Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (11)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Irta wischte sich mit dem Zeigefinger eine ihrer Tränen aus einem Augenwinkel und berührte dann die Stirn des Toten. Sie hätte nun eigentlich ein Totengebet an die Allerbarmerin sprechen müssen, um ihn vor den eisigen Qualen in Inets Hölle zu bewahren, aber dafür hatte sie keine Zeit. Sie wandte sich schaudernd ab und hoffte, ein anderer würde später diese Aufgabe für sie übernehmen. Sie verließ so eilig das Becken, als wäre es mit Egeln gefüllt und stieg über den Rand. Im Licht einer nahen Laterne sah sie, dass ihr Sarê nicht nur nass, sondern auch blutfleckig war.

„Irta! Irta Dabinghi!“ Sie bemerkte eine Gestalt, die aufgeregt auf sie zu rannte. „Schnell!“ Irta erkannte Aismek, den Seneschall, der während des Laufens Gesten machte, als wolle er Irtis wie einen lästigen Straßenköter vertreiben. Er öffnete den Mund zu einem weiteren Warnruf, aber dann verharrte er plötzlich mitten in seiner Bewegung, als habe ihn der Blick eines der grausigen Basilisken aus der Tiefe der Erde versteinert. Meine Schwester machte einen Schritt auf ihn zu und sah verwundert in seine weitaufgerissenen, angstvollen Augen. Ein schaumiger Schwall Blut spritzte zwischen den Lippen des Seneschalls hervor. Irta schrie entsetzt auf.

„Aismek!“ Der Seneschall fiel wie eine Puppe, der jemand von hinten einen Stoß versetzt hat, und klatschte mit dem Gesicht nach vorn auf die weißen Marmorfliesen des Hofs. Der Schaft eines gefiederten Pfeils zitterte zwischen seinen Schulterblättern. Im Türrahmen des Gebäudes, aus dem Aismek eben gerannt war, stand ein Soldat und fischte ruhig einen weiteren Pfeil aus dem Köcher, den er an seiner Seite trug, um ihn auf seinen Bogen zu legen. Für wen dieser Pfeil bestimmt war, musste Irta nicht raten. Aber ihr Schock über den unerwarteten Tod ihres väterlichen Freundes war so groß, dass sie wie ein in die Enge getriebenes Wild verharrte und zitterte. Der Soldat erkannte, welch ein leichtes Spiel er mit ihr hatte. Er lächelte zynisch und hob seine Waffe, spannte sie und zielte auf die Bewegungslose, die ihm vollkommen ausgeliefert war. Da ließ ein zorniger Schrei den Bogenschützen zusammenzucken und halb herumfahren. Sein Pfeil, der sich dabei löste, verfehlte Irta knapp und tauchte sirrend und harmlos hinter ihr in das Becken. Gleichzeitig warf sich eine schattenhafte, riesige Gestalt auf den Soldaten, riss ihn mit sich zu Boden, stürzte mit ihm die breiten Stufen hinunter, begrub ihn unter sich. Zwei eiserne Hände umklammerten die Kehle des Überwältigten und wirbelten seinen Kopf herum. Der Bogenschütze war nicht mehr in der Lage, sich zu wehren; es knackte einmal hässlich, als ihm Raul den Hals brach und die Leiche dann achtlos zur Seite trat. Dann richtete sich der junge Prinz knurrend auf. Seine Augen funkelten.

Irta wusste im ersten Moment nicht, ob sie glücklich über sein Einschreiten sein sollte oder entsetzt über die Brutalität, mit der der „Bär“ über sein Opfer hergefallen war und es kaltblütig gerichtet getötet hatte. Aber dann sie warf sich ihm schluchzend an die breite Brust. Lange konnte sie nicht so verharren, auch wenn sie sich nichts mehr wünschte und ihren Geliebten eigentlich nie mehr loslassen wollte, denn es näherten sich aus dem Gebäude eilig weitere Personen mit Waffen und Fackeln in den Händen. Die beiden Liebenden mussten sofort fliehen! Unschlüssig sahen sie sich um; am geeignetsten erschien ihnen der Weg über die Brücke. Doch gerade als sie sich herumwandten und auf das große Tor zulaufen wollten, tauchte zwischen dessen aufgerissenen Flügeln ein weiterer Haufen Bewaffneter auf. Sie wurden von niemandem geringeren als von Dagor persönlich angeführt, der an seiner ihm viel zu weiten und blendend weißen, mit goldenen Verzierungen geschmückten Rüstung gut zu erkennen war, obwohl er einen Wüstenhelm mit einem an ihm befestigten Schleier auf dem Kopf und vor seinem Gesicht trug. Er war ein entsetzlicher Anblick. Er wirkte wie ein aus Inets Gehenna entsprungener und in den hageren und kleinen, beinahe noch jungenhaften Körper von Dagor gefahrener Dybbuk; einen drohenden Säbel in der Hand, die nicht passende Rüstung blutbespritzt und mit feuersprühenden Augen, die wie rote Flammen zwischen dem Schleier hervorleuchteten. Der junge Thronfolger bemerkte die eng Beieinanderstehenden und hob die Hand. Das Dutzend verräterischer Treuwächter, das mit ihm durch das eiserne Tor gedrungen war, gehorchte seinem Befehl und blieb sofort stehen, baute sich rechts und links von ihm auf. Dagor schob seinen bluttriefenden Säbel in den Gürtel seiner Rüstung und kam näher heran. Irta spürte, wie sich Rauls Muskeln wieder spannten. Er schob sich schützend vor seine Geliebte und wich mit ihr langsam zurück.

„Dagor!“, sagte Raul mit eisiger Stimme und warf mit unbewegten Gesichtszügen einen Blick auf die Toten zu seinen Füßen. „Ich sehe, du schaffst Tatsachen.“ Ein hustendes Geräusch war hinter Dagors Gesichtsschleier zu hören. Er lachte, denn im Gegensatz zu den anderen im Hof hatte er Rauls Anspielung verstanden. Sie bezog sich auf die zähen Verhandlungen zwischen der Delegation der Lamargue und dem Karukorer Diwan, an dem auch Dagor in seiner Rolle als zukünftiger Thronfolger zwar nicht stimmberechtigt, aber umso lautstarker teilgenommen hatte und mehrmals vom peinlich berührten Regenten und vom Vezir ermahnt werden musste, weil er immer wieder aufs Gröbste die Regeln des diplomatischen Austauschs verletzte. Dagor hatte während der Gespräche immer wieder gefordert, man müsse Tatsachen schaffen und keine Verträge – denn Abmachungen werde der Feind ignorieren, Soldaten und Waffen nicht. Niemand, am wenigsten sein eigener Großonkel, hatte ihn ernstgenommen. Doch in dieser Nacht zeigte sich blutig, was Dagor unter Tatsachen schaffen verstand: Er hatte mit der Unterstützung von Ómer Sud eine Revolte begonnen, die ihn selbst auf den Falkenthron befördern sollte.

Nun nahm der junge Mann seinen Helm ab und reichte ihn an einen seiner Soldaten weiter, der neben ihm Stellung bezogen hatte. Dabei wurde auch der Grund sichtbar, aus dem seine Augen so unnatürlich funkelten. Er trug die goldene Halbmaske der Namenlosen mit ihren feuerroten Rubinaugenlöchern vor seinem blasierten und blassen Gesicht und über den zu einem spöttischen Lächeln verzogenen dünnen Lippen. Er wischte sich den Schweiß von der Glatze und wurde ernst. Irta sah den Infanten, der zwei Jahre jünger als sie war, zum ersten Mal aus der Nähe. Bislang hatte sie ihn nur von Ferne erblickt; bei Staatsparaden oder Allerbarmerin-Prozessionen oder bei der alljährlichen Flusssegnung, bei der er in Vertretung seines Vaters dem Marat von der Mitte einer ausschließlich für diesen Zweck gebauten Pontonbrücke aus ein paar Tropfen seines königlichen Blutes opferte. Obwohl sie nun schon zehn Monate im Palast arbeitet und mehrere Monate im Serail, war sie ihm noch nie begegnet. Er hatte den Sommer im Palmenpalast an der Mahala-Oase verbracht und seit er wieder wegen der Verhandlungen mit der Lamargue in Karukora war, hatte er sich meist in seinen Gemächern aufgehalten, in denen er auch unterrichtet wurde. Vom Serail und seiner Mutter Adlante bewahrte er Abstand. Er hatte seinen eigenen Kreis von Günstlingen und Speichelleckern, unter denen der intrigante Cavuşbaşi Ómer, der oberste Eunuch Radik und der ehrgeizige Treuwachtoffizier Paşa Ultem hervorstachen, die heute, wie ihr alle wisst, die wichtigsten Staatsbeamten des Namenlosen sind. Nun, da Dagor nur wenige Schritte von Irta entfernt stand und Helm und Schleier vom Kopf gezogen hatte, war sie erstaunt, wie weich und fahl die Gesichtszüge unter der goldenen Maske waren. Er wirkte, als habe er sein Leben nur in den Schatten und Kellerräumen des Elfenbein-Palasts verbracht und seine durchscheinende Haut, die einer Odaliske aus Frostje gut gestanden hätte, niemals den hitzigen Strahlen der Wüstensonne ausgesetzt. Er wirkte so unbedeutend und sah in seiner leichten weißen Rüstung, die ihm ja viel zu groß war, wie ein halbwüchsiger Flegel aus, der sich für einen Streich als Mann verkleidet hatte. Aber in seinen schmalen, zusammengekniffenen Lippen lag ein grausamer, sadistischer Zug, der eine andere Geschichte erzählte.

[Zum 12. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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