Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Mittwoch, 01.05.19 – Maimarkt

Mittwoch, 01.05.19

Tja, da bin ich wieder, nachdem der Blog drei Wochen Dornröschenschlaf hielt und ich in Südtirol und im bayerischen Altmühltal wanderte, mit dem Rad unterwegs war und – ich gebe es freimütig zu – durchaus Gar- und überhaupt nichts machte. Doch nun hat mich mein Alltag wieder eingeholt und es ist an der Zeit, die schlafende Schönheit mit ein paar kleinen Gedankensplittern zu wecken. Noch immer bin ich mental halb im Urlaub und da kömmt mir dieser freie Mittwoch, der meine erste Arbeitswoche in zwei homöophatische und damit leichterträgliche Häppchen trennt, durchaus gelegen. Zudem verspricht er, ein wolkenloser und warmer Tag zu werden, der mit der Familie auf der Terrasse verbracht werden kann. Die bienenfleißige Frau Klammerle hat zu diesem Zwecke bereits einen Rhabarberkuchen gebacken. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.

Auf dem Weg nach Beilngries: So muss ein Radweg sein, wenn man kein E-Bike (über diese Erfindung des Teufels schreibe ich ein andermal) besitzt.

Der Urlaub insgesamt war herrlich – danke der Nachfrage. Ich bin auf Berge und zu mittelalterlichen und römischen Burgruinen gestiegen, schwitzend den Limes entlanggeradelt, dicke Bücher gelesen und habe tausend neue Eindrücke, Ideen und auch Wörter gesammelt; doch ich möchte niemanden mit ausführlichen Beschreibungen dieser sonnigen Apriltage molestieren.

Einige verwirrende Fragen sind im Urlaub aufgetaucht, die mich nachhaltig beschäftigen. Was bedeutet das Wort „enteisent“ auf Mineralwasserflaschen, warum ist das Wetter immer am Wochenende schlecht, wer kam als erster auf die absurde Idee, Krebse zu kochen und zu essen und warum liest niemand meinen Blog? Tausend offene Fragen. Offenbar weiß jeder außer mir die Antworten – oder sie tun alle nur so …

Und das ist das neue Wort, das ich gelernt habe: „kollaudiert“. Das gibt es anscheinend sogar im Italienischen; in meinem Wortschatz war es bislang nicht vorhanden.

Eines der großen Rätsel in meiner Kindheit und frühen Jugend war der 1. Mai; neben Fronleichnam(1) war er für mich der geheimnisvollste und seltsamste Feiertag. Nicht, dass ich mich nicht über den überraschend auftauchenden und schulfreien Tag freute. Aber ich fragte mich Jahr für Jahr, warum es da einen Tag gibt, an dem man ausgerechnet die Arbeit feiert. Und weshalb hat man an ihm auch als Schüler frei? Schließlich hatte ich doch im Religionsunterricht gelernt, dass Arbeit ein Fluch Gottes sei („Im Schweiße deines Angesichts, bla bla, …“) und ich las in den „Klassischen Götter- und Heldensagen“ von Gustav Schwab, die Arbeit sei eine der Plagen gewesen, die neben Seuchen und Hungersnöten aus Pandoras Büchse entwichen ist(2). Ein Grund zum Feiern? Warum muss man stattdessen ausgerechnet am „Frei-Tag“ arbeiten? Warum heißt Bier plötzlich „Bock“? Und was ist das für ein seltsamer Brauch mit diesen Maibäumen, die in jedem Dorf wie Mobilfunkmasten in den Himmel wachsen? Läutet das die Spargelzeit ein?

Gut, einige Demonstranten tauchten rote Fahnen schwenkend in den 20:00 Uhr-Nachrichten auf, forderten die 35-Stundenwoche und Samstags frei. Ein paar vereinzelte Punker und Randalierer warfen mit Pflastersteinen und zündeten Autos an, aber das war alles weit weg von meiner provinziellen Heimat und ich wusste nicht, ob die Leute für oder gegen die Arbeit auf die Straße gingen. Fragte ich meinen Vater, machte er ein säuerliches Gesicht, schimpfte über die Gewerkschaften und die Kommunisten und erklärte mir dann ausführlich, dass der Führer diesen Feiertag eingeführt hätte und man ab dem 1. Mai nicht mehr über die Felder der Bauern laufen dürfe. Das war eine Erklärung, die mir die ganze Feiertagssache noch suspekter machte. Bei uns zu Hause wurde auch nicht demonstriert;  aber am Abend des 30. April wurde  alles nicht niet- und nagelfeste verräumt, weil es sonst in der sog. Freinacht verzogen wurde. Am Feiertag selbst spielten meine Eltern  mit Onkel und Tante den ganzen Tag „Schafkopf“, während ich gelangweilt vor der Glotze saß.

In späteren Jahren zog ich am 1. Mai mit einer katholischen Jugendgruppe traditionell singend und betend durch die westlichen Wälder  nach Maria Vesperbild (3). Das ist ein reichlich obskurer Marienwallfahrtsort mit seiner wunderwirkenden Fatima-Grotte, wo radikale Pfaffen in der Kirche gegen die Sittenlosigkeit der Jugend und allerlei Frauenfeindliches predigen und auf dem Parkplatz auch bei strömendem Regen mit einer Art Klobürste Autos und Motorräder gesegnet werden.  Wahrscheinlich wollten unsere Gruppenleiter räumlichen Abstand zur Stadt und zur Gewerkschaftsjugend schaffen, damit wir nicht auf dumme Gedanken kamen.

Maimarkt1

Und wie verbringe ich heute diesen „freien“ Tag? Wie alle Diedorfer: Es ist – wie immer – am 1. Mai schönstes Wetter. Die Hauptstraße hat sich in eine „Dult“ voller Verkaufsstände und Fressbuden verwandelt und ich schlendere entspannt durch die Menschenmassen über diesen Maimarkt, esse „Steckerlfisch“(4), versuche mein Glück am Rot-Kreuz-Losstand, kaufe ein paar nutzlose Sachen, Socken und Kuchen beim Musikverein und lande irgendwann im Bücherbasar der Gemeindebücherei, wo ich für wenig Geld dicke, ausgemusterte Romane erwerbe, die meine ohnehin schon überfüllten Regale noch voller machen. Später kommt dann  die Verwandschaft und wir genießen den Nachmittag und den hoffentlich lauen Frühlingsabend auf der Terrasse. Wer in der Nähe ist und Lust und Zeit hat, ist hiermit herzlich eingeladen, an unserem kleinen Fest teilzunehmen.

Maimarkt2O-Ton Diedorfer: „Jetz bin i durch, s Geld is weg. I geh wieder hoim.“

Update, 14:00 Uhr

Aus mir unerfindlichen Gründen scheint es in diesem Jahr keinen Steckerlfisch-Stand zu geben. Das stürzt mich in eine schwere Krise.

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(1) Welcher Leichnam ist da froh? (Happy Cadaver?) Und warum feiert die Kirche das mit Prozessionen?

(2) Die Heldensagen sind eines der Bücher meiner Kindheit; ein fetter, hübsch illustrierter Wälzer in einer für junge Leser bearbeiteten Fassung war das, der von meinen älteren Geschwistern irgendwann vertrauensvoll in meine Hände weitergereicht wurde und in der Wirkung auf mein Gemüt nur noch von den „5 Freunden“ und von „Winnetou“ übertroffen wurde. Der Text von Schwab (1972 – 1850) ist längst gemeinfrei und kann z. B. hier als Ebook gelesen werden.

(3) Ja, auch ich war einmal vom „Christusfieber“ angesteckt – zum meinem Glück ist diese gefährliche Geisteskrankheit wie das „Gedichteschreiben“ und die Pickel auf meiner Stirn inzwischen rückstandslos ausgeheilt. Die Erzählung „Die Lichtung“ aus meinem Buch Kleine Lichter, spielt großteils im vom katholischen „Engelswerk“ betriebenen Vesperbild, das dort Marienhaupt heißt. Übrigens gibt es das barocke Kirchlein des Wallfahrtsdirektors Erwin Reichart (der zum Thema Missbrauch und Frauenrechte bemerkte, „die Kirche könne sich nicht versündigen“) im Günzburger Legoland in Miniatur nachgebaut zu bewundern. Wer heutzutage nach fundamentalistischen und sektiererischen Christen sucht, wird in Vesperbild ohne Probleme fündig. Reicharts Vorgänger im Amt war der noch radikalere Prälat Wilhelm Imkamp, seines Zeichens „Komtur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem“(!).

[4] Das ist fettige Makrele über Holzkohle gegrillt; Steckerlfisch ist eigentlich nur durch großzügige Ouzo-Beigaben einigermaßen unfallfrei verdaubar; aber man hat trotzdem die ganze Nacht etwas von ihr.

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2 Gedanken zu „Mittwoch, 01.05.19 – Maimarkt

  1. Das tut mir wirklich leid, aber ich habe ja vorhin von dir gehört, dass es ihr wieder besser geht und sie wieder zuhause ist. In der Rente hast du ja sicher Gelegenheit, den Feiertag nachzuholen und ihn an einem anderen Tag zu genießen. Grüße, Nikolaus.

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  2. Renate Ziegler sagte am :

    So kann man seine Tage genießen. Ich hab den Feiertag bei meiner Mutter im Krankenhaus gefeiert 👵

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