Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (Schluss)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Nach einer ganzen Weile war Sahar wieder einiger­maßen bei sich und krabbelte aus den Dornen, die ihn zerstochen und seine schicke Galauniform zerrissen hatten. Er richtete sich mühselig auf und wischte sich mit den Ärmeln das Blut vom Mund, das in zwei Bä­chen aus seiner Nase lief. Ihn schmerzte jeder Knochen im Leib, aber er hatte außer ein paar Kratzern und blauen Flecken bei dem kurzen Kampf keine weitere Verletzung davon getragen. Der tote Kling‘Arta kauerte zusammengesunken und bewegungslos wie ein grauer Erdhügel auf dem Rasen. Seine Arme hingen schlaff herab und er hat­te seinen kahlen Kopf, der durch die unzähligen Täto­wierungen fast so schwarz war, als wäre er behaart, auf der massigen, von Sa­hars Waffe durchbohrten, Brust liegen. Sahar humpelte näher, packte den Griff seines Degens mit beiden Hän­den und zog vergeblich an ihm. Erst als er ein Bein zur Hilfe nahm und es gegen den Leib des Toten stemmte, ge­lang es dem Adepten, seine Waffe zu befreien.

Endlich kippte der gewaltige Körper des barbarischen Kriegers zu den sterblichen Überresten von Galves nach vorne ins Gras. Für jeden, der die beiden Leichen nun nebeneinander entdecken würde, musste es aussehen, als hätten sie sich in einem ver­zweifelten Kampf gegenseitig umgebracht. Sahar rei­nigte gelassen seine Klinge in der angewinkelten Beu­ge seines Arms und warf dabei einen mitleidigen Blick auf die Schwalbe von Avríl. Der Tod schien Sahar in dieser Morgendämmerung nicht aus den Augen zu lassen; er war sein Begleiter, wohin er auch ging. Der legendäre Oberste und Geheimdienstchef der Lamargue, dessen durch eine Narbe verursachtes Dauerlächeln sich im Sterben noch ver­stärkt hatte, war ihm sehr sympathisch gewesen und er fühlte sich auch ein wenig schuldig, weil er diese sinnlose Tat, die so überraschend und flink wie ein Blitzschlag erfolgt war, nicht hatte verhindern können. Was für ein jämmerliches Ende für Mann, der über so viele Jahrzehnte hinweg die Politik der Überlebenden Lande mitgestaltet hatte!

Wie würde es nun in der Lamargue weitergehen, nachdem in dieser Nacht sowohl ihr Regno als auch die graue Eminenz hinter ihm auf heimtückische Weise ermordet worden waren und so viele Soldaten im Speisesaal ihr Leben gelassen und nicht mehr in die Heimat zurückkehren würden? Würden Raul und Ravik, die Söhne des Bären, um die Nachfolge kämpfen? Oder übernahm die Witwe Kahlja und damit der Clan ihres einflussreichen Vaters die Regentschaft? Mündete diese Nacht in einen Bürgerkrieg oder würde es gar einen Krieg mit den Fünf Städten geben, wenn herauskam, dass deren Botschafterin für das Attentat verantwortlich war? Sahar gab es nur ungern zu: Seiner Heimat Italmar würde diese Schwächung ihrer östlichen Nachbarn Nutzen bringen. Egal, was geschah: Die Lamargue könnte nicht länger das das Protektorat über die Provinz ausüben, die eigentlich altes Kernland des Kir­chenstaats, aber seit der Kokardenrevolution vor dreihundert Jahren autark war und unter dem Schutz der Regnos von Jasir und seiner Truppen stand. Die Provinz unterhielt keine eigene Armee. Wenn sich die Soldaten der Lamargue und die wenigen Ordensritter der Friedenswacht von dort zurückzogen, um im Osten zu kämpfen, dann konnte Italmar seine alten Ansprüche wieder geltendmachen und in einem Handstreich die Provinz erobern. Da konnte auch das von wirtschaftlichen Krisen gebeutelte Wendland nur tatenlos zusehen. Ein einziger politischer Mord war geschehen und seine Auswirkungen würden die Landkarte der Überlebenden Lande komplett verändern. Sahar konnte es in der Kälte des beginnenden Morgens spüren: Ein gewaltiger Sturm zog auf und er wehte von Norden!

