Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Donnerstag, 28.03.19

Donnerstag, 28.03.19

In der heutigen Zeitung stand, die Leute würden mit 55 Jahren am meisten optimistisch in ihre Zukunft blicken – falls sie dann noch leben …

Nun, ich bin gerade über diese magische Schranke hinausgelangt und habe nicht den Eindruck, dass ich in den letzten Jahren immer optimistischer geworden bin. Im Gegenteil: War ich mit 30 noch der Meinung, ich würde demnächst als bedeutender Autor entdeckt und mit Geld, Ehrungen und von den liebevollen Zuwendungen attraktiver Buchhändlerinnen überhäuft, ist dies heute längst auf meiner privaten Insel der Träume abgelegt und vergessen. Mit 40 dachte ich, ich wäre unsterblich oder zumindest würde ich 120 Jahre alt werden und mit meiner Privatjacht in den Sonnenuntergang segeln; heute zwickt es mich beim Aufstehen im Rücken, jeden Tag habe ich mehr graue Haare auf dem Kopf. Ich bin kurz-, weit- und auch zwischensichtig und werde seekrank. Mit 50 noch glaubte ich, ich würde mit meinem Blog und meinen neuerwachten literarischen Kräften ein wenig Aufmerksamkeit und einen Achtungserfolg erreichen. Alles eitel ….

Ich nähere mich dem Alter schneller, als ich es jemals glaubte. Sehe ich heute in die Zukunft, dann warten noch zehn Jahre Brotberuf, die mich vom Schreiben abhalten, auf mich und danach die Altersarmut, die ich – einziger Lichtblick – gemeinsam mit Frau Klammerle zahn- und geldlos vor mich hin schimpfend im Rollstuhl in irgendeinem heruntergekommenen Seniorenheim verbringen und an allem herummeckern werde. Meine Literatur wird dann längst vergessen und von meinen achselzuckenden Enkeln in einer Papiertonne entsorgt sein.

Vielleicht sollte ich es wie mein älterer Bruder machen. Der ist seit kurzem im vorgezogenen Ruhestand und strotzt seitdem vor Optimismus und Zukunftsplänen. Ich werde ihm zum Geburtstag ein Bierbrau-Set schenken, das scheint mir gerade sehr passend.

So. Da habe ich mich mal wieder ausgekotzt. Jetzt mache ich mir einen Kaffee und setze mich in meinen Lesesessel. Amy, die Katze wird sich schnurrend auf meinen Schoß schmiegen. Dann ärgere ich mich über das Sudoku im Magazin der Zeit, das sich nie ohne ausprobieren lösen lässt und erfreue mich an dem zwar kühlen, aber sonnigen Wetter, das draußen meinen Garten bescheint, in dem es jeden Tag grüner wird und mehr Narzissen blühen … Der Frühling kommt und wie in jedem Jahr glaube ich, er würde nie mehr gehen. Ich sehe zwar nicht sehr optimistisch in die Zukunft, aber doch recht zuversichtlich in diesen Tag.

Apropos Buchhändlerinnen: Ist euch auch aufgefallen, wie seltsam sie sich kleiden? Aber das ist eine andere Geschichte und ich werde sie an einem anderen Tag erzählen …

Das Foto ist genau vor einem Jahr in Weimar entstanden. Warum hat eigentlich die Buchhandlung meines Vertrauens keine Bücherkatze?

*

Und hier noch eine kleine Leseempfehlung für kühle Frühjahrstage:

reinboldAdelheid Reinbold
König Stephan

Was für ein Ungeheuer von einem Roman!

Die Autorin starb vor 180 Jahren an „brandiger Halsbräune“ (so ihr Freund Ludwig Tieck im Vorwort der Erstausgabe) und griff in ihrem opus magnum eine Legende auf, die sich um den bald in Zweifel gezogenen Tod des portugiesischen Königs Stephan I. (1554 – 1578) bei der Schlacht von Alcazarquivir rankte.

Ich bin noch nie solch einem politisch vollkommenen und dabei herrlich unschuldigen, unkorrekten Roman begegnet, der ganze Kapitel lang die übelsten und dunkelsten Vorurteile gegen Muslime (im Roman „Mohren“ genannt), Schwarze und Juden ausbreitet. Dabei ist der Roman gleichzeitig überquellend von wilder und leidenschaftlicher Romantik, für die Zeit ungewöhnlich gewagter Erotik (auch zwischen Männern) und Sadomasochismus, Exotik, Blut, Schweiß, Tränen, der größten liebenden Hingabe und den schwärzesten Kabalen und Mordkomplotten. Hat man sich erst einmal an den sehr „alterthümlichen“ und umständlichen Stil gewöhnt, liest man diesen leider eben auch sehr rassistischen Vorfahr von „Shades of Grey“ aus dem frühen 19. Jhd. kopfschüttelnd und atemlos zugleich, schämt sich ein wenig über den Spaß, den man dabei hat und wundert sich, warum solch eine Perle keinen modernen Verleger gefunden hat und in den Antiquariaten verschimmelt.

Dresden und Leipzig 1839
(von mobileread.com als Ebook ausgegraben, dort findet sich auch eine Ausgabe ihrer gesammelten Novellen)

*

Einzelbeitrag-Navigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: