Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Blicke ins Jenseits

Ein weiterer Gasttext von Hans-Dieter Heun, zu dem er mir geschrieben hat: „Bitte sehr, mein Niklas, die besagte tote Geschichte. Du kennst sie möglicherweise bereits, aber Deine Leser nicht. Diese Story gehört zu meinen Lieblingen, immer wieder verbessert, und manchmal denke ich, sie hat tatsächlich etwas zu sagen.“ Die Geschichte hat einen ordentlichen Umfang, aber ich habe mich trotzdem entschieden, sie nicht in mundgerechte Stückchen zu teilen. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Leser, der die Geduld hat, auch mal etwas längeres am Bildschirm zu lesen.

Blicke ins Jenseits

Eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Der unwichtige Mann stieg durch einen hellen Tunnel. Hinauf. Okay, am Ende eines Lebens gibt es immer einen Tunnel. Oder nur die Möglichkeit eines Tunnels? Oder nur den Traum von einem Tunnel?

Jedenfalls stieg er – oder schwebte er, wurde magisch hochgehoben? –, bis der Unwichtige sich urplötzlich in einer riesigen Kugel mit unzählig vielen verschlossenen Türen und wenigen, unterschiedlich beleuchteten Fenstern ohne Gardinen befand. Es ärgerte ihn, dass die Fenster keine Gardinen hatten, denn Gardinen kann man vor hängen, zu ziehen. Mit Gardinen kann man verhüllen, verbergen: ein Fenster, ein Zimmer und auch ein Geschehen. Gardinen schützen vor Einsicht. Fenster ohne Gardinen nicht. Unterschiedlich beleuchtete Fenster ohne Gardinen erlauben jedoch unterschiedlich beleuchtete Einsichten. Dennoch, eine solch riesige Kugel mit unzähligen, aber verschlossenen Türen und diesen preisgebenden Fenstern hatte er noch nie gesehen, im Leben wie im Traum. Der unnütze Mann dachte bei sich: Von einer solch riesigen Kugel mit so vielen Türen und so wenigen, verschieden beleuchteten Fenstern habe ich noch nie geträumt.

„Falsch, du träumst nicht. Du bist tot! Das ist leider so.“

„Wer spricht? Gott, bist du das?“

„Schwierig zu beantworten. Ich würde sagen, nicht ganz tot. Ein Teil lebt, etwa einundzwanzig Gramm. Nein, ich bin es, deine innere Stimme. Wenn du – oder was von dir noch übrig geblieben ist – dich noch an mich erinnerst. Also, du hast in deinem letzten Leben für viele Menschen gekocht und somit ein wahrhaft gutes Werk getan. Folglich darfst du dich auch als erlöst betrachten. Das bedeutet, du hast nun fast alles Körperliche zurückgelassen und bist für eine neue Ewigkeit von allem Ballast befreit. Und ich ebenfalls, dem Himmel sei dafür erneut mein tief empfundener Dank! Lange genug war ich wieder in dir eingesperrt, und lange genug hast du wieder nicht auf mich gehört. Ich sage dir was, von dieser Stunde an wirst du mich nicht mehr übergehen können, wirst du dein weiteres Vorgehen mit mir abstimmen müssen.“

Der Unnütze war verwirrt. Wohin hatte es ihn verschlagen? „Bin ich … Ist diese Kugel nicht der Himmel, die jenseitige, den männlichen Sinnen unzugängliche Welt des lieben Gottes und der Gemeinschaft aller katholischen Seligen?“

„Quatsch. Du weilst höchstens in dem so genannten blauen Himmel, einem scheinbaren Gewölbe über den Männern, das in Wahrheit  jedoch eine Kugel ist, die durch einen Horizont in eine obere sichtbare und eine untere unsichtbare zerlegt wird.“

„Was ist los? Träum ich oder spinn ich? Ich sehe doch die ganze Kugel.“

„Wach endlich auf, du bist tot! Das hier ist der Raum, der einzige, unendliche Raum! Und deine Zukunft.“

