Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Schluss)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Schluss)

Die nicht mehr junge Bedienung geht zu dem Mann hinüber. Besitzergreifend hebt er seine Arme. Sie lässt sich von ihm an ihrer Hüfte umfas­sen, während sie in seinen Block sieht und beifällig lacht. Sie beugt sich dabei  vornüber. Ihre Bluse klafft auf; sie trägt keinen BH. Der Maler sagt ein paar Worte und greift ohne Scham an eine der dargebotenen Brüste. Die Frau schlägt ihm sofort auf die Fin­ger. Aber sie lächelt, als sie sich geschickt aus seinen Armen schäl und einen Schritt zurückweicht. Szczes­ny bemüht sich nicht, wegzusehen. Die Bedienung strahlt eine ranzige Sexualität aus, der Rock ist viel zu kurz für die stämmigen Bei­ne und wirft Falten am Gesäß. Und damit bin ich wieder beim Thema, denkt Szc­zesny. Alles dreht sich nur ums Ficken. Alle tan­zen ums goldene Kalb. Sie haben den Sex im Kopf. Das ist der Ort, an den er am wenigsten gehört. Ich habe mal gelesen, dass die jungen Japaner überhaupt keinen Sex mehr haben, weil sie nur noch an ihn denken.

Bei Szczesny ist das nun anders. Seit eben, seit er hier sitzt. Er ist ein anderer Mensch. Er kann an­ders lie­ben, die Balz ist ihm fremd geworden. Sie stößt ihn ab. Er hat sich ver­ändert. Keinen Weg gibt es mehr zurück. Alles wird nun anders, besser. Noch sind diese Gedanken unklar und ver­worren. Aber er erkennt eine Linie, er hat das Puz­zle, kennt das Bild, nur die vielen Teile verwirren ihn noch. Im Moment ist ihm das noch neu und un­gewohnt, aber er wird es verstehen, damit leben, besser als bisher.

Ich habe das Ficken hinter mir. Ich bin das Ende. Jetzt kann ich mein Leben ganz auf Clara konzen­trieren. Was kümmert mich Henry mit seiner Stier­potenz? Ich bin edel, wie ein Priester. Das ist wie Epilepsie, etwas ehrfurchtgebietendes. Es macht mein Leben wertvoller, tiefer. Das werde ich ihrem Bruder sa­gen. Das muss ich unbedingt Clara sagen. Sie wird es verstehen. Szczesnys Gedanken verwirren sich, immer wichti­gere Erkenntnisse kommen ihm in den Sinn. Er hält die Lösung aller Probleme in der Hand; er hat den Sinn des Lebens erfasst.

Er hat es sehr eilig, nach Hause zu kommen. Er winkt der Bedienung, obwohl er seinen Kaffee noch nicht getrunken hat. Sie beugt sich auch über seinen Tisch, um sein Geld in Empfang zu nehmen. Offenbar ist das ihre Masche, mehr Trinkgeld einzustreichen. Nun darf Szczesny exklusiv unter ihre Bluse sehen und ihre schlaffen Brüste mit dem gro­ßen, dunklen Warzenhof bewundern. Aber er lächelt nur spöttisch  und kneift die Augen zusammen. Nirgendwo ist Begierde in ihm, nirgendwo spürt er Verlangen. Da ist nur Gleichgültigkeit. Er begegnet der Frau gelas­sen, sein Geschlecht ist gesichert und ruhig. Er sieht sie wissend an und sein Lächeln wird breiter, überheblich. End­lich bin ich gesund, denkt er und erfreut sich an dem Paradox. Er nickt dem Maler zu, der ihn nun nachdenklich und zögernd mustert. Offenbar hat er erkannt, dass das Bild, das er von ihm skizziert hat, nicht die ganze Persönlichkeit aufdeckt.

Szczesny verlässt das Lokal. Es schneit wieder, kleine, harte Flocken wehen in Szczesnys Gesicht und brennen wie glühende Funken auf seinen Wangen. Das Wet­ter passt zu seiner Stimmung. Endlich geht er heim, auf dem geraden Weg, denn er muss der Konfrontation nicht mehr ausweichen. Schon von der Eingangstür aus sieht er Clara ihre Erwartung an und bemerkt er ihre Neugierde. Sie sitzt im Wohnzimmer und strickt, aber sie lässt ihn keinen Moment aus den Augen, während er in den Gang tritt. Das Radio läuft. Mozart. Das ist ihre Schreibmusik.

Sorgfältig hängt Szczesny seinen Mantel in den Schrank, stopft seine nassen Schuhe mit Zeitungs­papier aus. Er lässt sich Zeit, bevor er ins Zimmer geht. Denn er will alles richtig machen. Er küsst seine Frau auf die Wange, setzt sich neben sie auf das Sofa. Clara fragt nicht, wo er so lange gewesen ist und was er gemacht hat. Eine Weile schweigen die beiden. Szczesny blättert in der Fernsehzeitung. Wo ist die Fernbedienung?

„Ich habe deine Lohnsteuerkarte nicht bekommen“, sagt er plötzlich, wirft das Heft vor sich auf den Tisch. „Die wollten mir keine geben …“ Ein Anfang ist gemacht, denkt er. Er holt aus, erzählt von sei­nem Erlebnis auf dem Amt, spürt dabei wieder die Wut und die Hilflosigkeit. Clara sieht nur kurz von ihrer Strickarbeit auf, runzelt unwillig die Stirn.

„Und was wusste der Arzt?“, unterbricht sie ihn schließlich. Sie klingt sehr beiläufig.

„Kein Ergebnis. Bei mir ist alles in Ordnung“, lügt Szczesny glatt. Warum mache ich das? Ich wollte ihr doch die Wahrheit sagen. Ganz entspannt, einfach mich zu ihr setzen, sie in Arm nehmen und von der neuen Liebe erzählen. Ihr deutlich machen: Das ist belanglos. Sie soll spüren, dass es nicht wichtig ist. Wir wollen doch beide keine Kinder. Jetzt hat alle Lösungen, die er im Café gefunden hat, verloren. Sie haben sich in diesem Zimmer auf­gelöst, sind wie Rauch an die Decke gestiegen. Der Magen schmerzt wieder und der alte Gedan­ke kehrt zurück:

Ich bin ein Versager. Szczesny sieht seine Frau trot­zig an, nimmt seine Lüge nicht zurück. Sag was, denkt er. Tu was. Sein Blick gleitet an ihr herab, bleibt an dem dunklen Nylon ihrer Strumpfhose hängen. Szc­zesny will rauchen, aber er hat die Schachtel mit den Zigaretten im Café liegengelassen. Außderdem hat ihm Clara verboten, sich im Haus eine anzustecken. Und bei diesem Wetter geht er ganz sicher nicht noch einmal vor die Tür.

„Ich will mit dir schlafen“, sagt er schlicht, um sie und sich selbst abzulenken, rückt dabei an seine Frau heran. Er küsst sie, sucht mit seiner Zunge in ihrem Mund, der sich nur zögernd öffnet. Noch ist Clara unentschlossen, aber dann legt sie mit einem leisen Seufdzer das Strickzeug beiseite. Sie wehrt sich nicht. Szczesny schiebt eine Hand unter ihren Rock. Jetzt begehrt er sie wirklich. Das Paar kippt seitwärts auf die Couch. Noch ist Clara ein we­nig starr. Szczesny schiebt mit der freien Hand ihren Pullover nach oben, küsst halb beißend den durch­sichtigen Stoff ihres BH’s, spürt an den Lippen, wie ihm ihre Brustwarzen entgegenwachsen. Nun be­wegt sich Claras Unterleib, ihre Beine gleiten aus­einander, Szczesny findet einen Weg unter die Strumpfhose, er fühlt Feuchtigkeit an den Fingern. Zielbewusst und fest reibt Clara an seiner Hose, öff­net ungeschickt den Reißverschluss. Sie atmet schnell und flach, greift nach.

Plötzlich ist das Ticken der Küchenuhr zu hören, der Sekundenzeiger wandert angestrengt empor.

Beide sind still. Szczesny spürt hitzige Scham. Ein Vorwurf ist zuerst in Claras Augen, dann eine Frage. Sie zieht ihre Hand von seinem schlaffen Penis zu­rück, richtet sich halb auf. In ihrem Gesicht tauchen hektische rote Flecken auf. Szczesny fühlt Endgültig­keit, ein letztes Versinken.

„Ich bin schwanger“, sagt Clara in die entstehende Stille hinein. Szczesny erwidert kein Wort.

ENDE

 

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6 Gedanken zu „Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Schluss)

  1. lunaewunia sagte am :

    Es kommt glaube ich immer auf die Beziehung an, die man zu dem Text hat, aber auch wie sehr einen der Autor interessiert… Aber es stimmt wohl, der Otto-Normal-Leser hat da recht wenig interesse^^

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  2. Ist das für Nicht-Autoren auch interessant? Ich glaube, für Leser zählt nur das Ergebnis, nicht der Weg dorthin, der nur einer von mehreren ist, die zu einem hoffentlich gelungenen Text führen.

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  3. lunaewunia sagte am :

    Danke für den Blick hinter die Schreibkulissen 😉

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  4. Der Norbert-Teil der Geschichte ist schon sehr alt, den habe ich mit 25 geschrieben. Als ich den Text im letzten Jahr für die Veröffentlichung in Buchform überarbeitete, habe ich allerdings seine Seitenzahl verdoppelt. Die Clara-und-Gitta-Abschnitte sind als Gegengewicht neu dazugekommen und auch das Ende ist vollkommen anders als in der Erstfassung. Wahrscheinlich hatte Hemingway recht, wenn er behauptete, dass der erste Entwurf immer schlecht sei. Texte von mir werden beim Überarbeiten übrigens nicht immer länger: „Stromausfall“ ist um die Hälfte gekürzt.

    Die Autorin Clara Szczesny, die auch in „Wahrheit über Jürgen“ vorkommt, und ihre Freundin Gitta Mammensohn-Sapher spielen übrigens in meinem Roman „Nutzlose Menschen“ eine gewichtige Rolle – die ersten 6 Kapitel kann man hier auf dem Blog lesen. Freut mich, dass du mit der Geschichte etwas anfangen konntest.

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  5. lunaewunia sagte am :

    Wirklich danke für diesen Lesegenuss! Eine Geschichte, die ich recht viel mit mir herum getragen habe. Ich habe viel an die beiden gedacht, sie waren mir so greifbar und das in der Kürze der Zeit. Dieses Ende ist unfassbar stark!

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