Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Stromausfall – Erzählung (Leseprobe)

Ende April erscheint mein neues Buch „Stromausfall“, das die drei Erzählungen aus der Marga-Trilogie in einem Band vereint: „Eine andere Art der Liebe“, „Labyrinthe“ und die titelgebende Geschichte „Stromausfall“, deren Anfang ich heute als Leseprobe vorstelle.

 

STROMAUSFALL

A: Ein Geflecht

Marga

Ich nenne sie nicht Marga; nur wenn Ich böse auf sie bin, sage Ich: Das hättest du wissen müssen, Marga, oder: Marga, was bist du heute dumm. Sonst sage Ich ich zu Marga.

Marga und Ich darf man nicht verwechseln. Beide Wörter sind Namen für die gleiche Person. Trotzdem: Marga und Ich sind in konstruktivistischem Sinne Prädikatoren, die die dieselbe Person meinen, aber in Wahrheit nicht bedeuten. Beider Sinnebenen sind sich ähnlich. Sie gleichen sich oft. Aber sie besitzen nur eine Schnittmenge, denn beide tragen einen Bereich in sich, der von dem anderen in absoluter Weise unterschieden und unterscheidbar ist. Im Text wird von Marga die Rede sein. Ich werde nur in den ergänzenden Anmerkungen erscheinen. Daher genügt es, allein Marga zu definieren. Das ist gut so. Denn Ich ist von mir nicht zu erfassen, da Ich ein Teil von Ich bin und Ich dessen Ränder, falls solche existieren, durch die Grenzen meines Horizontes nicht abschätzen kann. Die Person Ich tendiert ge­gen unendlich und ist in einer Definition nicht zu umreißen, denn man kann Unendliches nicht mit endlichen Begriffen umzäunen.

Anders Marga: Sie ist ein fest definierter Teil eines klar erfassbaren Umfeldes. Sie ist, völlig im Gegen­satz zu mir, Element eines Geflechts und kann durch ihre Beziehungen zu anderen Elementen be­schrieben werden. Das soziale Geflecht, in dem sich Marga bewegt, ist in der Beziehungsstruktur ihrer Elemen­te starr determiniert, nach den nur mündlich fixier­ten Gesetzen der Dorfgemeinschaft, welches ihrer Teile was tun darf und was nicht. Die letztent­scheidende Instanz ist die Haushälterin des Pfar­rers, ihr müssen sich sogar der Geistliche selbst und Gott beugen. Die Bestimmung des Geflechts muss im Ungewissen bleiben. Marga ist Tochter und Schwester. Sie besucht das naturwissenschaftliche-technologische Gymnasium im nächstgrößeren Ort. Das ist die Kreisstadt Sonthofen. Ihr Dialekt ist der ihrer Eltern. Es ist eine südliche, gebir­gige Sprachform, schwer und breit; weit vom Hochdeutschen entfernt und voller spezieller Wortschöpfungen, die bereits in Kempten schon nicht mehr verstanden werden. Dieser Dialekt ist längst durch den massiven Angriff des flachdeut­schen Ausflug­tourismus in einem verlustreichen Rü­ckzug begrif­fen. Marga ist sechzehn Jahre alt. Dabei hat sie nie in den Jahren gelebt, nicht einmal in den Tagen. Sie lebt ausschließlich in Augenblicken, in vergänglichen, aber bewussten Momenten. Manchmal denke Ich, es wäre klüger, Alter nach diesen Momenten zu zählen. Dies würde im Vergleich erfahrbar machen, wie viel jemand tatsächlich gelebt hat.

Die Beziehungen (geordnet nach ihrer augenblicklichen Bedeutung)

(1) Eine Freundin, mit der sie sich mehrmals in der Woche in der Schule und auch in ihrer Freizeit trifft, wird von ihr „Hanni“ genannt. Allein der Name genügt fürs Erste.