„Und wo steckt meine Vergangenheit, ist meine Gegenwart?“

„Gegenwart gibt es nicht. Und deine Vergangenheit liegt hinter diesen Fenstern. Die sind jedoch schalldicht. Also, selbst wenn du besserwisserisch noch etwas ändern willst oder sogar schreien aus verständlichem Ärger, es würde nichts nützen. Die Körper, die mit dir deine Vergangenheit spielen, können dich absolut nicht verstehen.“

„Darf ich trotzdem einmal durch diese Fenster sehen?“

„Später, erst musst du Rechenschaft ablegen.“

 

„Beichte!“ Das Stimmchen wurde gebieterisch.

„Habe nichts zu beichten.“ Der unbedeutende Mann war patzig.

„Sei nicht so bockig. Jeder Mann ist von Natur aus sündig, dafür wurde gesorgt. Also beichte.“

„Na gut, meinetwegen, ich habe Vater und Mutter geschlagen!“ Ein Lichtjahr Pause. „Was ist, wächst mir jetzt die rechte Hand aus dem Grab?“

Die Stimme schwankte: „Mag sein, deine Eltern hatten es verdient. Die schwache Möglichkeit besteht, schwache Möglichkeiten existieren immer. Augenblick, ich schau mal nach … Wo ist denn nur wieder dieses verdammte Buch?“ Wenn eine innere Stimme in einem Buch zu blättern vermag, dann blätterte sie nun in einem sehr dicken Buch. „Ja richtig, hier steht es, sie haben es verdient. Weiter, was sonst noch?“

Etwa Schamröte auf dem Gesicht des Unwichtigen? Nicht genau zu bestimmen, aber beinahe hätte er – oder was von ihm noch übrig war – geschluchzt, bittere Tränen der Reue geweint. „Ich habe dringend Geld gebraucht für Sex, Drogen und Rock´n´Roll. Du verstehst schon, ich war abhängig und da habe ich mein angetrautes Weib auf den Strich geschickt.“

„Ehrliche Frauenarbeit schändet nicht, vor allem, wenn sie einem guten Zweck dient. Also weiter.“ Stimmchen war schwer in Ordnung, wahrhaft einsichtig.

„Ich betrog mein Weib mit einer Unzahl von anderen Weibern … Mir war halt danach.“

„Nun, ein Mann braucht, was er braucht. Kann die eigene Blume keinen Honig liefern, muss er eben seinen Stachel in fremde Blüten stecken.“

Der unbedeutende Mann – oder das, was von ihm noch übrig war – hegte den Verdacht, dass diese innere Stimme ein ziemlicher Macho sein könnte. Und dieser Verdacht wurde von seiner Inneren auch prompt bestätigt: „Frauen sind ebenfalls Möglichkeiten, unterschiedliche Wannen sexueller Erfüllung, in denen die kreativen Wünsche eines wahren Mannes allemal baden dürfen.“

Das war hart. Auf den Ort bezogen, der ihn umschwebte, schon mehr als verwunderlich. „Und das soll eine Wahrheit des Himmels sein?“

„Des Raumes, einzig und allein eine Meinung des unendlichen Raumes. Du weißt doch, es gibt keine Wahrheit, sondern stets nur eine Meinung. Du magst alles transponsiv oder auch interprekativ betrachten und danach auszuwerten versuchen, letztendlich kommst du stes nur zu einer Meinung. Schau dir hier die unzähligen Türen an, alle verbergen Spielarten von drei dir verbleibenden Möglichkeiten in diesem besonderen Raum. Glaubst du da tatsächlich, dass es bei dem gewaltigen Angebot nur eine Wahrheit gibt?“

Der unerhebliche Mann – oder was von ihm noch übrig war – zweifelte. Spielarten seiner drei Möglichkeiten? „Wenn das so ist, was …“

Stimmchen unterbrach auf der Stelle: „So ist das keineswegs! Selbst das war eine Meinung. Du solltest schon selbst herausfinden, welche der wahren Meinungen zu dir passen.“

