Aber ein Traum …

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Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 2)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 2)

Szczesny mur­melt ein paar Worte, genießt den schwungvollen Ab­gang, verfolgt die Bewegungen ihrer Pobacken, die sich deutlich auf dem knielangen, weißen Rock abzeichnen. Wäre nicht schlecht, die Kleine. Wenn ich nur Zeit hätte … und natürlich eine andere Umgebung. Seine Hose ist ihm jetzt im Schritt zu eng. Er sucht sich eilig einen Stuhl, lenkt sich ab. Er interes­siert sich für den Raum, in dem er nun sitzt. Hier sieht es ihm nicht nach einem medizinischen Untersu­chungsraum, sondern eher nach dem Empfangszimmer eines Rechtsanwalts aus. Hübsch nach Farben sor­tierte Fachbücher beherrschen die Regale ab der linken Wand. Ein impressionistischer Druck hängt hinter dem Schreibtisch und zeigt Mohnblumen in einer Sommerwiese. Der Tisch ist aus schwerem Holz, die Arbeitsplatte zumindest aus einem Marmorimitat. Geöffne­te Aktenordner und kleine, gelbe Notizblätter liegen in kunstvoller Unordung auf ihr. Der Chefsessel dahinter hat einen dunkel­braunen, brüchigen Lederbezug. In der Ecke steht ein summender PC, dessen Bildschirmschoner Werbung für ein Kopfschmerzmittel macht. Der Stuhl, auf dem Szc­zesny Platz genommen hat, wirkt schon weit weni­ger ehrfurchtgebietend. Und er ist niedrig, unbe­quem und quietscht, wenn er sich bewegt. Szczesny fühlt sich wie ein Schüler, der wegen eines dummen Streiches auf den Direktor warten muss. Seine Erektion fällt so schnell in sich zusammen, wie sie kam.

Hier drin ist Rauchen sicherlich verboten. Erstaunlich genug, dass man im Wartezimmer … Wo gibt’s das heute noch? Die Nichtraucher sind dabei, ihren Feldzug zu gewinnen. Zwei, drei Jahre noch, dann wird es unter Strafe stehen, sich in der Öffentlichkeit eine Kippe anzuzünden. Durch eine unscheinbare, durch ein medizinisches Plakat verdecken Seitentür, die Szczesny bis­her nicht bemerkt hat, kommt der Arzt herein. Er trägt ebenfalls die freundliche, aufgeschlossene Mas­ke, die in dieser Praxis wohl Morgens an alle verteilt wird. In den Augen hat er diesen „Ich-glaube-an-das-Gute-im-Menschen“-Blick, der Ärzte und Pfaffen so vertrauenserweckend und seriös wirken lässt. Und Psycholo­gen. Die üben das vor dem Spiegel, glaube ich. Szczesny steht unsicher auf. Der Händedruck seines Gegenübers ist selbstverständlich fest und trocken. Der Arzt weiß den komplizierten Namen seines Patienten und spricht ihn fehlerfrei aus, ohne auf den schmalen Aktenordner in seiner linken Hand zu sehen.

„Nehmen Sie doch bitte wieder Platz, Herr Szczes­ny. Wie geht es Ihnen heute?“ Er geht um den Tisch herum und setzt sich energisch in seinen Sessel, der unter seinem Gewicht einmal ächzt. Tatkraft, denkt Szczesny, lebensbejahend, an den Fortschritt und das Gute im Menschen glaubend. Widerlich. Er nickt nur. Er weiß: Der Arzt bereitet mit dieser Frage et­was vor.

„Ist denn Ihre Frau heute nicht mitgekommen?“ Der Doktor lehnt sich nach vorn, über die Marmor­platte, die sie trennt. Das war zu erwarten; er verschränkt auch seine Arme nicht. Er ist offen, ist für seinen Patienten da. Er spricht ein akzentuiertes, gedehntes Hoch­deutsch. So würde Szczesny nur mit Kindern oder Ausländern reden.

