Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (15)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Der Regno machte eine nachdenkliche Pause. „Du hast recht, Dagor, der du dich nun ‚der Unterwerfer‘ nennst. Wir haben an diesem Morgen keinen Grund mehr, uns zu bekämpfen. Ich werde mich mit meinen Rittern zurückziehen. Die Delegation und ich werden bis Sonnenuntergang die Mauern von Karukora hinter uns gelassen haben und auf den Karawanenwegen gen Norden ziehen. Was später geschieht, wird uns die Zukunft weisen. Möge mich Maraia, die Tränenreiche, im Schlafe ersticken, wenn ich nicht die Wahrheit sprach.“

Ich sehe auf vielen Lippen ein bitteres Lächeln. Ja, große Reden können sie in allen Überlebenden Landen schwingen, unsere hohen Herren. Und schnell schwören sie bei ihrer Göttin, die ja eigentlich nur eine einzige ist und sich niemals um die menschlichen Dinge und ihre Eide kümmert. Aber auf diese Weise konnten sich beide Parteien ehrenvoll aus dem Kampf zurückziehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Galves und Pasha Ultem gaben ihren Männern bereits Anweisungen, sich zurückzuziehen, als sich der graubärtige Regno und der freischgebackene Namenlose noch der gegenseitigen Wertschätzung versicherten – obwohl sie freilich insgeheim dem anderen die Blauen Pocken an den Hals wünschten. Vier Ritter nahmen Raul an den Enden der improvisierten Trage hoch und traten mit ihrer Last achtsam im Gleichschritt zum Tor des Serails. Irta wollte ihnen selbstverständlich folgen und hielt sie mit einem Ruf auf, aber Galves ergriff sie beim Vorbeigehen.

„Was, Kind, glaubst du da zu tun?“, zischte er, während er sie fest am Arm hielt. Meine Schwester starrte die Schwalbe von Avríl verwundert an, doch obwohl ihr plötzlich war, als würde sich eine eisige Hand um ihr Herz schließen, antwortete sie gefasst:

„Ich folge meinem geliebten Mann in seine Heimat. Lass mich los.“ Die Angst einer plötzlichen Erkenntnis funkelte feucht in ihren dunklen, großen Augen. Galves senkte verlegen den Kopf und hob mitleidig die Augenbrauen. Seine Stimme wurde dunkler und sanfter:

„Mädchen, du warst uns eine große Hilfe, aber du bist eine Untertanin des Namenlosen und kein Teil unserer Abmachung mit ihm. Du kannst Karukora nicht mit uns verlassen.“ Er zögerte, denn die nächsten Sätze fielen ihm schwer. „Deine Hoffnungen trügen dich. Du wirst niemals die Gattin des Thronfolgers der Lamargue werden. Das war ein schöner Traum, doch nun musst du erwachen. Der Regno wird eurer Verbindung niemals zustimmen, denn Raul ist Dora Kahlja von Drybnisfelt versprochen, die er im Winter ehelichen wird.“

Irta duckte sich unter den Worten von Galves. Jeder seiner Sätze war wie ein Peitschenhieb gewesen, der mit voller Wucht auf sie niedersauste und ihr tiefe, unheilbare Wunden in die Haut schnitt. Sicherlich tat das Mädchen Galves leid, denn er ist kein Unmensch. Aber er war ausschließlich seinem Regno verpflichtet, dem Rauls natürlich nicht unbemerkt gebliebenes Haremsabenteuer ein Dorn im Auge war. Auch das Glück der Tochter eines seiner tüchtigsten Spione und endlich auch das des jungen Prinzen hatte sich diesem Kadavergehorsam, der keine Ausnahme duldete, unterzuordnen. Der hatte das Gespräch belauscht und öffnete plötzlich auf der Trage seine Augen.

„Irta, meine süße Wüstenblume …“, flüsterte er, richtete sich etwas auf und hob schwach seine zitternde Rechte. Dies war der härteste Schlag, den Galves vorher vermieden hatte; Irta konnte es in Rauls Augen lesen; er stimmte der Schwalbe zu. Aber nein, sie musste sich täuschen. Das konnte einfach nicht geschehen! Sie war sich doch seiner Liebe und seiner Schwüre sicher. Irta riss sich von Galves los und fiel vor dem verletzten Prinzen auf die Knie. Verlegen senkte Galves seinen Blick noch tiefer.

„Raul! Sage ihm, dass das nicht wahr ist! Du hast mir versprochen, mich mit dir zu nehmen. Ich meine, wenn ich nicht deine Frau werden kann, dann … dann nimm mich trotzdem mit mir“, erniedrigte sie sich vor ihrem Gelieben, der sie nur stumm betrachtete. Helles, mit Tränen vermischtes Blut tropfte von seiner Nase. „Ich werde dir und deiner Frau dienen und mich nicht beklagen. Es genügt mir, in deiner Nähe zu sein. Bitte …“ Sie schluchzte auf. „Raul, du liebst mich, das weiß ich. Und ich liebe dich. Ohne dich kann ich nicht leben!“, sagte sie weinend. Es war ein letzter Versuch, aber da hatte sie schon die Hoffnung verloren. Sie schwankte und ihr wurde schwarz vor den Augen, erblickte in dieser Dunkelheit ihr weiteres, schreckliches Schicksal.

