Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

3. Kapitel
Ómers Falle

Jalah legte beschwörend einen Zeigefinger auf ihre Lippen und warf einen wütenden Blick zurück auf Se­lin und Semira, die ein Stück hinter ihr gingen und miteinander tuschelten. Betreten verstummten die bei­den. Die Diebin, die fast ein Jahrzehnt ein zweites Leben als Dienerin der Kaufmannstochter gelebt hatte und deren absolutes Vertrauen gewonnen hatte, nickte und winkte ihre vier Begleiter näher zu sich heran.

»Wir müssen nun sehr vorsichtig sein«, flüsterte sie so leise, dass sich jeder noch weiter vorbeugen musste, um sie zu verstehen. »Wir befinden uns im Moment direkt unter den Gemächern des Namenlosen und hier haben die Wände Ohren und die Decken Augen.«

Sie hob ihre Laterne. Hinter dem beieinander stehen­den jungen Paar nutzte Adelf die kurze Pause, um sich er­schöpft gegen die Ziegelmauer des vorborgenen, zwi­schen den Wänden liegenden, Gangs zu lehnen, dem die Gruppe seit geraumer Zeit folgte. Den Abschluss bilde­te Juel, der wie Jalah eines der Öllichter trug, die die Die­besgilde schon von langer Zeit am Eingang des Ge­heimgangs zurückgelassen hatte. Sie traute dem Meis­terdieb von der Gild obschura nicht. An Juels Stelle würde sie sich auch nicht an die Schwüre gegenüber der Gilde halten, wenn sie solch einen Schatz in die Hände bekommen konnte, wie es die beiden faustgroßen Bril­lanten waren, die sie vom Falkenthron gestohlen hatte und die nun schwer in ihrer Geldkatze lagen, die sie an einem Gürtel unter ihrer schwarzen Kleidung di­rekt am Körper trug. Sie war ja ebenfalls in Versu­chung ge­raten und hatte mit dem Gedanken gespielt, sich mit der Beute aus dem Staub zu machen und in ei­ner Stadt tief im Süden ihr Glück zu suchen und ein neues, sorgenfreies Leben zu beginnen. Doch sie wusste genau, wie eitel dieser Traum war. Die Diebes­gilde hatte über­all ihre Spitzel und ihre lokalen Gruppen und sie war be­kannt dafür, Verräter aus ihren Reihen schnell und da­bei auf möglichst schmerzhafte Weise aus dem Weg zu räumen. Sie selbst hatte ja auch schon solche Aufträge erledigt. Aber vielleicht konnte es ihr ja gelingen, diese Karte – oder was immer das auch war -, die Selin bei sich trug, heimlich in die Hän­de zu bekommen. Wenn es das sagenumwobene Para­dis aus den alten Märchen wirklich gab, dann war sie un­glaublich wertvoll. Ihr Diebesmeister würde sie für solch einen Fund sicherlich reich be­lohnen.

Jalah spürte, wie das Begehren in ihr wuchs. Sowohl der nai­ve, junge Selin und seine Semira, die ihrer Zofe und Vertrauten ja bedingungslos glaubte, und die die Augen und übrigens auch die Hände nicht voneinander lassen konnten, wie auch der kranke Mönch, den sie im Auftrag der Gilde befreit hatte, würden für die erfahrene Diebin kein Hindernis darstellen, sich mit den Edelsteinen und der Karte in diesen verwir­renden Gängen unter dem Elfenbein-Palast abzuset­zen. Aber sie bemerkte Juels forschenden Blick, der nachdenklich auf ihr ruhte. Er war ein anderes Kaliber und sie spürte, dass er ihr nicht traute.

Sie zuckte mit den Schultern. Vielleicht würde sich später eine Gelegenheit finden, denn noch hatte sie ihren Auf­trag nicht abgeschlossen. Er war erst beendet, wenn sie diesen alten Mönch aus dem Palast geführt hatte. Sie stellte ihre begehrlichen Gedanken für später zurück und sah sich nach dem nächsten Diebeszeichen um, das ihr verraten konnte, welche Richtung sie weiter einschlagen sollten, denn sie kannte sich hier ebenso wenig wie ihre Begleiter aus. Obwohl sie viel Erfahrung hatte und schon seit ihrer Kindheit für die Gilde stahl, war sie noch nie innerhalb des Palastes auf Tour gewesen. Deshalb musste sie sich auf die Markierungen verlassen, die frühe­re Diebe hier unten für ihre Nachfolger zurückgelassen hatten. Bis­lang hatten die unscheinbaren Kreidemarkierungen die Gruppe sicher durch das verwirrende Labyrinth, das unzählige Abzweigungen und Kreuzungen hatte, geführt. Gab es in dem Palast überhaupt eine Wand, hinter der kein geheimer Gang versteckt war?

Doch an keinem der drei Durchgänge dieser Kreuzung, an der sie angehalten hatten, waren irgendwelche Kreidestriche zu finden. Dort waren, wie an den anderen Orten auch, sicherlich einmal welche gewesen, aber hier unten waren die Wände feucht wie ein Schwamm und der Schimmel, der aus ihnen wuchs, hatte die alten Zei­chen zerstört. Nun war Jalahs Instinkt gefordert. Sie leuchtete in jede der drei Abzweigungen und lauschte in ihre Schwärze. Am vielversprechendsten erschien ihr der linke Durchgang, der über ein paar Stufen weiter abwärts führte und aus dem ein feuchter und kühler Modergeruch heranwehte.

»Worauf warten wir denn noch?«, fragte plötzlich Se­lin, der immer ungeduldiger geworden war. »Mein Großvater und Tante Sirtis warten bestimmt schon auf uns vor dem kleinen Händlertor in Korus.«

Juel stellte sich neben Jalah und räusperte sich.

»Glaubst du auch, dass dies der richtige Weg ist?«, fragte sie ihn leise. Er zuckte mit den Schultern.

»Kann sein, vielleicht auch nicht. Das ist dein Jagdgebiet, nicht meines. Vielleicht führt der Gang zu der unterirdischen Kaverne, über die wir aus dem Palast entkommen wollen. Es kann auch sein, dass er uns in die Irre leitet. Aber ich frage mich: Ha­ben wir überhaupt eine Wahl? Sollen wir uns etwa auf­trennen? Umkehren und unser Glück an einer anderen Stelle versuchen? Das halte ich für keine gute Idee. Das Ende der Nacht ist nah und wir müssen endlich raus aus diesem Trojaspiel, um Abstand zum Palast zu gewinnen. Sonst erwischen uns die Treuwäch­ter doch noch. Und ich glaube nicht, dass die heute viel Lust haben, Gefangene zu machen“, erwiderte Juel.

Er hatte seinen östlichen Tonfall, den er nur einsetzte, um einen harmlosen Eindruck zu machen, vollkommen aufgegeben und sprach eher wie ein gebildeter Wendländer. Aber Juel hatte recht. Die Gruppe durfte sich hier nicht länger aufhalten. Wenn sie gemeinsam die Kaverne erreichten, war alles gut. Dort kannte sich Jalah aus und sie würde pro­blemlos die Leiter finden, die in eine alte aufgegebene Schmiede nahe der südlichen Palastmauer führte, wo sicher schon ein paar ihrer Komplizen ungeduldig auf sie warteten. Also trat sie entschlossen in den dunklen Gang vor ihr und suchte aufmerksam an den Wänden nach weiteren Symbolen, doch sie konnte keine mehr mehr entdecken. Etwas verzagter folgten ihr die beiden jungen Leute und den Abschluss machten wieder Juel und Adelph, die sich flüsternd unterhielten.

»Was mich interessieren würde, mein alter Freund«, erkundigte sich der Dicke, »wer hat eigentlich der Gil­de den Auftrag erteilt, dich zu befreien?«

Adelph schmunzelte. »Das war ich selbst.« Er genoss das Erstaunen auf Juels Gesicht. »Ich war zufällig Attentätern auf die Schliche gekommen, die einen Mordanschlag auf Raul IV. im Elfenbein-Palast planten, und ich hatte Angst, ich würde einfach verschwinden, wenn ich sie zu einem ihrer dunklen Treffen verfolge und dabei von ihnen entdeckt würde. Das ist ja dann tatsächlich auch beinahe geschehen. Schließlich kann ich mich auf eines immer verlassen und das ist mein berühmtes Pech. Ich habe aber inzwischen gelernt, immer vom Schlimmsten auszugehen und irre mich in meiner Einschätzung nur selten. Ich denke, ich bin nur wegen meines Pessimismus‘ noch am Leben. Deshalb beauftragte ich die Gild‘ obschura, mich im Geheimen zu beschützen und nach mir zu forschen und mich zu befreien, falls ich in Gefangenschaft geraten sollte. Das war, wie sich jetzt zeigt, eine meiner besseren Ideen. Als ich meinen Leibwächterauftrag vergab, konnte ich allerdings noch nicht ahnen, dass ich ausgerechnet hinter der Kalten Hand her war, die dann ja auch alles daransetzte, mich unschädlich zu machen und dass ich am Ende im Kerker des Namenlosen und seines widerlichen Vezirs landen würde.«

»Dann hast du ja doch einmal an einem Tag Glück gehabt«, sagte Juel.

[Zum 2. Teil …]

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