Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (17)

Ich habe über den Jahreswechsel ganz vergessen, das 1. Kapitel hier zuende zu bloggen und schon in der letzten Woche mit dem 2. Kapitel begonnen, das ich bereits morgen fortsetzen werde. Also mache ich meinen Fehler hier gut und ergänze das Ende. Vielleicht regt es ja den einen oder anderen an, an meiner Buchverlosung auf LovelyBooks mitzumachen.

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Irta versuchte aufzustehen, doch ein stechender Schmerz in ihrem Knöchel trieb ihr Tränen in die Au­gen und vereitelte diesen Versuch. Frustriert schimpfte sie sich selbst für ihr Ungeschick und mit einer neuen Kraftanstrengung gelang es ihr doch, aufzustehen. Die Schmerzen waren dabei kaum auszuhalten, aber es gab keine Alternative, wenn sie nicht in die Hände des Tob­süchtigen fallen wollte. Auf einem Bein hüpfend und humpelnd näherte sie sich der als kleines Labyrinth angelegten Drillingsblumen-Hecke, in deren Mitte das Haupt der Statue des „Prächtigen“ emporragte und sie mit sehr abschätzigen und arroganten Blicken zu be­trachten schien. Als Radik vom Waschhaus kommend suchend den hinteren Win­kel des Gartens erreichte, war sie schon hinter die mannshohen Büsche getaucht und für seine Blicke un­sichtbar. Es würde aber sicherlich nicht lange dauern, bis er ihr Versteck entdecken würde, denn es gab nicht viele Möglichkeiten sich hier zu verbergen. Doch sie hatte ei­nen Plan und während der Beschnittene sich aufmerk­sam und noch vergeblich nach ihr umsah, hatte Irta trotz ihres verstauch­ten Beins genug Zeit, bis zum Zentrum des Trojaspiels vorzudringen, wo das steinerne Abbild des Namenlosen von ein paar Marmorbänken umringt auf einem etwa fünf Fuß hohen achteckigen Sockel stand, auf dessen Seiten ab­wechselnd Steintafeln und Szenen aus seinem Leben zu sehen waren. Das Kunstwerk war insgesamt von minderer Qualität und nicht ohne Grund an diesem ab­seits gelegenen Ort hinter hohen Hecken versteckt.

Hier war der Ausgang des geheimen Weges verborgen, der nahe der Gemächer der Diplomaten in einem begehbaren Schrank hinter einer versteckten Tür begann. Es war einer der Nachfolger des „Prächtigen“ aus der Adin-Dynastie gewesen, der ihn vor 600 Jahren hatte errichten lassen, um dezent und auf dem kürzesten Wege seine wilde Favoritin besuchen zu können, die jedoch nicht im Serail bei den anderen Frauen lebte, sondern sich in diesem Garten in einer hölzernen Hütte vor den Augen der Welt verbarg; eine Hütte, die es im Gegensatz zu der Statue heute längst nicht mehr gibt. Doch auch die Geschichte von Fanime, der Zuckerwölfin ist eine Geschichte, die ich an einem anderen Tag erzählen will. Auf jeden Fall war der unterirdische Gang nach dem Bürgerkrieg, der die Bişra an die Macht schwemmte, vollkommen vergessen worden, bis ihn Raul zufällig wieder entdeckt und für seine Pläne benutzt hatte. Nun schien der Gang, der bisher nur Prinzen auf ihrem Weg zum Stelldichein mit ihren Geliebten gesehen hatte, Irtas Leben retten zu können.

Und welch ein Glück, dass Raul Irta erklärt hatte, wie man den Zugang zum Tunnel durch den Sockel öffnen konnte. Er hat das in einer Nacht getan, in der sie gemeinsam in ihrem Garten lustgewandelt waren und sich auf einem duftenden Lager zwischen den Hecken unter einem blauschwarzen Himmel geliebt hatten, der nirgendwo auf der Welt tiefer hängt als in der Wüste, so dass es den Anschein gehabte hatte, die Sterne würden nur eine Handbreite über den Palmen und den Zinnen des elfenbeinernen Palastes im Ozean der Nacht schwimmen. Zum Öffnen des Sockels musste auf jeder der vier Seiten, die ein Relief zierte, das die Heldentaten des „Prächtigen“ verherrlichte, ein bestimmtes Symbol niedergedrückt werden. Dadurch wurde ein Mechanismus ausgelöst, der das raffinierte Schloss entriegelte. Leider mussten diese steinernen Symbole, die nur verborgene Schalter waren, in einer bestimmten Reihenfolge gedrückt werden. Es waren die Herrschaftszeichen des berühmten Namenlosen, also Sonne, Taube, Maske und Goldmünze. Irta wusste noch, dass sie die Taube zuerst niederdrücken musste, die auf dem ersten Relief aller Welt die Geburt des neuen Namenlosen verkündete, aber wie sie weitermachen musste, hatte meine Schwester in ihrer Aufregung vergessen. Kam danach schon die Maske oder doch erst die Münze? Ein Fehlversuch würde das Schloss komplett verriegeln, bis es jemand von innen wieder aufsperren würde. Das würde ihre Flucht vereiteln und sie wäre dem irren Radik wehrlos ausgeliefert, nachdem sie mit ihrem verstauchten Fuß nicht mehr in der Lage war, ihm davonzurennen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, ertönte in diesem Augenblick die Stimme des Beschnittenen, die so laut und deutlich zu verstehen war – ganz als ob er er bereits hinter ihr stünde.

„Na, mein glutäugiges Häslein, in welchem Loch hast du dich denn verkrochen? Versteck dich nur gut, dann macht dem Fuchs die Suche mehr Spaß!“ Irta sah nach allen Seiten, aber Radik hatte den inneren Ring des Hecken-Labyrinths um die Statue noch nicht erreicht. Jedoch war nah – sehr nah!

Kurz entschlossen drückte Irta die leicht hervorstehende Taube in das Relief, die auch mit einem leisen Klicken einrastete. Der erste der vier Sperrbolzen war gelöst. Sie kroch auf die andere Seite und ihr Finger verharrte zögernd über der Maske, die auf diesem Relief über der Hand des Prinzen schwebte. Doch dann fiel es ihr wieder ein: Als sie noch im Haus ihres Vaters gelebt hatte, hatte sie die Geschichte des Namenlosen in der Historia Derer Adini und ihrer Anverwandten Geschlechter gelesen. Darin hatte sich doch ein recht grausames Gedicht befunden, das darüber berichtet hatte:

Willst du die Zahl jener nennen,
die ich unter meinen Füßen zermahlte?
Willst du die Zahl der Münzen kennen,
die in meinen Besitz gelangten?
Dann sage die Zahl der Tränen,
die aus den Augen der Allerbarmenden rinnen.

Willst du die Zahl jener nennen,
die mich unter meinem Thron huldigten?
Willst du mir die Zahl der Jahre kennen,
die ich Karukora beherrschen werde?
Dann nenne mir die Zahl der Tropfen,
die das Südmeer füllen.

Der „Prächtige“ hatte als junger Kronprinz zuerst ein märchenhaftes Vermögen bei seinen Feldzügen gegen die südlichen Barbaren errungen, bevor er sich die goldene Herrschaftsmaske der Namenlosen aufgesetzt hatte! Hektisch rollte Irta sich herum, hin zu der Seite, auf der er dargestellt war, wie er in der einen Hand eine Münze und in der anderen einen Sadji-Säbel jonglierte, mit dem er eben einige Feindesköpfe von ihrem Rumpf getrennt hatte. Irta hatte die zweite und die dritte Strophe des Gedichts verwechselt, wie ihr noch rechtzeitig in den Sinn gekommen war.

Nun machte sie alles richtig. Nachdem sie zuletzt auch noch auf das Sonnensymbol gedrückt hatte, das der Namenlose auf der letzten Bildtafel mitten auf seiner göttlichen Stirn trug, klappte ihr das Relief entdegen und gab einen tiefen Schacht frei, an dessen hinterer Wand eine angelaufene, metallene Leiter angebracht war. Sie führte senkrecht hinab in eine undurchdringlich Finsternis und Irta konnte nicht ausmachen, wo sie endete. Auf einem kleinen Sims stand eine Laterne, doch meiner Schwester blieb nicht die Zeit, diese anzuzünden und mit ihrer Hilfe ihren Abstieg zu beleuchten, denn gerade als sie sich mit dem Oberkörper hineinbeugte, um die erste Sprosse der Leiter zu ergreifen, damit sie sich vollständig in den Schacht hineinziehen konnte, wurde sie grob am Fuß gefasst.

„Hab dich!“, rief Radik triumphierend. Irta trat zu Tode erschrocken mit dem heilen Bein nach hinten aus – und traf den Eunuchen mitten auf der Brust. Ihr Tritt war nicht allzu fest gewesen, aber er genügte, den Verfolger, der sich halb zu ihr heruntergebeugt hatte, nach hinten straucheln zu lassen. Dabei lockerte sich sein Griff und Irta kam wieder frei. Bevor sich Radik wieder sammeln konnte, hatte sie sich ganz in den Schacht gezogen und die kleine Tür im Sockel der Statue fiel sofort hinter ihr ins Schloss, denn ihr innerer Öffnungs- und Verschlussmechanismus war mit der obersten Sprosse der Leiter verknüpft, die unter Irtas Gewicht eine Handbreite nach unten kippte.

[Zum 18. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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