Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 3)

[Zum ersten Teil …]

Die fliegende Lutherbibel

Ich habe mich inzwischen etwas schlauer gemacht; das Internet macht es möglich. In den Jahren zwischen 1968 und 1980, aus denen ich meine Weihnachtserinnerungen für diesen Text geschöpft und sie zu einem paradigmatischen Hl. Abend zusammengebastelt habe, hat es in Augsburg immerhin vier weiße Weihnachten gegeben – nämlich ’70, ’73, ’75 und ’76. Das sind immerhin doppelt soviele wie es sie seit der Jahrtausendwende gab, wo nur in den Jahren 2001 und 2010 Schnee lag. Für dieses Jahr ist mal wieder Starkregen angesagt. (Und für alle, die noch immer nicht an einen Klimawandel glauben: Zwischen 1960 und 1970 gab es sogar sieben Jahre, in denen es an Weihnachten schneite.) Aber genug von der Statistik und zurück zu dem kleinen, dicklichen Jungen, der nun so kurz vor dem Höhepunkt seines Jahres vor Aufregung zitterte und der nur noch das kurze Fegefeuer des besinnlichen Teils des Hl. Abends vor sich hatte, bis er endlich ins Paradies eintreten konnte und mit seinen neuen Legos und seinen Cowboy-Mänschgerle spielen durfte.

Der alte Mann denkt larmoyant an Weihnachten, wie es früher einmal war …

Man sieht es dem Foto an: Ich habe es geschafft. Ich gehe als typischer Babyboomer, der im längsten und kältesten Schneewinter des 20. Jahrhunderts geboren wurde, inzwischen mit Siebenmeilenstiefeln auf die 60 zu und gehöre also endlich ebenfalls zu den älteren, weißen Männern, die das Narrativ des 21. Jahrhunderts dominieren und jede andere Stimme mit ihrer Wortgewalt, ihrem Rasissmus und ihrem Antifeminismus unterdrücken. So behauptet es zumindest das Imago, das heute unsere Gesellschaft bestimmt und sich damit einen recht merkwürdigen Feind zugelegt hat, der allerdings nur in den Köpfen existiert. Gut so, in dieser Rolle fühle ich mich wohl und ihr Grundstein wurde sicherlich an den Hl. Abenden gelegt, bei denen ich als Kind das Vergnügen hatte, sie im Kreise meiner kleinbürgerlichen und typisch bundesrepublikanischen Familie miterleben zu dürfen. Was dort bei der Bescherung im kleinen – im unserem Mikrokosmos geschah – war, wenn auch leicht verspätet, paradigmatisch für die westdeutsche Gesellschaft Ende der 60er bis in die Mitte der 70er Jahre. Das Zeitgenössische hielt Einzug. (1)

Aber zuerst musste nach den klassischen geplatzen Würstchen mit Kartoffelsalat von uns Kindern abgespült und abgetrocknet werden, während der Hausherr im Wohnzimmer die letzten Vorbereitungen zum feierlichen Teil traf und anfangs noch die echten, später dann die elektrischen Lichter am Baum entzündete. Das musste schnell gehen, denn bald wurden die Eltern meines Vaters und weitere Verwandtschaft zum Weihnachtsabendessen erwartet und dann musste die Bescherung abgeschlossen sein. Traditionell wurde der Höhepunkt des Abends dann von meinem Vater mit einem Glöckchen eingeläutet, das wir allerdings meist überhörten. Glück, heißt es, sei die ewige Wiederkehr des ewiggleichen. Wenn das stimmt, war mein Weihnachten sehr glücklich, denn sein ritualisierter Ablauf änderte sich kaum. Er sah in seinem besinnlichen Teil vor der Bescherung stimmungsvolle Musik und die Lesung der Weihnachtsgeschichte vor, die meine Mutter mit ihrer uralten, zerfletterten Lutherbibel in der Fassung von 1912 unternahm. Das war der einzige Moment im Jahr, in dem diese zum Vorschein kam – danach verschwand die Bibel wieder für 365 Tage in einem Schrank. Meine Mutter las salbungsvoll und getragen, aber niemals fehlerfrei. Sie stolperte immer über die gleiche Stelle, bei der sie ihren Finger anfeuchten und umblättern musste. Sie begann mit Lukas 2.1:

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war.

… und endete bei 2.20:

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Obwohl ich wirklich abgelenkt war und während ihrer Lesung ungeduldig abzuschätzen versuchte, was sich für Geschenke für mich unter dem Tücherhügel unter dem Baum verbargen, kann ich diesen antiquierten Text noch immer auswendig. Ich hatte als Kind natürlich merkwürdige Vorstellungen davon, wie eine Schätzung ablief; ich stellte sie mir als eine große Waage vor, auf der man gewogen wurde. Warum der römische Kaiser sich für das Gewicht seiner Untertanen interessierte, war mir aber ein Rätsel. Auch die Worte, die Maria in ihrem Herzen bewegte, stellte ich mir wie das Schaukeln vor, mit dem man einen Säugling in den Schlaf wiegt. Auch hier tauchte wieder das Bild einer Waage auf, was mich doch ziemlich verwirrte. Meine Schwester M. (1) hat mir mal erzählt, sie bemühte sich immer, mich bei der Lesung nicht anzusehen, weil sie sonst einen Lachkrampf bekommen hätte. Ich muss dabei wirklich wie ein überfahrener Frosch ausgesehen haben.

Meine Geschwister, meine Mutter und die Stegherr-Omi

Vor und nach Lukas wurde in den 60ern Hausmusik gemacht, das heißt, meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder flöteten(2) oder M. spielte auf dem Akkordeon, während die Stegherr-Omi ein aus ihrem Ärmel gefischtes Taschentuch in der Hand zerknitterte, in das sie still hineinheulte, während sie den in diesem Jahr wieder besonders gelungenen Baum bewunderte. Dazu wurde falsch und nicht allzu textsicher gesungen. In späterer Zeit legte mein Vater dann nur noch seine Weihnachts-Schallplatte auf und vor der Lesung erklang in der Version von Rudolf Schock(3) und den Regensburger Domspatzen „Stille Nacht“, danach „Oh, du Fröhliche“ (Über diese Reihenfolge wurde manchmal gestritten). Meist hatte er Probleme, im schummrigen Kerzenlicht, das der Baum ausstrahlte, die Nadel des Plattenspielers richtig aufzusetzen und es ertönten vor der stillen Nacht mit einem hässlichen Quietschen die letzten Takte von Eine Muh, eine Mäh: „Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä … Ratadschingderattabum!“

Der Umbruch von der Live-Hausmusik zum Vinyl geschah übrigens während des besinnlichen Teils eines Hl. Abends, als M. sich standhaft weigerte, Musik zu machen, niemand singen wollte und meine Mutter schließlich wütend ihre Bibel durch den Raum schleuderte und die Besinnung in einem monumentalten Streit gipfelte.

Aber für heute habe ich schon genug erzählt, ich mache morgen weiter.

[Wird morgen fortgesetzt …]

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(1) M. ist übrigens kein Pseudonym. So nenne ich meine Schwester eben, die ziemlich genau 9 Jahre älter als ich ist. Früher riefen wir sie meist „Trulle“. Sie musste als die Älteste unter uns Geschwistern als erste gegen die fatale Familienaufstellung rebellieren und dies fiel in die unruhigen Jahre nach der klassischen 68er-Revolution. Sie hörte Hendrix, verkaufte irgendwann ihr Akkordeon, um eine Stereoanlage zu erwerben und ging eine Mesalliance mit einem Künstler ein. Mein Vater, der sehr schnell mit harten Urteilen bei der Hand war, riss ihr Hendrix-Plakat von der Wand, weil er keine „Menschenfresser“ im Haus duldete, teilte Ohrfeigen(1a) aus und prophezeite ihr eine Karriere als Prostituierte. Mir hat er übrigens später weisgesagt, ich würde als Müllmann enden. Allein mein Bruder fand Gnade unter seinen gestrengen Augen. Tatsächlich war M. bis zu ihrer Pensionierung in diesem Jahr Förderlehrerin an einer Augsburger Grundschule und ich, naja, mir muss von Frau Klammerle sehr nachdrücklich befohlen werden, den Müll vors Haus zu bringen.

(1a) Psychische Gewalt zählte eigentlich weniger zu den Erziehungsmethoden meiner Eltern, auch wenn ihnen immer wieder einmal die Hand „ausrutschte“. Meist – ich gebe es zu – hatte zumindest ich es auch verdient; wenn ich z. B. mit einem Nahtauftrenner das frisch genähte Kleid meiner Mutter in Lametta zerschnitt (hat Spaß gemacht!) oder meinem Vater, der mich an einem Sonntagnachmittag zu einer seiner Wanderungen zwingen wollte, mit dem Götz-Zitat beschied, denn ich wollte lieber „Bill Bo und seine Bande“ sehen – was ich dann mit schmerzender Backe auch tat, während er wütend und allein durch die Wälder stapfte. Meine Mutter hat an diesem Nachmittag übrigens zum ersten Mal in meinem Leben leckere Bratäpfel gemacht und ich glaube noch immer, dass es da einen Zusammenhang gab.

(2) Durch die schlechten Erfahrungen haben es meine Eltern gar nicht erst versucht, mich an einem Instrument auszubilden. Zudem galt ich als vollkommen unmusikalisch.

(3) Es kann auch René Kollo oder ein anderer Heldentenor gewesen sein, da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich bin zu faul, meinen Vater zu besuchen und nachzusehen; aber er kommt am 2. Weihnachtsfeiertag zu mir und werde ihn fragen. Über den Versuch meiner Schwester, doch einmal bei der Besinnung statt Herrn Schock Mahilia Jackson die „Silent Night“ singen zu lassen, breite ich den Mantel des Schweigens.

[Zum 4. und letzten Teil …]

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