Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (13)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

„Einen Schritt weiter und ich schieße!“, brüllte Dagor. Die Lamarger erstarrten für einen Moment erschrocken und das gab seinen Männern die Gelegenheit, sich auf den unvermeidlichen Kampf vorzubereiten. Doch dann rückten die Lamarger entschlossen näher. In ihrer vordersten Front gingen Seite an Seite Galves und der Regno, der mit seiner gewaltigen Axt, seiner mit Panzerplatten verstärkten, rotgefärbten Lederrüstung und dem kastenförmigen Helm, aus dem sich zwei Büffelhörner erhoben, wie eines der unüberwindlichen Golemungeheuer der Vorzeit wirkte. Galves grinste schief.

„Ich bezweifle, dass du dazu den Mut hast, Jüngelchen“, rief er. Die roten Flammenaugen von Dagor musterten flackernd die Nähertretenden.

„Vielleicht hast du recht, lamargischer Spion, doch du kannst dir nicht sicher sein“, zischte er. Der Namenlose wirkte weiterhin so kalt und gefühllos wie ein Fisch, doch Galves hatte die Wut, die in ihm kochte, unterschätzt. Dagor bewegte den Lauf seiner Waffe herum und feuerte. Adlante schloss ergeben die Augen, doch die Kugel hatte nicht ihr gegolgten. Sie traf Raul – mitten in die Brust. Der Bär wankte nicht, sondern stürzte sich sofort mit einem wütenden Aufschrei auf Dagor. Es war, als hätte er nur einen lästigen Mückenstich und keine lebensgefährliche Wunder erlitten. Dagor gab noch einen zweiten Schuss ab – es war allerdings nur ein harmloser Treffer am Arm und kratzte kaum die Haut von Raul auf -, und riss egen noch seinen Säbel wieder aus dem Gürtel, dann prallten die Kontrahenten mit klirrenden Schwertern aufeinander. Dies war das Signal für die Kämpfer auf beiden Seiten:

Der Streit Mann gegen Mann begann und er wurde so erbarmungslos und ohne Gnade geführt, dass er erst enden würde, wenn eine der beiden Seiten vernichtet war. Die Lamarger waren in der Überzahl und es sah nicht gut für den neuen Namenlosen und seine Gefolgsleute aus. Seine Bogenschützen sandten zwar ihren mit Gänsefedern geschmückten Tod in die Reihen ihrer Gegner, doch viele der Pfeile prallten an deren Rüstungen und Schilden ab. Nur wenige der Schützen bekamen noch die Gelegenheit, einen zweiten Pfeil aufzulegen, denn schon war der Regno heran und mähte sie mit gewaltigen Schwüngen seiner Axt nieder, als wäre sie die Sense eines Bauern, der das Gras seiner Wiese schneidet.

Galves pfiff ein paar Kämpfer an seine Seite und orientierte sich. Er war nicht um die Sicherheit seines Regnos besorgt, denn der konnte sehr gut auf sich allein aufpassen und hatte seine kampferprobte Garde an der Seite. Mehr Sorgen machte er sich um Raul, der mit Dagor einen erbitterten Kampf ausfocht und nun doch durch seine Schusswunde sichtbar beeinträchtigt wurde. Der junge Prinz wurde immer langsamer und seine Bewegungen unsicherer. Wie es seine Art war, wenn er nachdachte, hob Galves eine Augenbraue. Er entschied sich auch gegen Raul, denn sogar in diesem Zustand war er seinem Gegner noch überlegen. Die Aufgabe der „Schwalbe von Avríl“ war es, Adlante zu beschützen, denn ihre Not war am Größten und nur ihre Autorität konnte die Palastrevolution vielleicht noch aufhalten. Umringt von ihren unbewaffneten Dienerinnen, die mit ihren bloßen, gebundenen Händen gegen die von Radik angeführte Mordbande kämpften, wehrte sich die Unglückliche verzweifelt, hatte aber nicht die geringste Chance. Der Kreis um sie schloss sich immer enger. Aber Galves hatte zu lange überlegt, wenn er unterstützen wollte. Er und seine Männer kamen zu spät. Gerade als sie sich die Stufen empor gekämpft hatten, traf die hohe Frau ein hinterhältig geführter Dolchstich von hinten in den Hals. Es war in dem Tumult nicht zu erkennen, wer ihn geführt hatte, aber nachdem die Bluttat begangen war, stolperten sofort alle betroffen zurück. Der letzte gurgelnde Schrei von Adlante, bevor sie niedersank, unterbrach für einen kurzen Moment das Kampfgeschehen und alle Augen richteten sich auf die Untat.