Und der junge Prinz? Er schloss einfach wieder seine Augen und täuschte lieber eine weitere Ohnmacht vor, als sich weiter mit Irta auseinanderzusetzen. Diese Feigheit erschütterte meine Schwester mehr als alles, was sie in der Nacht erlebt hatte. Sie bemerkte kaum, dass Galves neben sie trat und ihr mit einer vorsichtigen Berührung aufhalf. Eilig gab er den Trägern, die die Szene mit versteinerten Gesichtern betrachtet hatten, ein Zeichen, Raul endlich fortzubringen.

Inzwischen hatte sich der erste Hof des Serails fast geleert und nur noch Galves und Irta standen zwischen den Leichen, die der Kampf gefordert hatte. Sie wurden vom Tor her von Pasha Ultem beobachtet, der nachdenklich die Lippen spitzte. Doch es gab noch zwei Augen, die verborgen im Dunkel eines Hauseingangs auf die beiden starrten. Sie gehörten dem feisten Verschnittenen Emre Radik, dessen unversöhnlicher Hass geduldig auf seine Gelegenheit wartete. Schließlich löste Galves den Arm von Irta und trat zurück, folgte zögernd den anderen durch das Tor, das Ultem hinter ihm schloss.

Irta hatte weder die Anwesenheit noch das Fortschleichen der Schwalbe bemerkt. Erschüttert blickte sie weiterhin in ihr Inneres und auf den Scherbenhaufen, der von ihrer Liebe und von ihrem Leben übriggeblieben war. Sie stand lange so, während die Sonne immer höher stieg und mit unbarmherziger Wucht ihre Hitze in den Hof schleuderte. Der süßliche Duft des vergossenen Bluts hatte sich mit dem scharfen Brandgeruch zu einer Übelkeit erregenden Melange vermischt. Doch meine arme Schwester nahm den Gestank überhaupt nicht wahr. Sie fühlte sich hohl, leer, ausgebrannt und hatte nicht einmal mehr die Kraft, zu weinen oder ihrer Verzweiflung mit einem Schrei Ausdruck zu verleihen. Irgendwann wandte sie dann doch ihren Blick von dem inneren Abgrund ab und stellte fest, dass sie wie die Totengöttin Helda, an die die verrückten Hindersöhne glaubten, inmitten eines Leichenbergs stand – als sei dies der schaurige Hofstaat, von dem sich die barbarische Helda ernährte. Die meisten der Leichen, die um sie herumlagen, hatte sie gekannt. Es waren ausschließlich Eunuchen und Diener von Adlante; die anderen Opfer der Schlacht hatten ihre Kameraden mit sich genommen. Die unheimliche Stille, die wie eine erstickende Decke über dem Serail lag, dröhnte in ihren Ohren. Doch Irta war noch zu keiner Regung fähig, stumpf sah sie in die im Tode verzerrten Gesichter; Trauer, Entsetzen und Grauen waren ihr noch fern. Wie eine Schlafwandlerin begann sie, ziellos über den Hof zu wandern. Sie achtete nicht auf die in der Hitze stockenden Blutlachen und ihre nackten Fußsohlen hinterließen kreuz und quer Spuren auf dem ockergelb glitzernden Porphyr des Bodens. Sie schien etwas zu suchen; auch wenn sie selbst nicht wusste, was das war.

Nachdem Irta nach einer Weile die Stufen zum Haus der Gattinnen emporgegangen war und vor dem erstarrten Körper ihrer Hohen Herrin verharrte, schien sie jedoch gefunden zu haben, nach dem sie instinktiv geforscht hatte. Aus einem Winkel ihrer Seele, jenem Ort, an den sie sich zu ihrem Schutz zurückgezogen hatte, tauchten Erinnerungen auf, ließen sie Worte formen und die traditionellen Gesten machen. Sie betete das Totengebet an die Allerbarmerin, so wie ihr Vater Alis es ihr in ihrer frühen Jugend in Avríl beigebracht hatte, damit sie es sprach, wenn sie mit ihm und mir das Grab unserer Mutter besuchte. Irta schloss in ihre Gebete nicht nur Adlante, sondern auch die anderen Ermordeten und Gefallenen ein. Plötzlich flossen ihre Tränen wieder so reichlich, als wäre sie ein mit Meerwasser gefülltes Gefäß. So hatte sie für jeden Toten einen salzigen Tropfen übrig, den sie klagend der Göttin opferte.

[Fortsetzung nächsten Mittwoch …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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