„Nein“, antwortet er, lehnt sich zurück. Am Liebsten hätte er seinen Stuhl, dessen Rückenlehne dabei quietscht, weiter zurückgeschoben. Er nennt keinen Grund, weshalb er allein gekommen ist. Ich verschränke meine Arme, ich halte Abstand. Der Gedanke ist wiedergekehrt. Szczesny erwartet schlimme Nachrichten.

„Ja, Herr Szczesny, die Probe ist ausgewertet. Ich habe das Ergebnis hier“, sagt der Arzt zögernd und macht eine Kunstpause. „Ja“, wiederholt er, als ihm Szczesny nicht antwortet und nur die Stirn runzelt und auf den Boden starrt, „es ist, wie wir erwartet haben: Ihre Frau, das wissen wir ja von den Unter­suchungen, ist organisch völlig gesund: Sie ist in der Lage, ein Kind zu empfangen und auszutragen. Auch psychische Ursachen sind ja doch, so weit ab­zusehen, auszuschalten.“

Szczesny wartet ab. Nichts Neues bisher, aber jetzt lässt der Arzt die Katze aus dem Sack. „Ich habe Ihre Probe ins Labor geschickt. Das Er­gebnis des Spermiogramms ist jetzt definitiv. Es tut mir aufrichtig leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie sind im Augenblick nicht zeugungsfähig …“ Jetzt sieht Szczesny auf. „Ja, sehen Sie, Herr … ahm, Szc­zesny, es ist doch so: Einfach ausgedrückt ist Ihr Sperma verändert, es ist nicht dazu in der Lage, sich zum Ei in der Gebärmutter vorwärts zu bewegen. Im Normalfall sind etwa zwanzig Prozent der Spermien eines Ejakulates unbeweglich oder unreif. Bei Ihnen sind es nahezu alle. Das heißt, Ihre Spermiogenese funk­tioniert nicht wie sie sollte. Warum das so ist, lässt sich noch nicht sagen, dazu müssen wir eingehende Untersuchungen machen. Es gibt wahrscheinlich nicht nur eine Ursache, sondern mehrere. Umweltgifte, ja, Allergien spielen da eine Rolle, Spätfolgen von Erkrankungen, auch Hitze, wie in der Sauna zum Beispiel …, äh, in Amerika leidet laut neuesten Untersuchungen be­reits jeder achte Mann zeitweise an diesem Phänomen. Hier …“

Der Arzt beginnt nun näher zu erklären. Er nimmt sich Zeit und seine psychologische Aufgabe, die die Diagnose mit sich bringt, ernst. Er zeigt Mikroskopaufnahmen von Szczesnys und von gesundem Sperma, hat Statistiken bei der Hand. Szc­zesny sitzt wie betäubt. Er hört kaum, versteht wenig und nickt unaufhörlich. Sein Magen schmerzt wieder. Er ist übersäuert. Sodbrennen steigt die Speiseröhre aufwärts. Szczesny erkennt: Er ist scho­ckiert. Nicken, ja, das kann er. Aber sonst? Was ist eigentlich so schlimm an dieser Eröffnung, die er halb erwartet hat? Was ändert sich? Gut, kein Kind dann eben, zumindest nicht jetzt. Das ist doch nicht so schlimm. Also liegt es an mir. Clara hat die er­niedrigenden Untersuchungen ganz umsonst ge­macht. Hätte ich mich nur früher überreden lassen, zuerst mein Sperma untersuchen zu lassen. Warum ist er dann so entsetzt? Was schockiert ihn an den Aufnahmen seiner Spermien mit ihren abge­knickten, verdoppelten Schwänzen und ihren defor­mierten Köpfen? Sie sehen lächerlich hilflos und schwach aus. Sie sind verkrüppelt. Und sie kommen aus Szczesny, aus seinem Selbst. Etwas versinkt, ein Selbstwertgefühl, eine Entscheidungskraft. Der Arzt redet. Sein Thema sind nun wieder die Ursachen, die er im Augenblick nur mutmaßen könne, da Szc­zesny organisch gesund sei. Umweltverschmutzung, Hypothyreose, Gifte in den Lebensmitteln, Alkohol, allergi­sche Reaktionen, ungesunde Lebensweise …

