Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 2)

[Zum ersten Teil …]

Der lange, düstere Nachmittag des Hl. Abends

Auch jenes grausame, geradezu finsterböse, an eine dunkelschwarze und blutige Satansmesse erinnernde, Mittagsmahl des Hl. Abends, das wie an allen anderen Tagen pünktlich um 12:oo Uhr „genossen“ wurde, war irgendwann gegessen und lag tonnenschwer im Magen. Danach ruhte der Herr; will sagen, mein Vater genehmigte sich seinen kurzen Mittagsschlaf, auf den er niemals verzichtete. Für seine drei Nachkommen begann nun die zerdehnte Zeit des Wartens und das Weihnachtsfieber setzte massiv ein. Diese nervöse, bis zur Bescherung anhaltende und sich langsam in ihren Symptomen steigernde Ideosynkrasie ist, denke ich, noch in keinem medizinischen Fachartikel beschrieben worden, aber recht weit verbreitet und epidemisch. Auch meine eigenen Kinder litten zeitweise bis über ihre Adoleszenz hinaus heftigst an ihr. Vor allem Sohn Nr. 2 war regelmäßig am Nachmittag des Hl. Abends schwerstens am Weihnachtfieber erkrankt.

Bei mir äußerte sich das Weihnachtsfieber mit heftiger, motorischer Unruhe – heute würde man eine ADHS diagnostizieren -, flauem Darmgrummeln und Durchfall (diese Symptome wurden vielleicht auch durch das „Gänseklein“ verurach). Dazu kam äußerste Gereiztheit, die mit erhöhter Temperatur und Schlafmangel gepaart war. Obwohl es keinen Grund dafür gab, wuchs meine exaltierte Aufgewühltheit mit dem Fortschreiten des Nachmittags in geometrischer Weise an und wurde von meinen gleichfalls am Weihnachtsfieber leidenden Geschwistern noch wechselweise verstärkt. Zwar hielten meine Eltern die Wohnzimmertür den ganzen Tag über verschlossen, aber ich wusste genau, dass es nicht das Christkind (1) war, das die Geschenke brachte, sondern meine Mutter, die sie irgendwann am Nachmittag aus ihrem schlechten Versteck im Schlafzimmer der Eltern holte und unter den Baum legte. Wir bekamen nichts vom Christkind geschenkt, sondern etwas zum Christkind. Ich wusste, mir würden  nahezu alle meine Wünsche, die ich am 1. Advent auf meinen Wunschzettel gemalt oder gekritzelt hatte, erfüllt werden, denn wir waren ja – wie bereits erwähnt – nicht arm und meine Eltern ließen sich gerade an Weihnachten nicht lumpen. Auch hatte ich normalerweise bereits im Vorfeld heimliche Erkundigungen eingezogen und bei passender Gelegenheit den Schlafzimmerschrank durchwühlt. Gruschdln nennt man das auf gut Augschburgerisch. Trotz allem litt ich schwerst am „Warten-aufs-Christkind“-Syndrom.

Nach seinem Mittagsschlaf, der regelmäßig lautstark von den Streitigkeiten seiner Kinder unterbrochen wurde, nahm mein Vater das Problem auf seine Weise in die Hand. Seine Kur war eine ausgedehnte, nachmittägliche Wanderung durch westliche Wälder, nördliche Felder, zum südlichen Hochablass und quer durch östliche Äcker (2), die ihn und uns Geschwister in seinem Schlepptau schließlich unfehlbar kurz vor 17:00 Uhr zum Alten Ostfriedhof führte, wo er vor der Aussegnungshalle ein weihnachtliches Blaskonzert der Freiwilligen Feuerwehr anhörte und die Kerzen am Grab seiner ersten Frau anzündete. Meist traf man hier auch Verwandschaft, die ihre eigenen Gräber besuchte. (3) Obwohl wir auch übers Jahr regelmäßig auf den Friedhof gingen, überwältigte mich dort an Weihnachten jedesmal eine bedrückende, fast beängstigende Stimmung und mich beschäftigte die Frage, ob die Toten dort in der schweren, feuchten Erde so froren wie ich und ob ihnen auch so langweilig war.

Danach ging es endlich mit der Schtrossaboh (Tram) nach Hause. Von der Haltestelle an der Frauentorstraße war es nicht mehr sehr weit bis zum Pfärrle, wo wir unter dem Dach gegenüber vom Alten Kautzengässchen wohnten (4). Obwohl sie höchstens drei oder vier Stunden dauern mochten, sind mir diese endlosen Wandernachmittage mit Friedhofsbesuch am Hl. Abend in meiner Erinnerung als die längsten verblieben, die ich je erlebte – nicht einmal der Freitagvormittag in der Schule dauerte so lang.  Ich habe sie grundsätzlich eisig kalt, düster, grauverhangen und neblig im Gedächtnis; obwohl sicher auch mal die Sonne schien oder Schnee auf der Landschaft glitzerte. Um mal ein Klischee zu bemühen: Zeit ist durch und durch relativ und vom Empfinden und der Tagesform abhängig. Am Hl. Nachmittag tropfte sie so zäh und feucht aus den niedrigen Wolken und dehnte sich so weit aus, dass sie mindestens für zwei Leben ausreichte. Der Versuch, uns Kinder auf diese Weise ruhiger zu stellen und gar müde zu machen, ging selbstverständlich schief und nach hinten los. Je länger der Marathon-Lauf durch die pittoresken Landschaften rund um Augsburg dauerte, um so hippeliger, kindischer und aufgeregter wurden wir.