(2) Margas nächste, also zweitbedeutende Bezie­hung nennt sie „Schorsch“. Er ist im Frühjahr neunzehn geworden. Hier habe ich bereits das Dilemma: Bedeutet diese um den Wert Drei höhere Zahl, dass Schorsch älter, gar erfahrener ist? Mir scheint, wenn Ich Leben nach den oben erwähnten Augenblicken rechne, dann ist Marga älter und erwachsener als ihr Freund. Schorsch lernt beim Dorfschnitzer das edle Handwerk, aus rohen Holzblöcken Devotionalien und weltliche Bildwerke zu schaffen. Das ist durch den boomenden Tourismus in den Hörnerdörfern ein zukunftsicherer und angesehener Beruf. Schorsch betrachtet sich als arm, da ihn sein Lehrherr, wie er denkt, arg kurzhält. Was sind 270 DM im Monat, wenn man ein Motorrad besitzt? Marga und Schorsch sehen sich regelmäßig einmal in der Woche am Samstag.

(3) Margas als streng aber gerecht bekannte und von vielen gefürchtete Deutschlehrerin, von ihren Schülerinnen Frau Hinrich, oder, nach ihrer Art, sie anzuspre­chen, weniger respektvoll „Mädeles“ genannt, ist die Beziehung von ihr, die aus dem Rahmen des zu Er­wartenden fällt. (Was man eben landläufig „erwar­tet“ oder unter „Erwartung“ zu verstehen hat. Ich weiß, ich mache es mir hier etwas zu einfach. Wür­de Ich aber an dieser Stelle näher auf den Begriff einge­hen, würde meine Anmerkung zu gewichtig ausfal­len.) Regelmäßig zweimal im Monat, an dafür festgeleg­ten Tagen, besucht Marga mit Hanna und anderen Mädchen Frau Hinrich in deren Wohnung, man trinkt Tee und redet angeregt über Literatur und deren ge­sellschaftliche Aspekte.

Die Beziehungen (1), (2) und (3) sind

(4) den Eltern von Marga kein Dorn im Auge. Sie werden jedoch von ihnen mit einiger Skepsis beobachtet. Die Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe ernst. Doch bleibt ihnen kaum Zeit übrig, ihre Tochter tatsächlich zu erziehen. Schließlich sollte sie inzwischen alt genug sein, auf sich selbst zu achten. Das ist eine Auffassung, der sich Marga anschließt und die sie ernst nimmt – ganz im Gegensatz zu den Eltern, für die dieser Satz ein Lippenbekenntnis ist, das sie immer dann im Munde führen, wenn ihre Tochter ungeliebte Arbeiten übernehmen soll. Die Beziehung zu den Eltern ist problematisch, da sie keine freiwillig aufgebaute, sondern, beiderseitig, eine gezwungene ist, die hauptsächlich formelle und pubertäre Schwierigkeiten belasten.

Die Beziehungen (5), (6) und (7) sind momentan eher unbedeutend, die Bedeutung ist entweder bereits vergangen oder sie wird sich erst in der Zukunft entfalten.

(5.) Bettina, Margas um drei Jahre jüngere Schwester, fällt ihr in erster Linie durch ihre aufdringliche Gegenwart lästig. Sie wird von ihr allerdings benützt, um sich von Aggressionen, die durch andere Beziehungen entstehen, zu befreien. Deshalb quält sie Bettina auf vielerlei Arten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

(6.) Marga hat Jens Wetzlar vor etwa vier Monaten zu Ostern zum letzten Mal gesehen. Sie hofft, ihm nicht noch einmal zu begegnen. Er ist ihr nicht unsympathisch. Sie erachtet die Beziehung nur für beendet. Es wäre Marga peinlich, wenn sie noch einmal aufleben würde und sie sich in Zukunft erneut mit Wetzlar auseinandersetzen müsste.

(7.) Ein Soldat, den Marga bisher noch nicht ken­nengelernt hat und dessen Namen sie nicht erfahren wird, wird zu einem kritischen Moment ihrer Ent­wicklung eine nicht gering zu bewertende Rolle spie­len. (Da Ich absolutes Erinnerungsvermögen besitze und dies vom Augenblick der Geburt Margas an, darf es nicht Wunder nehmen, wenn Ich auch in gewissen Gren­zen Zukünftiges von ihr weiß und Tendenzen ihres Schicksals mit nahezu absoluter Gewissheit ab­schätzen kann. Wenn man an die Konstruktion Zufall glaubt, miss­achtet man das Prinzip von Ursache und Wirkung. Bei vollkommener Kenntnis des Vergangenen lässt es sich exakt auf jedes zukünftige Ereignis schließen. Der freie Wille ist folglich nur eine Illusion. Dagegen kann man sich gefühlsmäßig verwehren, anzuzwei­feln ist diese Tatsache nicht.)

