Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (14)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Das war der Moment, auf den Irta gewartet hatte, denn er machte auch Dagor angreifbar. Sie sprang nach vorn, hob die Hand zum Schlag und krallte ihre spitzen Nägel in die Wange des jungen Mannes, riss ihm dabei die goldene Halbmaske vom Gesicht. Dagor kreischte auf und versuchte die Furie von sich zu stoßen, stolperte dabei seinerseits über den Beckenrand und fiel hinein. Sein Säbel klatschte weiter hinten ins Wasser. Irta war sofort bei Raul und stützte ihn, denn sie hatte erkannt, wie erschöpft er war und wie knapp er davor war, zusammenzubrechen. Sie schwankte unter seinem Gewicht und wäre beinahe mit ihm gemeinsam zu dem prustenden und Wasser schlagenden Dagor gefallen, der wie jeder echte Wüstensohn nicht schwimmen konnte und für den schon der hüfthohe Wasserspiegel des Bassins gefährlich werden konnte. Doch da war schon Galves heran und gemeinsam mit ihm gemeinsam zog sie ihren schwer verwundeten Geliebten hinter den von seiner Axt gezogenen Bannkreis des Regnos. Die beiden legten Rual in Yves breitem Rücken vorsichtig auf den Boden. Irta bettete Rauls bleichen Kopf in ihren Schoß und strich ihm leise singend über den kahlen Schädel. Sorgenvoll untersuchte Galves die Verletzungen des jungen Prinzen und versorgte mit raschen Handgriffen notdürftig die stark blutende Brustwunde, in der noch immer die Pistolenkugel steckte. Währenddessen stellte sich die Garde schützend im Kreis auf.

Durch die Ereignisse war es zu einem unausgesprochenen Waffenstillstand zwischen den Parteien gekommen. Während die Sonne im Osten über der Toten Wüste aufging und ihre ersten, genau wie dieses Lagerfeuer glühenden Strahlen schräg in den Hof sandte, kümmerten sich die Kontrahenten um ihre verwundeten oder im Kampf gefallenen Kameraden. Pasha Ultem half Dagor aus dem Wasser und reichte ihm seine Maske, die der neue Namenlose so eilig und fast schamvoll über sein kindliches, an der Wange blutendes Gesicht zog, als läge in ihr das Geheimnis seiner Macht verborgen. Es schien zu funktionieren: Allein durch das Anlegen dieses Machtsymbols sah es so aus, als würde er einen halben Fuß wachsen. Im Licht des jungen Morgen sah er sich wie ein Sieger auf dem Schlachtfeld um. Nur wenige der Lamarger, aber fast alle seiner Treuwächter und die meisten der Eunuchen und Dienerinnen von Adlante waren gefallen oder lagen schwer verwundet in ihren letzten Zügen. Er registrierte das mit rotflammendem Blick. Dann aber fiel sein Blick auf den Leichnam seiner Mutter, deren heimtückische Ermordung er während seines Kampfs mit Raul überhaupt nicht bemerkt hatte. Er musste sich an der Schulter seines unerschütterlichen Verbündeten festhalten, sonst hätten seine Beine nachgegeben und er wäre wieder zurück in das Bassin gefallen.

Dieser eine Tod, den er hatte vermeiden und mit dem er seine Seele nicht hatte belasten wollen, beendete die blutige Palastrevolte und der Junge, der in seiner Ungeduld ein Massaker verursacht hatte, um sich so schnell wie möglich auf den Falkenthron setzen zu können, der gleichgültig Menschen wie Zinnsoldaten zerbrochen hatte, erkannte, dass er ein anderer, ein besserer Herrscher sein wollte. Er blinzelte in den fahlen, ausgewaschenen Sonnenball, der sich über den Dächern des Elfenbein-Palasts erhob und den weißen Marmor an den Wänden wie die Lichter im großen Allerbarmerin-Tempel zum Leuchten brachte. Tränen rannen unter seiner Halbmaske und formten Bäche auf seinen blutverschmierten Wangen.

Dann atmete er langsam ein und richtete sich wieder auf. Er wandte sich an Yves, der inzwischen mit überkreuzten Unterarmen auf den Griff seiner Axt lehnte und ihn unter seinen buschigen Augenbrauen heraus mit scharf funkelnden kleinen Augen musterte. Auch wenn ein Fortführen der Schlacht wegen der drückenden Übermacht von Pasha Ultems Soldatenabteilung selbstmörderisch war, war der Regno gewillt, auf der Stelle wieder aufleben zu lassen, wenn der Namenlose nur eine falsche Bewegung machte. Würde sich herausstellen, dass sein Sohn den Verletzungen, die ihm zugefügt worden waren, erlag, war es seine einzige Option, in den heranstürmenden Fluten seiner Gegner zu ertrinken und möglichst viele von ihnen mit sich zu nehmen. Sollten die Skalden an den Fürstenhöfen und Baronien seines Landes ein Heldengedicht davon singen, denn des Infanten beraubt, würde die lange Geschichte der seit der Kokardenrevolution regierende Herrscherhaus der Lamargue an diesem Tag enden. Der Namenlose schien diese Möglicheit aus der versteinerten und finsteren Miene von Yves herauslesen zu können, denn er hob eilig und beschwichtigend die Hand.