In der Zwischenzeit hatte meine Mutter, die in Berlin aufgewachsen ist und in einer Art Torschlusspanik in den Süden der Republik geheiratet hatte, jedoch den besten Nachmittag in ihrem Jahreslauf und ihrer verfloss viel schneller. Die Stegherr-Omi war zu Verwandtschaftsbesuchen und anschließend zum Rosenkranz und zur Kindermesse  gewatschelt(5). Sie hatte also ihre Ruhe in der sonst so quirligen Wohnung. Sie machte es sich, wie sie es ausdrückte, „besinnlich“, zündete ein paar Kerzen an, trank Tee und genoss ihr Leben. Sie wusste sehr gut, dass dies nur eine kurze Atempause war und danach die übliche Weihnachtskatastrophe folgen würde, die jedes Jahr aufs Neue damit begann, dass sie die Würstchen, die es vor der Bescherung zum schnellen Abendessen gab, zu lang im Topf beließ und oft auch noch mal schnell aufkochen ließ. Deshalb waren sie natürlich alle bis auf die fette Knacker, die sie als Gourmet-Höhepunkt als Curry-Wurst genoss, geplatzt und nur der Senf konnte ihnen noch etwas Geschmack geben. Und unweigerlich war dies der Grund für den ersten Hl. Abend-Streit meiner Eltern, wenn mein Vater und wir durchgefroren vom Friedhof kamen und, nachdem wir unsere Hände am kalten Wasserhahn aufgewärmt hatten, am Esstisch in der Küche Platz nahmen.

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

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(1) Meine Kindheit und Jugend fand in der tiefsten bayerisch-schwäbischen Provinz statt; man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie stumpf, grau und fade Augsburg, das unter einem spießbürgerlichen Leichentuch erstickte, damals war. Dort gab es keinen Weihnachtsmann oder gar einen Santa Claus, sondern das Christuskind und den Nikolaus. Es gab keine Rentiere, keine Coca-Cola-Trucks und schon gar kein „Rockin‘ around the christmas tree“, sondern Ochs und Esel, die Straßenbahn und „Still ruht der See“. Weihnachten war eine ernste Sache.

(2) Mein verschlossener und extrem schweigsamer Vater war ein Meister darin, bei Wanderungen Abkürzungen zu nehmen, die sich im Nachhinein als gut getarnte Umwege herausstellten. „Ist es noch weit?“ – „Nein, wir sind gleich da“, war der am häufigsten zu hörende Dialog, den wir mit ihm führten.

(3) Da fällt mir eine herrliche Geschichte über meinen längst verstorbenen Onkel Siegfried ein, der der geizigste Mensch war, den ich in meinem Leben kennengelernt habe. Gegen ihn ist Balzacs Vater Goriot ein Verschwender. Er hatte für das Grab seiner Mutter vor Jahren die erhebliche Anschaffung eines Adventskranzes mit vier Kerzen gemacht, die er allerdings nie entzündete, da er den uralten, braunen Kranz in jedem Jahr wiederverwendete und nicht jedesmal neue Kerzen kaufen wollte – für ihn, der ernsthaft sein Klopapier abzählte, damit niemand zu viel verwendete, wäre das eine ungeheuerliche und sinnlose Geldverschwendung gewesen. Als wir schon erwachsen waren,  haben meine Schwester und ich an einem Weihnachtsabend heimlich doch diese Kerzen angezündet. Sie brannten in der Hl. Nacht nieder und anschließend auch gleich noch der ganze staubtrockene Adventskranz und danach die Buchsbegrünung und die Erika-Bepflanzung des Grabes. Er hat nie erfahren, dass wir das gewesen waren und auch meine Eltern hielten dicht, als er am 2. Feiertag entsetzt von der Grabschänderei berichtete. Im nächsten Jahr hatte Onkel Siegfried übrigens einen neuen Kranz und Kerzen aus Kunststoff, die nicht brennbar waren (wir haben trotzdem vergeblich versucht, sie anzuzünden).

Ich weiß noch viele weitere Geschichten von ihm, die ich euch ein anderes Mal erzähle. Erinnert mich bei Gelegenheit daran.

(4) Im Erdgeschoss befand sich eine Bäckerei und es roch im Hausgang immer herrlich nach frischen Brezen und Brot. Unsere Nachbarin, die diesen Geruch nicht ausstehen konnte, versprühte deshalb immer Toiletten-Lavendelduft im Treppenhaus und ich rieche noch heute diese seltsame Mischung, wenn ich die Augen schließe und in meiner Vorstellung zu unserer alten Wohnung emporlaufe. (4a) Was haben wir als Kinder diese Frau gehasst! Doch dies ist eine andere Geschichte, die ich ein andermal erzählen werde.

(4a) Im Stockwerk unter uns wohnte übrigens der etwa gleichaltrige „Herr Braun“, heute gemeinsam mit dem entsetzlichen Silvano Tuiach der bekannteste Augsburger Kabarettist. Ursprürglich wollte er Pfarrer werden, also eigentlich ins gleiche Metier. Laut meiner Mutter habe ich oft mit ihm gespielt, aber ich kann mich nicht daran erinnern und ich denke, ihm geht es ebenso.

(4) Das „Watscheln“ ist wörtlich zu nehmen, denn sie hatte die dürrsten und krummsten O-Beine, die ich kenne. Jeder Cowboy wäre neidisch auf ihre Schteckerlfias gewesen.

[Wird nächsten Freitag fortgesetzt …]

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