Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 5)

[Zum 1. Teil]

„Sie sind unterwegs“, stellte Marini fest und ließ den Arm des Autors los. „Non preoccuparti per tua figlia – Keine Sorge, mein Freund! In diesem Moment befinden sich Isa und Mercedes bereits im Rayon  beim alten Mann und sind dort in Sicherheit.“

Rayon?“, fragte Klammer, der diesen merkwürdigen Ausdruck nun bereits zum zweiten Mal hörte. Er war zwar stolz auf seine umfassenden Fremdwortkenntnisse, die er gerne und häufig in seinen Romanen verwendete – schließlich war es für einen Schriftsteller immer besser, ein kompliziertes Fremdwort zu benutzen, als die einfache deutsche Entsprechung. Aber mit diesem Begriff wusste er nichts anzufangen. Doch Marini antwortete ihm nicht. Er winkte beschwichtigend ab und eilte hinter Verena Salva her, die ihre Schritte zum Hoteleingang lenkte.

Klammer seufzte. Es kostete ihn einige Überwindung, zurück in die Gasse zu sehen. Tatsächlich bewahrheitete sich seine Befürchtung. Die Buchhandlung war nicht mehr an ihrem Ort und mit ihr war seine Tochter fort. Wo gerade noch eine Auslage mit guter italienischer Literatur geworben hatte, befand sich nun ein rostiges, bodenlanges Gitter, das den Blick ins Innere des Schaufensters und die Tür daneben versperrte. Der trostlose Anblick der öden römischen Vicolo machte Klammer erst bewusst, was er gewonnen und glich darauf wieder verloren hatte. Für einen allzu kurzen Moment des flüchtigen Glücks hatte er Isa in den Armen halten dürfen und alles hatte darauf hingedeutet, als wären alle Schwierigkeiten überwunden und die Rätsel würden ein ENDE finden. Doch wie schnell war dieser Wunschtraum verflogen! Der Autor fühlte es: Er war wieder auf sich gestellt und stand vor neuen, vielleicht noch schwierigeren Herausforderungen. Deshalb folgte er seinen beiden Begleitern nur widerstrebend und voller böser Vorahnungen in das klimatisierte Foyer des Raphaels.

Er irrte sich nicht: Das Spiel gegen die Hyänen war in eine neue Runde gegangen. Sein feister Verleger Welkenbaum hatte seinen bequemen Sitzplatz auf der Dachterrasse verlassen und war mitsamt dem wertvollen Buch so spurlos verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

 ❧

Welkenbaum fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks, das von leisen, knisternden und knackenden Nebengeräuschen, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt, begleitet wurden, füllten den nicht gerade kleinen, fensterlosen Raum. In dessen Mitte lag der Verleger auf einer schäbigen roten Stoffcouch und starrte blicklos an die Decke. Er hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen und es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrnahm, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im voraus verriet und genießen ließ, bevor sie tatsächlich erklang, half ihm, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute deshalb auf etwas säuerlichem und abgestandenen herum und gab sich ganz den Harmonien hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten schon lange Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine warme und unzureichend helle Lampe herab hing, die es nicht schaffte, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die zum Großteil mit leeren Regalen verstellten und unverputzten Wände lagen im Dunklen. Mit seinem Wahrnehmen seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Schallplatte kam an einen Kratzer, an dem sie hängen blieb, sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem und dann noch einmal und noch einmal … Doch in Welkenbaums Gehirn passierte genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab. Er hatte auf dem Dach des Hotels in Klammers Buch gelesen und viel zu viel Bier getrunken. Dem Roman, der eine aberwitzige Geschichte über einen sowjetischen Gulagsträfling erzählte, war eine sepiafarbene Fotografie beigelegt gewesen. Auf ihr war eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelichtet gewesen. Die Aufnahme wirkte wie ein publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was ihm fast den Verstand geraubt hatte: Die gutausehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, irgendeine KO-Droge. Und er wusste genau, wer ihm das angetan hatte. Es waren die beiden Alten gewesen, die ihn schon den ganzen Nachmittag über beobachtet hatten.

„Herrgott! Zefix!“, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vermoderte. Dabei musste er auf recht schmerzhafte Weise feststellen, dass sein linker Arm diese Bewegung nicht mitmachen konnte, da sein Handgelenk mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels über massive Handschellen verbunden war. Er landete äußerst unsanft auf den kalten Fliesen und verrenkte sich die Schulter. Welkenbaum nieste in den zentimeterdicken Staub am Boden, jammerte kurz auf, um sich dann in einen bemerkenswerten Wutanfall zu steigern. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit passenden Kraftausdrücken gesegnet – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Ohne eine Pause zu machen, kniete sich Welkenbaum hin und versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurchzufädeln, aber das Möbel gehörte anscheinend zum Inventar und war für ihn unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

„Sakrisches ***ding, verrecktes! Hurasakrament!“, brüllte er, dass die Wände wackelten und rüttelte verzweifelt an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit einem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Eine Tür öffnete sich, durch die seine beiden Entführer zu ihm hereintraten. Ein weiteres und helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet und nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums, in dessen Mitte er an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden saß. Nur die Seite mit der Tür war anders. Hier stand ein alter, wertvoll aussehender Sekretär an der Ziegelwand und darüber hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte – wahrscheinlich einen Kardinal, der mit finsterem Blick unter buschigen Augenbrauen hervor missbilligend auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörter ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

[Fortsetzung nächste Woche …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 5)

  1. Pingback: Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 4) | Aber ein Traum...

%d Bloggern gefällt das: