Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 4)

[Zum ersten Teil …]

(Ich konnte nicht einfach so aufhören, deshalb habe ich einige Drogen eingeschmissen, der Erkältung getrotzt und meine Geschichte zuende erzählt. Wenn es euch zu sentimental ist, dann gebt Grippostat die Schuld.)

Eine schöne Bescherung

Sie stritten also an Weihnachten, meine Eltern: ausdauernd, lautstark und bitterböse. Sie zerfleischten sich manchmal gegenseitig in ihrem hektischen Bemühen, ein gelungenes Familienfest zu feiern. Jeder kannte die Verletzbarkeiten des anderen und besonders mein Vater hatte ein sicheres Gefühl dafür, was wirklich wehtat und dort stach er mit Vorliebe und ohne Rücksicht auf Verluste hinein(1). Die Tränen meiner Mutter flossen während der Bescherung und danach reichlich und es waren eben nicht nur Tränen der Rührung über den schönen Baum und die herzzerreißenden Gesänge während der Besinnung, sondern leider auch oft genug andere, Tränen der Verletzung, der Wut, des Leids.  In meinem Gedächtnis stritten die beiden an jedem Weihnachten, Jahr für Jahr für Jahr – aber ich mag mich von meinen Erinnerungen so trügen lassen wie beim Schnee.

Bescherung! Der Zwerg im Vordergrund bin ich. Für die Nachgeborenen: Damals war die Welt schon farbig, aber ich habe das Foto von einem uralten Dia abgescannt und die schlechte Qualität durch die Sepiatöne verschleiert.

Man kann uns also mit Fug und Recht eine dysfunktionale Familie nennen, an der jeder Psychologe und Soziologe seine wahre Freude hätte. Jedes von uns Kindern hat aus dieser Familie einige psychische Deformationen und Neurosen ins Erwachsenenleben mitgenommen. Doch dabei darf man nicht vergessen, dass sich meine Eltern in jedem Jahr auf Neue geradezu verzweifelt darum bemühten, uns ein gelungenes und behütetes Weihnachten erleben zu lassen, uns überhaupt eine glückliche Kindheit zu schenken. Es ist ihnen im Großen und Ganzen gelungen. Das war schon damals und – ehrlich gesagt -, auch heute keine Selbstverständlichkeit, wenn ich an die vielen kaputten, ja, traumatisierten Kinder denke, denen ich in meinem Brotberuf begegne und die so etwas wie eine Familie oder ein Weihnachtsfest nur vom Hörensagen kennen.

Und was die Streitigkeiten meiner Eltern angeht, die einmal sogar dazu führten, dass meine Mutter ins Hotel zog, sich einen eigenen Topf kaufte, und wild entschlossen war, sich scheiden zu lassen: Beide leben noch; mein Vater noch recht rüstig für seine bald 92 Jahre allein in der Wohnung, die er seit fast vierzig Jahren bewohnt, meine Mutter ist seit acht Jahren vollkommen dement und liegt in einem Pflegeheim ganz in seiner Nähe. Sie ist gerade 90 geworden und längst nur noch ein ausgemergelter, bis auf die Knochen abgemagerter leidender Körper, der, hat er mal die Lider nicht geschlossen, blicklos an die kahle Decke starrt und von Krämpfen gezerrt wird. Die liebende Seele, die ihn einst belebte, ist schon vor Jahren komplett verloren gegangen – der Mensch, der meine Mutter einmal war, ist zwar noch nicht beerdigt, aber schon lange tot. Mein Vater besucht sie trotzdem regelmäßig, obwohl ihm der Gang den steilen Stephinger Berg hinauf immer schwerer fällt. Dann beugt er sich in ihrem Zimmer zu ihr herab, streichelt ihr zärtlich über die Wange und wenn sie dabei tatsächlich die Augen öffnet, dann flüstert er: „Manchmal glaube ich, dass sie mich erkennt …“

