Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl

Mit diesem bewährt skurrilen Gast-Text über ein gemeines Birnenkomplott von Hans-Dieter Heun möchte ich  wieder die gute, alte Tradition aufleben lassen, befreundeten Autoren hier auf meinem kleinen, aber feinen Blog ein Asyl für ihre Geschichten (bitte, bitte keine Lyrik!) anzubieten. Falls du, mein lieber Freund und Schreiberling, also einen Text in deiner Schublade ruhen hast, für den du noch keine Unterkunft gefunden: Dann melde dich doch einfach bei mir.

Und nun viel Vergnügen mit diesem quer-, starr- und hintersinnigen Märchen des Herrn auf Tabor:

Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl

Ein Märchen von Hans-Dieter Heun

Es war einmal ein goldiges, superklitzekleines Mädchen namens Sabirne. Es hatte kein Bettchen zum Schlafen und kein Zimmerchen, um darin zu wohnen. Denn seine unlieben Eltern, bekennende Veganer, die an sich für Bettchen und Zimmerchen hätten sorgen müssen, brachten sich vor lauter Verzweiflung über den Kaumwuchs des Kleinstkindes mit einem Tofuburger – der allerdings von Knusperknäuschenschweinespeck durchzogen war – selbst um ihr veganes Leben. Darob verfiel das Minimädchen in tiefe Melancholie und weinte gar manche bittere, wenn auch winzige Zähre.

Unweit des Keinbettchens und des Nichtzimmerchens wurzelte in einem geheimnisvollen goldigen Birnenwald ein besonders riesiger goldener Birnbaum. Der wurde ob dieses Kindleins Elend vom Mitleid schier überwältigt und bot flugs dem Zwergkindchen an, es – als grüne Birnbaumblattlaus verkleidet – zwischen seinen vielen Blättern und Zweigen wohnen zu lassen. Da jedoch im Birnbaumgeäst ebenfalls der übermächtig grausame Birnbaumblattlausfresskäfer hauste, verzichtete Sabirne schwersten Herzens auf die bestens gemeinte Hilfe. Statt eines gemütlichen Birnbaumappartements wollte sich die schwerstherzige Pimpfin lieber eine total verschimmelte, depressiv machende Souterrainbude im großen weiten Birnenwald suchen. Der besonders riesige goldene Birnbaum nahm der Göre das aber keineswegs übel, sondern schenkte ihm sogar drei besonders riesige goldene Birnen für seine Reise. Einigermaßen dankbar knickste das Winzigdingelchen und machte sich mit ihrem Obst auf den Weg.

Der Birnenwald war duster, kalt und alt. Kaum minimale Meter gewandert, traf die unterdurchschnittliche Kleine auf eine seelenverwandte Däumlingin mit gleichfalls eindeutig melancholischen Anwandlungen. Jene Daumenlutscherin fror es arg wegen der herrschenden Dusternis und Kälte an den roten Haaren, in den jadegrünen Augen, im sonnengepunkteten Gesicht und hier ganz besonders an den zierlichen Öhrchen. Aus schierer Empathie schenkte ihr die Birnenlütte das eigene Birnenmützchen, darüber hinaus eine güldene Birne und gab ihr noch dazu den kostenlosen Rat: „Der große Birnbaum segne dich.Tausche seine goldene Birne gegen harte Birnentaler ein und kaufe dir einen wunderwarmen Hut, mindestens so schön wie einer aus dem Hutschrank der Königin vom Engelland.“ Puff machte es und Knuff, ein Wölkchen mit Birnenblütenduft quoll, und schon war die Beschenkte im Kaufrausch nach Engelland verschwunden. Immerhin, die Schwermut der Bobabirnenbutzenlütten hatte sich ob ihrer guten Tat um einen Blattlaushupf gelüpftet.

Sogleich erschien ein nächstes ultramagersüchtiges, deswegen gleichfalls schwermütiges Winzigfräulein und bat um ein Leibchen, da es wegen Hungerleidens obenrum entsetzlich fror. Das Birnenbutzelchen schenkte der Elendiglichen ihr aus feinen Birnenfasern selbstgestricktes Oberteil mit der handgestickten Inschrift „Und ewig rauschen die Birnenwälder“. Zusätzlich die obligatorische goldene Birne nebst den üblichen kostenlosen Rat: „Tausche die weiche goldene Birne gegen knallharte Birnentaler ein und kaufe dir ein Bustier der Wäschemarke Triumph, das formt deine Figur.“ Puff und Knuff, der Magerquark hatte sich in Birnenwaldluft aufgelöst. Dafür war nun Sabirne oben ohne, jedoch fast fröhlich von der erneut guten Tat.

Mittlerweile war es im Birnbaumwald nahezu Nacht geworden. Da trat ein exhumierter Exhibitionist namens Jacob Grimm hinter einem Zwergbirnenbusch hervor, unten herum leuchtend vor fahler Blöße. – Nein, oh nein, das durfte nicht sein, niemals nimmer nicht der exorbitante Jacob in einem Birnenmärchen. Rasch wie der duftende Birnenwind zog Sabirnchen ihr Röcklein aus und bedeckte mit ihm die Unkeuschheit des somit Ex-Hibitionisten. Desweiteren schleuderte sie aus übergroßer Angst vor den eigenen unkeuschen Gefühlen die letzte goldige Birne genau dorthin, wo es der ehemalige Hibitionist Jacob an und für sich am liebsten hatte. Freudigst birnenüberrascht machte der „Uhmmmpf“ und sang auf der Stelle sein Lied vom Bibabutzenbirnenbaum. Ein geradezu unheimlicher Song, dessen niederdrückende Schwermut durch Birnenmark und Birnenbein ging.

Blätter raschelten unmutig, Äste mit reifen Früchten bewegten sich zornig. Was würde geschehen? War Sabirne nun zu ewiger Melancholie verdammt? Nahezu unlösbare Rätsel. Da, urplötzlich wurde der alte, riesige, per se goldige Birnbaum von ungeheurem Furor überbäumt und schrie: „Birniget ihn, birnigt den Zipfivorzeiger, diese hundsgemeine Glühbirne, diesen hinterfotzigen Birnenholzbettbrunser Jacob, birniget ihn!“ – Man glaubt es kaum, der Birnenbaum war Niederbayer. Die anderen Birnbäume ebenso, ergo folgten sie nur zu willig der Aufforderung, ihre Früchte flogen, und Jacob …

Das war´s. Das Märchen vorbei. Nun ja, vielleicht wäre noch erwähnenswert, dass eine aus der Reihe fliegende weiche Birne das Wachstumszentrum im Kleinsthirn von Sabirne traf. Das Minihirn erwachte aus seinem Birnen-Koma, das Butzengirl wuchs und wuchs und erblühte letztendlich zu einer wunderschönen Prinzessin mit satten Birnenformen. Ja, sogar zur Dirnenkönigin der letzten zweihundertvierundsechzig Herbste wurde es erkoren, wie die Fama berichtet.

Als Erzähler dieser Birnenmoritat möchte ich mich noch herzlichst beim 1.VC Gartenlaube, Unterabteilung Autoren und nachgeordnete Lyriker bedanken, dessen wöchentliche Kameradschaftsabende bei Birnenmost mir stets eine Quelle aufbauender Inspiration gewesen sind. Weiterer inniger Dank gilt meinem unbekannten Vater, welcher mich nach etlichem Birnengeist trotz heftigsten Widerstandes meiner Mutter gezeuget hat. Doch möge auch sie im Frieden mit Birnen ruhen.

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

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