„Sie rauchen, nicht wahr? Aber daran kann es ei­gentlich nicht liegen.“ Atempause, dann jovial: „Das kann jedem passieren. Damit ist Ihr Wunsch nach einem Kind aber nicht unerfüllbar. Es ist sehr wahr­scheinlich, dass diese Veränderung an Ihren Spermi­en eine vorübergehende ist und wir das in den Griff bekommen. Das könnte allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich empfehle Ihnen dringend weitere Untersuchungen. Sie wissen, es gäbe da beispielsweise noch die Möglichkeit eine Samenspende oder ein Kind zu adoptieren, Sie sollten sich das gemeinsam mit Ihrer Frau ernsthaft überlegen …“

Der Arzt redet weiter, immer weiter. Er öffnet und schließt seinen Mund, stößt Laute aus, die Szczesny nicht versteht. Er nickt weiter. Ich muss wie ein Vollidiot aussehen, denkt er. Aber ich muss das erfassen. Was bedeutet das? Wie geht es weiter mit uns. Mir ist schwindlig, auch mein Atem geht schneller. Der Arzt müsste das doch bemerken. Ich glaube, ich gehe gleich nach Hause. Die dumme Lohnsteuerkarte muss eben warten. Ich werde mich ein wenig hinlegen. Ich muss jetzt nachdenken. Der Arzt steht auf. Was sagt er? Hat er genug von mir? Ist der nächste dran? Auch Szczesny er sich aus seinem unbequemen Stuhl. Das geht problem­los, trotz des Schwindels. Nur die Beine sind wieder einmal eingeschlafen. Der Arzt nimmt ihn bei der Hand, will beruhigen. Szczesny sieht ihn überrascht an. Der ist älter als ich dachte. Er hat Falten. Von der Nähe sehe ich das. Wahr­scheinlich ist sein Haar gefärbt. Vielleicht trägt er auch eine Perücke. Aber eine gute, ich sehe keinen Ansatz. Nein, das ist sein eigenes Haar, aber er hat es getönt. Szczesny will lächeln und sagen, dieser Beruf sei doch ganz schön anstrengend. Immer fröh­lich und optimistisch sein, immer ruhig und zuversichtlich. Er könne das nicht. Er will damit auch weiteren Vertröstungen zuvorkom­men, zeigen, dass er verstanden hat. Aber ausgerechnet in diesem Moment fällt ihm sein Schwager ein. Und bevor er diesen peinlichen Gedanken mit seinem Sodbren­nen gemeinsam hinunterschlucken kann, sagt der Arzt:

„Sehen Sie, Herr Szczesny, das ist kein Beinbruch. Sag ich immer. Sie sind genauso Mann wie vorher. Auf Ihr Geschlechtsleben hat das alles keinen Ein­fluss.“ Mach jetzt keinen Witz, denkt Szczesny. Bit­te. Mach keinen Witz. Die Miene des Arztes wird au­genblicklich ernst, als habe er Szczesny verstan­den.

„Ich kann verstehen“, sagt er, „wenn Sie diese neue Situation im Moment etwas überfordert. Sie müssen ins Reine kommen; mit Ihrer Frau reden. Das ist ganz wichtig. Sie müssen gemeinsam an die Sache ran. Das benötigt seine Zeit. Lassen Sie sich vorne bitte für weitere Untersuchungen ei­nen neuen Termin geben. Wenn Sie darüber hinaus mit mir sprechen wollen, stehe ich Ihnen im Rah­men meiner Sprechzeiten gerne zur Verfügung.“ Szc­zesny hat sein Nicken wieder aufgenommen. „Und denken Sie daran: Es hat sich nichts geän­dert. Sie sind immer noch derselbe.“

[Zum 3. Teil …]

 

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