Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Diktion – Eine Kurzgeschichte

sag mir doch: die treppe am rathaus hat ein geländer. das führt in der mitte hinunter. es ist angebracht worden, damit sich fußkranke omas daran hochziehen können. denke ich.

schau doch hin: das geländer hat noch etwas anderes geschafft. jetzt herrscht ordnung. die treppe ist in zwei teile geteilt, in eine abwärts und in eine aufwärts führende hälfte. wer von der unteren in die obere stadt will, muss sich anpassen. rechts gehts hinauf, links hinunter. das mindeste, was den erwartet, der falsch geht und sich dem strom widersetzt, ist missbilligung.

Treppe

glaub mir: ich habe mich immer an verkehrsregeln gehalten. ich bin deutscher und eins mit geschichte und tradition. also gehe ich rechts hoch.

aber höre: ich erzähle aus einem andereren grund von der treppe.

geh noch nicht: der grund ist die begegung zweier menschen. hier fand sie statt.

frage mich nicht: die treppe war kein zufälliger ort. sie wurde bestimmt und absichtsvoll ausgesucht. auf jeden fall wurde der ort nicht von den beiden menschen erwählt, die sich trafen. die glaubten die ganze zeit, es wäre ein zufall.

es geht mir wie dir: das wäre leicht durchschaubar gewesen. schließlich war sommer und gutes wetter, schon leicht gegen abend hin. die szenerie, also die treppe, war geschickt ausgewählt. die lichtverhältnisse: perfekt. niemand wurde geblendet. die farbe der gesichter weich und warm. auch die unbeteiligten im hintergrund, die passanten, die vorbeischlenderten, wurden absichtsvoll plaziert, unaufdringlich, aber präsent.

ich fasse es dir zusammen: nichts war zufall.

du, er hieß gerade karl und er war nur ein kleiner gott: aber alles wurde von ihm arrangiert, obwohl er die ganze zeit kaum in erscheinung trat. er hockte auf der obersten stufe der treppe beim sportgeschäft. nur ein wirklich aufmerksamer beobachter konnte ihn bemerken. karl war diesmal ein alter mann. Er war dick, sein äußeres schmuddlig. das weiß ich. sein linkes augenlid zitterte die ganze zeit. mehr kann ich nicht über ihn sagen. klar, die beschreibung klingt unglaubhaft, gelogen oder zumindest stark übertrieben. aber ich habe das auch alles erzählt bekommen. wie du.

bleibe bitte: ich berichte ja schon von der begegnung. wenn ich noch mehr aushole, versäumen wir sie vielleicht. es trafen sich eine frau und ein mann. er kam von unten aus der altstadt. sie war einkaufen, glaube ich. vielleicht bummelte sie auch nur. sie hatte keine tasche dabei.

du willst wissen, was der mann eben dachte: „ta, ba, ta – mir geht aber auch so und so und was ich sagen werde ein morgendliches lied durch den montag radio immer gut gelaunt, lief werbung, immer wieder nettes lied werbung. immer wenn ichs radio anmach fußpilz sag mal cicero wo endet das leid? die qualität des wetters ist direkt proportional zur qualitität der musik. geht mir die melodie nicht so bescheuert aus dem lied spukt ta, ta, tamm im kopf. wo wollte ich im lokal lukas, vielleicht auch sebastian selten seltsame seltsamkeit. und wieder von vorne waschen treppe hinauf herzschlag – ta, ta, tamm, ba, ba.“

du wolltest sie doch kennen: das waren seine gedanken, als er sich ohne grund, besser gesagt einer eingebung, noch besser gesagt, einer laune, am besten gesagt, dem kleinen karl folgend, der treppe näherte. der mann war jung, fast zu jung für das folgende. obwohl seine gedanken auf keine große tiefe schließen lassen, war er ein ernsthafter mensch. gut, er war ein wenig unausgegoren, aber das wird sich wohl noch legen.