Nur Raul und Dagor fochten weiter, denn sie waren so in ihren Zwist verbissen, dass sie alles andere um sich herum vergessen hatte. Dass sich Dagor, der inzwischen ebenfalls verletzt war und aus einer Vielzahl kleinerer, aber nicht weiter gefährlicher Wunden blutete, die ihm der Säbel von Raul zugefügt hatte, noch gegen seinen Feind behauptete, lag nur an seiner Flinkheit und Geschicklichkeit, mit der es ihm immer wieder in letzter Sekunde gelang, unter einem auslandenden Hieb des Bären zu tauchen oder sich durch einen überraschenden Sprung zur Seite aus dessen Reichweite zu bringen. Raul hatte sich längst den Turban vom Kopf gerissen und benutzte ihn um die Hand gewickelt als einen provisorischen Schild, das er gegen die Wunde in seiner Brust presste, durch die er trotz des kleinen Kalibers der Pistolenkugel viel Blut verlor. Sein Gesicht war bläulich angelaufen, er keuchte und japste wie ein Ertrinkender nach Luft. Der Schweiß lief ihm in breiten Bächen über das Geischt und biss in seinen Augen, was sein Blickfeld einschränkte. Er stand inzwischen unsicher und manche seiner Angriffe glichen denen eines Betrunkenen. Dennoch stand außer Zweifel, wer den Kampf am Ende gewinnen würde, denn auch Dagor ermüdeten seine waghalsigen Sprünge, mit denen er sich immer wieder vor Rauls Klinge rettete.

„Für die Lamargue!“, rief endlich Galves aus und beendete damit den kurzen Waffenstillstand. Mit seinen Männern mähte er zornig die sich nur halbherzig wehrenden Soldaten nieder, die selbst von ihrem Mord an Adlante schockiert waren. Das Geischt zu einer grinsenden Maske verzogen, teilte er den Tod großzügig nach rechts und links aus, um zu dem käsebleichen Eunuchen Radik durchzudringen, der mit dem Rücken an der Wand stand. Der Regno kümmerte sich mit seinen Elitesoldaten inzwischen um die letzten versprengten Reste von Dagors Treuwächtern. Der Kampf war entschieden und es war nur noch eine Frage von Momenten, bis der letzte Widerstand gebrochen war. Dagors Palastrevolution schien fehlgeschlagen. Doch da änderte sich die Lage vollkommen: Ein großer Trupp Soldaten erreichte unter der Führung des abtrünnigen Oberst Pasha Ultem über die Brücke das eiserne Tor und nun waren es die plötzlich die Lamarger, die in Bedrängnis gerieten, als diese ihnen überraschend in den Rücken fielen. Das Schlachtenglück wechselte. Ultem allein war schon ein gewaltiger Gegner, der es mit zehn Männern gleichzeitig aufnehmen konnte, und seine erfahrenen Wüstenkrieger, die sich in vielen Feldzügen gegen die westlichen Barbarenstämme bewährt hatten, waren den gepanzerten und relativ unbeweglichen Rittern aus der Lamargue überlegen. Ihrer Wildheit hatten sie wenig entgegenzusetzen. Der Oberst, der heute neben Vezir Ómer der mächtigste General des „Unterwerfers“ ist, hatte in dieser Blutnacht die Gelegenheit ergriffen, trotz seiner niedrigen Herkunft Karriere zu machen und einige Ränge in der Militärhierarchie zu überspringen.

Der Regno sammelte seine Männer hinter sich, während er weiterhin mit seiner gewaltigen Axt Halbkreise zog, die keiner der Wüstenkrieger zu betreten wagte. Auch Ultem hielt respektvollen Abstand; er hatte Zeit. Er konnte abwarten, bis der Arm von Yves II. erlahmte. Raul und Dagor bekamen von alldem nichts mit. Sie kämpften in der Nähe von Irta, die verzweifelt ihre Hände rang, verbissen weiter, schlugen erbittert und ohne Gnade aufeinander ein. Sie waren ein erschreckender Anblick. Wie zwei der grausamen heidnischen Gottheiten der Kling’Arta standen sie voller Hass einander gegenüber und keiner wollte vor dem anderen weichen. Es sah inzwischen so aus, als würden sie nicht Wasser, sondern Blut schwitzen. Da stolperte Raul über den Rand des großen Bassins hinter sich und vernachlässigte für einen Augenblick seine Deckung. Dagor juchzte siegessicher auf und sein Stich zielte nach der ungeschützten Flanke seines Gegners, die er nicht verfehlen konnte.

Das war der Moment, auf den Irta gewartet hatte, denn er machte auch Dagor angreifbar.

[Zum 14. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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