Der Bedeutungslose wurde langsam sauer: „Moment einmal, ab jetzt reden wir bitte Tacheles …“

„Das ist mein wahrer Name.“

„Wirklich? In voller Wahrheit? Das ist ja geil, die Stimme in mir mit jüdischer Offenheit? Macht aber nichts, ich hegte längst den Verdacht, ein entfernter Abkömmling des gelobten Volkes zu sein. Also Tacheles, meiner Meinung nach habe ich nun nichts mehr zu beichten, für gar nichts mehr Rechenschaft abzulegen. Darf ich jetzt bitte zu meinen Fenstern?“

„Du meinst, deiner Meinung nach? Doch meine Meinung ist, und die, nebenbei gemeint, gilt, steht auch in dem großen Buch, aus dem Er, Gott, Sich gleichfalls Seine Meinung bildet, dass sehr wohl noch etwas zu besprechen wäre. Du hast getötet!“

„Um Himmels Willen, habe ich nicht!“ Der Unwichtige war baff.

„Hast du doch! Nur um zu fressen und Fressen zu kochen, hast du jede Menge tierisches und pflanzliches Leben vernichtet. Allein bis vorgestern hattest du bereits neuntausendsiebenundzwanzig Pfund Fisch und Fleisch verzehrt, die vielen Wachteln, Tauben und Enten, die du dein Leben lang so gerne geschmatzt, gar nicht erst mitgezählt. Und dann noch der Salat, das ganze Gemüse, Berge von Obst und die vielen Kräuter. Alles Leben, von dir zerkaut, danach tot und stinkend in deinem Gedärm.“

„Und was war gestern?“ Der Belanglose vermochte sich nicht mehr zu erinnern.

„Da gab es Pfannkuchen.“

„Ach ja richtig und fast schon vergessen, obwohl sie mich dermaßen gebläht. Aber gestatte mir doch die Frage, wovon hätte ich mich deiner maßgeblichen Meinung nach stattdessen ernähren sollen? Wachsen, gedeihen, mein Leben erhalten?“

„Das weiß der Geier. Vielleicht von den radices dulces cognitii.“

„Halt, was ist das schon wieder?“

„Die süßen Wurzeln der Erkenntnis, Meinungen. Doch leider wachsen jene hinter den Türen.“

„Na dann guten Appetit! In diesem Fall würde ich es jedoch vorziehen, mich wie in meiner Vergangenheit zu verköstigen. Und, wenn du nichts dagegen hast, ich schaue jetzt durch diese Fenster.“

 Der farblose Mann war mehr als neugierig und wurde enttäuscht. Vorerst. „Was ist denn das? Ich kann kaum etwas sehen, das Licht ist zu schwach. Einzig und allen entfernte Schemen, möglicherweise ein altes Segelschiff aus Holz vor einer ziemlich dunklen Insel. Das ist doch niemals meine Vergangenheit?“

Tacheles verkündete in aller Ruhe: „Du entdeckst gerade Amerika.“

„Kolumbus, spinnst du? Ich und Kolumbus? Das muss wohl eine Verwechslung sein.“

„Im unendlichen Raum existieren keine Verwechslungen, einzig und allein die verschiedenen Spielarten der drei Möglichkeiten. Aber bitte, wenn der gnädige Herr meinen – oder das, was von ihm noch übrig ist –, ich kann ja mal nachblättern. Hier, hier steht es genau. Es stimmt, du warst einer der Entdecker, allerdings nur der Koch. Wie immer halt, gleicher Beruf, aber in einem anderen Körper.“

„Das ist ja geil!“

„Nicht besonders originell, deine Antwort.“

Der unbedeutende Farblose ging zum nächsten Fenster. „Wenigstens ein bisschen heller. Und ein ziemlich wackeliges Gerüst. Da kniet einer, wartet der etwa auf seine Enthauptung? Ah, ich hab´s, die Französische Revolution! Vielleicht Robespierre und seine Guillotine?“

