Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (9)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Galves warf einen Seitenblick auf Sahar. »Was hast du mir alles verschwiegen, Mönchlein? …«

»Spielt das nach allem noch eine Rolle? Betrachten wir das Ganze. Dass mir das nicht vorher klar geworden ist! Ich nehme an, Miladí da Hiver ist für ihr Land das, was du für die Lamargue bist, Schwalbe. Sie muss diese uralte Geheimgesellschaft der Kalten Hand wiederbelebt und sich selbst an ihre Spitze gestellt ha­ben. Und sie hat den Gesandten Adelf verschwinden lassen, weil er ihr auf die Spur gekommen ist und irgendwie von den Anschlags­plänen auf den Regno erfahren hat. Da bin ich mir sehr sicher. Adelf hatte ein ganz besonderes Gespür für Verborgenes, Intrigen und Verschwörungen; da hatte er eine Gabe. Aber ich konnte mir bis vorhin, als mir der sterbende Alis ihren Namen zuflüsterte, nicht vorstellen, dass ausgerechnet die Botschafterin der Fünf Städte hinter dem Mordkomplott stecken könnte. Doch es liegt eigentlich auf der Hand: Nur der Städtebund hat einen wirklichen Vorteil vom Tod des Souveräns ihres Nachbarlandes, der ja nun dem Namenlosen in die Schuhe geschoben worden ist. Die Verhandlungen zwischen der Lamargue und Karu­kora sind damit wieder einmal gescheitert; wie schon so oft in der Geschichte. Es wird mit ziemlicher Si­cherheit zu einem Krieg zwischen den beiden mächti­gsten Widersachern und Konkurrenten des Städtebundes kommen. Diese Tat kann die Lamargue nicht unbeantwortet lassen. Ohne sich die Finger allzu schmutzig oder gar blutig zu ma­chen, wird die Regierung in Écuyer ihre Einflusssphä­ren in den Süden und in den Westen ausdehnen können. Wenn die Lamargue vom Krieg ausgeblutet ist, wird die Armee des Städtebundes als Retter dort ein­marschieren. Dieses Spiel haben sie schon einmal vor 300 Jahren mit Italmar und der Provinz getrieben. Wenn zwei sich streiten … Ich frage mich nur, ob das Parlament von den Machenschaften ihrer Botschafte­rin weiß.«

Galves und Miladí hatten schweigend und aufmerk­sam Sahars Ausführungen zugehört, aber jetzt lachte die schöne Frau auf. »Wenn ich dem Rat des Bundes solch ein Hasardspiel vorgeschla­gen hätte, dann würden die alten Leutchen dort noch bis zu ihrem Tod darüber debattieren, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Manchmal muss die Regierung am Par­lament vorbeientscheiden und eine starke Frau die Drecksarbeit erledigen.« Sie deutete vor den beiden Männern eine spöttische Verbeugung an. »Du hast meinen aufrichtigen Respekt verdient, Sahar von Italmar. Du bist ein wirklich talentierter Märchenerzähler und ich habe deiner Geschichte gerne gelauscht. Aber du hast eine winzige Kleinigkeit übersehen.«

Etwas raschelte plötzlich im Gebüsch neben den Männern und Sahar und Galves fuhren erschrocken herum. Zu spät erkannten sie, dass sie in eine Falle glaufen waren und Miladís scheinbare Kapitulation nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. Ein Wurfmesser flog wie ein Pfeil durch die Luft. Es traf den Obersten zielsicher und bohrte sich mit seiner rasiermesserscharfe Klinge unterhalb seines Kinns in die Kehle von Galves, bevor dieser noch reagieren konnte. Seine Augen wurden kreisrund und er öffnete erstaunt den Mund, aber da war es schon vorbei. Galves konnte nicht einmal mehr einen Laut von sich geben. Er war bereits tot, bevor sein Körper erschlaffte und rückwärts auf den Rasen kippte. Sahar war vor Schrecken starr. Er hob nicht einmal abwehrend seinen Arm. Eine dunkle Gestalt richtete sich auf und trat aus dem Unterholz heraus. Es war die verschleierte Dienerin von Miladí. Als sie neben ihre Herrin trat, hatte sie be­reits ein weiteres ihrer kleinen, gefährlichen Messer wurfbereit parat, aber die Botschafterin, auf deren Wangen durch ein schmales Lächeln zwei entzückende Grübchen entstanden, winkte gleichgültig ab. Dann nickte sie ernst und fuhr fort, als wäre nichts gesche­hen: »Du hast übersehen, weißer Adept, dass die Kalte Hand viele Finger hat.“ Trotz ihres Lächelns war der Blick der schönen Frau so kalt und eisblau wie der Trudgelmir-Gletscher.

Sie pfiff ein Signal. Eine weitere Person kam aus dem Gebüsch hervor. Es war der halbnackte, tätowierte Kling‘Arta-Leibwächter der Botschafterin, der vor dem Fest bei ihrem Stahlelefanten geblieben war und sich nun gelassen zwi­schen die beiden Frauen stellte. Er flüsterte seiner Herrin et­was in seiner altertümlichen Sprache ins Ohr. Der berghohe Hühne musste sich dazu herabbeugen, aber den sprachlosen Mönchskrieger, der sich nun fiebrig nach Fluchtmöglichkeiten umsah, ließ er dabei für keinen Au­genblick aus den Augen. Der gelehrte Sahar verstand die altwendischen Worte ebenso problemlos wie Miladí und er packte den dünnen Griff seines Degens fester, während er mit seiner anderen Hand wie zufällig in seine enge Hosentasche griff.

»Kadi os’tud’AsQ? – Soll ich diesen töten?«

Die Botschaftern warf einen nachdenklichen Augenaufschlag auf Sahar, dann zuckte sie mit den Schultern. »Diese schwarzen Schmeißfliegen aus Italmar ärgern mich langsam. Wo Kot stinkt, fliegen sie herum – zuerst der allzu neugierige Aldeph und nun dieses geschmeidige Bürschlein. Erledige das, Wer‘Quer. Mit dem wirst du wohl alleine fer­tig werden. Wir treffen uns dann am vereinbarten Platz. Esnata kommt mit mir.«

Während sich der Kling‘Arta drohend aufrichtete und seine schaufelgroßen Hände böse lächelnd aneinander rieb, wandte sich Miladí ab und rannte mit ihrer Meu­chelmörderin davon. Die beiden tauchten in den Schatten der Bäume und waren verschwunden. Sahar atmete tief ein und machte sich bereit. Aber er hatte nur wenig Hoffnungen, dass sein Plan funktionieren könnte. Gegen diesen Koloss von einem Krieger hätte in einer direkten Auseinandersetzung wahrscheinlich nicht einmal der bullige Regno eine Chance gehabt. Die einzigen Vorteile, den Sahar nun noch ausspielen konnte, waren sein Einfallsreichtum und seine Geschicklichkeit. Denn der junge Mönch kämpfte nicht zum ersten Mal gegen ei­nen der Barbaren aus dem unwirtlichen Tudasgart, das zwischen dem Rauen Gebirge und dem Großen Graben­bruch an der Grenze zu den Jenseitigen Landen lag. Junge, ungestüme Kling‘Arta wurden wegen der häufi­gen Hungersnöte in ihren Stämmen, die in primitiven, hölzernen Taboren hausten und un­tereinander in Blutfehden und Religionsstreitigkeiten verstrickt waren, verstoßen und verdingten sich als Söldner in allen Armeen der Welt. Sie waren an allen Fürstenhöfen begehrte und gefürchtete Krieger, da sie voller Todesverachtung in die Schlachten zogen und jedermann sie für ein paar billige Glasperlen anheuern konnte.

»Das tu al‘Q ide bahastik! – Ich werde dich wie ein In­sekt zerquetschen!«, brüllte Wer‘Quer und stürmte dann wie ein wütendes Woll-Einhorn aus Frostjie auf den klei­nen, dünnen Mönch zu, der seine Muskeln anspannte, sich aber nicht von seinem Platz bewegte.

»Vorsicht, Großer«, murmelte Sahar. »Manche Insekten können stechen!« Er wartete ruhig, bis Wer‘Quer heran war. Dann nahm er seine geballte Hand aus der Tasche und warf sie blitzschnell seinem übermächtigen Gegner entgegen, der nur noch zwei Schritte von ihm entfernt war. Er schleuderte dem Krieger eine Handvoll Salzkörner, die er während seines Märchen­vortrags vom Bühnenboden aufgesammelt und dann zu sich gesteckt hatte, ins Gesicht. Er wusste, dass dies ein unfeiner Trick war, aber in einer offenen Auseinan­dersetzung konnte er dem tätowierten Hühnen nichts entgegensetzen. Das hatte er in seiner Ausbildung ge­lernt: Es war besser, einen Kampf ehrlos zu gewinnen, als ihn ehrenhaft zu verlieren. Besonders, wenn ein Gegner so überlegen war wie dieser. Der Kling‘Arta stolperte, heulte auf und hielt sich kurz seine Hände vor die Augen. Dabei vernachlässigte er wie erhofft sei­ne Deckung.

Das Ende kam schnell. Sahar glitt in einer geschmeidigen Drehungzur Seite. Gleichzeitig stach er gezielt mit seinem Degen zu und rammte seine fast wie ein Spielzeug wirkende, aber sorgfältig geschliffene und diamantharte Klinge bis zum Heft in die breite Brust des Kriegers. Sie durchbohrte das Herz seines Gegners und trat an dessen Rücken wieder aus seinem Leib. Der Zusam­menstoß, dem der Mönchssoldat nicht mehr vollständig auswei­chen konnte, war trotzdem heftig. Der abwehrende Fausthieb des Kling‘Arta traf Sahar krachend im Gesicht und brach ihm die Nase unter der Halbmaske, die er noch immer trug. Sahar wurde wie ein Sack Wäsche zur Seite geschleudert und stürzte halb besinnungslos in die Rosenbüsche.

[Zum Ende des 2. Kapitels …]

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