Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (19)

Hier hatte ich noch etwas zuende zu bringen … damit kann man die ersten 140 Seiten des 2. Romans der „Der Weg, der in den Tag führt“ an dieser Stelle online lesen.

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

„Sind diese Hunde aus dem Norden endlich abgereist?“, hörte Irta Radiks verhasste Stimme fragen und von der körperlichen Nähe und dem ekle Geruch, den er verströmte, wurde ihr übel.

„Ja, Aufseher“, erwiderte einer der Treuwächter. „Die Allbarmherzige mog sie mit juckender Krätze zeichnen …“

„Ja, Seneschall“, unterbrach ihn Radik zornig.

„Ja, Seneschall. Radik, mein Herr!“, wurde ihm sofort aus zwei Kehlen geantwortet. Dann fuhr der erste eingeschüchtert fort: „Wir bewachen nur noch leere Zimmerfluchten. Aber wir haben noch keine Order bekommen, zur Kaserne zurückzukehren.“

„Ihr werdet euch auch nicht vom Fleck rühren, bis ich es euch befehle! Habt ihr das verstanden?“ Radik zögerte kurz, während die beiden Treuwächter aufgeregt nickten. „Sagt mir, habt ihr eine Dienerin des Serails gesehen? Ist sie hier vorbeigekommen? Ihr Sarê ist zerrissen, schmutzig und blutbefleckt.“

Irta sah erschrocken an sich herab. Radik hatte recht: Ihre dünne Seidenkleidung unter dem dunklen Umhang, den sie ihn ihrem Kämmerlein mitgenommen hatte, hing nur noch in Fetzen an ihr herab, sie war verdreckt und tatsächlich voller dunkler Flecken, die nur getrocknetes Blut sein konnten. Sie sah schrecklich aus, das wurde ihr erst jetzt bewusst. In diesem Aufzug würde sie nicht weit kommen – besonders, nachdem die Palastrevolte offenbar schon wieder Geschichte und Ordnung eingekehrt war.

„Nein, Herr Auf … Seneschall! Hier ist seit der Abreise der lamargischen Delegation vor vielen Stunden niemand vorbeigekommen. Auch in den Räumlichkeiten der Untervezire des Auswärtigen Diwans weiter hinten im Gang ist heute niemand.“

„Gut. Seid trotzdem wachsam. Ich werde dafür sorgen, dass ihr am Abend abgelöst werdet. Solltet ihr doch noch diesem Mädchen begegnen, haltet sie fest und bringt sie zu mir persönlich. Ich werde mich in meinen neuen Gemächern, die früher Aismek gehörten, aufhalten. Gebt nur mir Bescheid, ja? Habt ihr das verstanden?“

„Ja, oberster Hofmeister! Möge das Licht des Namenlosen immer über unseren Häuptern und besonders über deiner Glatze leuchten.“

„So … sei es“, erwiderte Radik und verließ murmelnd den Gang.

„Setet! – Puh! Dieses fette Schwein stinkt wie die Kloake hinter dem Haus des Gerbers Zithar“, sagte einer der Wächter leise, nachdem er sicher war, dass Radik außer Hörweite war. „Mögen ihm die Zähne ausfallen!“

Irta setzte sich auf die Pritsche. Hier war ihre Flucht erst einmal zuende. An den Wachen würde sie sich nicht vorbeistehlen können und es sah nicht so aus, als würde Radik die Treuwächter so schnell von den Gemächern für die ausländischen Delegationen abziehen. Zudem war sie barfuß und ihr geschwollener Knöchel schmerzte immer stärker; sie hatte sich am Ende nur noch mühsam den großen Wandelgang hinunter in dieses Refugium schleppen können. Reine Willenskraft und die Hoffnung, sich doch noch in die Arme ihres Prinzen retten zu können, hatte sie noch aufrechtgehalten. Doch nun war sie hier auf nicht absehbare Zeit gefangen. Irta warf sich schluchzend auf das Lager. Eine Weile hörte sie noch den Gesprächen der Wachen zu, die dem neuen Seneschall mit unermüdlichem Eifer alles mögliche und unmögliche an den Hals wünschten, dann forderte ihre Erschöpfung ihren Preis und ein barmherziger Schlaf senkte sich auf ihre Lider. Die tränenreiche Barmherzige schenkte der Leidenden einen mitleidigen, wundervollen Traum von der vergangenen Nacht, die sie in den Armen ihres Geliebten begonnen hatte. Welch einen Unterschied hatte eine einzige, entsetzliche Morgendämmerung bedeutet!

Doch nun lasst mich langsam zum Ende meiner Gesichte kommen, ihr überaus geduldigen Zuhörer! Irta verbrachte ein Dutzend Tage und Nächte in ihrem recht komfortabel ausgestatteten Versteck. Ihre weitere Flucht wollte sorgfältig geplant sein, denn der Seneschall Radik Emre, der sich sicher war, dass sie sich noch in den Mauern des Palasts befand, ließ weiterhin überall nach ihr suchen. Er musste Irta unbedingt ausfindig machen, denn er wusste, er würde auf dem Platz der Allbarmherzigen Eintracht gevierteilt und Krokodilfutter werden, wenn dem Namenlosen hinterbracht wurde, dass ausgerechnet sein neuer Seneschall es gewesen war, der dessen Mutter Adalante ermordet hatte. Radik wusste, diese spontane Tat würde ihm der „Unterwerfer“ niemals verzeihen können, auch wenn er sie nicht nur ausgeführt hatte, weil Adalante eine unversöhnliche Feindin gewesen war, die ihn nur mit Verachtung behandelt hatte, sondern weil er meinte, dass es für den neuen Herrscher ein viel besserer Anfang war, wenn er seine ersten unsicheren Schritte als Namenloser von Karukora ohne die Lasten der Vergangenheit beschreiten konnte. Der frischgebackene Seneschall, der heimlich schon lange in den jungen Dagor verliebt gewesen war, setzt nicht nur wegen seiner eigenen Karriere seine Hoffnungen auf ihn.

Es war also eine sehr kluge Entscheidung meiner Schwester, sich nicht in den Hallen des Palastes zu zeigen, sondern zuerst in ihrem Versteck zu Kräften zu kommen. Nach ein paar Tagen ging es ihrem Fuß wieder besser und die Aufmerksamkeit der Wächer in den Gängen ließ nach. Aus einer festen Wache wurde eine Streife, die in regelmäßigen Abständen durch die Gänge patrouillierte. Trotzdem schlich sich Irta nur mit aller Vorsicht und immer tief in den Schatten verborgen hinaus und dies auch erst nach Mitternacht, wenn außer den wenigen Nachtwächtern scheinbar alle schliefen. Doch sie wusste, wie trügerisch diese Ruhe war. Der Elfenbein-Palast hatte tausend Augen und sie spähten auch in der Finsternis in alle Räume und Winkel. Für Irta war es gleichgültig, ob diese heimlichen Beobachter vom Namenlosen selbst, von Radik Emre, vom Vezir Ómer oder von einem anderen der zahllosen Ehrgeizigen bezahlt wurden. Wenn sie sie zufällig entdeckten, hatte sie ihr Leben verspielt. Deshalb waren ihre nächtlichen Ausflüge nur kurz und sie wagte sich nicht allzu tief ins Gebäude hinein. Beim ersten besorgte sie sich frische Wäsche in der Gesindekammer der Nişaski, deren Amtsstuben unweit ihres Verstecks lagen; während ihrer zweiten Erkundigungstour durchforschte sie die leeren Zimmerfluchten der lamargischen Delegation, wo sie vergebens nach einem Erinnerungsstück an ihren Raul suchte.

Auch wenn sich Irtas Seele niemals von dem Schlag erholen würde, waren nach etwa zehn Tagen ihre körperlichen Wunden nahezu verheilt. Doch nun wurde ihr morgens regelmäßig speiübel. Sie wollte dieses erste Anzeichen ihrer Schwangerschaft nicht wahrhaben und schob es auf die eingemachten Lebensmittel in ihrer Kammer, die dort ja schon seit Ewigkeiten lagerten und vielleicht nicht mehr ganz in Ordnung waren. Doch sie traute sich nicht, sich frisches Essen zu besorgen, denn der Weg zu den Küchen war weit und dort hätte sie jeder wiedererkannt, dem sie zufällig begegnet wäre. Bei einem neuerlichen Ausflug in die Wäschekammer fiel ihr ein großes Plakat in die Hände, auf der die Daguerrotypie abgebildet war, die der Hof-Fotograf von ihr gemacht hatte, als sie in das Serail eingetreten war. Sie fand sich auf der Aufnahme gut getroffen. Mit diesem Steckbrief, der gerade überall in Karukora verteilt wurde, fandeten die Gerichtsdiener des Vezirs nach ihr. Ihr wurde vorgeworfen, die Mutter des Namenlosen heimtückisch ermordet zu haben und es war eine hohe Belohnung auf ihren Kopf ausgesetzt. Natürlich steckte Radik dahinter, aber Irta war trotzdem wie vor den Kopf geschlagen: Diese velogene, kleine Dreckskröte hatte es tatsächlich fertiggebracht, seine eigene Untat auf meine arme, unschuldige Schwester abzuwälzen! Sie konnte keine Sekunde länger im Palast ausharren. Auch wenn ihr Versteck noch so sicher war; irgendwann würde sie ertappt werden. Es gab für sie nur einen einzigen Ort, zu dem sie sich noch flüchten konnte und das war das Haus ihres Vaters Alis, durch dessen Verbindung mit den „Falken der Rache“ es ihr gelingen konnte, ins Ausland, sprich: in die Arme ihres lamargischen Prinzen zu fliehen.«

Sirtis seufzte.

»Doch der Geheimbund war längst zerschlagen und als es Irta endlich doch noch gelang, als Wäscherin verkleidet dem Elfenbein-Palast zu entkommen und sich auf tausendundeinem Umweg zu ihrer Familie zu schleichen, konnte sie sich selbst nicht mehr über ihren Zustand täuschen: Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst und ich hatte Mühe, meine früher so lebenslustige und immer heitere Schwester wiederzuerkennen. Nach der Geburt ihres Kindes, des Sohnes und wahren Thronfolgers des Regnos der Lamargue, verstarb sie vor Erschöpfung in meinen Armen. Doch dies ist eine Geschichte nach der Geschichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.«

Sirtis schwieg und niemand unterbrach die plötzliche Ruhe. Sie warf einen verstohlenen Blick hinauf zu dem im Schein der Lichter so fahl wie die bleichen Knochen eines Toten erscheinenden Elfenbein-Palast. Und tatsächlich: Wie viele Opfer mochte dieses Gebäude in den Jahren seit seiner Errichtung schon gefordert haben? War seine Schönheit nicht wie die grinsende Fratze eines in der hitzigen Wüstensonne ausgeblichenen Totenschädels, hinter dessen Augenhöhlen sich Maden in Tod und Verwesung suhlten?

Nachdem Sirtis verstummt war, lag Totenstille über der Versammlung am erloschenen großen Feuer der Karawanserail. Sie wurde nicht einmal von einem Räuspern oder Husten unterbrochen, so erschüttert waren alle von der Geschichte der Märchenerzählerin.

»Inzwischen sind bald zwanzig Jahre vergangen und die Täter von damals feiern ein gewaltiges Fest.«, reif sie plötzlich laut und anklagend. »Wehe, Raul von Jasir, wehe, Idrichson Galves, wehe, Ómer Sud, wehe, Radik Emre, wehe, Namenloser! Der Tag der Revanche ist heute gekommen! Heute Nacht werdet ihr für das büßen, was ihr meiner geliebten Schwester angetan habt.« Sirtis deutete hinauf zum Palast, aus dem plötzlich Stimmen und Schreie herüberklangen und Kampfeslärm ertönte. Feuerzungen schlugen aus den Fenstern im Erdgeschoss.

»Seht nur, es hat begonnen!«, rief Sirtis.

Ende des 1. Kapitels

 

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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