Der Mönch zögerte nur kurz, dann schob er seine Waf­fe zurück in die Scheide, die er am Rücken unter seiner Kleidung trug und kniete sich zu dem Leichnam von Galves hinun­ter, taste ihn mit professionellen Griffen ab. Sehr schnell wurde er fündig: In einer Innentasche der kurz­en Uniformjacke entdeckte er einen in einem Um­schlag steckenden kurzen Brief. Es war viel zu dunkel, um ihn auf der Stelle zu lesen und Sahar schob ihn deshalb in die Tasche. Nun erschienen ihm Galves gebrochende Augen vor­wurfsvoll. Deshalb schloss er sie mit sanftem Druck, während er ein eili­ges Gebet an Oberone, den Herrn des Waldes, sandte. Heute musste der gläubige Baruchsjünger viele Seelen auf den richtigen Weg bringen. Obwohl Miladí und ihre mörderische Dienerin inzwischen einen wahrscheinlich unaufholbaren Vorsprung hatten, nahm Sahar trotzdem ihre Verfolgung auf. Er hatte zwar wenig Hoffnung, sie noch zu erwischen, aber der Fluchtweg der Attentäterin war auch für ihn die beste Mög­lichkeit, sich unbemerkt aus dem Palast zu schlei­chen, ohne von der Treuwacht festgenommen und peinlich befragt zu wer­den. Schließlich trug er ja noch immer eine lamargi­sche Uniform und sah mit der schmerzhaften Wunde im Gesicht sicherlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die  in der Gartenmauer erwies sich als ein geheimer Durch­gang, den sicher einmal die Diebesgilde geschaffen hat­te oder vielleicht auch ein Namenloser, der sich gerne mit seinem Vezir unerkannt unter sein Volk mischen wollte. Der Fluchtweg führte durch ein paar leere Stallungen und eine, hinter einer Efeuwand gut verborgene, Pforte hinaus auf die Flussseite des Elfenbeinernen Palasts, wo dessen schroff aufragende Wehrbefestigung nur durch einen schmalen Kai vom an dieser Stel­le strudelnd und eilig vorbeifließenden Marat getrennt war. Sahar sah zu dem gurgelnden, schwarzen Wasser eine Mannshöhe unter sich hinab. Hier hatte unmöglich ein Boot oder ein Schiff ankern und die Botschafterin auf­nehmen können. Sie war also weiter zu Fuß geflohen. Doch in welche der beiden Richtungen? Sahar hatte endgültig ihre Spur verloren. Er blinzelte, weil sich in diesem Augen­blick jenseits des breiten Stroms über dem Stadtviertel Korus die Sonne erhob und ihre bereits jetzt am frühen Morgen hitzigen Strahlen in sein blutiges und schmut­ziges Gesicht sandte. Sahar nieste und zuckte durch den plötzlichen Schmerz in seiner Nase zusammen. Sollte Miladí ihm doch durch die Finger flutschen: Er glaubte an den Spruch Baruchs im ersten seiner heiligen Bücher, wo geschrieben stand: „Unsere Wege führen zu vielen Kreuzungen und an ei­ner von ihnen werden wir uns einmal wiedersehen – in diesem oder in unserem nächsten Leben.“ Darauf konnte er warten. Der junge Mönch sollte übrigens der Botschafterin der Oststädte schneller wieder begegnen, als ihm lieb war. Aber dies ist eine weitere Geschichte, die an einem weiteren Tag erzählt werden soll.(1)

Der Adept setzte sich erschöpft auf die Kaimauer. Er nahm den beim Leichnam von Galves gefunden Brief aus dem Umschlag und entfaltete ihn. Die Handschrift kannte er nicht und die Unterschrift war nicht zu entziffern; aber was dort ein lamargischer Spion knapp und in militärischem Ton geschrieben hat­te, warf ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse der Nacht. Der Brief war an den Regno selbst gerichtet, hatte die­sen aber wahrscheinlich nie erreicht, weil ihn Galves vorher abgefangen hatte. Er legte dar, dass der älteste Sohn von Raul VI. hier in Karukora lebte und einer kurzen, aber stürmischen Liaison mit einer Palastan­gestellten namens Irta Dabinghi während eines Staatsbesuchs entsprungen war. Noch erstaunlicher war, dass jener Sohn, von dem der Regno wohl nie etwas erfahren hatte, noch vor seiner Hoch­zeit mit Dora Kahlja gezeugt wurde und deshalb in der Thronfolge vor seinen jüngeren Brüdern Raul und Rafik stand! Zudem stammte er von der mütterlichen Linie her von den Bingh ab, entsprang also direkt der Dynastie des ersten Namenlosen und hatte damit den Anspruch auf zwei Königsherrschaften. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war dieser junge Mann, der Se­lin hieß, auch noch der Enkel von Alis! Der Briefschrei­ber warnte am Ende eindringlich vor einem angebli­chen Plan des alten Märchenerzählers, der die beste­hende Ordnung und das Leben einiger Mächtiger ge­fährden würde. Diese Warnung war sehr unklar und verworren. Der Mönchskrieger las den Brief ein zweites Mal, dann faltete er ihn wieder behutsam und barg ihn in seiner Kleidung. Das Schreiben wog plötzlich schwer auf seiner Brust und seine Gedanken rasten.

Wenn das al­les stimmte, was er gelesen hatte, waren die Konse­quenzen ungeheuerlich und diese Nachricht musste so­fort seinem Meister Jac Javac Mauvaise und dem Ho­hen Rat des Kirchenstaats übermittelt werden. Das war wichtiger als die frustrierende Suche nach Botschafter Adelf und dem flüchtigen Meister Siebenhardt, die er, falls sie überhaupt noch lebten, in der durch den Putsch aufgewühlten Wüstenstadt wahrscheinlich niemals fin­den würde. Das Machtgefüge der ganzen Welt konnte sich durch dieses Schreiben verändern und vielleicht ein großer Krieg verhindert werden. Sahar musste den Enkel des alten Märchenerzählers, der in seinen Armen gestorben war, finden! Seine Entscheidung hatte er getroffen. Doch nun musste er erst einmal von hier verschwinden, bevor ihn doch noch die Treuwacht aufgriff.

——————–

(1) Siehe: Faiabas Erwachen, Buch 2 der Brautschau-Trilogie

 

[Anfang des 3. Kapitels nächsten Sonntag …]

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (Schluss)

  1. Pingback: Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (9) | Aber ein Traum ...

%d Bloggern gefällt das: