Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 35)

[Zum ersten Teil]

Ich entschloss mich, mit Nix selbst zu reden und ihm von dem Vorfall in seiner Wohnung zu be­richten. Ich fand, das sei ich ihm und vor allem seiner Freundin schuldig. Gerade zu ihr und zu ih­rer Lage empfand ich ein wütendes Mitleid. Also rief ich von der nächsten Telefonzelle, der ich begegnete, die MBB an, von der ich ja wusste, dass sie zur Vernissage nach München fahren wür­de. Ich wollte sie fragen, ob sie mich mitnehmen könnte. Zu meinem Glück war sie in­zwischen aus ihrem Studio heimgekehrt und es mach­te sich be­zahlt, dass sie eine ziemlich intime Vorliebe für mich hatte. Sie erbot sich sogar, am Abend extra einen Umweg zu machen und mich von daheim abzuholen. Allerdings müsse ich ertragen, dass sie auch die Winther-Brüder, die eine Einladung von Nix hatten, mitnehmen würde; sie habe es den beiden in einem leichtsin­nigen Moment, den sie inzwischen bereue, verspro­chen. Diese Tatsache war für mich fast der Grund, mit der Bahn in die Landeshauptstadt zu fahren, aber die Leere in mei­nem strapazierten Geldbeutel trug den Sieg über die durch die Brüder zu erwar­tenden Nervenschäden davon. Ich biss in den sauren Apfel, eine knappe Stunde mit ihnen auf der Auto­bahn verbringen zu müssen und dabei ihrem Geschwätz schutzlos ausgeliefert zu sein.

Es ging bereits auf fünf Uhr, als ich endlich wieder zu Hause war. Ich hatte keinen Hunger; mir war im Gegen­teil übel und schwindlig. Obwohl ich weder verschwitzt noch schmutzig war, fühlte ich mich un­sauber und hat­te das paranoide Gefühl, der Geruch von Nix Bildern würde noch an mir haften. Er hing trotz meines langen Fußweges noch immer aufdring­lich in meiner Nase. Ich duschte daher intensiv und wechselte meine Kleidung. Dann erst lud ich meinen inneren Müll bei Christine ab, die geduldig auf ein paar Erklärungen für mein abson­derliches Verhal­ten wartete. Es war Zeit, mich mit ihr auszuspre­chen. Ich hatte das klärende Gespräch schon allzu lange hinausgezögert. Ich erzählte Christine endlich von Theresa und be­richtete ihr dann von den seltsamen Ereignissen des Tages, versuchte sie und wohl auch mich selbst von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen. Dass sie eben erheblich merkwürdiger aussahen, als sie es in Wirklichkeit wa­ren, dass alles eine Gaukelei war wie dieser geschlachte­te, geplatzte Kadaver, der mich und Theresa auf den ersten Blick so er­schreckt, sich dann aber mitsamt den Schmeißflie­gen auf dem Gedärm als eine geradezu genia­le At­trappe aus Wachs, Draht, Farbe und Pappe heraus­gestellt hatte. Es war eine Arbeit, die Nix Wo­chen, wenn nicht Monate beschäftigt haben musste.

Dennoch blieb mir ein bohrendes Unbehagen, denn die verschmierten, geronnenen Blutspuren an den Wänden und Fenstern des Ateliers, die merkwürdige archaische Formen und obzöne Wörter nachbilde­ten, waren mei­ner Meinung nach echt ge­wesen. Hatte Pauli nicht er­zählt, Nix hätte verbun­dene Hände? War der Maler nach dem Streit mit Emilio Parma wieder in einen Selbstgeißelungs­wahn verfallen, hatte er sich mit seiner Rasierklinge die Handflächen zerschnitten und dann sein Atelier auf diese grausige Weise geschmückt? Die Diagnose meiner Freundin war kurz und vernichtend: Sie hielt Nix für geis­teskrank oder zumindest für schwer verhaltensge­stört. Er stelle eine Gefahr für sich und andere dar; eine Bedrohung, die man auf dem schnellsten Wege in eine geschlossene Anstalt zu schaffen habe. Ich wollte es bei weitem nicht so krass sehen, war aber durch die grotes­ke Schallplattensammlung und das viele Blut unsicher geworden. War Nix noch ein um Wahrheit und Er­kenntnis ringender Künstler, der auf seiner Suche außergewöhnliche, ra­dikale Wege einschlug? Oder war er tatsächlich schlicht verrückt geworden – hat­ten ihn seine tägliche Beschäfti­gung mit den Nacht­seiten der menschlichen Existenz, sein intimer Um­gang mit Tod, Blut und Verwesung und der Druck von Öffentlichkeit und reicher Verwandtschaft um den Verstand gebracht? Hatten ihn seine Mühlräder zer­malmt? Ich weiß das heute noch nicht endgültig zu beantworten. Ungeduldig fieberte ich auf mein Tref­fen mit ihm hin.

Kurz nach sieben Uhr holte mich dann die MBB wie versprochen ab. Sie tat mir den Gefallen und ließ mich vorne bei ihr sitzen. Die Winther-Brüder – die es ja nur im Doppelpack gibt – hatten es sich be­reits auf dem Rücksitz bequem gemacht. Obwohl sie zwei Jahre aus­einander sind, gleichen sie sich von Natur aus wie ei­neiige Zwillinge. Da diese Ähnlich­keit aus irgendeinem dunklen Grund den beiden Unzertrennlichen nicht ge­fällt, hatten sie sich mal wieder in dem Versuch lächer­lich gemacht, sie zu verbergen. Der jüngere, nämlich Hans-Albert, hatte sich bemüht, seinen spärlichen Haarwuchs durch eine kurzgelockte Dauerwelle zu be­schönigen und sein Bruder Jochen-Maria trug einen dunklen, eben­so unecht wirkenden Schnauzbart. Beide dufteten frisch gewaschen und waren unauffällig,  aber doch sichtbar geschminkt, was ihnen eine reichlich dekad­ente, transsexuelle Aura verlieh. Doch an die­sen An­blick war man gewöhnt, er erzeugte nicht je­nes kaum beherrschbare Gefühl in mir, jeden Mo­ment in schallen­des und kränkendes Gelächter aus­brechen zu müssen. Nein, der Grund war die Klei­dung der beiden, die sie sich für diesen Abend ge­wählt hatten: Sie hielten sie si­cher für exzentrisch und extravagant, einer aufsehener­regenden Vernis­sage in München angemessen. Aber sie war grauen­voll kindisch und komisch. An Jochen-Maria fiel fiel mir zuerst ein zylindri­sches, samtrotes Ungetüm von Kopfbedeckung auf, das er, wohl um seinen ebenfalls schütteren Haar­wuchs zu ver­bergen, im Auto nicht abgenommen hatte. Er war des­halb gezwungen – halb auf seinem Bruder liegend –, den Kopf unbequem zur Seite ge­kippt, die ganze Fahrt über geduldig in dieser Stel­lung auszuharren. Er trug eine Art von römischer Tracht, nämlich Toga und Tunika in einer herrlichen Farb­kombination, in speichelgrün und eiter­gelb, wie er in aller Ausführlichkeit erläuterte. Das sollte seine spöttische Hommage an Jonas Nix sein. Er hatte auch stilechte Sandalen an und fror er­bärmlich, auch wenn er das nicht zugab. Man konn­te die Gänse­haut sehen, die seine Beine und Arme empor kroch. Hans-Albert war wärmer, aber nicht weniger erhei­ternd bekleidet. Er trug einen schwarz-rot-goldenen Pullover, der selbstgestrickt aussah und dazu einen, man höre und staune, ka­rierten, knöchellangen Rock, der das Feminine sei­ner Gestalt unterstrich und von ihm selbst als mit­teleuropäischer Herbstkilt bezeichnet wurde. Natür­lich hatte er Stiefel mit hohen Pfennigab­sätzen an. Die Brüder Winther wohnten zusammen in einem Haus in der Bleiche, in dem sich auch ihre gemein­same Ga­lerie befand. Sie bezeichneten sich beide als Ma­ler. Ob­wohl der Ältere sich auf Akte und der Jün­gere auf Landschaften spezialisiert hatte, waren ihre durch Ver­wendung von Naturmaterialien schmutzig-erdbrau­nen Bilder einander zum Ver­wechseln ähnlich. Beider Ar­beiten waren durchaus geschmackvoll und dekorativ, waren aber, da sie ihren Stil seit Jahren selbst kopierten, doch mehr als Kunsthandwerk einzuschätzen. Dies je­doch im besten Sinne des Wortes. Selbstverständlich waren sie da völlig anderer Meinung und verkünden über­all, wo sie auftauchen, überzeugt und unüberhör­bar ihre seltsame Kunsttheorie. Jedes Gespräch bogen sie innerhalb kürzester Zeit daraufhin um. Ihre Mei­nung war, wenn man sie zum ersten Mal hörte, zwar abwegig, aber durchaus noch interessant, auch beim zweiten Mal ließ sich noch gut über sie reden. Inzwischen hatte ich ihr Thema aber sicherlich schon zwan­zig Mal gehört und eine gepflegte Langeweile machte sich im Auto breit, als die beiden prompt – wir waren noch nicht einmal aus der Stadt heraus – wieder damit begannen, mir und der MBB auseinan­derzusetzen, was man unter Vererdung, Verschlam­mung und tektonischer Leidenschaft der Verwer­fung in ihrer Kunst zu verstehen habe. Zudem wa­ren sie wie immer einer Meinung und bestätigten sich einander in ihr. Da MBB sich stumm mit dem Lenkrad beschäftigte, war ich mit den beiden Schwätzern allein gelassen, deren rein physische und vor allem rhetorische Überlegenheit es mir ver­wehrte, auf ein anderes Thema abzuweichen. Leider war es auch nicht möglich, die beiden als eine Art von lästiger, aber unvermeidbarer Störung zu be­trachteten, die man stumm von den eigenen Gedan­ken abgelenkt ertragen kann, da sie sehr wohl dar­auf achteten, dass ihr jeweili­ger Gesprächspartner ihren Gedankenflügen folgen konnte und sich zu ih­nen äußerte.

[Zum 36. Teil …]

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