„Bockmist“, die Stimme wurde grob, „wie oft soll ich dir das noch sagen, du warst Koch in wechselnden Körpern. Der da ist Escoffier, ein großer Küchenkünstler, schaut gerade von einem Baugerüst der berühmten Opernsängerin Melba beim Baden zu und benennt später eine Nachspeise nach ihrem Pfirsichhintern. Pass auf, gleich fällt er von der Leiter.“

„Ja leck mich doch am Arsch, also gibt es sie wirklich, die Seelenwanderung.“ Es war schon erstaunlich, was ein Mann nach seinem Tode alles erfährt, und dieses Erstaunen brauchte Ausdruck.

„Einen Arsch besitzt du zwar nicht mehr, aber ansonsten geht das in Ordnung. Du bist nun wieder Seele, und du Seele warst immer die selbe Seele, und du Seele bleibst auch ewig die selbe Seele. Der Rest waren und sind nur Körper, Modelle, die gewechselt werden.“

„So ist das also. Nun gut, doch wie steht es dann um meine jüngste Vergangenheit? Ich kann da leider gar nichts erkennen.“

Tacheles winkte ab. „Deine jüngere Vergangenheit wirf wohl nicht wichtig für die Weltgeschichte gewesen sein, deswegen bleibt dieses Fenster auch unbeleuchtet. Gehen wir zu den Türen.“

Sie gingen, der Unwichtige warf noch einen kurzen Blick zurück. „Halt, Stimmchen, jetzt flackert was! Ein Licht … wird heller … scheint doch etwas los gewesen zu sein.“

„Lass mal sehen! Ja, tatsächlich, sie errichten dir ein Denkmal.“

„Wer errichtet mir ein Denkmal? Warum, wieso, was sind das für Leute?“ Die ungeduldige Seele zappelte, ungeduldiges Seelchen schrie sogar.

„Bewohner der Stadt D, ein Denkmal mit einem großen Kochlöffel darauf. Aufschrift: IN MEMORIAM COQUUS MAGNUS.“

Die arme Seele war verwirrt: „Die überaus ehrenwerte Stadt D? Wieso kommen die Bewohner der berühmt berüchtigten Stadt D dazu, ausgerechnet mir ein Monument zu widmen? Die haben mich zu meinen Lebzeiten doch völlig übergangen, sogar in den Ruin getrieben, mir das Geschäft und mein Zuhause genommen. Mich letztendlich auch noch vor ihre Tore  geworfen. So war das und nicht anders.“

„Ist das ein Wunder? Du hast schließlich die meisten ihrer Frauen gevögelt, was deren wichtigen Männer selbstverständlich niemals öffentlich eingestehen konnten. Logisch, dass sie ärgerlich auf dich waren.“

„Tacheles, sagtest du nicht: Was ein Mann braucht, das braucht ein Mann? Aber warum dann trotzdem ein Denkmal für mich? Ich meine, wenn sie schon sauer waren.“

„Die Frauen, ihre Frauen stecken dahinter. Es hat ganz den Anschein, als ob du sehr gut gewesen bist, wenigstens auf diesem einen bestimmten Gebiet.“

„Ein Mann ist, was ein Mann ist, und mein Ich-Trieb bleibt hoffentlich auch mein Ich-Trieb!“

„Larifari, gehen wir lieber zu den Türen und suchen deine Möglichkeiten.“ Stimmchen erneut sehr bestimmt.

„Also, dir stehen nun drei Möglichkeiten zur Verfügung, oder, wenn dir das lieber ist, drei Bilder: Glaube, Hoffnung und Liebe.“

Der bedeutungslose Mann war erstaunt: „Warum nur so wenig, mein Stimmchen? Der Raum besitzt doch unzählig viele Türen. Ich denke, da müsste sicherlich mehr angeboten werden als nur der alte kirchliche Sermon. Zum Beispiel: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!“

„Satans Werk, igittigittigitt! Wie kannst du nur? Außerdem ist in Glaube, Hoffnung und Liebe ja schon alles erdenkliche Bedenkliche erhalten. Da braucht es nicht mehr. Weiterhin gehören die unendlich vielen Türen gleichfalls zu unendlich vielen erlösten Seelen, für die ebenso die gleichen Spielarten der drei himmlischen Wunschvorstellungen gelten. Selbst für erlöste Kommunisten oder ähnlich mindere Lebewesen. Gerade erst habe ich mich mit einer gelben Tulpe unterhalten, sie wählte die Liebe, wollte einzig allein mit ihrem Stängel in Marylins zarten Händen liegen. Brave Tulpe, und ihr Wunsch wurde erhört.“

„Und was meinte die Monroe dazu?“

„Auch ihr gehörten selbstverständlich drei Möglichkeiten, und sie entschied sich ebenfalls für die Liebe. Nun ruhen Marylin und der Stängel in ihren Händen friedlich vereint.“ Stimmchen schwoll an: „Es reicht jetzt, dein erstes Bild, aber dalli!“!

„Ich wähle, ja was wähle ich denn? An sich möchte ich erst einmal ganz unverbindlich, sozusagen mit einer Rücktrittsgarantie eine kleine Tür des Glaubens.“

„Selbstverständlich, mit Rücktrittsgarantie. Und welche Art oder Abart von Glauben wünscht der gnädige Herr?“

„Ich dachte bisher, es gibt allein den wahren Glauben, den mit Lobpreisen zum guten Schluss, Halleluja- und Hosianna-Singen. Glaube an die rundherum strahlende himmlische Seligkeit.“

„Guter Mann – oder was von dir noch übrig ist –, du denkst zu viel. Und das meine ich absolut ernst. In diesem von dir angesagten Glauben ist Denken nicht gefragt. Aber bitte, hier ist die Tür. Halt, nur bis zum Fußabstreifer, von wegen Rücktrittsgarantie und so.“

Farben und Töne begannen sich untereinander zu mischen. Aus den Fellen von Trommeln, geschlagen von schwarzen Riesen im lila Ornat – Taktmeister, Zuchtmeister – stiegen blaugraue Wirbel kirchlichen Staubes. Von Kränzen aus blutroten Rosen in Demut umschlungen, von Kanzelgetöse in Gehorsam durchdrungen, duckten sich weiße Seelen wie katholisch erwünscht, schrien das Preisen aus heiseren Kehlen. Und unerbittlich dröhnten die Trommeln. Zwingender Rhythmus, in dem Seelchen mit muss:

Miteinander Hosianna,
Jubilate der Oblate.
Halleluja,
Heiliger Stuhl da.
Urbi et orbi!

Niemals mehr schweigen,
Jauchzen im Reigen
Vom Takt wild gepackt.
Der Pax sei vobiscum
Trotz Knacken im Bistum.

Ein Seelchen ist nackt!

 Der fahlblasse Mann wunderte sich: „Stimmchen, wieso ist eine Seele nackt?“

„Nur eine? Nicht mehr? Das wundert mich denn auch. Normalerweise frisst dir dieser Glaube bereits kurz nach deiner Geburt das erste Hemd vom Leib, vom letzten nach dem Tode ganz zu schweigen.“

„Tacheles, mir gefällt es hier nicht. All diese weißen Seelen haben so einen belämmerten Ausdruck in ihren seligen Gesichtern. Verstehst du, so etwa wie Opferlamm Gottes.“

„Massensuggestion, pure Massensuggestion. Aber du – oder was von dir noch übrig ist – musst hier nicht bleiben, besitzt immer noch zwei andere Möglichkeiten.“

Und wie zur frommen Bestätigung drehte sich ein riesiger Trommler um und brüllte ein paar heilige Sprüche: „Ora et labora! Weiche, du Heide! Und mach die Tür zu, hier zieht´s!“ Farben verblassten, Töne verstummten, die erste Tür schloss sich ernsthaft beleidigt.

