Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (16)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Jad al-voi Ba’alcha!“, hörte Irta einen lästerlichen Fluch in ihrem Rücken. Ihr stockte der Atem und sie fuhr herum. Hatten denn die Schrecknisse dieses grauenvollen Morgens noch immer nicht geendet, waren die Gefahren noch nicht vorbei? Wer stand mit ihr in diesem Leichenhaufen und lästerte der Allerbarmerin? Sie kannte den Mann, der hinter ihr stand: Es war Radik Emre, der oberste Euchnuch, der sich herangeschlichen hatte und Irta mit vor Hass brennenden Augen abschätzte. Er spuckte vor ihr aus.

„Das ist nicht wahr. Sta’Ach! Ausgerechnet du Dirne hast dieses Massaker überlebt – von allen Eunuchen, Frauen und Dienerinnen des Serails bist nur noch du am Leben?“ Er lachte irre und schüttelte den fetten, nackten Schädel. Die erlebte Gewalt und das viele Blut um die beiden herum schienen ihn vollkommen wahnsinnig gemacht zu haben. Irta hatte in diesen Augenblick keine Angst vor ihm; sie stand längst jenseits solcher Gefühle. Doch sie wich instinktiv zurück, denn Radik hob nun das blutige kleine Messer, das er fest in der Rechten hielt und deutete auf sie. Irta erkannte die Zusammenhänge:

„Du warst das!“, rief sie aus. „Du hast die Hohe Herrin Adlante ermordet. Mögen deine Vorfahren auf ewig in der Gehenna schmoren. Wenn das der „Unterwerfer“ erfährt, wird er dich vierteilen lassen und deine Reste seinen Krokodilen zum Fraß vorwerfen.“

„Oh, mache dir keine Sorge, du kleine, billige Hure des Lamargischen Prinzen, davon wird niemand jemals erfahren und die T’imsehlar werden hungrig bleiben. Das ist ein kleines Geheimnis zwischen uns beiden. Und du wirst es doch nicht ausplaudern – oder?“ Er trat näher. „Nein, ganz sicher nicht!“ Erst jetzt konnte Irta den schrecklichen Gestank riechen, den er wie einen Mantel mit sich führte. Offenbar hatte er sich vorhin im Kampf eingekotet. Sie war in ihrem Leben noch nie einem Menschen begegnet, der ihr so widerwärtig war; dabei so feige – und so gefährlich! Gegen ihn war ein Ifrit ein Freund!

Radik griff nach ihr und langte dabei nach vorne stolpernd ins Leere. Sein Messer verfehlte sein Ziel. Irta hatte sich geschickt seines Zugriffs entzogen und schon flüchtend den halben Hof überquert, bevor er sich überrascht nach ihr umsehen konnte. Ihre besudelten Füße patschten auf den Fliesen und hinterließen eine deutlich sichtbare Spur. Meine Schwester rannte in ihrer Panik zurück in den Wohntrakt der Dienerinnen. Ein böses Lächeln erschien auf Radiks Gesicht, während er ihr langsam folgte. Er konnte sich Zeit lassen und seine kleine Jagd genießen, denn dieser Weg, den Irta eingeschlagen hatte, war eine Sackgasse, das wusste er. Der Beschnittene dachte ja, es gebe nur einen einzigen Eingang in das Serail – und das war eben das eiserne Tor, das er für die Meuchelmörder geöffnet und bei dieser Gelegenheit dem ahnungslosen Wächter, der ihn ihm einen Freund sah, hinterrücks ermordet hatte.

Doch Irta wusste es besser, sie hatte einen Plan. Ihr Ziel war der kleine, rückwärtige Garten, in dem die Statue des „Prächtigen“ stand, von der sie wusste, dass ihr Sockel einen Geheimgang enthielt, der in die Räumlichkeiten der Diplomaten an der Westmauer des Palastes führte. Raul hatte sie ja seit Wochen in jeder Nacht auf diesem Weg heimlich besucht und wieder verlassen. Er hatte ihr auch erzählt, wie man den Eingang in den unterirdischen Tunnel öffnete. Es musste ihr nur gelingen, durch das Fenster in ihrer winzigen Kammer in den Garten hinabzusteigen, dann konnte sie sich vor dem Beschnittenen in Sicherheit bringen. Radik wäre nicht so siegessicher und langsam ihren Fußspuren gefolgt, wenn ihm diese Fluchtmöglichkeit bekannt gewesen wäre.

