Aber ein Traum …

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Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 1)

Hl. Abend damals – Wahrgelogenes

„Wie das war?“, fragt ihr. „In meiner Kindheit an Weihnachten?“ In erster Linie war es merkwürdig. Inzwischen habe ich ja ein biblisches Alter von 55 Jahren erreicht. Für die Nachgeborenen liegen meine Kindheit und Jugend so weit zurück in der Vergangenheit, dass meine Söhne sie sich schwarzweiß und ärmlich vorstellen, mit Bratäpfeln und Schneeverwehungen bis zum ersten Stock hinauf und einem gestrengen finsteren Nikolaus, dessen Knecht Rupprecht die Rute allzu locker in der Hand sitzt. Oh, du Fröhliche, als ich noch ein kleiner Bergbauernbub war und in den schwarzen Westlichen Wäldern durch hüfthohen Schnee stapfte … „Strammdeutsches Proto-AfD-Weihnachtsgedöns“ mit all seinen Konsequenzen, viel Alkohol und möglichst wenig Christentum.

Tatsächlich war alles ganz anders – oder zumindest ein bisschen, wenn ich mich denn recht entsinne. Ein wenig Wehmut ist auch dabei, wenn ich heute darüber schreibe; da bin ich wie Nietzsche, der sich heimlich an das Grab seines toten Gottes schleicht, um ein paar verstohlene Tränen zu vergießen. Wahr ist sicherlich, dass mich die Weihnachten meiner Kindheit geprägt und einige von ihnen auch nachhaltig traumatisiert haben und ich sie während der Adventszeit zu gleichen Teilen fürchtete und herbeisehnte. Natürlich war wenigstens in meinen Erinnerungen früher viel mehr Schnee, Kälte (und Lametta) und der Schnee lag von Anfang November bis in den März hinein als geschlossene Decke auf der Stadt und dem Umland. Wir gingen jeden Tag nach der Schule zur Lueginsland-Festung hinüber, um dort mit unseren Schlitten den Hang an der alten Stadtmauer hinunterzurutschen. Damals war sogar deshalb die Thommstraße unterhalb des Schlittenbergs für Autos gesperrt – und das mitten in der Stadt. Aber Erinnerung ist trügerisch. Auch in den späten 60er und den 70er Jahren gab es weihnachtliche Wärmeperioden und Tauwetter. Es blühten vorzeitig die Schneeglöckchen und die Krokusse und der Hl. Abend war nur selten weiß. Schnee, der für einen Sechsjährigen hüfthoch liegt, geht für einen Erwachsenen gerademal bis zum Knie und in all den Jahren lag höchstens vier-, bis fünfmal genug Schnee zum Rodeln. Wenn man diese Wetter allerdings mit dem klimakatastrophalen Heute vergleicht, waren die Winter meiner Jugend eisig, hartnäckig, gewaltig und so endlos wie die verregneten Sommer.

Obwohl also die Erinnerungslücken und die nachträglichen Korrekturen der Einbildungskraft so groß wie der Christbaum auf dem Rathausplatz sind, will ich in diesen Tage versuchen, einen typischen 24. Dezember meiner Kindheit zu beschreiben. Die Familie bestand aus sechs Personen und würde 2018 wahrscheinlich zum Präkariat gezählt; damals konnten wir problemlos vom Angestelltengehalt meines Vaters leben und gehörten zur klassischen bürgerlichen Schicht; jener heutzutage so häufig beschworenen Mitte, die unserer Gesellschaft verloren geht: Dies waren meine Eltern, meine beiden fünf und zehn Jahre älteren Geschwister und – als eine Art Hausmädchen und Queen-Mom zugleich – die Mutter der ersten, bei der Geburt meines Bruders verstorbenen, Frau meines Vaters, die „Stegherr“-Omi. Das war eine resolute und zähe, höchst katholische kleine Frau, die uns mehr erzogund sich um uns Kinder kümmerte als meine vor ihrer Dominanz kapitulierenden Mutter und vor deren Teppichklopfer wir oft unter die Küchenbank fliehen mussten.

Das Vorspiel zum Hl. Abend war in aller Regel katastrophal: Mein Vater hatte oft schon am 1. Advent irgendwo einen billigen Weihnachtsbaum erworben oder aus eine obskuren Quelle bezogen. Das waren damals selbstverständlich keine Nordmanntannen, sondern Fichten und es gelang ihm deshalb nur selten, den Baum am 23. Dezember vom Lagerkeller in den vierten Stock zu tragen, ohne dass dieser unterwegs im Treppenhaus die Hälfte seiner Nadeln verlor. Oder, was mindestens zweimal geschehen ist, alle. Dann flog der Baum mit Flüchen begleitet vom Küchenbalkon aus in den Hof. Meist musste mein Vater also noch einmal im Wettrennnen mit den Öffnungszeiten los und sich einen neuen Baum besorgen, der dann krumm, ungleichmäßig gewachsen und windschief war – und immer zu groß. Folglich wurde er mit Zange, Baumsäge und Bohrer bearbeitet, gekürzt, dort ein Ast abgesägt und hier einer in einer Lücke hinzugefügt. Nachdem mein Vater dieses Werk vollendet hatte und der Baum dabei schon wieder tüchtig Nadeln verlor, war er meist noch hässlicher als vorher. Aber nun wurde er ja geschmückt und dies war allein das Vorrecht meines Vaters. Mit einer Flasche Weinbrand schloss er sich vor unseren neugierigen Blicken im Wohnzimmer ein. Aus der gewaltigen übers Jahr in den Keller verbannten Weihnachtsumzugskiste kramte er viel Lametta, Kugeln, Engelfiguren, Wachsmodeln, echte Kerzen, in späteren Jahren auch eine Lichterkette und „schmückte“ in stundenlanger Arbeit. Als dann der Baum endlich fertig aufgeputzt war, war der Weinbrand leer, er lag neben der Krippe unter dem niedrigsten Astkranz, sang Weihnachtslieder und zumindest in seinen Augen erstrahlte der herrlichste Baum aller Weihnachten in feierlichem Glanze. (Meine Mutter würde dann später alles noch einmal um- und die ärgsten Geschmacklosigkeiten abhängen.)

Der Hl. Abend selbst begann mit unbeschreiblichem Grauen vor dem Mittagessen. Die Vorfreude und Aufregung meiner Geschwister und mir stellte sich erst nach diesem wahrhaften Mahl des Schreckens ein – es war der Stacheldrahtzaun ums Paradies. Denn es gab immer die Innereien des Federviehs, das am 1. Feiertag mit Knödeln und Blaukraut und – „zur Feier des Tages“ – einem Glas halbtrockenen Moselwein verzehrt wurde: Das war das sogenannte in einem Säcklein mitgelieferte „Gänseklein“, das mit Hals und Füßen des Tiers so lange zerkocht wurde, bis es eine ekelhafte, gallertartige Masse war. Bei den Gedanken daran wurde uns Kindern schon in den Wochen vorher schlecht Aber wir wurden klassisch erzogen – was auf den Tisch kommt, muss auch gegessen werden – und wenn es den ganzen Tag dauern sollte. So zog sich das Essen gefühlt über Stunden hinweg dahin, während unsere Jugend auf diese Weise verschwendet wurde und dieser verfluchte Teller nicht leerer werden wollte, sondern langsam erkaltete, die graue, durchsichtige Sauce wie auf einem Pudding gelierte und zu einer ungenießbaren Knöcherlsülze erstarrte. Während man mit dem Löffel in ihr herumstocherte und während des Schluckens die Luft anhielt, schmatzte die Stegherr-Omi neben einem am merkwürdig gebogenen Halsstück, das sie in den Händen hielt, fiezelte, saugte und schleckte glibbrige Fleischteilchen aus den Knochen und Sehen und seufzte vor Glück, während ihr dünner Mund vom Fett glänzte. Kein Wunder, dass ich seit meiner Volljährigkeit Vegetarier bin.

Was für ein furchtbarer Beginn und in meiner Erinnerung dauerte er länger als der ganze Rest des Tages, der vor der Bescherung noch mit einer weiteren Qual für die drei bemitleidenswerten Geschwister aufwartete.

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