„Die Nacht brachte den Krieg“, begann Dagor mit zögernder, leicht zittriger Stimme; doch er wurde sich mit jedem Wort seiner Sache sicherer, „aber der leuchtende Morgen der Allerbarmenden soll uns nun den Frieden bringen. Denn ihr schaudert beim Anblick des Blutes, das vergossen wurde. Der unnötige und gemeine Tod von Adlante, meiner Mutter, hat meine Augen geöffnet. Regno Yves! Lass uns diesen Kampf beenden, der die heiligsten Hallen dieses Palastes entweiht hat. Lautet so nicht ein Sprichwort in deiner Heimat? Der Zorn ist nur eine kurze Raserei, die man aber lange bedauern wird.

Yves antwortete nicht, aber begann, sich nachdenklich über seinen mächtigen, zu zwei grauen Zöpfen geflochteten Bart zu streichen. Galves stellte sich neben ihn und flüsterte ihm eilig ein paar beruhigende Worte ins Ohr.

„Die Nacht ist vorbei und der Morgen hat Karukora seinen neuen Herrscher geschenkt“, fuhr Dagor fort. „Der ‚Unterwerfer‘ ist großzügig. Er gewährt euch treuen und tapferen Kriegern freies und sicheres Geleit aus dem Palast. Yves, kehre zurück in deine kalte, ferne Heimat jenseits des Großen Walls. Lass uns ohne Rachegelüste und Zorn auseinandergehen und den Rest sollen dann nach der Trauerzeit unsere Diplomaten erledigen. Ich bin zu jeder angemessenen Sühnezahlung bereit, um dich für den Tod deine Ritter zu entschädigen. Vergeben seien euch von meiner Seite eure Intrigen, meinen Thron mit Hilfe der Falken der Rache zu untergraben. Dieser erste Tag meiner Herrschaft soll kein Tag der Kleinlichkeit sein, sondern ein Tag der Freude für die Stadt und die Wüste, über die immer ein Namenloser wacht. So soll die Ära des ‚Unterwerfers‘ nicht beginnen. Respektiert nun bitte meine Trauer um meiner Mutter und zieht euch zurück.“

Der Regno wollte etwas Grobes erwidern, eine Beleidigung, die dieses generöse und überraschende Friedensangebot zunichte gemacht hätte, aber Galves beugte sich zu ihm und flüsterte ihm erneut etwas zu, das ihn zu Vernunft zu bringen schien. Yves nickte und sah zurück zu seinen Rittern, die zwar alle von dem Kampf erschöpft waren, aber sich auf sein Wort hin mit dem Adlerlied der Freien Lamargue in den Tod gestürzt hätten. Am längsten verharrte sein Blick auf seinem verwundeten Sohn, dem die Männer aus zwei Treuwächterpiken und in Streifen gerissenen Hemden eine provisorische Trage gebastelt hatten. Raul lag still und ohne Bewusstsein da, aber er atmete ruhig und gleichmäßig. Wie sich später herausstellte, war die Kugel aus Dagors kleiner Waffe an einer Rippe abgeprallt und nicht tief in den Brustkorb eingedrungen. Seine Verletzungen waren nicht lebensgefährlich, aber der Blutverlust aus dieser und der durch den Streifschuss am Arm verursachten Wunde hatte endlich sogar diesen Bären von einem Mann niedergerungen. Irta hielt weiterhin zärtlich seinen Kopf und tupfte ihm mit dem Ärmel die Schweißperlen von der Stirn. Yves sah ihr eine Weile dabei zu, dann seufzte er und wandte sich wieder zu dem Namenlosen.

„Mir ist in der Hitze des Gefechts entgangen, wer Adlante hinterrücks ermordete, doch ich stehe für meine Männer ein und schwöre den Eid eines Regnos, dass es keiner von ihnen war. Ich habe Adlantes Verstand und ihre Weisheit immer geschätzt. Sie war uns eine teure Verbündete und wir sind heute hier angetreten, sie zu beschützen. Wahrscheinlich ist sie längst gerächt und ihr feiger Mörder liegt hier zertreten wie eine Wanze zu unseren Füßen.“

 

[Zum 15. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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