Er schüttelte überheblich seinen kahlen Kopf über die Dummheit dieses Mädchens, das sich wie ein Mäuslein vor der Katze im nächstbesten Loch verkriechen wollte und erreichte eine Weile nach ihr pfeifend die Unterkünfte der Dienerinnen, als Irta am hinteren Ende des Flurs bereits ihre Kammertür zuschlug und diese von innen verriegelte. Meine Schwester wusste natürlich, dass das Schloss der aus halbierten Bambusrohren gefertigen Tür für ihren Verfolger kein größeres Hindernis darstellte und kaum einem festen Fußtritt standhalten würde. Sie hatte sich also zu beeilen. Trotzdem verharrte ihr Blick viel zu lange auf dem ungemachten Lager zu ihren Füßen, das sie noch vor wenigen Stunden mit ihrem Geliebten geteilt hatte. Eine einzelne, bereits verwelkende gelbe Rose, ein Brautgeschenk Rauls in dieser Nacht, lag neben dem Kopfkissen, in das noch immer die Kopfform des Prinzen eingedrückt war. Ach, es erschien Irta, als wäre dies alles in einem anderen Leben geschehen – so viel war inzwischen passiert!

Radik klatschte mit der flachen Hand dreimal von außen gegen die Kammertür, die unter seinen Schlägen erzitterte. „Eins-zwei-drei. Hab ich dich!“, lachte er. „Als nächster darf ich mich verstecken und du musst mich suchen.“

Irtas Herzschlag setzte einmal aus, aber der Schreck riss sie aus ihrer Selbstvergessenheit, durch die ihr wertvoller Vorsprung zusammengeschmolzen. Eilig ergriff sie einen herumliegenden weiten Umhang, den sie sich überwarf, dann schwang sie sich auch schon mit den Beinen voraus seitlich auf die Fensterbank. Der Boden des Gartens lag erschreckend tief unter ihr. Was für Raul nur ein kleiner Sprung gewesen war, erschien ihr wie ein Fall in einen Abgrund. Sie sammelte ihren Mut und schob auch den Rest ihres Körpers durch das enge Fenster. Dabei hielt sie sich mit den Händen verzweifelt am Rahmen fest.

Hinter ihr wurde die Tür ihrer Kammer mit grober Gewalt aus den Angel gerissen und flog zerberstend gemeinsam mit Radik in den Raum. Der feiste Beschnittene hatte sich mit seiner ganzen Körperfülle gegen die Tür geworfen. Mit einem Blick war er auf den Beinen und erfasste die Situation. Seine Hand mit dem Messer zuckte nach vorn, berührte aber Irtas Rücken kaum, denn im gleichen Augenblick stieß sie sich los und sprang hinab. Sie landete in der Blumenrabatte unter ihrem Fenster, die ihren Struz ein wenig milderte. Trotzdem knickte ihr linker Fuß um uns sie fiel mit einem Schrei der Länge nach zu Boden, rollte in den Rasen. Radik zwängte seinen Kopf und seinen Oberkörper durch die Fensteröffnung, um ihr auf diesem Weg zu folgen, doch weiter kam er nicht, denn er war viel zu fett, um ihr gleichzutun. Der Eunuch spuckte und geiferte zornige Verwünschungen. Dann runzelte er nachdenklich die Stirn und zog sich zurück, rannte eilig aus der Kammer. Wenn er zu Irta in den Garten hinabwollte, dann führte ihn der kürzeste Weg rund um das Gebäude und dann durch die Waschküche. Irta hate sich durch ihren mutigen Sprung ein wenig Zeit erkauft, doch sie musste sich beeilen. Es würde nicht sehr lange dauern, dann würde der vor Wut schnaubende Radik bei ihr sein und ihrer Flucht ein Ende machen.

Sie versuchte aufzustehen, doch ein stechender Schmerz in ihrem Knöchel trieb ihr Tränen in die Augen und vereitelte diesen Versuch. Frustriert schimpfte sie sich selbst für ihr Ungeschick und mit einer neuen Kraftanstrengung gelang es ihr doch, aufzustehen. Die Schmerzen waren dabei kaum auszuhalten, aber es gab keine Alternative, wenn sie nicht in die Hände des Tobsüchtigen fallen wollte. Auf einem Bein hüpfend und humpelnd näherte sie sich der als kleines Labyrinth angelegten Drillingsblumen-Hecke, in deren Mitte das Haupt der Statue des „Prächtigen“ emporragte und sie mit sehr abschätzigen und arroganten Blicken zu betrachten schien. Als Radik suchend den hinteren Winkel des Gartens erreichte, war sie schon hinter die mannshohen Büsche getaucht und für seine Blicke unsichtbar. Es würde aber nicht lange dauern, bis er ihr Versteck entdecken würde, denn es gab nicht viele Möglichkeiten sich hier zu verbergen.

[Zum 17. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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