(8.) Es bleiben noch Marga und das Namenlose: Marga ist schwanger. Etwas noch nicht Fassbares hat vor vier Monaten in Unserem Inneren zu leben begonnen.

Anmerkungen

zu (1): Hanna Apler, Margas „Hanni“, hat seit geraumer Zeit erhebliche Verständnisschwierigkeiten im Unterrichtsfach Ma­thematik. Das liegt weniger an ihrem Fleiß und ih­rer Lernbereitschaft, als an ihrer Art zu denken. So kann ihr Marga, die zwar weniger fleißig ist, dafür aber einen deduktiven Verstand besitzt, kaum hel­fen, obwohl die beiden oft gemeinsam lernen. Da sie jedoch in der Schule nebeneinander sitzen, lässt Marga ihre Freundin bei Arbeiten abschreiben. Nur aus diesem Grund hat Hanna akzeptable schriftliche Mathematiknoten, denn ihr ist bereits vor zwei Schuljahren der Faden gerissen. Das war an dem Tag, an dem die Algebra das Rechnen mit Zahlen ersetzte. Fassungslos steht sie inzwischen vor mit geometrischen Funktionen und Gleichungen beschrifteten Tafeln, die ihr so geheimnisvoll und absonderlich wie ägypti­sche Hieroglyphen scheinen.

Doch Hanna ist keine Schmarotzerin, ide die enge Freundschaft mit Marga ausnutzt, um sich durch die Schulzeit zu mogeln. Häufig ist es Marga, die von Hannas Fleiß im Auswendiglernen profitieren kann, zum Beispiel in Fächern wie Sozialkunde, Biologie oder Erdkun­de, denen Marga vollkommene Interesselosigkeit entgegenbringt. Die Abschreibmethoden der beiden sind im inzwi­schen vierten gemeinsamen Schuljahr perfektioniert. Deshalb werden sie, trotz verstärkter Bemühungen der Lehrkräfte, nur selten des Unterschleifs überführt. Die wenigen „ungenügend“ oder „mangelhaft“ in den Notenlisten fallen daher nicht wei­ter ins Gewicht. Man kann von einer Symbiose spre­chen, einer für beide gewinnbringenden Überein­kunft, die durch die starke Sympathie, die sie für einander empfinden, funktioniert.

Ein Unterrichtsfach gibt es, in dem sie beide glei­chermaßen begabt sind und deshalb kaum Grund zum „Spicken“ haben: Deutsch. Hier sind sie mit­einander wetteifernd die Elite der Klasse und die Musterzöglinge von Frau Hinrich, die, so behauptet sie zumindest anderen Lehrkräften gegenüber, nur wegen den beiden Mädchen diese schwierige Klasse behält. Doch auch in Deutsch ist das Talent der Mädchen eindeutig unterschieden: Hanna ist dem Schönen, Wahren und Guten zuge­tan. Sie hat sich in ihrer frühen Jugend entschieden, Dichterin zu werden und schreibt in ihrer Kammer Bleistiftenden zerkauend Gedichtzeilen voller Tren­nungsschmerzen und Sonnenuntergängen, die sie aber nie­mandem außer Marga zeigt. Hanna ist für ihr Alter belesen. Sie hat sich einen antiquierten, aber leicht bekömmlichen Schreib- und Ausdrucksstil angeeig­net, der ihre inhaltlich uninteressanten Aufsätze flüssig lesbar macht und die Hauptursache für ihre gute Deutschnote ist. Marga hingegen erachtet diese amateurhafte Form von schöngeistiger Betätigung für verlogen und weltfremd. Hannas Gedichte nennt sie einen „Honigschmarrn“. Diese Wortschöpfung stützt meine Er­kenntnis. Marga ist nicht, wie sie selbst glaubt, grausam realitätsgläubig, sondern hat für unbe­dachte Momente eine gewisse Weiche bewahrt, die sie allerdings niemandem, nicht einmal Hanna oder gar sich selbst, eingestehen würde. Marga leidet stumm, wenn ihr Hanna mit über­schwänglichem Zittern in der Stimme ihre klangvol­len Kopfgeburten vorträgt. Nur die Freundschaft, die sie aus diesem Grund nicht leichtfertig aufs Spiel setzen will und das Wissen, wie wichtig Hanna ihre literarischen Ergüsse sind, hindern Marga dar­an, sie mit Verrissen zu konfrontieren. Statt des­sen lobt sie freundlich, wenn auch zögernd und uninspi­riert. Doch Hanna, die nur hört, was sie hören will, ist‘s zufrieden.

