Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (18)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Für einen kurzen Moment, der sich für Irta wie eine Ewigkeit anfühlte, hing sie in absoluter Finsternis mit beiden Händen an dieser unzuverlässigen Sprosse über einer – wie sie sich einbildete – bodenlosen Tiefe. Dann fanden ihre Füße endlich ebenfalls auf der Leiter Halt. Bevor sie sich an den Abstieg machte, verharrte sie eine Weile und klammerte sich an das rostige, klebrige Metall, während sie darauf wartete, dass sich ihr jagender Puls wieder etwas beruhigte. Sie lauschte: Erstaunlicherweise war nichts von Radik zu hören. Es war fast so, als habe er nie existiert. Diese Stille machte sie jedoch nervöser, als wenn sie ihn fluchen und schreien gehört hätte. Hatte er wirklich so schnell aufgegeben oder verschloss der Deckel diesen Schacht so fest, dass nichts von seinem Zorn darüber, dass ihm sein bereits gefangen geglaubtes Opfer in letzter Sekunde entwischt war, an ihr Ohr drang? Während Irta lauschte und doch langsam ruhiger wurde, bemerkte sie, dass die Dunkelheit ums sie herum doch nicht so komplett und absolut war. Von unter ihr drang ein wenig Licht in den Schacht.

Auch wenn sich ihr weher Fuß taub anfühlte und pochte, als sie langsam und vorsichtig Sprosse für Sprosse die Leiter hinabstieg, nahm Irta die Verstauchung kaum wahr, den die Ärmste war wieder in die golemhafte Gedankenstarre verfallen, die sie sich wie eine himmelhohe, unüberwindliche Mauer um ihre Seele herum errichtet hatte. Durch sie allein war sie nach den furchtbaren Erlebnissen dieses Tages, der noch nicht einmal bis zum Mittagsläuten der großen Tempelglocke von Astris fortgeschritten war, in der Lage, weiterzumachen. Hätte sie all den Kummer, das Entsetzen und das Grauen an sich herangelassen, wäre sie unter diesem Gewicht zerdrückt worden. Sie hätte ihre Finger einfach von den Sprossen gelöst und sich in den Tod gestürzt. Ich vermag nicht zu sagen, ob meine geliebte Schwester schon in ihrem Innersten erahnte, dass sie nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für eine neues Leben verantwortlich war, das in ihr vor kurzer Zeit zu reifen begonnen hatte.

Auf jeden Fall gelangte sie nach nicht allzu langer Zeit zum Fuß der Leiter, wo ein schnurgerader Tunnel begann, der von ein paar wenigen Öllampen beleuchtet wurde. Deren Licht hatte Irta schon von oben gesehen. Sie folgte humpelnd dem etwa eine Viertelmeile langen, schimmligen Gang, der auf seinem Weg anscheinend mehrere Grundmauern des Palasts durchschnitt und vielleicht einmal ein Versorgungstunnel für die Arbeiter gewesen war, die diesen Palastteil während der kurzen Curha-Dynastie vor über eintausend Jahren erbaut hatten. Auf diesem primitiven, aber kolossalen und während des Interregnums teilweise zerstörten Vorgängerbau hatte der „Prächtige“ 300 Jahre später den Elfenbeinpalast errichten lassen, der sich wie ein weißer Berg über Karukora in den Himmel erhob. Der Tunnel führte Ira durch einen Torbogen auf einen Absatz hinaus, der in einen gewaltigen kreisrunden Schacht hineinragte. In dessen Mitte war eine schmucklose, gewaltige Säule zu erkennen, die wohl sechs Männer zusammen nicht umfassen konnten. Dies musste einer der großen Stützpfeiler des Opalturms sein, der den Palast jenseits des Serails überragte. Weder dessen Anfang, noch dessen Ende konnte sie von hier aus erkennen; sie verschwanden in der Finsternis des gemauerten Schachts. Es roch hier dumpf und abgestanden wie in einer alten Gruft und das Atmen viel Irta schwer. Wahrscheinlich war die Luft hier drin so alt wie das Gebäude selbst.

Rechts von ihr ging der geheime Weg weiter: Es war ein galerieartiger Umlauf, der leicht abschüssig und ohne die Sicherung eines Geländers in einem großen Bogen Abstand um den Schacht hinabführte. Auch hier brannten an der Außenseite in regelmäßigen Abstanden flackernde Öllichter, die wahrscheinlich Raul entzündet hatte. Obwohl dieser geheime Weg hinter den Palastmauern – einer von vielen, denn der Elfenbein-Palast ist durchlöchert wie ein getrockneter Käse aus Brisano von den Fressgängen der Milchmaden – so schmal war, dass keine zwei Personen nebeneinander auf ihm gehen konnten, ohne dass der eine Gefahr lief, über die Innenseite in die bodenlose Schwärze zu stürzen, konnte Irta bequem und aufrecht stehen.

Ihr Blick fiel auf den Boden des gemauerten Absatzes, in dessen fingerdickem Staub deutlich die vielen verwischten Fußabdrücke zu sehen waren, die Raul in den Nächten der letzten Wochen dort hinterlassen hatte, als er eilig und liebestrunken seine Irta aufgesucht hatte. Plötzlich wurde es ihr zu eng in dem stickigen Halbdunkel und sie schüttelte ein unvermittelter Frost, obwohl es nicht gerade kalt in dem Schacht war. Sie schleppte sich frierend weiter. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, dann wäre sie die Spirale der Rampe hinabgerannt, um nur möglichst bald einen Ausgang aus diesem Ort zu finden. Sie wusste ja, dass dieser Weg sie irgendwo in die Nähe der Diplomatenunterkünfte führen musste. Mit einem Mal keimte in ihr die Hoffnung, die Delegation des lamargischen Regnos wäre noch dort und sie könnte sich doch noch ihrem Aufbruch anschließen. Alles würde sich als ein Missverständnis herausstellen und sie ihren geliebten Prinzen doch noch in eine wundervolle, gemeinsame Zukunft begleiten dürfen. Aber je länger sich der Gang an der kreisrunden Außenwand um die freistehende, Granitsäule hinabdrehte, um so deutlicher erkannte Irta: Sie belog sich nur selbst.

Schließlich gelangte sie dann doch überraschend schnell an den Fuß der Rampe, wo sie nach einem weiteren Absatz in einen Raum mündete, an dessen gegenüberliegender Wand eine von innen mit einem schweren Riegel verschlossene Tür zu sehen war, durch die sie offenbar den Geheimgang verlassen konnte. Sie lief aber nicht sofort hinaus, sondern verharrte nachdenklich. Das fensterlose, kleine Zimmer, in das sie die Wendelgalerie geführt hatte, diente offensichtlich nicht nur als Eingang, sondern auch als Schutzraum, denn es war von Raul oder einem anderen Eingeweihten für einen längeren Aufenthalt vorbereitet worden: Ein Tisch und Stühle standen hier, eine mit sauberen Laken frischbezogene Strohpritsche und und ein deckenhohes Regal mit Lebensmittelkonserven und Wasserflaschen gefüllt. In der Ecke befand sich sogar ein Holzofen zur Speisenzubereitung, dessen Abzugrohr in der Wand verschwand, und daneben ein Spülbecken, über dem ein Wasserhahn tropfte. Hier konnte man sich zur Not mehrere Wochen vor den neugierigen Augen im Elfenbein-Palast verbergen. Irta hatte das nicht vor, denn sie wollte so schnell wie möglich zu ihrem Vater und ihrer Schwester, aber sie war auch nicht so dumm, dieses Refugium, das das Schicksal ihr geschenkt hatte, einfach so zu verlassen.

Sie hatte neben der Tür, die hinaus in den Palast führte, in Augenhöhe eine unscheinbare Klappe entdeckt, die sie zur Seite schieben und durch die sie hinaussehen konnte. Von außen war dieses kleine Guckloch durch ein Gitter verborgen. Vorsichtig öffnete sie die Klappe und spähte durch sie hindurch, schnuppterte gierig die frische Luft, die sofort durch sie in das Zimmer strömte. Irta war tatsächlich an das Ende des geheimen Ganges gelangt: Dort draußen erkannte sie einen Abschnitt eines im hellen Tageslicht badenden Ganges, dessen Wände mit einem farbenfrohen Mosaik bedeckt waren, das eine Gruppe junger Karukorer auf einer blühenden Wiese beim Ballspiel zeigte. Etwas seitlich war eine kunstvoll geschmiedete Gittertür zu erkennen. Vor ihr stand eine Palastwache, zwei grimmige Soldaten, die traditionellen Piken in den Händen. Irta hatte sich richtig entschieden, nicht sofort ins Freie und damit in die Arme dieser Wachen zu rennen. Plötzlich drang ein übler Geruch in ihre Nase, den sie schon fast vergessen hatte. Von der Seite nährerten sich Schritte und dann trat ein Mann in ihr Sichtfeld, der direkt vor dem Gitter stehenblieb, durch das meine Schwester hinaussah. Er blickte sich schnüffelnd und misstrauisch um, als würde er ahnen, dass er beobachtet wurde.

Irta prallte mit einem unterdrückten Aufschrei zurück: Es war kein anderer als Radik Emre, der verfluchte Beschnittene, der wie wie aus dem Nichts aufgetaucht war und nun zwar durch eine Mauer getrennt, aber kaum eine Armlänge von ihr entfernt in dem Flur stand!

[Fortsetzung nächsten Sonntag …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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