Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mittwoch, 15.05.19 – Fasten mit Klammer

Mittwoch, 15.05.19
Fünfter Fastentag

Schluss, aus!

Die maximale Ranzenspannung ist erreicht, der Gürtel zwickt und die Schnalle ist im letzten Erweiterungsloch angekommen, aus meiner Konfektionsgröße bin ich längst hinaus gewachsen und die Hemden spannen sich bedrohlich über den wie warmer Hefeteig aufgequollenen Speckfalten. Gut, das war jetzt etwas übertrieben, aber leider nur wenig. Würde ich den Statistiken glauben, den ganzen BMI-Tabellen, Fachleuten, Diät-Ärzten und Faustregeln – die meiner Meinung nach nur dazu dienen, einem ein schlechtes Gewissen einzureden (1) – dann wäre ich ernsthaft krank und adipös – ein adipöser, mangelernährter, infarktgefährdeter Alkoholiker mit Bluthochdruck übrigens. Fehlte nur noch, ich würde zu rauchen beginnen. Tatsächlich fühle ich mich höchstens ein wenig übergewichtig, treibe allerdings außer Bergwandern keinen Sport, bin ein leidenschaftlicher Esser und trinke abends gerne ein, auch mal ein, zwei Gläser Wein. Doch damit ist nun Schluss.

Klammer muss abnehmen!

Mal wieder. Ich bin der lebende Jo-Jo-Effekt, auch wenn es mir in den letzten Jahren gelungen ist, mein Gewicht besser in den Griff zu bekommen. Ich war als Kind bereits stark übergewichtig, als Jugendlicher und junger Erwachsener auch immer wieder mal fett. Den oberen Ausschlag auf der Skala erreichte ich mit Mitte Dreißig. Ich wog über einhundertzehn Kilo (2) und hatte beim (übrigens rauchenden und ebenfalls übergewichtigen) Amtsarzt Probleme, ein Gesundheitszeugnis für meinen neuen Job zu bekommen. Freilich hatte ich immer wieder versucht, mein Gewicht zu reduzieren und der unappetitliche Anblick, der sich mir im Spiegel (3) bot, entsprach ganz und gar nicht dem Eigenbild, das ich von mir als existentialistischer, zynischer Schriftsteller und Actionheld hatte. Aber ich fraß mir leider in einem halben Jahr jedes Kilo, das ich mir mühsam für den Job abhungerte, wieder an. Und selbstverständlich endeten die meisten hoffnungsvoll begonnenen Diäten nach drei Tagen in der Pizzeria um die Ecke. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass Vegetarier nicht immer anämisch und dürr sein müssen.

Dann wurde ich Vierzig und mich schüttelte eine gewaltige Midlife-Krise durch. Ich änderte meine Gewohnheiten und hungerte mich in einem halben Jahr auf 73 Kilo herunter. Dieses Gewicht hielt ich viele Jahre. Doch nun habe ich wieder zu viel Speck auf den Rippen, er hat sich ganz langsam und von mir kaum bemerkt heimlich angesammelt. Natürlich habe ich längst noch nicht mein altes Kampfgewicht erreicht, das einem Sumo-Ringer Ehre machen würde. Aber die Notbremse muss gezogen werden. Ich bin am Ende der Fahnenstange angekommen.

Nun bin ich ein überaus ungeduldiger Mensch. Folglich will ich schnell abnehmen und da gibt es für mich nur einen einzigen Weg: Weniger essen. Es gibt tausend Diäten und jede verspricht Gewichtsverlust. Ob man sich nun modisch vegan ernährt, eine Trennkost-, Frauenzeitschriften-, Atkins-, Weight-Watchers-, Neandertaler-, Bikini-, Low-Carb-, Mittelmeer-Diät macht oder mithilfe des pappigen Nahrungsergänzungsmittels abnimmt, für das zwei oder drei Möpse und eine vertrauenswürdig wirkende Apothekerin mit „vielen leckeren Rezepten“ Werbung machen, sie funktionieren nur, weil man bewusst und fettärmer isst. Eigentlich einfach, oder?

Schon 5 Tage geschafft!

Für mich ist – zumindest bei Diätbeginn – die härteste Methode die Beste: Ich esse drei Wochen lang überhaupt nichts, verzichte auf feste Nahrung. Ich faste. Heute ist der fünfte Tag, an dem ich nur Kräutertees, Mineralwasser und Trinkjoghurt zu mir nehme und es geht mir gut. Die erste Krise und die Kaffeesucht sind überwunden. Das sind die Tage 2 und 3, an denen der Heißhunger fast übermächtig wird, mich wegen des Koffeinentzugs Kopfschmerzen quälen und ich den Eindruck habe, jeder in meiner Umgebung wäre ausschließlich mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Danach verschwindet der Hunger seltsamerweise für sieben Tage und ich fühle mich in dieser Zeit fit und gesund, geistig rege. Wie unter Drogen nehme ich Farben, Gerüche, Geräusche genauer und intensiver wahr und bin euphorisch und heiter. Es geht mir glänzend. Freilich betrügt mich hier mein Körper, er läuft auf Notstrom, erschöpft schnell und nachdem ich in den ersten Tagen einige schnelle Kilo abgenommen habe, weigert er sich dann für fast eine Woche, weiter an Gewicht zu verlieren. Dann allerdings, in der dritten Fastenwoche, geht es wieder rasant nach unten. Danach wechsle ich dann zu einer sanften Diät, mit der ich die Fastenerfolge festige und bis Pfingsten bin ich wieder rank und schlank. Dann will ich nämlich eine große Reise unternehmen und möchte nicht den halben Bierkasten an augenblicklichem Übergewicht mit mir herumschleppen. Auch das Fahrrad wird wieder in Betrieb genommen.(4)

Ich wiege mich übrigens die ganze Zeit nicht. Das subjektive Empfinden, dünner zu werden – bereits jetzt nach vier Tagen Fasten passen meine Hosen wieder erheblich besser – ist wichtiger und wohltuender als die Kilozahl auf der Waage.

Ob das gesund ist? Ob man das empfehlen kann? Sicher nicht. Aber es ist meine Art abzunehmen und nie bin ich ein besserer Autor als in der Zeit, in der ich faste. Es ist, als würde der Geist die Auszehrung des Körpers kompensieren.

Ich werde regelmäßig berichten, wie es mit mir weiter ergeht.

________________

(1) Diese Gesundheitsmafia, die mir ständig einreden will, ich würde über meine Verhältnisse leben, funktioniert wie die katholische Kirche: Das ganze System ruht auf dem schlechten Gewissen der Leute und ihrer Angst vor einer rächenden Gottheit.

(2) Das sind fast 230 Pfund! Bei meiner Körpergröße von 1,78 cm (morgens und gut gelaut gemessen) ist das gewaltig – 80 Pfund Übergewicht. Aber es ist auch ein bisschen wie bei Kalorien und Joules oder bei Euro und D-Mark: Je größer die Zahl, um so gewaltiger das Erschrecken.

(3) Einer der wenigen Gegenstände, die aus dem Nachlass meines Großvaters in meinen Besitz übergingen, ist ein großer Spiegel, vor dem er als Schneidermeister seine Kunden den Sitz der Anzüge probieren ließ. Ich kann diesen geschickt geschliffenen Schneiderspiegel nur empfehlen: In ihm sieht jeder ein paar Kilo leichter und ein paar Zentimeter größer aus.

(4) Obwohl ich kürzlich von einem Freund ein Grillbesteck in einem Koffer geschenkt bekam – also die Golftasche des Normalbürgers – ist ein E-Bike für mich immer noch keine Option. So alt fühle ich mich nicht. Ich werde mir auch keinen von diesen klobigen, wie aus Lego-Duplo-Steinen zusammengebauten übergroßen SUVs kaufen. Versprochen!

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