch einiges an Überwindung kostete. Aber Adelfs Prophezeiung bewahrheitete sich und sie gelangten sicher auf die andere Seite, ohne den Fallenmechanismus ein weiteres Mal auszulösen. Sie atmeten erleichtert aus, als sie endlich vor der massiven Gittertür standen, die den weiteren Weg versperrte.

»Dahinter führt übrigens eine enge Wendeltreppe in die Tiefe, aber ich kann nicht sagen, wie weit sie hinabreicht«, bemerkte Adelf stirnrunzelnd. »Soll ich auch hier nach einem Öffnungmechanismus suchen?«

»Das wird nicht nötig sein.« Juel musterte abschätzig das beeindruckende Schloss und holte erneut sein Diebeswerkzeug hervor, mit dem er das Schlüsselloch bearbeitete. »Ich habe in den zehn Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, ein paar neue Tricks gelernt.«

Das Schloss bot dem Meisterdieb nur wenig Widerstand und er hatte es mit wenigen Handgriffen geknackt. Die schwere Gittertür schwang in ihren Angeln nach innen und gab den Blick auf die vom hellsichtigen Adelf angekündigte Treppe frei, deren hohe, schmale Stufen sich steil um eine dünne Säule hinab in einer unbeleuchtete Finsternis schraubten. Die beiden Männer würden hintereinanderher gehen müssen, wenn sie diesen Abstieg benutzen wollten. Juel bekam bei diesem Anblick ein wenig Platzangst, aber er war Dieb genug, um sich von ihr nicht abschrecken zu lassen. Schließlich war er schon enge Kamine hinabgeklettert, hatte seinen massiven Leib durch Kanalröhren geschoben und sich den an eng beieinander stehenden Mauern zwischen zwei Häusern entlanggedrückt. Im Licht seiner Lampe entdeckte er zu seiner Überraschung in Brusthöhe auf der Seite einen schwarzen Schalter, der tatsächlich elektrische Lampen in dem Wendelstein zum Leuchten brachte, nachdem er ihn neugierig gedreht hatte. Geblendet blinzelte er und stellte sein eigenes, unnötiges Licht auf den Boden.

»Merkwürdig«, murmelte er und wandte sich dann an Adelf: »Nach dir?«

In diesem Augenblick hörten beide den panischen Schrei einer Frau. Er hallte von tief unter ihnen vom Fuß der Treppe empor.

Selin wäre es beinahe noch gelungen, sich an dem Geländer der Brücke festzuhalten, das sich mit ihm herabsenkte, aber das Gewicht von Semira, die verzweifelt seine Hüften umklammerte, riss ihn mit ihr hinab und hinein in das tobende, aber nicht einmal allzu tiefe Wasser des Kanals. Er ging dem jungen Mann nur bis zur Brust und alle hätten problemlos in ihm stehen können, wenn die Strömung weniger reißend und die Wanne des Kanals nicht durch Algen so schlüpfrig gewesen wäre, dass an einen Halt nicht zu denken war. Deshalb blieb Selin nichts anders übrig, als auch seinerseits Semira zu umarmen und sich mit ihr von der Wut des Bachs mitreißen zu lassen. Hilflos wurden sie zu dem großen Abfluss geschwemmt, in dem gerade kreischend Jalah verschwand. Er wollte eine Warnung rufen, doch er schluckte dadurch nur Wasser und hustete und spuckte. Dann fraß das Loch in der Mitte des Stroms auch ihn und seine Geliebte und sie wurden in die Tiefe gerissen. Das letzte, was Selin sah, war der fassungslose Blick von Juel, der vom Rand des Kanals auf ihn herabblickte.

Die Wasser schlugen über seinem Kopf zusammen, der Strudel riss ihn herum und drehte ihn, aber er ließ Semira nicht los. Gemeinsam rutschten sie eine steile Schräge hinab, in der sie schnell jegliche Orientierung verloren. Gerade als das Brennen in den Lungen und das Verlangen nach einem Atemzug übermächtig wurden, wurde ihre Rutschpartie flacher und sie konnten ihre Köpfe aus dem Wasser strecken und hektisch nach der modrigen Luft schnappen, die in dieser Biegung der Röhre gefangen war. Doch bevor sie sich dieses Glücks bewusst wurden, wurde sie erneut von der nachfließenden Flut weitergeschoben und rutschten erneut in die Tiefe. Dabei schlug Selin seinen Kopf so hart an der Wand an, dass er für Momente das Bewusstsein verlor. Sterne tanzten vor seinen Augen. War dies das Ende seines jungen Lebens? War der Tod sein Weg, der in den Tag führte?

Schließlich spuckte der Wasserstrahl die beiden aus einem weit aus Gewölbewand hinausragenden Rohr ins Freie und Semira und Selin klatschten nach einem kurzen freien Fall von etwa fünfzehn Fuß in den gewaltigen Kavernensee unterhalb des Elfenbein-Palasts, der niemals austrocknete und als Trinkwasserreservoir die Brunnen der ganzen Stadt versorgte. Aberhunderte von hohen, spitzen Säulen trugen ein gigantisches Kreuzgewölbe, dessen Rippen an ihrem Kreuzungspunkt in einem Viertel Furlong Höhe statt eines Schlusssteins große Lichtquellen aufwiesen, die scharf gebündelte Strahlen hinabsandten und ovale, glitzernde Inseln aus Helligkeit auf dem Wasserspiegel tanzen ließen.

[Zum 4. Teil …]

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