Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 36)

[Zum ersten Teil]

Auf der anderen Seite konnte man die Wintherbrü­der auf keinen Fall ignorieren oder vor den Kopf sto­ßen, da sie doch in der Kunstszene der Stadt eine ge­wisse, ich bin versucht, zu sagen, Macht darstellen; sich als örtlich anerkannte Künstler im Laufe der Zeit einen Status er­obert hatten, der ihnen und ihren Verrücktheiten Unan­greifbarkeit verliehen hatte. Außerdem konnte man, wenn man es schaffte, Frieden mit ihnen zu halten, si­cher sein, dass sie zu einem standen und einen im Rah­men ihrer nicht un­bedeutenden Möglichkeiten unter­stützen. Da ich es mir also nicht mit den beiden ver­scherzen wollte, litt ich still und ergeben vor mich hin, ließ mich auf den sinnlosen Schlagwortdisput um ihre Kunst ein und hoffte, dass die Autofahrt bald vorbei war.

Es war längst dunkel geworden, als wir endlich in Mün­chen ankamen. Keiner von uns wusste so genau den Weg zu der Galerie und die Passanten, die wir frag­ten, schienen in dieser Stadt ebenso fremd zu sein wie wir. Wir wären wahrscheinlich noch eine ganze Weile weiter umhergeirrt, wenn wir nicht zu­fällig Paulis gro­ßen Wa­gen am Straßenrand und da­mit die Seitenstraße, in der die Galerie lag, entdeckt hätten. Dass der Kultur­referent nach den Ereignis­sen des Nachmittags an der Vernissa­ge seines Nef­fen teilnahm, erstaunte mich. Die üblicher­weise auf­wendige Suche nach einem Parkplatz kürzte MBB in ihrer unnachahmlichen Weise rigoros ab, indem sie einfach auf den Bürgersteig hochfuhr und dort ste­henblieb.

Wir mussten eine Weile warten, bis sich die beiden Win­ther aus den Rücksitzen gearbeitet hatten. Jochen-Maria stauchte sich dabei etwas seinen Hut, was er als eine mittlere Katastrophe nahm und ihn, ohne ihn abzuneh­men, von seinem Bruder richten ließ. Ich vergnügte mich inzwischen mit Gedankenspie­len, was er wohl un­ter dieser Haube hatte, einen Haarzopf wie Ernst Fuchs wohl kaum. MBB und ich sahen uns an und in unseren Blicken lag all die ver­zweifelte Müdigkeit, die unser Los manchmal in uns erwachen ließ.

Die Galerie Nasolt & Haschek trug über die gesam­te Län­ge der Vorderfront eines breiten Gebäudes zwei langge­zogene Fenster zur Schau und war eine der re­nommiertesten Galerien von München. Sie stand in dem Ruf, Künstler zu machen. Wer es als Maler oder Bild­hauer fertigbrachte, hier ein paar Bilder unterzubringen oder gar wie Nix eine eigene Ausstellung zu bekom­men, war auf dem Sprung: An­gebote aus Zürich, Lon­don und New York würden mit der Sicherheit einer physikali­schen Gesetzmä­ßigkeit folgen. Nix war also dabei, end­gültig aufzu­steigen. Bald konnte ihn das mit­telmäßige, kleinli­che Geplänkel in seiner Heimatstadt gleichgültig lassen, bald würde er sich in Kreisen bewe­gen dür­fen, in denen zwar mit Sicherheit die gleichen Spiele gespielt wurden, aber die Einsätze ungleich hö­her lagen. Wer wohl der nächste war, den er mit Jauche übergoss? Oder war er bald so etabliert, dass er selbst besudelt wurde?

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich Nix diesen Erfolg nei­dete, als ich in die hell erleuchteten und gold­glänzenden Schaufenster der Galerie spähte und im Inneren bereits viele elegant gekleidete Menschen mit gediege­nen Sekt­gläsern in den Händen umher­schlendern sah. Zwischen ihnen standen wie bunte Farbflecken verschüchterte Künstler und de­ren Freunde, ihnen war merklich unwohler in der noblen Umgebung. Von Nix Bildern war von der Straße aus wenig zu erken­nen, sie wurden meist von den Leu­ten verdeckt, die sich in Trauben vor ihnen drängelten. Beim Eintreten duckte ich mich eng in den gewaltig­en Schatten meiner Begleiterin und versuchte eine gewichtige und dabei selbstsichere Miene aufzuset­zen. Ich rechnete nicht damit, man­gels Ein­ladungskarte Schwierigkeiten beim Einlass zu bekom­men. Ich hatte mich mal wieder geirrt. Ich war noch nicht einmal halb in der Tür, als mich eine Hand schwer am Kragen packte und brutal zu­rückriss. Jemand schleppte mich zur Seite und drückte mich grob gegen ein parkendes Auto.

»Ich glaube es nicht«, konstatierte mein Gegner. »Was tust du denn hier? Gerade dich wollen wir hier nicht. Du hast so etwas von sicher keine Einladung erhalten!« Ich erkannte mein Gegen­über. Der Tür­steher war einer der schwachsinnigen Kerle, die mich vor einem guten halben Jahr mit Lackfarbe besprüht hatten; einer von dem „dreckigen halb­en Dutzend“ gewalttätiger Epigonen von Nix, die im Rü­cken seiner Genialität wie Hunde umherstreunten, um ein Stück seines Ruhmes zu erhaschen. Er war sicher auch bei der Aktion bei der Weissensteiner-Lesung da­bei gewe­sen. Mir ging ein Licht auf: Natürlich, er war es ge­wesen, der das Fass Odel zu früh ausgekippt hatte! Ich erinnerte mich an seinen feixenden Gesichtsausdruck. Das war ein Privatkrieg, den er mit mir führte. Ich über­legte kurz, ob ich hier vor der Galerie mit ihm eine handgreifliche Auseinandersetzung beginnen sollte, aber er war doch wesentlich stärker als ich und der Griff, mit dem er mich noch immer hielt, war fest und bestimmt. Die brutalen Kerle gewinnen doch immer … Ich wand also nur schwach ein:

»Ich bin mit Nix längst versöhnt und muss ihn spre­chen, es ist sehr wichtig. Frag ihn.« Er schüttel­te nur den Kopf, durchschaute meine ungeschickte Lüge sofort. Da trat die MBB, die mein Missgeschick bemerkt hatte, näher und rettete den Tag. Sie erkun­digte sich streng, was hier denn überhaupt los sei. Durch ihre dominante Lei­besfülle und den walküren­haften Ton ihrer Stimme erschreckt, ließ mich mein Gegner endlich los.
»Er hat keine Einladung …«, erklärte er merk­lich un­sicherer, aber er richtete sich doch drohend vor der Vor­sitzenden des BBK auf, um seine einzige Überlegen­heit, nämlich seine Größe, auszuspielen.

»Georg ist mit mir hier. Ich halte die Laudatio. Hast du damit ein Problem, sag?«, fragte MBB kalt. Die beiden maßen einander kurz. Schließlich kam MBB zu einem offensichtlich nicht sehr schmeichel­haften Ergebnis, denn sie verzog verächtlich lä­chelnd ihren Mund. Dabei wog sie warnend das ge­rollte Manuskript ihrer Eröff­nungsrede in der Rech­ten. Ich setzte mich halb auf die Kühlerhaube des Wagens hinter mir, verschränkte ver­gnügt die Arme und genoss die Szene, die sich mir nun bot. Die Au­genschlitze von MBB wurden noch enger, dann schnaubte sie plötzlich einmal wie ein wütender Stier, machte einen überraschenden Schritt nach vorn. Sie sah in ihrem hinreißend gut gespielten Zorn wirk­lich erschreckend aus. Der Kerl stolperte tatsächlich ent­setzt zurück und fiel hin: Erst strau­chelte er zurück, dann kipp­te er halb nach vorn, auf seine Knie und Hände. MBB beugte sich drohend über ihn und er machte sich ganz klein am Boden.

»Hast du damit ein Problem?«, wiederholte sie. Er schüt­telte den Kopf. »Ich höre dich nicht«, drohte sie.

»Nein!«, rief er laut und gedemütigt. »Ihr könnt bei­de rein.«

MBB wollte noch etwas sagen; wahrscheinlich soll­te er ihr jetzt noch die Füße küssen. Aber ich fand, dass es ge­nug war und drängte die Frau zurück. Es fiel uns bei­den schwer, ernst zu bleiben und ein La­chen zu unter­drücken. Ich konnte mir selbstver­ständlich nicht ver­kneifen, zu ihm herab: »Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein«, zu sagen und dann triumphierend bei der mannhaften Verteidigerin meiner Ehre untergehakt die Galerie zu betreten.

 Glücklich innen angelangt, bedankte ich mich ar­tig bei ihr und machte mich sofort auf die Suche nach Nix, von dem ich vermutete, dass er, von einer Menschen­traube um­geben, irgendwo bleich und aufgeregt in einem Winkel stand und nervös an den Fingernä­geln kaute. Aber ich konnte ihn nicht finden. In den drei großen Räumlich­keiten mochten sich über­schlagsmäßig sicherlich zwei­- oder dreihundert Leute aufhal­ten, die sich, einander auf die Füße tretend, in un­terschiedlich großen Gruppen lautstark unterhielten oder sich an den ausgestellten Bildern und Collagen vorbeischoben. Ich hätte Nix dennoch finden müs­sen, wenn er sich hier aufgehalten hätte. Ich nahm an, dass er sich gerade in einem Nebenraum auf sei­nen großen Auftritt vorbereitete. Also entschloss ich mich, auf ihn zu warten und reihte mich in den Strom ein, der sich im Kreis langsam und kunstbeflissen an den Wänden entlang bewegte. Zum ersten Mal bekam ich einen genauen Über­blick von der erstaunlichen Bandbreite der Kunst von Nix zu sehen, auch wenn ich mich natürlich nicht intensiv mit den Gemälden beschäftigen konn­te. Es hingen vielleicht fünfzig meist großformatige Bilder an den Wänden, durch geschickte Beleuch­tung gelangten sie bemerkens­wert eindringlich und plastisch zur Geltung. Viele der Collagen waren ge­nau so, wie ich sie erwartet hatte. Es waren düstere Schlachtfeste aus unappetitlichen Mate­rialien, die in diesem geballten Auftreten die Magenschleimhäut­e erheblich strapazierten. Aber dazwischen gab es immer wieder Bilder, die ich als echte Meister­werke empfand. In diesem Text ist ihr Genie nicht annä­hernd beschreibbar und das Heran­ziehen von Verglei­chen kann ihnen unmöglich ge­recht werden.

[Zum 37. Teil …]

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