 „Das war wohl eher nicht mein Fall, gute Stimme. Als nächstes wähle ich die Liebe, und bitte ebenfalls mit Rückfahrschein.“

Stimmchen nickte: „Also wie gehabt. Es sei, doch möchtest du die rein körperliche oder eine von sinnlicher Begierde freie, mehr geistige Liebe? Vielleicht eine in der Art, von der Brentano einst schrieb: Das mit der richtigen Liebe zu Liebende, das Liebenswerte, ist das Gute im weitesten Sinne des Wortes.“

„So rein und gut dann wiederum auch nicht, ein unanständiges Maß an sinnlichen Körpern dürfte durchaus sein. Nun guck nicht wie ein Auto, war nur ein Scherz. Nein, in der Liebe habe ich meine Illusionen: Sie sollte ruhig und aufbrausend zugleich, erst glatt und kühl, dann wärmer, leichtgekräuselt bis hin zu heißen, stürmischen Wellen sein. Sie müsste mich durchdringen, durchströmen, mich erfüllen, ein unverzichtbarer Teil meines Wesens werden. Sie muss mein Dasein begleiten, ja, diese Liebe müsste mein Dasein sogar erhalten. Sie selbst sollte jedoch uneigennützig sein, niemals besitzergreifend auf mich fixiert. Weiterhin müsste sie meinen Körper – oder, meinetwegen, was von ihm noch übrig ist – pflegen, ihn erfrischen, durch immerwährende Anwesenheit dafür sorgen, dass mir Verzicht nicht mitttels böser Säfte Pickel auf den Hintern zaubert. Und auch wenn ich sie im Übermaß genieße, sogar in blinder Leidenschaft durchschwimme, dürfte eine wahre Liebe nicht zerstören, mich niemals ersticken. Ja, sie sollte großmütig sein, zwar immer in Bewegung und dennoch überaus nahe.“

„Brav gebrüllt, mein Freund! Auch lautmalerisch durchaus ansprechend und in der Wortwahl wohl überlegt. Besonders das mit den Pickeln am Arsch, den du ja nicht mehr hast. Na gut, dann werde ich dir mal deine Liebe im unendlichen Raum zeigen. Da ist die Tür, doch denke erneut an den Fußabstreifer.“

 Türflügel schwangen auf, still ruhte ein See, und ein wenig lud er auch zum Bade. „Ein See, Wasser, einzig und allein Wasser? Ist das alles?“

Tacheles grinste wässrig: „Wie, ist das alles? Du hast sie doch wie Wasser beschrieben, deine Liebe. Und hier ist es, das Ruhige, die Kühle, das Kräuseln und manchmal selbst ein wildes Wogen. Hör mir zu, du wurdest nun mal dafür geschaffen, Weiber wie das Wasser zu lieben, so wie der Wind dazu erkoren ward, Wellen zu kräuseln, Wogen zu werfen … Mann, das war jetzt geradezu genial, diesmal von mir mit Worten gemalt. Manchmal wundere ich mich fast über mich selbst, echt geil. Trotzdem, weiter im Text. Und das Wasser liebt dich auch. Schau nur in diesen See, ein Spiegel der Wahrheit, er wird dir – oder dem Rest, der von dir noch übrig ist – seine Liebe beweisen, dir sagen, wer und was du wirklich bist. Also sieh hinein und sage mir, was du erblickst.“

Hatte er das nicht sein ganzes Leben gemacht, in den Spiegel geblickt und sich gefragt, wer er eigentlich ist? Und nun erneut eine Bestandsaufnahme? Irgendein Jemand, irgendein Etwas, der oder das ihn vielleicht sogar liebte, wollte schon wieder wissen, wer er in Wirklichkeit war. Scheiße, er wusste es doch selbst nicht. Warum also erneut ein Spiegel? Und normalerweise wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, aus diesem Trauma zu erwachen, an den See zu gehen und mal kurz hinein zu pinkeln. Er musste immer pinkeln, wenn er zu viel Wasser sah. Genauso wie nach Liebe. Aber er war in keinem Trauma, er war tot. Kein gnädiges Erwachen, nie mehr, und das drückte auf seine Stimmung. Missmutig trat er auf den Fußabstreifer der Rückfahrversicherung und starrte in den See. Der See starrte zurück. Sonst nichts. Nur nichts. Kein Bild, keine Identifikation, einfach nichts, was er auf sich beziehen konnte. Er sah allein Wasser. „Ich sehe nur Wasser.“

„Ist wohl sonst nichts mehr übrig von dir.“ Die Stimme lachte sich einen Ast, auf dem sie fröhlich turnte. „Logisch, fünfundsechzig Prozent von dir sind Wasser. Aqua vitae, das Feuchte liegt in deiner Natur. Und wenn du ehrlich bist, ist Wasser ebenso der Urstoff jeder Liebe.“

„Wie bitte? Ich bin normalerweise durchaus für Rätsel zu haben, doch das ist mir jetzt zu hoch und zu blöd. Ich kann auf das Wasser gut verzichten, und auf die Liebe, so wie ich sie mag, werde ich es wohl müssen. Nein, mein Stimmchen, schließen wir diese Tür, ich wähle die Hoffnung. Die Hoffnung ist grün.“

Grün ist die Hoffnung, grüne Bewegung. Wallen und Wogen, Kräuseln und Säuseln wie spielender Wind in einem frühlingsgrünen Haferfeld. Unzählige Strippen, Bänder, Schnüre und Fäden tanzten vor seiner Nase, an allen hingen hellgrüne Zettel.

Der fahlblasse Unwichtige wich unwillkürlich zurück. „Was soll nun wieder dieses Strippenzeug?“

„Seidene Fäden! Hoffnungen hängen immer an seidenen Fäden.“

„Und das Gewackel?“

„Schwankende Hoffnung, die müsstest du doch kennen.“

Stimmchen wusste Bescheid, und wie er die kannte. Zum Beispiel die schwankende Hoffnung, ob endlich einmal die Richtige käme. Derart oft gehofft und doch nie erfüllt. Dafür meistens Blondinen, ausnahmsweise glatte Schönheit und geistlose Körper, die im Alter von Fettheit gebläht. Ähnlich die Schwarzen, glühende Kohlen von knisternder Geilheit, welche sich im eigenen Feuer verzehrt. Selbstgefällige, nichts übrig für einen Partner, allerdings stolz vor einem Spiegel, dem Ort, an dem ihre Jahre vergehen. Kaum anders die Braunen, willfährige Seelchen, immer anwesend und immer um einen klebrig herum. Stets gute Laune – oftmals bis zum Kotzen –, streichelnd, schmeichelnd, schnurrend, gurrend, nie auch nur ein bisschen murrend. Bäääääh, am Halse hängend, zum selben heraus hängend!

Leider niemals gekannt die Roten – heißes Bedauern –, die Töchter des Mondes. Möchtegern-Gespielinnen in schlaflosen Nächten, schwüle Gedanken, nie erfahren Salomes Charme. Kupferrote Haare, Fahnen der Wollust, wehend getragen von Lilith, dem Weib, das lange selbst vor Eva war. Sie hatten seine Hoffnung gebildet, rothaarige Weiber, die das Wort Weib als Ehre begriffen. Grüne Augen und Sommersprossen auf heller Haut, schlanke Körper, leicht umflossen von hellgrauer Seide. Anbetungswürdige Geschöpfe, allein diese Hoffnung blieb unerfüllt.

Neben den wackelnden Aussichten auf die eine Richtige, das einzig zu ihm passende Weib, hatte es noch Hoffnung auf die Zukunft aller Kinder gegeben. Ebenfalls Zuversicht in die Macht ihrer alle Grenzen überfliegenden Musik. Gleiches Gefühl bei ihren Protesten, berechtigt aus Sorge um eine kranke Welt. Resultierend daraus sein Verständnis für die Bedürfnisse aller Heranwachsenden, gefolgt von Vertrauen, Einigkeit, Gemeinschaftsgeist und dem Willen zu gemeinsamen Lösungen selbst schwierigster Probleme.

Blah, Blah, Blähungen! Weiterhin die gleiche Scheiße, erst die Hoffnung, dann folgte bei gründlicher Sichtung die Resignation. Das alte Lied, immer und ewig der gleiche Mist: Habsucht, Neid und Missgunst. Warum hat er, was ich nicht habe? In voller Wahrheit war und ist Nehmen stets seliger denn Geben.

Auf den Feldern dieser Fehler gedieh jedoch eine andere Hoffnung, eine auf die Kunst. Provokation, Anregung zum Insichgehen in Stein gemeißelt, Monumente, die Jahrtausende lang mahnen. Oder Schönheit und Versprechen mit Öl auf Leinwand gebannt. Ebenso lyrische Worte, starke Sprüche, Herzen bewegende, schwarz auf weißem Papier. Aber was hat diese Kunst letztendlich gebracht? Wenigen Künstlern gebührendes Lob und für ihr kurzes Leben ausreichende Anerkennung. Ach ja, Denkmäler für sie, viele Denkmäler an wichtigen Plätzen: Denk mal nach! – Das ist doch schon etwas.

„Tacheles, ich weiß, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch Hoffnung will.“

„Na hör mal, wer bist du denn, dass du – oder was von dir noch übrig ist –, keinerlei Hoffnung möchtest? Oder wer warst du eigentlich, dass du hier einfach Glaube, Liebe und Hoffnung verleugnest?“

„Wenn ich darauf antworten soll? Nun, nachdem ich durch viele Fenster und Türen gesehen habe, war ich nur ein Mann, der mit allen erdenklichen Fehlern und wenig Tugenden ausgestattet war. Manchmal wurde ich in meinen verschiedenen Leben sogar fast vom Glück gestreift. Und es schien mir immer so, als wäre ich kurz davor, bedeutend zu werden.“

„Ach, du kommst zur Erkenntnis? Trotzdem darfst du nicht ohne jegliche Hoffnung sein, nicht hier im Raum der einzigen drei Möglichkeiten. Nachdem du Glaube und Liebe abgelehnt hast, wie willst du nackt im Totenreich bestehen? Also zier dich nicht und greif nach einem Zettel. Nun mach schon!“ Tacheles schien es auf einmal eilig zu haben, Stimmchen drängte.

„Okay, weil du es bist, und weil wir stets so inniglich verbunden waren. Hier habe ich einen. Holla, da hängt ja ein Würfelbecher dran? Papier und Würfel, Donnerwetter Stimmchen, damit kann ich locker im Totenreich leben, wenn vielleicht noch eine gute Flasche Wein dazu kommt.“

„Kein Sarkasmus mehr, bitte, lies lieber vor. Ach Quatsch, gib mir den Zettel, bevor ich noch vor Neugier platze. Also da steht … Monopoly! Würfle und setze alles auf die Hoffnung, dass deine Gedanken für Jedermann lesbar in dicken Büchern abgedruckt werden. Wenn du jemals aus diesem Gefängnis zur schönen Aussicht frei kommst, gehe erneut über das Los des Lebens. Dann erhältst du unter Umständen auch eine Rote.“

Der fahlblasse, unwichtige, bedeutungslose arme Mann breitete die Arme aus: „Ich danke! Tausendmal Dank! Ein wahrer Segen des unendlichen Raumes. Ich – oder was von mir noch übrig ist – darf hoffen auf die Einzige, die zu mir passt, auf eine wunderschöne rote Blüte. Ich liebe sie schon jetzt. Aber weil wir gerade beim Thema sind, Tacheles, und in aller Offenheit, was ist denn eigentlich noch von mir übrig?“

„Einundzwanzig Gramm, die sich morgen bei Gott im Himmel vorstellen werden.“

 

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

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