du: er war bekleidet, so, wie man eben bekleidet sein muss. ein wenig unordentlich, aber sauber. sauberkeit hat nichts mit ordnung zu tun. die jeans war natürlich ausgewaschen. er hat sie schon so gekauft. turnschuhe. ein weites, helles sweatshirt. weiß ich noch.

du hast recht: mag sein, dass er etwas belangloses studierte. vielleicht arbeitete er auch. am wochenende jedenfalls verkaufte er immer fischbrötchen in den biergärten. das war ihm peinlich, wenn er bekannte traf. aber er brauchte das geld. er hatte nie genug.

wichtiger ist uns folgendes: der junge mann blieb plötzlich stehen. er hob eine münze vom boden auf. es war nur ein kleines geldstück, aber er freute sich. ein lächeln rutschte über sein gesicht, als er die metallscheibe in die hosentasche schob. kurz sah er sich schuldbewusst um. dann ging er weiter, erreichte die erste treppenstufe. bereitwillig ordnete er sich rechts ein, trotz des revolutionären, sogar philosophischen gedankengutes, das ihn oft und nachdrücklich beschäftigte. er schrieb seine gedanken sogar manchmal auf. natürlich war das alles nicht so wertvoll, wie er dachte. es waren infinitive, die mit ihren genitivformen verschlüsselt waren. diese art des schreibens hatte er bei heidegger gelernt und ich gebe zu, seine texte hatten dadurch einen hauch bedeutung und mystik.

du willst ein beispiel: „die negation der negation ist der reflektierende Widerwurf einer tautologischen gegenstandsätzlichkeit.“

du lachst: ich habe es auch getan, als ich den satz zum ersten mal hörte. aber der junge mann meint ihn ernst. über solche dinge sollte man sich eigentlich nicht lustig machen.

hilf mir, wo war ich: er schritt die treppe hinauf. der kleine oben entdeckte ihn sofort, weil er nach ihm ausschau hielt. er hatte sich durch sein intermezzo mit dem geldstück geringfügig verspätet.

was der kleine gott karl dachte: wer will das sagen? mag sein, ihm fiel ein, wie harmlos der junge mann war. der kleine liebte harmlose menschen, so wie er auch tiere mochte. mitleid hatte er keines. vielleicht dachte er auch an etwas anderes. schließlich war er mit seiner inszenierung beschäftigt. er war nun fast mit der wand hinter sich verwachsen, sogar sein lidzucken hatte aufgehört. jetzt tauchte auch die frau auf, wie aufs stichwort stieg sie die treppe hinab. auch sie war nicht alt, ein wenig älter allerdings als der junge mann, ihr ungeschminktes gesicht wirkte erfahrener.

du hast ja recht: sie kommt zu kurz. ich würde gerne und genau über sie berichten, aber von ihr weiß ich am wenigsten.

ich habe dir ja gesagt: ich war nicht dabei. also gut. für meinen geschmack war sie zu modisch gekleidet. sie roch gut. reicht das?

pass genau auf: jetzt kommt die begegnung. der junge mann bemerkt sie zuerst. er beobachtet ihr entgegenkommen, bewundert ihre beine. gerade als sein blick höhergleitet, voller genuss über ihren körper hoch ihrem gesicht, da sieht auch sie auf, ihn an. ihre blicke treffen sich, verharren den entscheidenden moment ineinander. dann ist er an ihr vorbei. er überlegt kurz, ob er ihr noch hinterhersehen soll. plötzlich hat er es eilig, hinauf in die stadt zu kommen.

was weiter geschah: der kleine gott wartete noch, bis die beiden in der menge der spaziergänger eintauchten, dann begann sein lid wieder zu zucken. er freute sich. mühsam stand er auf. das fiel ihm so schwer, weil er nicht mehr der jüngste war und es ein wenig im kreuz hatte. er war zufrieden. so schön geklappt hat es schon lange nicht mehr. er sah sich um und bereitete sich vor. dann ging karl, oder wie auch immer er sich gerade nannte, schleppend und langsam davon.

so ist mir das erzählt worden.

so erzähle ich es dir.

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