Bei uns Kindern herrschte nach dem besinnlichen Augenblick endlich eitle Freude. Wir hatten es geschafft, unser Hl. Abend war durch seine schier endlose Katharsis gegangen. Wir rissen die Decken von den Geschenkpaketen und bis man uns ins Bett brachte, spielten wir mit unseren neuen Sachen, klauten dem anderen die Leckereien aus seinem mit Süßigkeiten übervollen „Bunten Teller“. Ich baute an meinen Legos, ließ meine neuen Cowboys (2) ihre ersten Abenteuer erleben, blätterte im neuen Fünf-Freunde-Buch, ärgerte mich, dass ich wieder keinen Kaufmannsladen bekommen hatte und hatte keine Zeit, mich um die Erwachsenen zu kümmern. Meine Mutter war aber schon wieder bei der Arbeit. Die Verwandschaft, die uns besuchte, wollte verköstigt werden. Diese konsumierte erhebliche Alkoholmengen und kalte Wurst- und Käseplatten, verputzte halbe Eier, die mit Mayonaise und Fake-Kaviar belegt waren, Fischhappen und Schinken, flätzte hemdsärmelig und zumindest in den 60ern noch kettenrauchend auf den Sofas und Stühlen. Wir Kinder fielen irgendwann mit rotglühenden Wangen und vollkommen überdreht vom Spielen in einen unruhigen, fiebernden Schlaf, die Eltern überfressen und abgefüllt mit Bier, Wein, Sekt und Schnaps.

Doch am nächsten Tag waren wir im Gegensatz zu ihnen schon vor dem Hellwerden wieder auf den Beinen und spielten weiter. Die Eltern nüchterten langsam aus; es galt fürs Mittagsessen die Gans zu braten und – ganz wichtig für die Stegherr-Omi – den Weihnachtssegen des Papstes Urbi et Orbi zu sehen. Am 2. Feiertag trafen sich meine Eltern mit dem Onkel Siegfried und der Tante Inge zum Sektfrühstück mit anschließendem Schafkopf bis in die Nacht.(3) Auch dieser Tag endete für alle in einem Besäufnis und – weil mein Vater immer gewann – je mehr er trank, um so besser war er – und meine Mutter immer verlor – in einem formitablen Ehekrach. Dann war Weihnachten vorbei, man nahm sich vor, nie mehr etwas zu essen und erholte sich bis Silvester, wo schon die nächsten Katastrophen lauerten.

Was habe ich nun in meine eigene Familie übernommen? Natürlich nicht das Gänseklein, nicht die Wanderung am Hl. Abend und vor allem nicht den Streit. Das alles wäre mit Frau Klammerle auch nicht zu machen. Was uns aber immer wichtig war, war es, unseren Söhnen Weihnachten als etwas Einzigartiges, Besonderes zu präsentieren – ihnen den Zauber zu vermitteln, den ein gelungener Hl. Abend im Kreis der Familie ausstrahlt. Und das, obwohl ich überzeugter Atheist bin, denn die Feier der Geburt Christi‘ ist nur der Aufhänger. Nennt mich sentimental, aber für mich ist Weihnachten mehr; ein Moment, der wie Klebstoff wirkt und die Menschen, die ich liebe, zusammenhält. Morgen kommen die beiden Söhne zu uns; erwachsene Männer, die längst ihr eigenes Leben führen, um genau diesen Augenblick mit ihren Alten wieder zu erleben. So ganz falsch können wir es also nicht gemacht haben.

Ich wünsche jedem so ein Weihnachten.

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(1) Dabei war sein Herz selbst voller innerer Wundmale, die nur oberflächlich vernarbt waren und sofort wieder aufbrachen, wenn Alkohol im Spiel war. Als 17jähriger Soldat der Waffen-SS war er während des Kampfs um Berlin verwundet und für fünf Jahre in russische Kriegsgefangenschaft gekommen, wo er an jedem Tag um sein Überleben kämpfen musste und als kranker, gebrochener Mann zurückkehrte, dem die Nazis seine Jugend und seine Ideale geraubt hatten.

(2) So beginnen Schriftsteller: Im Jahr 1968 bekam ich eine Cowboy-Postkutsche mit Kutscher und ein paar bösen Indianern geschenkt und ich spielte am 1. Feiertag damit auf dem Wohnzimmerteppich. Im Hintergrund lief der Fernseher und von den Nachrichten, die dort liefen, bekam mein Cowboykutscher seinen Namen: „Johnson“, benannt nach dem damaligen amerikanischen Präsidenten. Mein Johnson erlebte viele, viele Abenteuer und war einige Jahre später gemeinsam mit dem tapferen Sioux Siosi (der Name beruht auf einem Lesefehler) der Held meiner ersten Schreibversuche.

(3) Ja, ich weiß, M.! Hier bin ich die Geschichte schuldig, wie du und unser Bruder gemeinsam eine riesige Parfümflasche in die Luft jagten (3a), während ich bei den Eltern im Schlafzimmer gruschtelte und anschließend vergaß, meine Spuren zu verwischen. Es stank drei Tage nach Veilchenduft – oder, wie es meine Mutter ausdrückte: „Puh, hier stinkt es ja wie in einem serbischen Männerpuff!“ Ich erzähle das alles ein andermal. Versprochen!

 

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