Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 2. Kapitel (5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

»Dem „Unterwerfer“ – alle Daimona des Himmels und der Erde und des Wasser singen von seiner Macht – wurde kein Haar gekrümmt. Der Allerbarmerin sei unendlicher Dank.« Radik, der, wie Ómer erst jetzt bemerkte, tat­sächlich an seinem Turban den Edelstein des Vezirs trug, machte eine Pause, die er sichtlich genoss. »In seiner grenzenlosen Güte hat übrigens der Na­menlose mich zu seinem treuen Vezir erhoben.«

»Nun«, Ómer lächelte sardonisch und bleckte dabei seine braunen Zahnstummel, »die Geschichte lehrt uns eines: Personalentscheidungen waren noch nie die Stärke der Bişra. Aber ich gratuliere dir. Deine jahre­langen Schmeicheleien, Intrigen und kleinen Morde wurden endlich belohnt. Wie fühlt es sich denn an, bis zur Schulter im Arsch des Namen­losen zu stecken?«

Radik ging großzügig über diese Beleidigung hinweg.

»Meine erste Amtshandlung war es selbstverständ­lich, dich wegen deines Verrates zum Tode zu verurtei­len, Ómer Sud«, flötete der Beschnittene zufrieden mit seiner hohen Kastra­tenstimme und Eóra seufzte auf.

»Doch der Namenlose, dessen Barmherzigkeit sei­nem Volk milde und gerecht ins Herz scheint, hat unverdiente Gnade gezeigt. Du wirst nur die Hand verlieren, die du gegen deinen Herrn erhoben hast und den Rest deiner traurigen Tage als Rudersklave auf der „Schlafwandler im Gar­ten der Düfte“, der Flussgaleere des „Unterwerfers“, verbringen. Du kannst dich glücklich preisen, denn so bleibst du in der Nähe deines göttlichen Herrschers und seiner liebsten Gemahlin, die ihm bald einen Sohn gebären wird.«

Für Ómer war es an der Zeit, der Wahrheit in das ver­weinte, feiste Gesicht zu sehen. »Dann warst es also doch du, die mich verraten hat, Eóra? Warum hast du das getan?«

»Weil ich meinen Gemahl liebe und er mich liebt, Va­ter«, flüsterte die junge Frau fast unhörbar. »Mein Bişra ist der Stern meines Lebens und mit ihm gemein­sam werden ich und unser Sohn über das Juwel der Wüste herrschen.«

Ómer lachte und bekam einen Hustenanfall. Die feuchte Zelle war seiner angegriffenen Gesundheit nicht gerade zuträglich. Wenn ihn Radik hier für länge­re Zeit verfaulen ließ, dann würde dem ehemali­gen Ve­zir die Qual eines Galeerensklaven erspart blei­ben. Wie grotesk doch die Fäden des Schicksals gewo­ben waren. Einmal in ihrem Leben hatte sich Ómers Toch­ter als seiner würdig erwiesen und gezeigt, dass sie eine echte Sud war. Ausgerechnet er selbst hatte dies zu spüren bekommen. Als sich sein Atem wieder etwas beruhigt hatte, nick­te er mit hochrotem Kopf Muhar zu.

»Du hast ihr dabei geholfen, nicht wahr? Von dir hat Eóra davon erfahren?«, fragte er, überzeugt, dass er ins Schwarze traf. Der Stumme wollte zuerst zu einen Zet­teln und dem Stift greifen, aber dann senkte er einfach den Kopf.

»Ja, ich sehe schon. Das ist endlich deine Rache, weil ich dir die Zunge nahm. Ich gestehe, Muhar, ich habe dich unterschätzt. Ich bin blind in deine Falle gerannt. Nun. Dann weide dich an meinem Unglück, solange du es noch kannst. Es werden andere Tage kommen. Auch dein Schicksal wird sich wieder wenden, das prophe­zeie ich dir. Karak‘Ora gesta wides, ma setre kobra Que. Karukora gibt reichlich, aber noch mehr nimmt es«, zitierte er ein altes wendisches Sprichwort.

Der Stumme schüttelte mitleidig den Kopf, nahm Eóra beschützend in den Arm und begleitete sie zur Zelle hinaus. In der Tür blieben sie noch einmal stehen und die Tochter sah zurück zu ihrem Vater.

»Ich wollte dich noch ein letztes Mal sehen und Muhar und Radik haben mir diesen Wunsch erfüllt. Verstehe doch. Ich liebe meinen Gemahl und würde alles für ihn tun.« Sie wandte sich endgültig um und Muhar führte sie eilig aus dem Kerker.

