Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Doch ein kluger Mann wie der ehemalige Vezir hatte für alle Schicksalswendungen vorgesorgt. Er hatte noch ei­nen Fluchtplan für schlechte Zeiten vorbereitet und er beeilte sich, ihn umzusetzen. Als der Attentäter, dessen Platz er vorhin in dieser Zelle eingenommen und den jetzt Radik übernommen hatte, festgenommen worden war, hatte Ómer persönlich nach dem Weg ge­sucht, auf dem sich der Mönch in den Palast eingeschlichen und bis zum Thronsaal vorgedrungen war. Selbst dem Vezir waren nicht alle Geheimgänge in den Wänden bekannt. Der schwerverwundete Adelf war zwar nicht ansprech- und damit auch nicht verhörbar gewesen, aber die Blutspur, die er in den Korridoren hinterlassen hatte, war deutlich genug ge­wesen. Sie hatte den neugierigen Ómer in einen heut­zutage kaum benützten Teil des Palastes nahe der La­gerräume bis zu der Stelle geführt, wo sie völlig über­raschend vor einer scheinbar massiven Wand endete. Doch nach ein wenig herumprobieren, hatte er einen gut verborgenen Schalter im bröckligen und arabesken Gipszierrat der Mauer entdeckt. Jener öffnete eine geheime Tür zu einem längst vergessenen Raum, dessen Rü­ckwand gewaltsam aufgebrochen worden war. Von dort gelang­te man über einen Tunnel zu den Kanälen, die die Ab­wässer des Gebäudes in den Syris leiteten.

Damit war das Geheimnis, auf welche Weise der Mönch aus Italmar bis zum Namenlosen hatte vordrin­gen können, gelüftet. Es blieb zwar noch die Fragen of­fen, wer ihm dabei geholfen hatte und wer ihn ange­schossen hatte, aber die wollte Ómer auf sich beruhen lassen, bis er Adleph verhören konnte. Den versteckten Eingang jedoch hatte er versiegeln und den Korridor davor von seinen eigenen Leuten Tag und Nacht bewa­chen lassen. Dies war beiweitem nicht der einzige Geheim­weg, den es aus dem Elfenbein-Palast gab, von dem der Vezir wusste. Aber er lag dem Zellentrakt am nächsten und würde deshalb seine erste Wahl bei der Flucht sein.

Ómer kümmerte sich nicht weiter um den langsam wieder erwachenden und sich in Schmerzen auf dem Boden wälzenden Rivalen, mit dem er längst abgeschlossen hatte. Er hatte sich entschieden und verließ deshalb ei­lig die Zelle. Ihre massive Tür versperrte er sorgfältig mit dem Schlüssel, der praktischerweise noch immer im Schloss steckte. Den nützlichen Schlüsselbund nahm er danach an sich, denn mit ihm würden sich für ihn auch andere Türen öffnen lassen. Er wollte ihn später in ei­nem der vielen unterirdischen Kanäle entsorgen, wo ein schon lange vorbereitetes kleines Ruderboot auf ihn wartete, das ausreichend Proviant und eine gut gefüll­te Kiste mit Goldmünzen und Pretiosen an Bord hatte. Mit diesen Reichtümern, die er als oberster Steuerbe­amter aus den Taschen der Bürger von Karukora ge­stohlen hatte, wollte er den Marat überqueren und das Juwel der Wüste verlassen, um irgendwo im barbarischen Süden, aus dem seine Familie stammte, von vorne zu beginnen und von dort aus seine Macht neu aufzubauen.

Der kleine Mann schlüpfte aus dem Gefängnis, bevor ein Wäch­ter auf die Idee kam, hier unten nach dem Rechten zu sehen. Er schlich an den vielen Zellentüren vorbei, in denen hunderte Gefangene eingesperrt waren. Die meisten hatten es nicht der Gerichtsbarkeit des Na­menlosen, sondern seinem grausamen Minister Ómer zu verdanken, dass sie hier unten verfaulten. Hier und dort war nur ein leises Seufzen und Jammern zu ver­nehmen, manche schlug mit der flachen Hand oder mit blutigen Fäusten gegen das Holz ihrer Gefängnistüren. Doch hinter den meisten war es merkwürdig still.

»Seltsam, dass von all diesen armen Seelen ausgerechnet Adelf befreit worden ist«, überlegte Ómer. »Und diese Flucht ausgerechnet während des Fests geschah, das mit meinem Triumph enden sollte. Das ist doch ein wirklich merkwürdiges zeitliches Übereintreffen …« Es konnte kein Zufall sein. Ob es mit Muhars Verrat und dem Anschlag auf den Regno zusammenhing? Warum hatte ihm der Märche­nerzähler Alis vorhin zugezwinkert? Hatte er gewusst, was der Vezir für seinen ungeborenen Enkelsohn geplant hatte und sein eigenes Süppchen gekoch? Aber wer hatte schließlich den Regno Raul ermordet?

»Dazu war doch dieser Tattergreis nicht in der Lage«, nahm er seine Überlegungen von vorhin wieder auf. Gehörte dieses Attentat zu den Plänen seiner Feinde, die auf diese Weise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hatten oder steckte ein ganz anderer dahinter, jemand, an den er nicht dachte? Oder eine Frau, an die er nicht gedacht hatte?

Zu seiner Erleichterung fand der stumme Muhar den alten Alis am vorher vereinbarten Platz auf der Galerie vor. Aber er war nicht allein. Der Märchenerzähler saß dort in sich zusammengesunken neben seinem Konkurrenten Sahar, der ihn vorsichtig in den Armen hielt und gegen seinen Oberkörper drückte, als wären die beiden die besten Freunde. Offenbar hatte der merkwürdige Mönch Alis bei seinem Entkommen aus der Schlacht geholfen, die unter ihnen mit aller Grausamkeit tobte. Die beiden Männer kauerten sich halb hinter einem Wandteppich, dessen dicker Stoff den Kampfeslärm dämpfte.

Beide starrten fassungslos und fasziniert zugleich in den Speisesaal hinunter, der sich in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt hatte, auf dem die lamargischen Soldaten und Diplomaten einen verzweifelten Kampf gegen Pasha Ultems Wüstenkrieger und die Palastwache ausfochten. In dem mit Bänken und Tischen vollgestellten Raum gelang es den Männern des Namenlosen nicht, eine ordentliche Schlachtlinie aufzubauen und so hatten sich überall verbissene Zweikämpfe entwickelt, die von seiten der Lamarguer mit der Gnadenlosigkeit von Männern geführt wurden, die nichts mehr zu verlieren hatten. Es stand dennoch schlecht um die barbarischen Nordländer, denn sie waren kaum und schlecht bewaffnet und zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, machten aber vieles durch ihren Zorn und ihre Wildheit wett. Sie hatten hilflos den heimtückischen Mord an ihrem geliebten Regno mitansehen müssen und es gab nun nichts mehr, auf das sie in ihrem Leben hoffen durften. Lieber starben sie hier in der Fremde den Tod des Kriegers, als schamvoll und ohne Ehre mit dem Körper Rauls heimzukehren und ihn seiner Frau Dora Kahlja und seinen zwei Söhnen vor die Füße zu legen. Kein Krieger mochte diese Schande auf sich nehmen. Sie konnten nur noch Rache zu nehmen oder bei dem Versuch sterben. Sie kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. Ihre mächtigste und furchtbarste Waffe waren dabei die beiden Murlane des „Bären“, die sich wie tobsüchtig in die Reihen der Gegner stürzten und mit ihren gewaltigen Reißzähnen eine grausame Ernte einfuhren. Deshalb war im Augenblick noch nicht abzusehen, wer am Ende der Nacht die Oberhand gewinnen würde.

Den meisten Zivilisten, Regierungsbeamten und Würdenträgern war es inzwischen gelungen, durch die Tore des Saales zu fliehen und nur wenige Unglückliche unter ihnen waren zwischen die Fronten geraten und lagen nun erschlagen oder verletzt zu den Füßen der Kämpfenden auf den vom Blut glitschigen Fliesen des Bodens. Der Namenlose und seine Entourage, seine Frau Eóra und Miladí da Hiver, die Botschafterin der Östlichen Republik, waren von den Leibwächtern längst in Sicherheit gebracht worden und auch Alis war es in dem heillosen Durcheinander gelungen, sich mithilfe von Sahar, der der Meinung war, es sei nicht sein Krieg, der dort unten ausgefochten wurde, heimlich hinauf auf die Galerie zu schleichen. Doch die Blutspur, die die beiden auf ihrem Weg hinterlassen hatten, erkannte Muhar mit plötzlichem Schrecken, dass sein alter Lehrer schwer verletzt war.

Er beugte sich zu seinem alten Lehrer herab, der sich zitternd in Sahars Armen zusammenkauerte und offenbar unter großen Schmerzen litt. Sahar trug wieder seine Maske, die er während seines Märchenvortrags abgelegt hatte. Deshalb fiel es dem Stummen schwer, dessen Blick zu deuten. Der Möch drehte kurz die Hand, die er gegen den Oberleib von Alis presste. Sie war blutig und hatte auf einer schweren, großen Schusswunde gelegen, aus der bei jedem rasselnden Atemzug des Alten sein schaumiger, heller Lebenssaft rann. Dann drückte er sie wieder fest auf die klaffende Verletzung, doch Muhar hatte gesehen, wie aussichtslos dieses Unterfangen war. Die Verwundung war so tief, dass die Lunge in Mitleidenschaft gezogen war. Der alte Märchenerzähler lag im Sterben.

[Zum 7. Teil …]

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