Margas Aufsätze sind besser als die ihrer Freundin. Sie sind nicht so literarisch ausgefeilt, ihre Gedankengänge sind jedoch originell, pointiert und klar strukturiert. Die Höchstnote bleibt ihr meist nur deshalb versagt, weil ihre Texte aufdringlich von ihrer persönlichen Auffassung durchtränkt sind, sie durch ihren Essaycharakter meist am vorgegebenen Ziel einer sachlichen Erörterung vorbeigehen. Margas Literaturinterpretationen sind jedoch brillant und erfassen sezierend klar die Ideen, die in den Texten stecken. Hanna zäumt das Pferd von der anderen Seite auf, indem sie mit Einfühlungsvermögen für Autoren und ihre Worte in den Text wie in ein religiöses Mysterium einzudringen versucht und doch meist zu den gleichen Folgerungen wie die nüchterne Marga gelangt.

zu (2): Schorsch, der mit der gleichen Hingabe und Zärtlichkeit Gewänderfalten von Nothelfern schnitzt, wie er Marga streichelt, sieht die Frage nach seiner Zukunft auf eine Auseinandersetzung mit einem einzigen Problem reduziert. Sie hat ihn zerfahren, jähzornig und nervös gemacht und ihm eine steile, senkrechte Falte in die Stirn gegraben, die sein ansonsten glattes Gesicht für Marga so in­teressant gemacht hat, dass sie sich in ihn verliebte. Schorsch will auf keinen Fall Soldat werden. Er hat vergebens über zwei Instanzen hinweg den Kriegsdienst verweigert. Wenn er seine Lehre in ei­nem Jahr abgeschlossen hat, kann ihn nur noch eine Krankheit oder weitere Abrüstung vor einer Einbe­rufung retten. Schorsch ist ein zerrissener Mensch und ein tragischer dazu. Nur wenn er schnitzt oder mit Marga zusammen ist, ist er mit sich eins. Die restliche Zeit sorgt er sich, leidet unter Selbstvor­würfen und Schlaflosigkeit.
Schorsch ist religiös und mit Leib und Seele Katho­lik. Es gibt keinen Sonntag, an dem ihn der Pfarrer in der Frühmesse vermisst. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist er durch seine Familie vorbelastet, in der Glaube Tradition hat. Ein Bruder seiner Mutter, den Schorsch seit seiner Kindheit bewundert, ist als Geistlicher am Bischöflichen Ordinariat in Augsburg für das Seelenheil derjenigen zuständig, die der arrogante Bischof selbst nicht empfangen will. Und eine Cousi­ne von Schorsch muss seit Jahren ohne sichtbaren Erfolg wegen religiösen Wahnvorstellungen statio­när in einer Geistesheilanstalt behandelt werden. Der zweite Grund für seine Gläubigkeit ist in sei­nem täglichen, intimen Umgang mit geheiligten Symbolen und Figuren zu suchen. Er hat ihm ein persönliches und freundschaftliches Verhältnis zu den Nothelfern, dem Jesuskind und der Mutter Ma­ria beschert. Dieser Glaube ist neben einer Unfähig­keit, sich zu artikulieren, der Grund, aus dem er in seinen Kriegsdienstverhandlungen vollkommen versagt hat. Es fällt niemandem schwerer als gerade einem religiö­sen Menschen, seine Gewissensnot glaubhaft zu ma­chen, da die Beisitzer, die sich in ihrem engbegrenz­ten Horizont einen solchen Glauben nicht vorstellen können, in ihrem Selbstverständnis davon ausge­hen, sie würden von den Verweigerern angelogen. Durch diese Ablehnungen hat sich in Schorsch eine für einen Katholiken seltene Skepsis und unter­drückte Wut gegen die Organe des Staates und de­ren Vertreter entwickelt. Diese Radikalisierung hat ihn dazu gebracht, in einer schier revolutionären Tat als einer von fünf Abtrünnigen im Dorf bei der Kom­munalwahl statt für die CSU für die Grünen zu stimmen.

Marga ist nach Jahren gezählt nicht alt genug, um wählen zu dürfen. Sie hat auch nicht vor, diese vor ihr als lächerlich empfundene, für sie paradoxerwei­se von mangelndem Demokratieverständnis zeugen­de Pflichtübung auszuführen. Sie hält es für gro­tesk, jemandem „ihre Stimme zu geben“. Sie hat sich entschlossen, ihre zu behalten und nur für sich selbst zu gebrauchen. Marga betrachtet übrigens den lieben Gott als eine besonders geschickte Konstruktion, Menschen in Dummheit und Armut zu belassen. Für Jesus Chris­tus hat sie ein dünnes, mitleidiges Lächeln übrig. Erst kürzlich hat sie das weite Feld der Philosophie und dort die seltsame Pflanze Baruch de Spinoza entdeckt. Sie fühlt sich, obwohl sie bei weitem nicht alles und das meiste falsch versteht, in den mathe­matisch ordentlichen Texten dieses Denkers gebor­gen. Marga behält ihre Auffassungen jedoch für sich und hat keinerlei Missionsbedürfnis, ganz im Ge­gensatz zu Schorsch, der jedermann an seiner Lie­besbeziehung zu Christus und der Mutter Maria teilhaben lassen will. Mit Gottvater allerdings hat er seine Probleme. Er hat das verunsichernde Gefühl, er habe sich weit von Gott entfernt. Auch aus diesem Grund hat er eine Ministranten­gruppe als Leiter übernommen. Er trifft sich einmal in der Woche mit den Zwölf- bis Vierzehnjährigen und diskutiert über Glauben und Ich-Findung oder er versüßt diese bittere Pille mit Spielen und Zeltla­gern.

Die Beziehung zwischen Schorsch und Marga ist eine, die man aus schwer fassbaren Gründen „plato­nisch“ nennt. Für Marga ist sie passend und ange­nehm. Schorsch hingegen sieht sich in einem schwe­ren Dilemma zwischen den Bedürfnissen seines Kör­pers, der nach Berührungen lechzt und seinen ver­wurzelten religiösen Moralvorstellungen, die sexuellen Verkehr vor der Ehe ausschließen. Würde ihn Marga nicht bis auf ein paar gelegentlich gewährte Küsse und Umarmungen auf Distanz halten, hätte er das amorphe Gefühl, das er für sein Gewissen hält, längst als etwas Überflüssiges und Lästiges zur Seite gelegt. Es stellt sich freilich die Frage, was die beiden aneinander kettet; was sie reden und fühlen, wenn sie gemein­sam sind. Falls es nicht eben ihre Grundverschie­denheit ist, die sie bindet, dann ist es mutmaßlich der gemeinsa­me Versuch, die Einsamkeit und Leere zu überwin­den, die sie in sich fühlen, ist es ein Drang nach Ge­borgenheit und Schutz, die sie nur beim je­weils an­deren finden können.

Schorsch weiß nichts von Margas Schwangerschaft.

 

So, das war jetzt eine lange Lesestrecke. Ich würde mich freuen, wenn jemand, der sich der Mühe unterwarf, den zugegebenermaßen nicht ganz einfachen Text zu lesen, mir eine Rückmeldung gibt. Soll ich noch einen weiteren Ausschnitt bloggen oder genügt es für einen Eindruck?

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Stromausfall – Erzählung (Leseprobe)

  1. Pingback: Samstag, 09.03.19 | Aber ein Traum ...

%d Bloggern gefällt das: