Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (12)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

„Dagor“, sagte er langgezogen, als wäre ihm der Sinn dieses Wortes entfallen. „Ich kenne diesen Namen nicht mehr. Ich bin Der Unterwerfer. Siehe, ich bin der namenlose Herrscher über das Reich Karukora, das vom Südwall bis zum Meer und von der Grauen bis zur Toten Wüste reicht. Ich bin der Erquicker meines Volkes, der Günstling und geliebte Sohn der Allerbarmerin und der Alptraum meiner Feinde!“ Bei jedem Titel, den der selbsternannte Bişra stolz ausrief, musste er eine Pause machten, denn die Horde Soldaten, mit denen er den Frauenhof betreten hatte, jubelte ihm zu und pries in rituellen Worten die Göttin. Wer weiß, wie lange er noch so weitergemacht hätte, denn der Namenlose hat ja 99 Titel, die ihn zieren, wenn ihn nicht ein spöttisches Klatschen in Raul und Irtas Rücken unterbrochen hätte. Die beiden waren inzwischen rückwärts die flachen Stufen zur Kammer der Gemahlinnen emporgestiegen und standen nun auf der schmalen Terrasse des großen Gebäudes. Sie drehten sich um und Rauls Mut sankt mit Irtas erschrockenem Seufzen. Der Prinz sah sich nach einer Waffe um und fand in seiner Nähe den Säbel des Bogenschützen, dem er eben das Genick gebrochen hatte. Er hob es auf und hielt es schützend vor sich.

Auch der Fluchtweg durch das Haus war jetzt abgeschnitten. Ungefähr zwanzig Bogenschützen und Soldaten standen in der weitgeöffeten Flügeltür. Angeführt wurden sie von dem Verräter, der den Torwächter Minikuş rücklings ermordet, für sie das Eisentor geöffnet und sie in den verbotenen Serail gelassen hatte: Es war kein anderer als der ruchlose Radik Emre, der Oberste Kastrat. Er stand ein wenig abseits und betrachtete das junge Paar mit einem grimmigen Lächeln.

„Ich habe es ja gewusst“, sagte er, aber niemand nahm von ihm Notiz, denn sein Haufen Marodeure führte in seiner Mitte als Gefangene Adlante, die Mutter des Unterwerfers, mit sich. Sie stand hoch aufgerichtet zwischen ihnen und sie war es, die trotz ihrer Handfesseln langsam und ironisch Beifall klatschte. Radik trat gedankenschnell neben sie und gab ihr einen groben Stoß in die Seite.  „Knie nieder, Weib, vor deinem Herrscher“, zischte er. Adlante bewegte sich nicht.

Dagor schnalzte mit der Zunge. „Rühre meine Mutter noch einmal an und du spürst meinen Säbel in deinem fetten Bauch …“, sagte er scharf und fügte nach einem flüchtigen Blick auf die Leiche von Aismek hinzu: „… Seneschall Radik Emre.“

Der Eunuch dienerte eifrig und mit glänzenden Augen. „Mögen noch fünfzigtausend Sonnenaufgänge deine Herrschaft bescheinen, mein geliebter Herr …“, rief er aus und hatte offensichtlich im Sinn, für jeden dieser fünfzigtausend Sonnenaufgänge auf der Stelle eine Verbeugung zu machen.

Adlante, die sich unter dem schmerzenden Schlag von Radik etwas gekrümmt, aber keine Miene verzogen hatte, spitzte spöttisch den Mund. „Heute Nacht werden wohl einige Karrieren gemacht“, sagte sie. Dann trat sich furchtlos nach vorn und stellte sich neben Raul und Irta. Ein vernichtender Blick fiel wie ein Tonnengewicht auf ihren Sohn, der sich tatsächlich ein wenig unter dieser Last duckte. „So, so, der Unterwerfer … Wiegt dieser Titel nicht ein wenig zu schwer auf dir, Dagor-Neq? Es ist noch nicht lange her, da bist du heulend und mit blutiger Nase unter meinen Rock geflüchtet, weil die anderen Jungen so gemein zu dir waren. Wenn ich mich recht erinnere, war das erst in der letzten Woche.“

Nun war es ganz still in dem Hof. „Mutter“, setzte Dagor an, „ich wollte dich stolz machen. Karukora braucht einen neuen Namenlosen!“

„Stolz! Meinst du, es erfüllt das Herz einer Mutter mit Stolz, wenn die von dir ausgeschickten Mörder vergewaltigen und plündern und in die heiligen Hallen des Harems eindringen, die außer der engen Familie des Namenlosen kein einziger Mann betreten darf. Was für ein Sakrileg hast du begangen! Du hast diesen Ort des Friedens entweihen lassen und ihn besudelt mit dem Blut unschuldiger Frauen und Kinder. Seit tausend Jahren, seit dem Barbarenüberfall des Sefredo Sud, gab es solch einen Frevel nicht mehr! Und nenne mich nicht mehr Mutter, denn ich kenne dich nicht, der du dich Unterwerfer nennst und doch nur ein Ungeheuer bist. Ich bin Adlante, Gattin des wahren und einzigen Namenlosen, der Erquickenden Wüstenoase, den die Allerbarmerin mit all ihrer Macht beschützen möge.“ Adlantes Stimme zitterte nicht, aber eine plötzliche, wilde Angst trat in ihre Augen, als sie ihren schwachsinnigen Mann erwähnte; eine Furcht, die allerdings nur Irta und Raul sahen, die direkt bei ihr standen und sie bewundernd ansahen. Es war eine Furcht, die berechtigt war: Dagor starrte gedankenverloren vor sich hin. Seine Rubinaugen warfen rote Reflexe auf Adlantes Sarê, als würden sie das helle Kleidungsstück mit Blut bespritzen. Dann hatte er sich entschieden. Er nickte.

Wüstenoase. Ja, ich erinnere mich. Das war der Name dieses Schwachsinnigen, der schon vor Jahren seinen Kopf verloren hat. Ich habe ihn heute Nacht gefunden – seinen Kopf. Er lag im Staub neben dem seines Onkels. So enden Schwächlinge.“ Dagor machte ein herrisches Zeichen und zwei der abtrünnigen Treuwächter, die sich bisher etwas im Hintergrund gehalten hatten, traten hervor. Sie hoben ihre Piken, auf denen sie ihre grausige Last aufgespießt hatten; es waren die abgetrennten Häupter von „Wüstenoase“ und von Bathu Pasha. Irta schrie auf und barg schluchzend ihr Gesicht an der Brust ihres lamargischen Prinzen, damit sie diesen grauenvollen Anblick nicht länger ertragen musste. Adlante, die wohl bis zuletzt gehofft hatte, dass ihr Gatte noch am Leben und in Sicherheit war, stolperte zurück und ihre Stimme brach fast.

„Sadon!“, kreischte sie. „Ich habe den verfluchten Verräter Sadon an meine Brust gelegt, ihn gesäugt, gehätschelt und großgezogen. Sei tausendmal verdammt, du Ungeheuer!“ Sie spuckte vor Dagor aus und gewann dabei ihre königliche Fassung wieder. Die Allerbarmerin allein weiß, wieviel Kraft sie das kostete. Sie reckte tapfer ihr Kinn nach vorn; nur der Tod konnte diese hohe Frau brechen. Sie wusste, dass ihr eigener Sohn ihn in den Harem getragen hatte, denn niemand aus seiner Familie durfte die Nacht überleben, wenn er sich seiner Herrschaft sicher sein wollte. „Du nimmst dir heute mit grausamer Gewalt, was dir in zwei Jahren als Geschenk in den Schoß gelegt worden wäre. Du bist ein Kind, das ein wertvolles Spielzeug lieber zerbricht, als es zu verleihen. Doch noch ist diese Nacht nicht vorbei.“

Adlante zwinkerte Raul zu und hielt plötzlich eine kleine Pfeife zwischen ihren gebunden Händen. Bevor jemand einschreiten konnte, nahm sie sie an die Lippen und blies kräftig hinein. Auf dieses Signal hin traten aus den anderen Gebäuden, die auf den Hof führten, Bewaffnete und lamargische Krieger. Noch war der Widerstand gegen Dagors Putsch nicht gebrochen:

Während die dem Regenten treuen Soldaten unten auf dem Platz mit den Abtrünnigen einen erbitterten Kampf ausfochten, aber langsam und sicher gegen die Überzahl aufgerieben und immer weiter zurückgedrängt wurden, unter Ómers Führung Meuchelmörder und ein blutrünstiger Mob durch die Straßen zogen und regierungstreue Angehörige des Diwans und Bürger im Schlaf überraschten und abschlachteten, gab es im Palast selbst eine Gruppe starker und furchtloser Männer, die auf alles vorbereitet waren, weil sie selbst im Stillen an Umsturzplänen gearbeitet hatten. Es waren die „Falken“ und die lamargische Delegation. Sie schliefen schon seit einigen Nächten mit gezückten Schwertern und griffbereiten Pistolen in ihren schweren Rüstungen, weil die „Schwalbe“ von ihren Spionen gewarnt worden war. Dagor wurde angesichts der plötzlichen Umkehrung der Machtverhältnisse noch bleicher, aber er zögerte nicht. Er riss eine kleine Pistole aus seinem Gürtel und zielte mit ihr auf seine Mutter.

[Zum 13. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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