»Liebe!«, rief ihr Ómer hinterher und seine Stimme überschlug sich. »Du hast mich nur wegen der Liebe verra­ten? Wie erbärmlich. Kein Sud hat bisher irgend­etwas aus Liebe getan. Sie vergeht wie ein Blatt am Baum. Wenn der Herbst kommt, dörrt sie aus und fällt nutzlos in den Kehricht. Aber der Baum selbst, das Ge­schlecht der Sud, bleibt bestehen, denn er hat Wurzeln in die Zeit und in die Tiefe gebohrt. Liebe vergeht, doch die Macht bleibt beständig.«

Ómer schwieg. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass sei­ne Tochter seine Worte nicht mehr hören würde und mit ihrem einfachen Gemüt auch nicht verstehen konnte. Radik, der noch in der Zelle verblieben war, rümpfte die Nase und kam einen Schritt näher. Er achtete sorg­fältig darauf, wohin er seine seidenen Pantoffeln setz­te. Er wollte seinen Tri­umph auskosten und übersah dabei vollkommen, dass sein alter Feind auch in dieser Situation ein gefährlic­her Mann war.

»Und wo ist sie jetzt hin, deine Macht?«, fragte er spot­tend. »Ich habe dich entwurzelt.«

Ómer sprang auf.

»Meine Macht willst du sehen? Ich zeige sie dir, du schwanzloser Bastard!«

Er stürzte sich auf Radik, dem es nicht mehr gelang, zurückzuweichen und riss ihn mit sich zu Boden – hinein in den schmutzigen, widerwärtig glitschigen und stinkenden Strohhaufen. Mit einem Satz saß er rittlings auf der Brust seines Widersachers, der verzweifelt um sich schlug. Ómer hob die zweizinkige Fleischgabel, die er noch im Speisesaal hatte an sich bringen können, bevor ihn die Treuwächter ergriffen, und die er ganze Zeit unter seinem Gewand verborgen gehalten hatte. In der Aufregung und der Eile hatten sie es unterlas­sen, ihn zu durchsuchen, bevor sie ihn in die Zelle ge­worfen hatten. Mitleidlos rammte Ómer die Gabel in Radiks rechtes Auge, der gepeinigt heulte und sich auf­bäumte. Aber es gelang ihm nicht, Ómer abzuwerfen. Dieser beugte seinen Kopf herab und legte seine Lippen auf das Ohr des Gepeinigten, während er ihm seine Hand auf den Mund presste.

»Und für dich habe ich auch eine Lehre, die für mich genauso schmerzhaft war wie für dich jetzt, als ich sie begriffen habe. Unterschätze niemals einen Gegner. Selbst wenn er vor dir auf dem Boden liegt«, flüsterte er. »Ich hätte dich Kakerlake schon viel früher zerquetschen müssen. « Radik stöhnte nur.

»Oh, nein«, fuhr Ómer fort, »ich werde dir jetzt nicht das Leben nehmen. Diesen Schatten werde ich mir nicht auf die Seele legen, mit deinem stinkenden Blut will ich meine Hände nicht besudeln. Du wirst hier in diesem Loch verrotten, während ich mir meine Macht zurückhole. Hattest du wirklich gedacht, ich hätte für solch einen Fall keinen Plan?«

Er richtete sich wieder auf und drehte noch einmal grausam die blutige Gabel in der schrecklichen Wunde, die einmal das rechte Auge des Beschnittenen gewesen war. Radik schrie noch einmal auf, dann sank er be­wusstlos in sich zusammen. Ómer warf seine besudelte Waffe zur Seite und schmierte gedankenverloren das Blut an seiner Hand in das schimmlige Stroh. Dann spuckte verächtlich aus, riss Radik zum Abschluss den gestohlenen Edelstein vom Turban und stand auf.

»Das gehört mir«, murmelte er und steckte das große Juwel, das bereits seinem fernen Vorfahren Turini ge­hört hatte und seit vielen Generationen im Besitz der Familie Sud war, in die Tasche seiner schmutzigen Plu­derhose. Er überlegte fieberhaft. Jetzt blieb ihm nur eine schnelle Flucht, doch sie wollte gut geplant sein. Ein kopfloses Herumirren im elfenbeinernen Palast würde ihn nur wieder in die Hände der Treuwächter führen, die bestimmt wie ein zorniger Hornissen­schwarm durch die Räume jagten. Ob es ihm gelingen konnte, sich unter die fliehenden Gäste seines in diese Katastrophe gemündeten Festmahls zu mogeln und zwi­schen ihnen verborgen heimlich den Palast zu verlassen? Nur mit einem blutigen und schmutzigen Hemd bekleidet, würde ihm das wohl kaum gelingen. Die Wahrscheinlichkeit, dabei entdeckt zu werden, war viel zu hoch. In seine eigenen Gemächer konnte er auf keinen Fall zurückkehren, auch wenn er sich gerne andere Kleidung besorgt und sich aus seinen übervollen Schatzkisten bedient hätte.

[Zum 6. Teil …]

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